Nostalgie: Doppel-Interview mit Steffi Graf & Andre Agassi anno 2005

Steffi Graf & Andre Agassi

„Ich rufe einfach Batman an“

Das Traumpaar über Family-Tennis auf höchstem Niveau, ihr erstes Rendezvous und warum zwei Extrakönner noch keinen Champion machen müssen. Eine nostalgische Zeitreise anlässlich des Tennis-Comebacks des 2006 vom Profisport abgetretenen Andre Agassi als Djokovic-Coach und dem vielfach herbeigewünschten von Steffi Graf als Nothelferin für ihre Nachfolgerin als deutsche Nummer 1 der Welt, Angelique Kerber. 

//interview: Fritz Hutter //Fotos: Aramis

SPORTMAGAZIN: Andre, erinnern Sie sich noch an Ihren Auftritt in der Wiener Stadthalle?

ANDRE AGASSI:Natürlich, das war 1994. Ich habe Mark Woodforde im Viertelfinale mit 6:0, 6:0 geschlagen, danach Ivanisevic und im Finale Stich besiegt.

STEFFI GRAF:Der Mann ist unglaublich! Andre kann sich tatsächlich an jedes einzelne seiner Matches erinnern.

Stefanie, in einer Umfrage wurden Sie von einer überwältigender Mehrheit als größtes weibliches Vorbild genannt.Kennen Sie die Gründe für Ihre Popularität?

STEFFI: Das ist wirklich ein riesiges Kompliment, das mich sehr stolz macht. Aber ich kann es nicht begründen und würde das auch lieber anderen überlassen.

ANDRE: Ich kann für sie antworten: Es ist natürlich wegen ihrem Ehemann!

Auch Sie, Andre, erfreuen sich nun schon seit vielen Jahren ungebrochener Beliebtheit.

ANDRE: Auch das ist schwer zu erklären. Meine Fangemeinde ist einfach durch meine lange Karriere gewachsen.

STEFFI: Ach was, die Leute haben dich immer geliebt!

ANDRE: Nein, im Ernst. Je länger ich auf Tour bin, desto mehr Unterstützung spüre ich von den Fans. Über die Jahre entwickelt man zu jedem Turnier ein ganz spezielles Verhältnis, und ich habe das Gefühl, dass ich an vielen Orten quasi zur Familie gehöre und bei den Zuschauern Erinnerungen wecke. Besonders spüre ich das in Paris. Die Leute haben mein bestes, aber noch viel öfter mein schlechtestes Tennis gesehen. Das verbindet einfach.

Steffi, vor ein paar Wochen haben Sie zugunsten Ihrer Stiftung für traumatisierte Kinder in Ihrer Heimatstadt Mannheim wieder einmal zum Racket gegriffen und glatt gegen Gabriela Sabatini gewonnen.Wie hat sich die Begeisterung angefühlt?

STEFFI: Es war etwas ganz Besonderes, in meiner Heimatstadt in einer ausverkauften Halle am Platz zu stehen. Es war erst das zweite Mal nach vielen Jahren, dass ich vor Mannheimer Publikum gespielt habe. Das Gefühl war phantastisch, und am meisten hat mich beeindruckt, dass nach dem Spiel hunderte Kinder zu mir gekommen sind, die mich in meiner aktiven Zeit nie spielen gesehen haben.

Nervös?

STEFFI: Ganz furchtbar! Ich spiele ja nur selten, wollte den Leuten aber trotzdem gutes Tennis zeigen. Zwei Wochen habe ich mich vorbereitet, und mit Andres Hilfe ist es dann ganz gut gegangen.

Das heißt, das Ehepaar Graf-Agassi spielt tatsächlich gelegentlich eine Stunde Tennis miteinander?

STEFFI: Ich spiele keine ganze Stunde mehr (lacht)! Unmittelbar neben unserem Haus ist ein Tenniscourt mit einem Park rundherum, wo die Kinder herumlaufen können. Für mich ist es einfach eine Freude, am Platz zu stehen, für ihn ist es halt nichts.

ANDRE: Absolut nicht! Es ist ein echtes Vergnügen für mich!

STEFFI: Na ja, egal wie schlecht ich manchmal spiele, Andre gleicht alles aus. Ich zwinge ihn einfach dazu, ein wenig härter zu arbeiten, weil ich den Ball nicht mehr so genau platzieren kann wie früher.

Wie steht es um die Gerüchte, Sie beide irgendwann gemeinsam wieder auf höchstem Niveau spielen zu sehen?

ANDRE: Wenn wir spielen, ist das immer auf höchstem Niveau!

STEFFI: Ich würde sagen, die Wahrscheinlichkeit für ein Comeback ist sehr, sehr gering bis nicht vorhanden. Besonders wenn man weiß, dass ich nach der Exhibition gegen Gaby eine Woche gebraucht habe, um mich zu erholen.

Agassi-Solo

In Ihrer aktiven Zeit haben Sie öfters mit Männern trainiert,um mehr Tempo zu bekommen. War auch Andre unter Ihren Trainingspartnern?

STEFFI: Ja, 1999 in Key Biscayne, und es war das erste Mal, dass wir mehr als zwei Sätze gewechselt haben. Die erste Annäherung sozusagen.

Seit 1999 sind Sie ja auch offiziell ein Paar.Wie ist das passiert?

ANDRE: Es war nicht leicht. Ich habe sie zehn Jahre verfolgt, nicht aufgegeben und am Ende dann Licht gesehen (lacht)!

STEFFI: Bei mir ist es eigentlich nach dem ersten näheren Kennenlernen ungewöhnlich schnell gegangen. Ich stand am Ende meiner Karriere, es war wirklich eine verwirrende Zeit für mich. Die Gespräche mit Andre haben mir da einfach sehr, sehr gut getan.

ANDRE: Interessant ist, dass wir uns in den vielen Jahren davor kaum getroffen haben. Gelegenheit dazu gab es eigentlich nur bei den Grand- Slam-Turnieren, und auch da sind wir uns nur selten über den Weg gelaufen, auch auf den Trainingscourts nicht. „Stef“ war eine fleißige Frühstarterin und ich ein fauler Langschläfer.

2001 haben Sie dann geheiratet.Andre, Sie tragen heute keinen Ehering.Wo steckt der?

ANDRE: Keine Sorge, ich trage ihn ganz nah bei mir, aber halt nicht an meinem Finger, weil er dort beim Tennis stört. Aber jeder, der mein Lächeln sieht, merkt ohnehin, dass dieser Mann glücklich verheiratet sein muss.

Sie beide haben sehr früh mit Tennis begonnen. Ihr Sohn Jaden wurde vor kurzem vier. Höchste Zeit also für ihn, um ebenfalls draufzuhauen.

ANDRE: Gelegentlich schlägt er schon ein paar Bälle. Aber längere Konzentrationsphasen spielt es halt noch nicht. Ich kann mich nicht erinnern, wie es war, vier zu sein, aber ich weiß, dass in meinem Leben viel mehr Tennis war als in seiner Kindheit. In unserem Leben war und ist Tennis harte Arbeit, und ich bringe die Arbeit nicht gerne mit nach Hause.

STEFFI: Jaden ist wirklich viel seltener am Tennisplatz, als man denken könnte. Er ist nicht beim Training dabei und sieht Andre auch nur bei ganz wenigen Matches zu.

Spielt man trotzdem das Szenario durch, dass das Kind zweier Champions selbst einer werden könnte?

ANDRE: Hinter unser beider Karrieren steckt so viel Arbeit und Disziplin. Es ist total unwahrscheinlich, dass es reichen soll, als die Kinder von Graf und Agassi geboren zu sein. Wir haben unser komplettes Leben dem Sport untergeordnet. Und das müssen Jaden und Jaz einfach nicht.

STEFFI: Was aber nicht heißt, dass Sport keine Rolle spielt. Jaden geht zum Beispiel dreimal die Woche zum Fußballtraining. Außerdem versuchen wir, unsere Kinder mit so wenig Spielsachen wie möglich aufwachsen zu lassen. Sport ist da ideal und hilft den Kids, soziale Abläufe und eine gewisse Disziplin kennen zu lernen. Und er macht müde und schafft so Freizeit für die Eltern (lacht).

Was bekam Ihr Sohn zum Geburtstag?

ANDRE: Im Moment steht er total auf Batman. Also hab ich den Burschen einfach angerufen und ihn gebeten, an Jadens Birthday vorbeizuschauen. Überraschenderweise ist er wirklich gekommen!

Wie darf man sich einen stinknormalen Tag im Hause Graf-Agassi vorstellen, wenn nicht gerade Batman zu Gast ist?

STEFFI: Der Großteil des Tages wird von den Kindern diktiert. Andre bringt Jaden in die Vorschule und dreimal die Woche zum Soccer, geht zum Training und holt unseren Sohn danach wieder ab. Unser größter Luxus ist, dass wir, wenn Andre nicht unterwegs ist, den Tag alle gemeinsam verbringen können und nicht einer oder beide zur Arbeit gehen müssen.

ANDRE: Zu Hause gibt es für mich keinen normalen Tag, sondern nur besondere Tage. Normal ist für mich, wenn ich meine Wäsche im Hotelzimmer aus der Tennistasche nehmen muss. Somit wird jeder Tag in den eigenen vier Wänden gefeiert. Wir wachen meistens schon aufgeregt auf und sind gespannt, was der Tag bringt. Egal ob wir nur unser Haus genießen oder uns mit Freunden treffen. Und manchmal passiert es, dass beide Kinder schlafen und wir tatsächlich einmal eine Stunde für uns alleine haben.

GrafAgassiHutter

Steffi, riskieren Sie gelegentlich einen Dollar in einem der Casinos von Las Vegas?

STEFFI: Nein, nie! Moment, das stimmt doch nicht ganz. Meine Mutter spielt gelegentlich, und einmal hab ich sie begleitet und aus Langeweile ein paar Münzen in einen Automaten gesteckt. Trotzdem schaue ich sehr gerne zu, wie die Leute beim Zocken mitfiebern. Aber sonst ist das nicht unser Leben!

Wie steht es mit dem Mitfiebern, wenn Andre am Platz ist? Viele Leute denken, dass er nach Niederlagen zu Hause kein leichtes Los hat.

STEFFI: Ich kann die Freude, aber auch den Schmerz und Ärger bestens nachempfinden. Allein schon deshalb würde ich ihn nie kritisieren. Überhaupt reden wir kaum über Tennis, höchstens über Emotionen, die der Sport mit sich bringt. Auch analysiere ich nicht. Dafür hat er mit Darren Cahill und seinem Konditionstrainer Gil Reyes wirklich kompetente Betreuer an Bord.

Steffi, warum kann Andre auch mit 35 noch immer ganz vorne mitmischen?

STEFFI: Es ist sein unglaublich breites Schlagrepertoire. Durch sein Talent weiß er auf jeden Ball die richtige Antwort. Unglaublich, wenn man bedenkt, wie wenig er zwischen den Turnieren spielen muss, um den Touch zu behalten. Ich selbst hatte immer das Gefühl, extrem viel spielen zu müssen, um in Schlag zu bleiben.

Eine weitere Stärke ist die Fitness. In Interviews betonen Sie immer wieder, dass Sie heute besser beieinander sind als vor 10 Jahren. Könnte es sein, dass Sie damals zu wenig trainiert haben?

ANDRE: Gute Frage! Ich bin heute sicher fitter als damals. Das liegt aber daran, dass wir heute viel mehr darüber wissen, was mein Körper wirklich braucht. Es ist ein ewiger Lernprozess. Außerdem leiste ich mir jetzt den Luxus, weniger zu spielen. Früher war mein Turnierplan deutlich dichter, und ich hatte nicht so viel Zeit, wirklich gezielt an meiner Fitness zu arbeiten. Aber ich habe das Gefühl, dass ich mich noch verbessern kann. Und wenn Sie das beruhigt: Da gibt es auch fürs nächste Jahr noch einiges zu tun!

Ich bedanke mich für das Gespräch.

ANDRE: Wir haben zu danken.