„Mir glaubt sowieso keiner mehr was“

Marcel Hirscher im großen ­Interview nach ­Kristallkugel Nummer 7. Wer ihm eine mögliche dritte Goldmedaille in Pyeongchang verpfuschte, ­welche Gabe ihn vor Nachahmungs­tätern schützt, warum ein Karriere­ende 2019 wahrscheinlicher denn je ist.

//Text:  Manfred Behr // Foto: GEPA-Pictures.com//

Und wieder ist Marcel Hirscher ohne Strafmandat heimgekommen. Das liegt zum ­einen daran, dass der schnellste Riesenslalom- und Slalomfahrer im Straßenverkehr immer wieder bereitwillig wertvolle Zehntel liegen lässt, zum anderen kennt er jede Radarbox auf jeder Strecke, die er jahrein, jahraus zumindest sporadisch frequentiert. Und das sind einige. Strecken und Radarboxen. Womit schon einmal ein Teil der Frage beantwortet scheint, die ORF-Mann Andreas Felber als Reaktion auf Weltcupsieg Nr. 57 in Kranjska Gora nach 30-sekündiger „Ansprache“ (© Hirscher) formvollendet formulierte: „Wie machen Sie das?“

Unter anderem, indem seine Sensoren immer auf Empfang sind. Selbst kurz vor oder während eines Rennens. Andere versuchen sich abzuschotten, verschwinden in einem imaginären „Tunnel“. Und Hirscher? „Marcel hört zum Beispiel in Schladming während der Fahrt dem Zielsprecher zu und richtet anhand dieser Informationen seine Taktik aus“, erklärt Individual­trainer Mike Pircher. Auch Christian Höflehner, als Global Race Manager bei Atomic letztverantwortlich für Materialentwicklung, staunt über Hirschers Wahrnehmungsspektrum: „Mir erzählt er nach einem Rennen oft, von wo aus ich den Lauf beobachtet habe. Marcel weiß über den Kurs auch immer mehr als jeder andere, kennt jede Welle, jedes Loch, fährt jedes Tor bewusster.“ Und er setzt eine telefonisch durchgegebene Linie eins zu eins um. Mike Pircher: „Die Abweichung beschränkt sich auf ein paar Zentimeter.“

Sportmagazin: Wie beruhigend ist es, leistungsrelevante Dinge zu beherrschen, die man, anders als etwa ein Aufwärmprogramm, nicht nachahmen und kopieren kann?

Marcel Hirscher: Ich glaube schon, dass dieses Schärfen der Sinne erlernbar ist. Bei mir war das ein langer Prozess. Ich bin es von Kindesbeinen an gewohnt, von meinem Papa Infos über die Strecke per Telefon zu erhalten. Da muss man genau wissen, wovon der andere spricht. Aber mir gelingt es auch nicht immer gleich gut, an manchen Tagen bin ich ausgeschlafener, fitter, an anderen weniger.

Du hast die zurückgeschraubte Erwartungs­haltung als wichtigen Grund für deine erfolgreichste Saison genannt. Obwohl du bereits das zweite Rennen nach dem Comeback gewonnen hast, wie ist es dir gelungen, nicht wieder in den Punktehamstermodus zu verfallen?

Mit dem Sieg in Beaver Creek war noch nichts gewonnen, weil das Set-up erst in Colorado zu funktionieren begann, nur für aggressiven Schnee taugte. Daher war es kein Understatement, das Ziel dabei zu belassen, mich schnellstmöglich auf ein Niveau zu bringen, auf dem ich wieder regelmäßig Rennen gewinnen kann. Später, als sich die Frage der Taktik stellte, hatte ich nach kurzem Nachdenken immer die Antwort parat: Im Rennsport sind Rennen dazu da, um gewonnen zu werden. Auf geht’s!

Du hast so viele Saisonsiege wie noch nie gefeiert, bist gleichzeitig in deinen letzten 135 Weltcuprennen ­ganze sechs Mal ausgeschieden. Kein Wunder, dass jeder glaubt, dass du nur selten ans Limit gehen musst.

Ich fühle mich schon am Limit, auch in den ersten Durchgängen. Dass das anders wahrgenommen wird, liegt an den frühen Startnummern und den dann noch guten Pisten. Im Finale­ sind’s dann eh meistens recht wilde Ritte.

Quizfrage: Wann bist du das letzte Mal in einem Riesentorlauf ausgeschieden?

War das im Februar 2011 in Hinterstoder, als ich mir das Kahnbein gebrochen hab?

Korrekt. Du warst erst zweimal verletzt, beide Male hast du dir Knochen im Fuß gebrochen. Eine Sollbruchstelle, weil anderswo alles perfekt von Muskeln ­geschützt ist?

Jein. Klar gibt üblicherweise das nach, was am schwächsten ist. Die Bänder jedenfalls müssen stark sein. Bei meinem Sturz letzten Sommer hätte es so ein Bandl leicht „putzen“ können. Ist nicht passiert. Und ehrlich gesagt es ist mir lieber so als andersrum.

Noch eine Quizfrage: Wer hat dir die meisten ­Siege weggeschnappt, hinter wem bis du am öftesten Zweiter geworden?

Alexis Pinturault? Oder sogar Henrik (Kristoffersen, Anm.)?

Letzterer. Er war 12-mal vor dir Erster, du 11-mal vor ihm (Stand: 16.3.). Wusstest du, dass du acht Pre­mierensieger verhindert hast und dass sechs von denen – Feller, Ryding, Dopfer, Luitz, Haugen und Aerni – bis heute kein Rennen gewonnen haben?

Das ist zäh. Glücklicherweise fahren die alle noch.

Hand aufs Herz: Wie weit warst du in Pyeongchang von einem zweiten Sotschi entfernt, wo die Bedingungen für dich so nachteilig waren, dass nur ein beispielloser Kraftakt Slalomsilber rettete?

Gar nicht so weit, wie man aufgrund meiner zwei Goldmedaillen meinen würde. Der Schnee hat sich auch diesmal auf eine extreme, nicht vorherzusehende Art und Weise entwickelt. Minus 10, teils minus 20 Grad, steil abwärts fließende, zugefrorene Bäche auf der Piste, dazu der aggressive, ausgefrorene Schnee, der vom Wind über Tage mit bis zu 100 km/h „bearbeitet“ worden war. Eine ziemliche Herausforderung schon vor der Kombi. Umso mehr, weil uns in der Abfahrt ja völlig die Erfahrung abgeht.

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Der Tag vor der Kombiabfahrt. Noch immer kalt, noch immer windig. Die Trainer aller Nationen befinden: kein Training möglich. Mike Pircher aber fährt auf den Berg, steckt für Hirscher einen Super-G: „Er hatte dreieinhalb ­Sekunden Rückstand im Training, wir mussten noch etwas finden, wenn er seine Medaillenchance wahren wollte.“ Tatsächlich bringen die fünf Fahrten dank einer veränderten Schuhabstimmung den Durchbruch, selbst seine Trainingspartner Svindal und Reichelt hält er auf Distanz. 24 Stunden später ist Marcel Hirscher erstmals Olympiasieger.

Dann der Riesentorlauf. Man setzt auf die Erfahrungen und das Equipment von Beaver Creek, aber wieder ist Feuer am Dach, das Set-up funktioniert am Trainings­hügel nicht, dafür wenigstens beim Einfahren am Rennhang am Tag vor der Medaillenjagd. „Von wegen nach dem ersten Gold kann er ohne Druck und befreit fahren! Wenn das Set-up nicht passt, ist die Gelassenheit schnell verflogen. Ich habe noch nie so eine Anspannung wie vor dem Riesen­torlauf verspürt“, erzählt Mike Pircher.

Beim Slalom hilft dann auch ein Testmarathon nicht mehr. Die Piste bricht an manchen Stellen, fast alle Nationen und die FIS fordern den Einsatz von Wasser, doch der koreanische Pistenchef Park Jai-hyuk schaltet auf stur. Die Piste sei gut genug, er gedenke weder seine Arbeiter noch die Exoten mit den höheren Startnummern auf einem Eislaufplatz zu überfordern. Da helfen auch Schreianfälle von FIS-Renndirektor Markus Walder nichts. Hirscher scheidet nach 22 Sekunden mit sechstbester Zwischenzeit aus, glaubt bei einem Stockeinsatz eingebrochen zu sein. Die Fernsehbilder deuten darauf hin, dass er unmittelbar vor dem Ausritt tatsächlich seinen Stock verloren hat.

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Abgesehen vom Olympiaslalom hat das Material heuer zumeist perfekt gepasst. Und das, obwohl du viel weniger Zeit zum Testen hattest. Böse Zungen behaupten: auch weniger Zeit, um sich zu verzetteln.

Ich sehe es so, dass wir seit Jahren immer an derselben Thematik arbeiten und heuer die Früchte ernten konnten. Der Zufall wollte es, dass wir den Stein der Weisen mit vereinten Kräften frühzeitig fanden. Dadurch konnten wir die Umfänge zurückschrauben und mehr qualitative Fahrten abspulen.

Viele ehemalige Skigrößen wie Franz Klammer oder Hansi Hinterseer schwärmen von dem Gesamtpaket Marcel Hirscher. Nur deine Art des Understatements und das Zuspitzen auf die Materialfrage halten einige für ­wenig glaubwürdig.

Mir glaubt sowieso keiner mehr was, weil ich zu oft in letzter Sekunde das Steuer herumreißen konnte und doch wieder performt habe. Von mir wird man nie hören: „Morgen bin ich der Favorit, das werd ich schon machen.“ Und hinsichtlich des Materials: Der Skisport hat sich halt seit den 1970er-Jahren schon drastisch weiter­entwickelt.

Es gab Saisonen, in denen du schon im Jänner vor allem mental ausgepowert warst. Wer dich heuer rund ums Saisonfinale beobachtet hat, gewann den Eindruck: Würde die Saison noch einen Monat dauern, wär’s auch kein Problem. Täuscht das?

Nein. Ich führe das einerseits auf meine Routine und Erfahrung zurück, andererseits stellen sich mit der Menge an Erfolgen auch Genugtuung und vor allem mehr Gelassenheit ein. Trotz allem bin ich Mitte März ganz froh, dass der Zirkus ein Ende hat.

Du lässt das Überseetraining aus, gehst viel später auf Schnee, hast die Zahl der Medientermine drastisch nach unten geschraubt. Könnte der verminderte Aufwand deine Karriere nicht leicht über das seit Jahren kursierende Ablaufdatum 2019 hinaus verlängern? Du wirst auch im übernächsten Winter wohl noch ganz gut mithalten können …

Können schon, aber ob ich es auch soll? Ist es das wirklich wert, die körperliche und mentale Gesundheit immer weiter zu strapazieren, bis es nicht mehr geht? Im Hochleistungssport überspannt man den Bogen doch permanent. Ich habe im besten Fall erst ein Drittel meines Lebens hinter mir, in den restlichen zwei Dritteln will ich auch noch Fußball und Tennis spielen, auf Berge gehen können. Der Sport war ein riesiges Kapitel, aber er ist nicht mein ganzes Leben.

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Hirschers PR-Berater Stefan Illek hat seinen Abgang mehrfach für das Frühjahr 2019 angekündigt, Lebens­partnerin Laura wird nachgesagt, dass sie keine Einwände ­gegen ein baldiges Karriereende hätte. Der Rest der Truppe aber strotzt vor Tatendrang. Mike Pircher: „Ich werde nicht versuchen, Marcel zu überreden, aber schon ein paar Argumente bringen: dass der Spaß am Skifahren dann noch mehr in den Vordergrund rücken würde, dass er nichts mehr muss, aber alles darf, dass er im Sommer nicht zur Gewissensberuhigung im Gatsch herumzuhüpfen braucht, ihm einige wenige erstklassige Tage reichen, weil er seine Hausaufgaben seit der Kindheit immer gemacht hat.“

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Im ÖSV scheint sich schon ein bisschen Panik breitzumachen. Offenbar glaubt man, dir eine neue Karotte – Stichwort Abfahrt – vor die Nase hängen zu müssen, um dich bei der Stange zu halten.

Am Ende einer Saison, wo du gerade vom Hauptgang vollgefressen bist, spürst du ohnehin keinen Rennhunger. Bis jetzt hat sich der Appetit immer über den Sommer entwickelt. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass er sich beeinflussen lässt, indem mich jemand für neue Ziele im Skisport zu begeistern versucht.

Du hast deine größere Gelassenheit angesprochen. Ertappst du dich dabei, wie du heute Konkurrenten, speziell aus der eigenen Mannschaft, vermehrt Inputs gibst?

Aufdrängen tue ich mich nach wie vor nicht. Es steht mir ja gar nicht zu, mich bei Weltklasseathleten einzumischen. Wenn ich aber gefragt werde, stehe ich zur Verfügung. Das hat sich im Laufe der Zeit schon verändert. Einerseits liegt der Großteil der Karriere hinter mir, andererseits wurde auch mir viel geholfen.

Nietzsche meinte einmal: „Ein großer Sieg ist eine große Gefahr. Die menschliche Natur erträgt ihn schwerer als eine Niederlage.“ Demgemäß hast du schon vieles mit Würde ertragen.

Viel ist über das Relativieren gelaufen. Und dass die Erziehung und mein gesamtes Umfeld Garanten für eine gewisse Bodenhaftung waren. Es ist ja auch nicht schwer, sie zu bewahren, wenn man sich immer wieder vor Augen führt, dass es viele Menschen gibt, die in ihrem Bereich versuchen, das Beste zu geben. Ich eben in meinem.