Die ganze Story: New Model Arnie

Das Bad-Boy-Image hat er längst zum Teufel gekickt. Doch seit der vermurksten EURO macht Marko Arnautovic den nächsten Schritt. In Stoke Top-Verdiener und Leistungsträger, im ÖFB-Team Leaderfigur und Liebling der Massen. Experten wie Andreas Herzog sagen: „Marko ist reif für ­einen Top-Klub wie Arsenal oder Manchester City!“

//Text: Markus Geisler// Fotos: picturedesk.com/AP Photo/Joensson//

Die Stutzen zerrissen, das Trikot verdreckt, die Hose hängt am seidenen Faden. In der Hand hält Marko Arnautovic einen Kaffeebecher mit passierter Kartoffelsuppe, der Kohlenhydrate wegen. Aus dem schlürft er immer wieder einen Schluck und erklärt dabei der Medienmeute im Ernst-Happel-Stadion, wie es war, von den Fans mit Standing Ovations und Sprechchören verabschiedet zu werden. Es fallen Worte wie „überragend“ und „geiles Gefühl“, dabei könnte er sich längst an die Formen der Verehrung gewöhnt haben. Die Zeiten, in denen er als Zirkusclown verunglimpft oder gar ausgepfiffen wurde, sind nicht nur vorbei, sie haben sich ins Gegenteil verkehrt.

Heute liegen ihm die Massen zu seinen genialen Füßen, selbst die verkorkste EURO brachte ihm kein Minus auf seinem Beliebtheitskonto ein. „Die Mischung aus konstant starken Leistungen und sympathischem Auftreten sorgt dafür, dass die Fans ihn lieben“, sagt Felix Kristan vom Fanklub „Immer wieder Österreich“, der ihm wenige Tage vor dem 2:0-Sieg über Moldawien den Pokal für den besten ÖFB-Spieler 2016 übergeben durfte. Und sich des Neides seiner Freunde gewiss sein konnte: „Die hätten alle gern Marko kennengelernt. Er hat sich viel Zeit genommen und kam supernett rüber. Ein toller Typ.“

Arnautovic 3.0

Als das Sportmagazin den 27-Jährigen zum Termin trifft, dem ersten großen Interview seit der EURO, bestätigt sich der Eindruck von Arnautovic 3.0. Ohne an Authentizität verloren zu haben, spricht er über alles, was ihn und das Fußballvolk bewegt, zum Beispiel über die Kritik, die rund um die EM und nach dem schlechten Start in die WM-Quali auf das ÖFB-Team eingeprasselt ist: „Dass wir nach diesen Auftritten kritisiert werden, haben wir erwartet. Wir haben ja auch die Fans teilweise verloren, das hat man an der Kulisse gegen Moldawien gesehen. Ich sage aber nicht: Die EURO war Kacke, jetzt kann ich aufhören, Fußball zu spielen. Ich sage: Es war scheiße, jetzt müssen wir es beim nächsten Mal besser machen.“ Und verloren sei auf dem langen Marsch nach Russland noch lange nichts, findet er: „Wir sind vier Punkte hinten, es gibt noch fünf Spiele. Ich bin voller Elan und der Überzeugung, dass wir es noch schaffen können.“

,,Glaub mir, ich bin mir selbst gegenüber extrem kritisch.”

Marko Arnautovic

Optimismus, der ansteckend wirken soll, denn Arnautovic ist mittlerweile einer, der die Kollegen mitreißt, an dem sie sich aufrichten können. Ein Leader eben. Die negative Körpersprache, über die man sich oft bei ihm beschwert hat, ist aus seinem Repertoire verschwunden: „Ich habe das nicht bewusst abgestellt, aber man wird älter. Ich bin Vater von zwei Kindern, habe mehr Verantwortung als früher, das bezieht sich auch auf den Fußball. Ich muss aber ehrlich sagen: In Stoke passiert mir das schon noch. Wenn ich mich ärgere, dass ich den Ball nicht bekomme. Ich sollte es eigentlich ganz lassen.“ Und schon blinzelt sie wieder durch, die Selbstkritik, die so manchem Fußballer komplett fremd ist. Arnautovic hingegen hat mittlerweile erkannt, dass sie einem hilft, besser und auch sympathischer wahrgenommen zu werden. „Glaub mir, ich bin mir selbst gegenüber extrem kritisch“, sagt er. „Auch mein Vater oder mein Bruder sagen mir immer knallhart, wenn etwas nicht gut war. Ich suche immer zuerst die Fehler bei mir, dann können wir reden, wie es mannschaftlich war. Ich würde aber nie vor die Kamera gehen und sagen: Von mir war es gut, aber die Mannschaft war scheiße!“

Kein CL-Sieger

Anstatt nie wäre wohl korrekter: nicht mehr. Legendär seine frühere Ansage „Ich bin Champions-League-Sieger“, obwohl er im Europacup für Inter 2010 nicht eine Sekunde gespielt hat. Heute empfindet er es selbst als unangenehm, wie er sich damals artikuliert hat: „In Wahrheit habe ich mich null über den Champions-League-Sieg gefreut. Klar, für die Mannschaft natürlich schon. Normalerweise hätte ich mich in den Bus setzen und schlafen können und die anderen feiern lassen. Aber früher habe ich anders gedacht. Da war ich der Erste beim Feiern und hab so getan, als hätte ich jede Sekunde gespielt. Früher habe ich generell zehnmal gemacht und einmal gedacht – heute ist es umgekehrt.“

Nachgedacht hat Arnautovic auch, als der FC Everton nach der EURO angefragt hat. Der Klub aus Liverpool war bereit, die 15 Millionen Euro schwere Ausstiegsklausel zu ziehen und ihn fürstlich zu entlohnen. Trainer Ronald Koeman hat ihn dabei ebenso bearbeitet wie Stürmerstar Romelu Lukaku, der mit ihm telefoniert hat. Was Arnautovic durchaus als große Ehre empfunden hat. „Trotzdem habe ich unseren Trainer Mark Hughes angerufen und gesagt: ‚Mach die Papiere klar, ich verlängere in Stoke.‘“ Die Gründe? „Stoke hat viel Vertrauen in mich gesetzt, mich aus Deutschland rausgeholt. Werder Bremen war keine gute Ecke für mich, dort musste ich weg. Stoke hat mich aufgenommen, dort bin ich dann nach oben geschossen. Ich dachte mir: ‚Warum soll ich nicht dort bleiben, wo alles für mich passt?‘“ Zur Dankbarkeit kam auch eine gehörige Gehaltserhöhung, Insider sprechen von knapp 90.000 Euro Wochengage. Auch kein schlechtes Argument. „Stoke wollte mich zum Bestverdiener ­machen. Es wurde verhandelt, am Ende waren alle zufrieden“, sagt Arnautovic. Und mit einem Lachen hinterher: „Okay, ich weiß nicht genau, wie zufrieden Stoke war, ich war es jedenfalls sehr.“

„City oder Arsenal?“

Der verpassten Chance, sich einem derzeit besser gerankten Team anzuschließen, trauert er nicht nach, wobei sein früherer Förderer Andreas Herzog im Gespräch mit dem Sportmagazin keinen Zweifel daran lässt, dass er Arnautovic bei einem größeren Player im Weltfußball sieht: „Von seiner Klasse her gehört er in eine spielstarke Top-Mannschaft wie Arsenal oder Manchester City. Das Zeug dazu hat er. Ich behaupte: Er ist auf einem guten Weg, muss aber noch mehr aus seinen Anlagen herausholen.“­ Eine Ansage, die Arnautovic merklich runtergeht wie Öl: „Das freut mich wirklich, aber aktuell denke ich überhaupt nicht daran, dass ich zu so einem Klub will. Klar ist die Champions League ein Traum, doch im Moment bin ich glücklich und will einfach nur jeden Tag alles geben. Aber man weiß ja: Im Sommer geben die Klubs wieder richtig Gas, da ist es schwer vorauszusagen, was einem passieren kann.“

Klagenfurt-Boykott Keine Frage: Arnautovic genießt es momentan, wie es für ihn auf dem Platz und außer­halb davon läuft. Vielleicht auch deshalb, weil er weiß, wie es sich anfühlt, vom eigenen Publikum ausgepfiffen zu werden, zweimal geschehen bei Länderspielen in Klagenfurt: „Man muss schon sagen, das ist nur in Klagenfurt passiert, nirgendwo sonst. Und für diese Menschen empfinde ich keinen Respekt. Es gehört sich einfach nicht, den eigenen Landsmann auszupfeifen. Wie schaut das vor dem Gegner aus? Wenn ich ehrlich bin: In diesem Stadion, vor diesen Fans würde ich nicht mehr spielen wollen.“ Wie schnell es auf der Beliebtheits-Achterbahn in beide Richtungen gehen kann, hat auch das Beispiel David Alaba gezeigt. Jahrelang waren die Rollen im Stück „Der Schöne und das Biest“ zwischen den beiden klar verteilt, mittlerweile hat sich das geändert, bekommt der Bayern-Star einen großen Teil der öffentlichen Kritik ab, wobei Arnautovic seinen „kleinen Bruder“, wie er ihn nennt, in Schutz nimmt: „Man muss aufpassen bei David. Er hat sich viel Respekt dafür verdient, was er in jungen Jahren erreicht hat. Ich kenne ihn lange, weiß alles über ihn und kann sagen: Die Kritik geht an ihm vorbei, er ist kein Schwächling, mental brutal stark. Die Presse kann sich jeden Tag die Finger blutig schreiben, das in­teressiert ihn nicht.“

Skepsis

Über den Dingen zu stehen – das ist eine Eigenschaft, die auch den Marko Arnautovic des Jahres 2017 auszeichnet. Wobei man schon merkt, dass er dem Frieden noch nicht zu 100 Prozent traut: „Ich denke, dass ich jetzt viele Leute hinter mir habe, das habe ich mir in den letzten Jahren beim Nationalteam erarbeitet. Trotzdem mögen es manche immer noch gern, auf mich draufzuhauen und etwas Schlechtes zu finden, aber es gelingt ihnen fast nicht mehr.“ Damit spielt er auf eine skurrile Umfrage an, die Arnautovic vor ein paar Wochen als nervigsten ­Österreicher auswies: „Es wurde längst aufgeklärt, dass das eine konstruierte Geschichte war, um sich auf Markos ­Kosten einen Namen zu machen“, sagt sein Medienberater Leonard Pranter auf Nachfrage. Auch er hat mit seiner Agentur Next Marketing einen Anteil daran, dass es den beschriebenen Imagewandel gab. Der Außenauftritt wird jetzt wohl dosiert und klar strukturiert.

Arnautovic: „Für die Agentur war es eine Herausforderung, mit mir zusammenzuarbeiten. Ich habe ihr viel zu verdanken (lacht). Sie mir allerdings auch ein bisschen, ich denke, wir konnten beide profitieren.“ Bleibt Arnautovic seinem eingeschlagenen Weg treu, gibt es noch einen dritten Profiteur: die österreichischen Fans, die weiter ihre Hoffnungen in den Last Action Hero setzen können, wobei der ausgerechnet beim nächsten „Endspiel“ in Irland gelbgesperrt fehlt. Dass Arnautovic nachher zugab, seine Vorbelastung nicht auf dem Schirm gehabt zu haben, gehört zu den kleinen Missgeschicken, die trotz aller Professionalität noch passieren. „Aber ganz ehrlich“, sagt Arnie. „Die Gelbe Karte hätte ich auch kassiert, wenn ich es gewusst hätte. Das ist eben Fußball.“

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