Neymars Rache

Um sich nach der Riesenblamage beim Heim­spektakel mit ihrem Volk zu versöhnen, hofft Brasiliens ­Nationalelf auf die Genieblitze von ­Superdribblanski ­Neymar. Für seine ganz persönliche Revanche muss der damals zum ­Zuschauen verdammte Zauberzangler aber nicht nur medizinische Hürden nehmen.

Text  Tobias Wimpissinger // Foto: imago/Xinhua

Die Ereignisse schienen dermaßen unwirklich, dass selbst die Peiniger Mitgefühl zeigten. Auch sie wussten, dass alle darunter leiden, wenn Brasilien seinen Zauber verliert. Dabei hatte Deutschland einen Triumph gefeiert, wie er in der Geschichte des Sports noch nie vor­gekommen war: 7:1! Im WM-Halbfinale! Gegen den fünf­maligen Titelträger! In Brasilien! Die Zangler vom Zuckerhut waren ja immer ein Geschenk für die ganze Welt. Alle vier Jahre durfte man sich auf die Geschmeidigkeit, Lässigkeit, ja Erotik des Spiels der Seleção freuen. Wenn Brasilien ein großes Team entsandte, mutierte die WM zum Spektakel, wenn nicht, fehlte dem Turnier oft der Glanz.

Dass wenige Monate vor der nächsten Endrunde just Belo Horizonte als Ort für jenen operativen Eingriff gewählt wurde, der über die Chancen der Südamerikaner in Russland entscheiden sollte, entbehrt nicht einer gewissen Symbolik. Hier hatten die Erfinder des jogo bonito, des schönen Spiels, ihre Apokalypse erlebt – ohne ihren nun abermals unters Messer geratenen Superstar, der sich im Viertelfinale gegen Kolum­bien einen Rückenwirbelbruch zugezogen hatte. So entkam Neymar Jr. der epochalen Erniedrigung, die man bis heute nicht überwunden hat. Die Schmach von Belo Horizonte hat das Land tief in seinem Selbstverständnis getroffen.

Der Fluch „Gol da Alemanha“ gilt noch immer als geflügeltes Wort, wenn irgendwas im brasilianischen Alltag schiefläuft. Das Drama bildet aber auch den Antrieb für die Mission 2018. Die vielleicht stolzeste Fußballnation der Welt hat in Russland etwas auszubügeln. Nur der Gewinn des sechsten Sterns würde die Bevölkerung mit ihrer Seleção wieder ins Reine bringen. Wofür der Heilsbringer dringend im Vollbesitz seiner Kräfte sein sollte – oder nicht?

Die Ereignisse bei der Heim-WM haben nämlich auch Neymars zweifelhaften Ruf begründet, in brenzligen Momenten abzutauchen. So sahen Kritiker den Rekordwechsel im letzten Sommer von Barcelona nach Paris als Beleg, dass er dem Machtkampf mit Lionel Messi um die Führungsrolle im Camp Nou aus dem Weg gehe. Und die Launenhaftigkeit der schier unkontrollierbaren Diva bereite den Fußballkommenta­toren Brasiliens sowieso seit jeher Sorgen. Noch lasse er die nötige Reife vermissen, urteilte der ehemalige Teamstürmer und heutige TV-Experte Walter Casagrande. Längst wüssten seine Gegenspieler, wie leicht man den begnadeten Dribblanski mit Fouls und enger Manndeckung aus der Fassung bringen könne.

Wie Neymar mit Kritik umgeht, was sein Vater damit zu tun hat und warum die Hoffnungen einer ganzen Nation auf ihm ruhen lesen sie im neuen Sportmagazin. Hier geht’s zum Sportmagazin-Abo: www.magazin-abo.com