Die ganze Story: Donner in der Prärie

Seit seinem Aufstieg zum alleinigen Zeremonienmeister in Oklahoma schockt Russell Westbrook mit permanenten Superstats die Liga. Doch Rekorde sind dem explosiven Serientäter egal. Genau wie Imagewerte. 

//Text: Tobias Wimpissinger //Foto: imago sportfoto

Er geizt mit Worten, die Mimik verrät dafür umso mehr. Da wäre der grantige Gesichtsausdruck Richtung gegnerischer Bank nach einem fabelhaften Dunk. Sein mahnender Blick nach einem misslungenen Move eines Teammates. Diese geheimnisvolle Stille nach einer unliebsamen Reporterfrage.

Russell Westbrook vermittelt nicht allein durch seinen schier unermüdlich dynamischen Spielstil die pure Aggressivität. Heute verkörpert der 28-Jährige den einsamen Superstar eines Top-Teams, das seit dem Umzug von der Küste in die Prärie immer über zwei Lichtgestalten verfügte. Jemanden, der von der Highschool bis zu den Profis nie zu den herausragenden Erscheinungen am Parkett gezählt hatte und plötzlich zur heißesten Aktie der gesamten Liga avancierte.

Ein Beispiel gefällig? Beim Gastspiel seiner Oklahoma City Thunder in New York benötigte Westbrook noch einen Assist für einen weiteren Triple-Double (zweistellige Werte bei Punkten, Rebounds und Assists) in seiner so schonungslosen Kampagne durch die NBA-Saison. Also zischte er in gewohnt explosiver ­Manier durch die Zone der Knicks, um im letzten Moment einen Pass zu Joffrey Lauvergne durchzufädeln. Doch der Ball kullerte einem Kontrahenten zum Turnover in die Hände, die Zeit lief ab – zur Halbzeit wohlgemerkt.

Unglaubliche Werte

Westbrook lässt Außergewöhnliches banal erscheinen. Weit über 60-mal verzeichnete er in seiner Karriere zweistellige Zahlen in drei statistischen Kategorien, heuer kommt die Nummer 0 der Thunder auf den magischen Durchschnittswert von einem Triple-Double pro Partie – ein Kunststück, das über eine ganze Saison lediglich Oscar Robertson vor 55 Jahren gelang. Bezieht man das höhere Tempo im Vergleich zur Ära von „The Big O“ ein, liest sich die Bilanz umso bemerkenswerter.

So wurden 1961/62 noch 107,7 Würfe abgefeuert und 71,4 Rebounds gepflückt, inzwischen liegt der Mittelwert bei 85,3 Shots und 43,6 Ball­eroberungen. Zudem stand ­Robertson, der die NBA nach unfassbaren 181 Triple-Doubles verließ, mit 44,3 Einsatzminuten knapp zehn Minuten länger am Feld als Westbrook heute. Der einstige Vierer-Pick von Vorgängerklub Seattle gehört zu den athletischsten Akteuren in der NBA. Trotz seiner verhältnismäßig geringen Größe von 1,91 Metern verfügt er über enorme Körperkontrolle, ein blitzschneller Defensiv-Rebound führt oft Sekunden später zu einem spektakulären Dunk am anderen Court-Ende.

„Wie viel Energie er mitbringt, ist unglaublich“, zeigt sich auch Österreich-Export Jakob Pöltl von Westbrooks Intensität beeindruckt. „Er bekommt viel Spielzeit und macht einfach alles, ist überall auf dem Feld zu finden.“ Dennoch durfte der Wiener bei Torontos Auswärtssieg in Oklahoma City mit einem Monsterblock gegen den Superallrounder ein ganz persönliches Highlight bejubeln. Das Rezept: „Du musst versuchen, ihm die einfachen Dinge zu nehmen und ihn zum Wurf zu zwingen, ohne aber die Mitspieler aus den Augen zu verlieren, da er ein extrem guter Passgeber ist.“

Das ist der Grund für seine Assist- und Reboundquote

Dabei war der Aufstieg keineswegs vorgezeichnet. In der Highschool konnte Westbrook nicht einmal den Ring berühren, an der UCLA schaffte er es erst im zweiten Jahr und nur aufgrund einer Verletzung des jetzigen Clippers Darren Collison in die Starting Five. „Ursprünglich wollte ich nur einen Weg finden, aufs College zu gehen, ohne dass meine Eltern dafür zahlen mussten. Sie hätten sich die Ausbildung nie leisten können.“ Und Basketball? „Es hat mir einfach Spaß gemacht. Ehrlich gesagt habe ich nie damit gerechnet, auf diesem Niveau mithalten zu können.“

,,Ehrlich gesagt habe ich nie damit gerechnet, auf diesem Niveau mithalten zu können.”

Russell Westbrook

War sein Scoring für einen Point Guard seit jeher untypisch hoch, dürfte die nun gepimpte Assist- und Reboundquote im Abgang von Zauberhand Kevin Durant zu den Warriors begründet sein, mit dem er sein ganzes Berufsleben die Kabine geteilt hatte. In seinen Sololäufen wird der Play­maker von Headcoach Billy Donovan bestärkt. „Russ ist nun einmal ein dynamischer Offensivspieler. Warum sollte ich ihn davon abhalten, zum Korb zu ziehen, Fouls zu provozieren und den Gegner unter Druck zu setzen?“ Doch genau in dieser Abhängigkeit ortet Pöltl Oklahomas größte Verwundbarkeit: „An einem schlechten Abend von ihm ist es für die Thunder nicht leicht, zu gewinnen.“

„Ich habe diese Gabe“

Schlechte Abende erlebt Westbrook allerdings kaum. Neben dem in Houston brillierenden Ex-Kollegen James Harden gilt der Kalifornier als Top-Anwärter auf MVP-Ehren und hält er die aktuelle Schlagzahl, könnte er noch vor Saisonende Wilt Chamberlain abfangen, mit 78 Triple-Doubles die Nummer vier im Allzeit-Ranking. „Statistiken interessieren mich nicht“, übt sich der ­Rekordjäger in Understatement. „Ich will nur gewinnen und das Maximum aus mir he­rausholen.“ Aufgrund solcher Aussagen und der provokanten Körpersprache wird der 85-Millionen-Wirbel in den Medien gern als fieser Bad Boy dargestellt. „Ich habe diese Gabe, die öffentliche Wahrnehmung völlig zu ignorieren. Weil es mir egal ist. Die Leute beurteilen mich ja nur danach, was sie am Bildschirm sehen.“

Dass ihn Schmährufe zusätzlich zu Höchstleistungen pushen würden, möchte er aber ebenso wenig bestätigen: „Ich bin so sehr damit beschäftigt, mein Spiel zu verbessern, dass ich gar keine Zeit habe, über andere nachzudenken.“ Wegen seiner fantastischen Werte kommt man dennoch nicht am Olympiasieger und Weltmeister vorbei. Allein heuer zierte er die Covers von GQ, Sports Illustrated, SI for Kids, SLAM und New York Times Magazine; überregionale Outlets wie Bleacher Report, USA Today, Yahoo! und Rolling Stone widmeten dem Star ebenfalls große Features.

Indes stellen sich NBA-Analysten die Frage, ob das Energiebündel seinen Vollgas-Approach über eine ganze Profilaufbahn durchhalten kann. „Ich denke schon. Er muss so spielen, wie er sich wohlfühlt“, lässt ihn Donovan an der langen Leine. „Ich werde bestimmt nicht sagen, hey, Russ, ganz ruhig, brems dich ein, geh es locker an.“ Westbrook scheint ein solches Konzept ohnehin fremd zu sein: „Ich habe keinen Schalter, um Tempo herauszunehmen.“ Donnerwetter, enjoy the show!