MotoGP – die neue Formel 1?

Alle Menschen werden Brüder. Benzinbrüder. Okay, fast alle. Fix ist aber: Unter dem Druck der boomenden MotoGP gibt nun auch die Formel 1 wieder Gas. Doch während unter den Piloten höchster Respekt zwischen den schrägen Typen hier und den waghalsigen Bremsern dort regiert, tobt bei den Fans ein eher intoleranter Kampf der Kul­turen. Zeit, um sich das Duell der Schnellsten genau anzusehen.

//Text: Gerald Enzinger, Sven Haidinger// Foto: Mercedes//

Sie erinnern sich sicher noch. Vor sechs Millionen Jahren (damals wurde noch nicht in Tausendsteln gemessen) dürften sich die ersten Wesen entwickelt haben, die sich auf zwei statt auf vier Beinen fortbewegten. Gefühlt ähnlich lange tobt unter der Spezies der Petrol Heads ein Kulturkampf. Die Frage, die zugleich für die Fanatiker in den beiden Lagern schon beantwortet ist: MotoGP oder Formel 1 – was ist besser? Die Typen, die auf zwei Rädern artistische Schräglagen in den Asphalt brennen, oder die Weltstars auf vier Reifen, die angeblich in der „Königsklasse“ des Motorsports ihre Dollars einfahren und in Zeiten wie diesen weniger durch das schnöde Gasgeben als durch die Tatsache beeindrucken, an Stellen zu bremsen, die an einem Ort sind, den man salopp als „jenseits von Gut und Böse“ definieren könnte? Für viele ist die MotoGP seit Jahren in einer verwegenen Aufholjagd: bessere Typen, grandiose Zuschauerzahlen an der Strecke, atemberaubendes Gruppenkuscheln (mit Kratzern) bis zum letzten Zentimeter um den Sieg statt lang­weiliger Sonntagnachmittagsprozessionen in Autos, die sich nicht zum Überholen eignen, und von Piloten, denen von außen betrachtet jede Entscheidung von einer Armada von Computern und Ingenieuren abgenommen wird. Aber ist es ist wirklich so einfach, die Herren der Ringe in die Guten und die Schlechten zu trennen? 2017 wohl nicht mehr, denn auch die Formel 1 wird wieder zur Showbühne: Interessante Typen, ein Duell der Giganten und Rennen mit Über­raschungseffekten sorgen für einen neuen Hype, wie man an den tollen Zuschauerzahlen beim Österreich-Grand-Prix 2017 erkennen konnte. Wie ist also die Lage?

Die Stars

Die Formel 1 mag historisch die Königsklasse sein, doch die MotoGP ist die Klasse mit dem König. Die Popularität eines ­Valentino Rossi (38) ist selbst in der Formel 1 unerreicht, in der Lewis Hamilton der größte Star ist. Beide flirten mit der jeweils anderen Materie. Rossi plante seine eigene Formel-1-Kar­riere, testete zwischen 2004 und 2006 mehrmals einen aktuellen Ferrari und – war sehr, sehr schnell. Aber nicht schnell genug, Insider schätzen, dass ihm zwischen einer halben und einer ganzen Sekunde fehlte – zu viel, um einen Fixplatz bei Ferrari zu bekommen. Sein Vater Graziano erinnert sich: „Er träumte wirklich davon, die Formel 1 ist das Einzige auf Augenhöhe mit der MotoGP.“ Und Toto Wolff stellte Rossi noch im Vorjahr einen Mercedes-Test in Aussicht, aber natürlich ist es für eine Karriere in der Formel 1 längst zu spät. Wie es wohl nie mehr eine Laufbahn wie bei John Surtees (Weltmeister hüben wie drüben) geben wird. Den interessierten Motorradstars fehlen die Lehrjahre im Kart – und für Formel-1-Piloten ist es de facto unmöglich, jenseits der zwanzig ernsthaft eine große Zweirad-Karriere zu machen. Selbst Michael Schumacher war auf dem Motorrad in drittklassigen Serien nur ein Mit­läufer, der aber viel zu oft ans Limit ging und einige schreckliche Stürze (u. a. bei einem Test in Aragon und einer privaten Rennausfahrt mit Sebastien Loeb in Frankreich) überlebte. Und wie schaut es mit den Antistars aus? In der MotoGP gibt es mit Karel Abraham nur einen Pay­driver und selbst der stand schon in Reihe eins. In der Formel 1 gibt es öfters Piloten, die nur wegen des Geldes willkommen sind, etwa Ericsson oder Palmer.

,,Die Formel 1 ist die Königsklasse, die MotoGP ist aber die Klasse mit dem König: Dr. Rossi!”

Die Maschinen

Bei den Renngeräten kann man sich auf nackte Tatsachen berufen. Wie sieht der Leistungsvergleich zwischen einem Formel-1-Boliden und einer MotoGP-Maschine aus? Die reine Rundengeschwindigkeit spricht klar für das Auto. Valtteri Bottas fuhr den Red Bull Ring 2017 in 1:04,251. Die bisher schnellste Motorradrunde (Andrea Iannone, 1:24,561) ist um mehr als zwanzig Sekunden langsamer. Doch in den Details gibt es Unterschiede, der Grund: Das Auto schafft wegen der deutlich breiteren Reifen und der besseren Aerodynamik viel mehr Bodenhaftung. In den Kurven ist der Unterschied dramatisch: Nach der langen Geraden in Valencia muss das Motorrad von 327 auf 115 km/h runterbremsen. Der Formel-1-Bolide kommt zwar „nur“ auf 312 km/h, dafür kann er die Kurve mit 240 km/h (!) in Angriff nehmen. Der absolute Top-Speed ist auch in der Formel 1 ­höher: Valtteri Bottas kam im Williams im Vorjahr auf 378 km/h, Andrea Iannone in Mugello auf 354,9. Der aktuelle PS-Vergleich? In der F1 kratzt Mercedes an der 1000-PS-Marke, in der MotoGP hält man bei rund 270. Toto Wolff vergleicht dabei aber das Leistungsgewicht: „Und deshalb müssen wir für das neue Motorenreglement 1225 PS anstreben, um so viel zu haben wie Motorräder.“

Schauen wir uns die Beschleunigung an. Von 0 auf 100 km/h brauchen beide Fahrzeuge 2,6 Sekunden, wobei es konkret von der Bodenhaftung abhängt: Die Reifen des Formel-Boliden wollen durchdrehen, beim Bike kann das Vorderrad nicht am Boden bleiben. Das Bike hat seine Stärken dann im Bereich bis 200 km/h: Hier gibt der Fahrer selbst Gas, er kommt in 4,8 Sekunden von 0 auf 200. Beim F1-Auto übernimmt bei rund 180 die Elektronik die Kontrolle, bis zum 200er dauert es in Summe 5,2 Sekunden. Allerdings ist der F1-Bolide dafür schon nach 10,6 Sekunden bei 300, die Maschine „erst“ nach 11,8 Sekunden.

Und dann noch die Bremsen. Nirgends ist das Formel-1-Auto so dominant. Auf gleicher Strecke muss das Bike um rund 200 Meter früher bremsen – wirkt aber freilich weitaus spektakulärer: Das Hinterrad in der Luft, das Bike quer, geht’s im Drift durch die Kurve – und einige Piloten strecken dabei ihr Bein unwillkürlich nach außen.

Bleibt noch ein weiterer technischer Vergleich, wobei in diesem Fall die Emotion der Faktor ist und nicht die Vernunft, denn beim Lärm gilt hier: je lauter, desto besser! Und das spricht derzeit klar für die puristischere MotoGP. Während es der lauteste Formel-1-Bolide (Force India) auf 118 Dezibel bringt und ein Presslufthammer auf 104, röhrt ein Motorrad mit bis zu 128 Dezibel über die Rennstrecken dieser Welt.

,,Der F1-Sport muss wieder gefährlicher werden”

Dr. Helmut Marko

Die Rennen

Langweilig! Ein Vorwurf, der nach Formel-1-Rennen immer wieder geäußert wird. Das Pro­blem: Auf vielen Strecken herrscht de facto Überholverbot. Wegen der breiten Hinterreifen und vielen Verwirbelungen sowie der extrem guten Bremsen kann man oft nicht überholen, zudem sind die Reifen heuer auch extrem hart und bauen kaum ab. Im Vorjahr notierte man 41 Überholmanöver pro Rennen, allerdings sind hier auch jene, die mit der Überholhilfe DRS erleichtert wurden, und jene, die in der Boxengasse stattfanden, mit einberechnet. Doch sobald es regnet, sind wieder außergewöhnliche fahrerische Qualitäten beim Überholen gefragt – und auch erfolgreich. Andererseits: Je weniger überholt wird, desto denkwürdiger sind gelungene Manöver. Man denke nur, wie Mika Hakkinen einst in Spa auf der Camel-Geraden Michael Schumacher abzockte (unter Einberechnung des überrundeten Ricardo Zonta), wie Max Verstappen im Vorjahr Nico Rosberg nass machte, an Sebastian Vettels Move vorbei an Dani Ricciardo­ heuer in China und dann gegen Bottas in Barcelona, aber auch von Ricciardo gegen beide (!) Force India in Baku. Sonst aber vermitteln meist die Motorräder ein Mehr an Gefühlen, was auch banale Gründe hat: Die Duelle mit ausgefahrenen Ellbogen, die enormen Schräglagen, die Kämpfe im Pulk, die oft bis zum letzten Meter gehen – alles ist besser zu sehen als in einem verbauten Auto. Und wohl auch die oft atemberaubenden Stürze. Was freilich an dieser Stelle auch erwähnt werden muss: In der Motorrad-WM gab es in den letzten zwanzig Jahren wesentlich mehr Todesfälle als in der Formel 1, in der mehr in die Sicherheit investiert wurde und die prompt das Problem hat, angesichts der enormen Auslaufzonen „zu sicher“ zu wirken. Red-Bull-Mastermind Dr. Helmut Marko: „Auf Strecken wie in Mexiko blicken die Zuschauer von oben in die Autos rein, da spüren sie, wie viel der Fahrer arbeiten muss. Das begeistert.“ Nachsatz: „Doch andere Strecken sind, das muss man so sagen, zu sicher. Die Gefahr gehört dazu. Wenn es gefährlicher wird, setzen sich auch wieder nur mehr die Allerbesten durch. Wäre in der Parabolica von Monza eine Leitschiene, würden nur drei, vier es schaffen, auf den Zentimeter genau hinzufahren. Jetzt ist dort aber so viel Platz, dass auch ein Ericsson knapp rankann – und deshalb statt fünf Zehntel nur ein Zehntel in dieser Kurve verliert.“ Künftig sollen auch Ideen aus Gerhard Bergers DTM (wie Funkverbote oder das Verbot von Heizdecken für die Reifen) dafür sorgen, dass vor allem im Rennen der Fahrer wieder mehr zählt. Und nie wieder soll ein Team so dominieren wie Mercedes im Jahr 2016. In der Formel 1 haben seit 2013 (Räikkönen, Lotus) nur Piloten von Mercedes, Ferrari und Red Bull gewonnen, in der MotoGP allein 2016 neun verschiedene Fahrer in neun Rennen und auf vier Marken.

Die Fans

2016 kamen 215.000 zum MotoGP-Wochenende nach Spielberg, aber nur 85.000 zur Formel 1. Was im Autorennsport die Alarmglocken schrillen ließ, zumal der Red Bull Ring mehr in das Entertainment der F1-Zuschauer investiert als jede andere Strecke weltweit. Aber man muss die Zahlen auch in die richtige Relation setzen. So hatte Spielberg beim Comeback der Formel 1 sogar 225.000 Zuschauer. Und weltweit kommen mehr Fans zu Formel-1-Rennen als zu jenen der MotoGP (ca. 3,2 Millionen zu 2,5 Millionen im Laufe einer Saison). Die TV-Zahlen der Formel 1 haben bis Anfang 2017 stagniert, rangieren aber sowohl national wie auch international doch weit über jenen der MotoGP. Wie sehr die MotoGP aber die Menschen in den Bann zieht, spürt man, wenn man sieht, wie heiß Formel-1-Akteure den Motorradsport lieben. Gerhard Berger oder Fernando Alonso sind begeistert, wenn sie die MotoGP sehen, und Lewis Hamilton, selbst oft und gern mit dem Motorrad unterwegs, träumt von einem Test.

Die Österreicher

Klare Sache: Die österreichische Identität definiert sich auch über die Formel-1-Tradition: Niki Lauda, Jochen Rindt (eigentlich Deutscher), Gerhard Berger. Die beiden Rennstrecken wurden wegen des Autorennbooms gebaut, auch wenn der Salzburgring vor allem als Motorradstrecke Ruhm erlangte. Aktuell ist Österreich in der Formel 1 auf Augenhöhe mit England, Italien und Deutschland das einflussreichste Land mit den Machern Wolff, Marko, Lauda, Tost, Mateschitz. Red Bull Racing ist vierfacher Weltmeister. In der Motorrad-WM gab es „nur“ einen Weltmeister (Rupert Hollaus, 1954) und eine weitere Ikone (Gustl Auinger). Doch jetzt boomt KTM, es gibt erste Erfolge in der MotoGP. Und Red Bull ist auch auf zwei Rädern als Sponsor omnipräsent, bei Superstar Marc Marquez oder Dani Pedrosa. Auf der Fahrerseite hat Österreich mit Lucas Auer einen heißen Kandidaten für die Formel 1, in der Motorrad-WM keinen. Legende Auinger: „Es gibt keine Nachwuchsszene.“ Und so träumten selbst die Söhne der Motorrad-Asse Auinger und Andi Preining immer nur von einem fahrenden Gerät: ­einem Formel 1.

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