Mein Lernprozess hat wehgetan

Nach zweieinhalb Jahren ohne Job reitet Didi Kühbauer mit St. Pölten auf der Erfolgswelle. Im großen Interview spricht er so offen wie nie über seine Fehler und was er bereut. Und er verspricht: „Den Trainer-Vulkan gibt es noch!“

||Interview: Markus Geisler||Fotos: Christian Hofer||

Sportmagazin: Kennen Sie Existenzängste?

Didi Kühbauer: Die kennt jeder. Man sollte sie aber nicht zu nah an sich heran- und schon gar nicht in seine Arbeit einfließen lassen. Sie hindern Menschen daran, ihre Leistung zu 100 Prozent abzurufen.

Ich hab vor allem auf die Zeit angespielt, als Sie zwischen November 2015 und April 2018 dreimal Weihnachten als Arbeitsloser gefeiert haben.

Zum Glück war ich ja nie wirklich arbeitslos. Ich hatte meine Partner und Jobs, bei denen ich mein Fußballwissen an den Mann gebracht habe, wo ich aber auch die Zeit hatte, mich selbst zu hinterfragen.

In zweieinhalb Jahren hat man viel Zeit zum Nachdenken. Und die hab ich auch genutzt. Es kann ja nicht alles richtig gewesen sein, was ich vorher gemacht habe. Das musste ich mir eingestehen und meine Lehren daraus ziehen.

Welche Hauptfehler haben Sie bei sich entdeckt? Ein großes Problem hatte ich mit der Medienlandschaft, da war ich zu ehrlich, zu offen, speziell nach den Spielen. Da habe ich zwar das Richtige gesagt, aber es war zu direkt und zu aufbrausend. Das mache ich jetzt anders.

Geben Sie uns ein Beispiel. Da gab es schon ein paar, aber da möchte ich jetzt nicht näher drauf eingehen.

Für Ihr Image sind Sie großteils selbst verantwortlich. Natürlich, das werfe ich mir auch vor. Ich bin grundehrlich, will authentisch sein, was trotzdem nicht immer gut ist. Manche Dinge muss man, auch wenn sie stimmen, hinter verschlossenen Türen sagen.

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War diese Erkenntnis sehr schmerzhaft? Na klar! Ich habe aber einen sehr guten Kritiker, meine Frau. Ihre Kritik endet schon einmal damit, dass wir kurzfristig nicht miteinander reden. Aber was sie sagt, ist treffend, auch wenn es für mich hart ist.

Was Sie zwei Tage später dann auch so sehen … Nein, so lange können wir nicht miteinander streiten, dafür habe ich sie unterm Strich zu gern (schmunzelt).

Die meisten Journalisten haben Sie für Ihre offene und direkte Art geschätzt. Ich werde auch jetzt nicht anfangen, Dinge weichzuspülen und eine schlechte Leistung als super Match von uns zu verkaufen, das ist mir wichtig. Ich werde meine Meinung immer noch so kundtun, dass der Zuschauer zuhause weiß, was Sache ist.

Glauben Sie, dass Ihr Image der Hauptgrund war, dass Sie so lange keinen Job bekommen haben? An den Leistungen kann es ja nicht gelegen haben. Es heißt immer, der Kühbauer hatte nur kurzfristig Erfolg. Ich war fünf Jahre bei der Admira (Anm.: inklusive Amateurmannschaft) und hab dann aus eigenen Stücken aufgehört, obwohl es eine tolle Truppe war. Aber da gab es andere Dinge, die ich übrigens heute auch nicht mehr so machen würde.

Was meinen Sie? Ich hab bei der Trennung auf Geld verzichtet, weil zuvor besprochene Dinge nicht ein­gehalten wurden. Heute würde ich es anders machen. Das war wieder der zu ehrliche Kühbauer, der aus der Situation heraus was gesagt hat, was ich nachher bereut habe. Ich hatte mir ja nichts vorzuwerfen.

Als Sie in der Warteschleife kreisten, hat jeder Bundesligist mit Ausnahme des LASK mindestens einmal den Trainer gewechselt. Dachten Sie manchmal: Warum kommen die nicht auf mich? Nein. Du wirst in Österreich immer in Schubladen gesteckt. Du bist der Rapidler oder der Mattersburger, dann kannst du kein anderes Team trainieren. Du hast dann ein Image, wie bei mir zum Beispiel das des Feuerwehrmannes (lacht). Das hat mir auch immer gefallen. Ich selbst hab mich so nie gesehen. Es geht um tägliche Arbeit und Erfolg. Und du brauchst heute ein ­Management, das dich als Trainer in Position bringt. Das habe ich aber noch nicht in Anspruch genommen.

Noch nicht? Natürlich denke ich darüber nach, ich verschließe mich ja nicht per se allem. Vielleicht mache ich das eines Tages.

Ein anderes Image, auf das Sie oft reduziert werden, ist das des Motivators. Ja, das ist witzig. Ganz ehrlich: Über einen längeren Zeitraum schafft man es nie und nimmer nur mit Motivation. Deshalb freut es mich auch besonders, wie wir aktuell mit St. Pölten dastehen. Weil es zeigt, dass ich und mein Trainerteam uns doch eine Spur aus­kennen. Die Mischung aus fachlich guter Arbeit und Motivation erhöht die Wahrscheinlichkeit auf Erfolg.

Sie waren öfter bei Rapid im Gespräch, kamen aber bis jetzt nicht zum Zug. Kann Ihnen so etwas passieren wie Andreas Herzog mit dem ÖFB und Sie sagen, jetzt können sie meine Nummer löschen? Nein, das wird nie passieren. Beim ersten Mal war es sehr nah, da haben sie Damir Canadi genommen. Das ist die Entscheidung des Vereins, ich bin da keinem bös, kein Problem, aber was nicht ist, kann ja noch werden. Derzeit bin ich Trainer des SKN St. Pölten.

Wenn Sie mitbekommen, dass es bei Rapid bei einer 2:0-Pausenführung „Gogo raus!“-Rufe gibt, läuft da nicht grundsätzlich etwas schief? Für einen Trainer das Härteste, was es gibt. Der Klub steht doch über allem und die Fans müssen sehen, dass sie damit niemandem helfen. Da sollte man versuchen, auf einen grünen Zweig zu kommen. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Waren Sie in den zweieinhalb Jahren im Kopf immer Trainer oder haben Sie auch einmal über einen Berufsplan B nachgedacht? Es war gut, dass ich die Chance hatte, ORF-Experte zu sein. Da habe ich die andere Seite kennengelernt. Ich könnte mich jetzt hinstellen und supercool sagen: Ich hab eh gewusst, dass ich wieder was bekomme. Bei nüchterner und sachlicher Betrachtung hätte es auch sein können, dass es aus ist mit dem Trainerjob.

Als im März St. Pölten anrief, ein Klub, der hoffnungslos abgeschlagen am Tabellenende stand und in der Saison zwei Trainer verschlissen hatte, haben Sie darüber nachgedacht abzulehnen?

Die Situation war für mich speziell, weil es in dem Jahr die Möglichkeit der Relegation gab.

Ohne die hätten Sie es nicht gemacht? Doch, so ehrlich muss ich sein, ich wollte ins Trainergeschäft zurück. Die Relegation hat es mir leichter gemacht, weil sie uns die Chance gab, trotzdem die Klasse zu halten. Noch dazu hatte ich zwei Monate Zeit, bis die entscheidenden Spiele anstanden. Ich habe eine brutal verunsicherte Mannschaft vorgefunden, die einen Stil gespielt hat, der einfach nicht zu kleineren Vereinen passt. Und ich wusste, ich kann die Schraube nicht so drehen, dass es von heute auf morgen funktioniert. Die Mannschaft hat es auch gut umgesetzt, da muss ich den Hut ziehen. Im Moment sind wir in einer Traumsituation, wobei man nur im Bett träumen sollte.

Sie haben eine Wahnsinnsperformance mit dem SKN hingelegt: Klassenerhalt, zwölf Spiele ohne Nieder­lage, davon neun gewonnen, Sie stehen vor Rapid, Austria und Sturm. Genugtuung? Überhaupt nicht. Wir stehen ganz am Anfang der Saison und haben das Momentum auf unserer Seite. Es wäre aber falsch zu glauben, dass wir auf einmal der Überklub sind. Ich bin jedenfalls keiner, der daheim sitzt und sagt: Jetzt sehen die anderen Klubs, was sie davon haben, dass sie mich nicht geholt haben.

Wann wird das Ziel auf oberes Play-off adaptiert? Sicher nicht heute im Sportmagazin.

Schade. Wann dann? Es sind sechs Runden gespielt, da wäre es fatal, die Zielsetzung zu ändern. Warum sollte ich jetzt bei irgendwem Druck aufbauen? Wenn es drei Runden vor Schluss immer noch möglich ist, Sechster zu werden, können wir darüber reden.

Während des unwürdigen Relegationstheaters um die Spielberechtigung von David Atanga haben Sie sich sehr professionell verhalten und geschwiegen. Wie oft mussten Sie sich auf die Zunge beißen? Es nutzt ja nichts, wenn ich meinen Senf noch dazugebe. Ich hab auch der Mannschaft gesagt, das ist nicht unsere Geschichte. Dass es nicht in Ordnung war, wie sich Wr. Neustadt verhalten hat, okay, aber ich konnte daran nichts ändern. Mir war nur wichtig, dass wir uns nicht in ein Gejammer reinsingen. Das ist auch so eine Lehre: Manchmal bekommt man das gleiche Resultat, wenn man weniger redet.

Heißt das, Klischee olé, den Trainer-Vulkan Kühbauer wird es nie mehr geben? Das ist Blödsinn, den wird es sehr wohl geben, aber ich will kein Spiel spielen. Ich will nicht mehr so agieren wie früher, aber wenn es einen ­Anlass gibt, kann ich auch explodieren. So wie jeder Trainer einmal explodiert. Nur gibt es bei mir die Gefahr, dass die Leute sagen: Oha, jetzt ist er wieder der Alte! Veränderung ja, aber ohne die Leidenschaft für den Job zu verlieren.

Sie haben die Mannschaft im Sommer radikal ­umgebaut, das Lied hieße normalerweise: „Wir brauchen Zeit.“ Warum ging es so rasch? Ich möchte betonen, wir haben mehr Spieler abgegeben als geholt. Wir hatten einen klaren Plan im Kopf, haben vorwiegend auf Mentalität und Charakter geachtet. Kleine Mannschaften haben oft ein Problem: Wenn sie in eine Negativserie kommen, kippen sie weg. Das war bei St. Pölten vergangene Saison eklatant. In solchen Phasen brauchst du Typen, die sagen: Wir müssen aufstehen. Genau darauf haben wir geachtet.

Und trotzdem gibt es Kritiker, die sagen, so richtig schön ist es nicht, wie St. Pölten spielt. Für Sie ein Krite­rium? Mir gefällt immer wieder, dass wir als einziger Klub die Fünferkette spielen und meine zwei Außenverteidiger die meisten Laufkilometer im Team haben. Das wäre nicht der Fall, wenn sie nur hintendrin stehen würden. Solche Kritiker wird es immer geben. Wir sind St. Pölten. Wenn einer wirklich tollen Fußball sehen will, muss er nach Madrid oder Barcelona reisen, die haben das Spielermaterial, mit dem sie eine Mannschaft an die Wand spielen können, wir nicht. 10:4 Tore nach sechs Spielen – diese Kritik nehme ich gern an.

Ihr Vertrag endet im Sommer 2019. In Leipzig hat Ralph Hasenhüttl mit dem Argument hingeschmissen, dass es untragbar sei, ohne Verlängerung ins letzte Vertragsjahr zu gehen. Wie sehen Sie das? Da mache ich mir keinen Kopf. Etwas zu fordern ist immer so eine Geschichte.­ Lassen wir das Thema.

Seit dieser Saison gibt es die offizielle Möglichkeit des Funkkontakts, mit dem Sie als Trainer mit einem Betreuer auf der Tribüne während des Spiels kommunizieren können. Nutzen Sie das? Schon. Eine gute Sache, die uns Trainern hilft, weil wir noch schneller reagieren können. Bei uns sitzt Sportkoordinator Marcel Ketelaer auf der Tribüne und gibt mir Feedback, wobei wir uns eh meistens einig sind. Trotzdem wären wir schön blöd, wenn wir es nicht nutzen würden.

Und wie stehen Sie zum Videoschiedsrichter, die Diskussion nimmt ja auch in Österreich Fahrt auf? Da habe ich meine Meinung geändert. Ich hab früher immer gesagt, dass der Fußball bleiben soll, wie er ist, aber wenn es um so viel Geld geht und du durch eine Fehlentscheidung ­einen Titel verlieren oder absteigen kannst, sollte man das einführen. Und auch für den Schiedsrichter wird es dadurch leichter.