Megastar Ronaldo: Spurensuche auf seinem Insel-Paradies

Das SPORTMAGAZIN auf den Spuren von Cristiano Ronaldo. Wie Portugals Megastar in seiner Heimat Madeira verehrt wird und warum das Urlaubs- auch ein Kickparadies ist. Diese Geschichte erschien erstmals am 13. April.

//Text: Tom Hofer

// Titelbild: (C) Nike

Jetzt sammelt sogar schon seine Heimat Trophäen! Bei der jährlichen Oscar-Verleihung der Tourismusbranche im Dezember staubte Madeira den Award für die weltweit begehrteste Urlaubsinsel 2015 ab. Klar, das liegt nicht nur, aber sicher auch an ihm. Der Faktor Cristiano Ronaldo spielt eine entscheidende Rolle, warum Jahr für Jahr immer mehr Menschen auf die kleine Blumeninsel, tausend Kilometer vom portugiesischen Festland entfernt, jetten. Er ist ja wirklich omnipräsent in seiner Heimatstadt Funchal -demnächst auch noch als Hotelier!

Dank einer Kooperation mit der Pestana Group, Portugals größter Hotelkette, schießen bis 2017 vier Häuser mit dem CR7-Logo aus dem Boden –in New York, Madrid, Lissabon und natürlich Funchal. 37 Millionen Euro steckt Ronaldo in das Projekt: „Meine größte Investition bisher. Aber ich muss schön langsam an die Zeit nach meiner Karriere denken.“ Vor gut einem Jahr haben sie ihrem größten Sohn unten am Hafen ein Denkmal gesetzt. „Melhor Jogador do Mundo“, bester Spieler der Welt, hat der Bildhauer Ricardo Velosa stolz in den Sockel geritzt. Wer sich mit der 2,40 Meter hohen Bronzestatue fotografieren lassen will, sollte es nicht allzu eilig haben. Das Griss ist groß, die Staugefahr detto. Wovon sich das SPORTMAGAZIN beim Lokalaugenschein letzten Sommer live überzeugen konnte. Zehn Minuten Fußmarsch entfernt, in der schmalen Rua Princesa Dona Amélia, hat der dreifache Weltfußballer schon vor längerer Zeit sein eigenes Museum eingerichtet. Weit über hundert Pokale, Medaillen und sonstiges Glitzerzeugs, das sich über die Jahre angesammelt hat, gibt’s hier für läppische fünf Euro Eintritt zu bestaunen. Bruderherz Hugo gibt den Geschäftsführer. In der Hochsaison schauen jeden Tag 300 „Ronaldics“ vorbei. Damit auch die Menschen am Festland ein bissl was von all dem Glanz und Glamour abkriegen, ging letztes Jahr ein Teil der Trophäen auf Reisen. Klar waren auch die drei Ausstellungen an der Algarve (in Faro, Vilamoura, Portimão) sowie jene in der Metropole Lissabon ein Publikumsmagnet. „Museu CR7“ ist längst zur Trademark mutiert, die eigentlich gar keine Werbung mehr nötig hat, trotzdem prangt das Logo dick und fett als Hauptsponsor auf den blau-gelben Dressen von União Madeira. Nie gehört? Kein Wunder, der Verein kickt erst seit dieser Saison in Portugals höchster Spielklasse. Als dritter Klub der 120.000-Einwohner-Stadt Funchal neben den zwei Platzhirschen Maritimo und Nacional, denn Madeira ist nicht nur ein Urlaubs-, sondern auch ein Fußballparadies!

Wenn Österreich am 18. Juni im zweiten Match der Gruppe F im Prinzenpark-Stadion von Paris auf Portugal trifft, wird Capitão Ronaldo der einzige Madeirer im Dress der Iberer sein -noch. Denn so kurios es klingen mag: Ausgerechnet die Heimat des weltweit gefürchtetsten Torjägers hat derzeit die größten Goalie-Talente Portugals zu bieten! Zugegeben, es sind drei Zugereiste, aber immerhin: José Sá (22), in Braga geboren und zum „Tormann des Turniers“ letztes Jahr bei der U21-EM in Tschechien gekürt, sitzt als Nr. 2 beim Arbeiterklub Maritimo auf der Bank. Seine Nachfolger in der neuen U21, die Herren Rui Silva und André Moreira, verdienen ihre Brötchen bei Nacional bzw. União. Vor allem der 1,92-Meter-Hüne Sá gilt als Mann der Zukunft. Verlässt er die Insel, ist Zahltag. Vier Millionen Euro stehen als fixe Ablösesumme in seinem Vertrag. Portugals Gigant Benfica, bei dem er in der Jugend kickte, besitzt ein Vorkaufsrecht. Es wäre der Rekordtransfer in der Geschichte des Fußballs auf Madeira. Und das, obwohl schon so mancher Star die Insel als Absprungbasis nutzte. Real-Raubein Pepe brachte einst bei seinem Wechsel von Maritimo zum FC Porto zwei Mille in Bewegung. Genauso hoch war der Transfer des aktuellen Teamstars Danny (der Mittelfelddribbler ist in Venezuela aufgewachsen und mit 15 nach Madeira übersiedelt) zu Sporting dotiert. Stadtrivale Nacional cashte für Brazil Boy Felipe Lopes vom VfL Wolfsburg mit zweieinhalb Mille sogar noch ein bissl mehr. Doch so fette Tage sind die Ausnahme im überwiegend sonnigen Inselalltag. Neben jungem einheimischem Personal beschäftigt das Madeira-Trio vorwiegend No-Name-Legionäre aus Brasilien und Afrika -was der Fußballbegeisterung freilich keinen Abbruch tut. Die zusätzlichen Derbys in der laufenden Saison sind natürlich praktisch, das spart einerseits Reisekosten und sorgt zudem für volle Stadien.

Eine Reise in Ronaldos Vergangenheit

Wer Ronaldos ehemaligem Klub Nacional einen Besuch abstatten will, sollte besser schwindelfrei sein. Die Anreise über die steile Bergstraße „Caminho dos Pretos“ hat Abenteuercharakter. Das „Estádio da Madeira“, die Heimstätte der Schwarz-Weißen, thront hoch über den Bergen der Stadt. Vor sechs Jahren wurde die Austria hier im UEFA-Cup mit 5:1 abgewatscht. Damals zwischen den Pfosten bei den Veilchen? Teamgoalie Robert Almer! Rückblickend betrachtet nicht der einzige Promi im violetten Kader. Auch die aktuellen EURO-Fighter Markus Suttner, Julian Baumgartlinger, Florian Klein und Zlatko Junuzovic waren bei dem Debakel mittendrin statt nur dabei. „Schon die Landung in Funchal war nichts für schwache Nerven, kurzfristig war sogar der Flughafen gesperrt, weil der Wind so stürmisch war“, erinnert sich Almer. „Im Match sind wir sogar 1:0 in Führung gegangen, aber Nacional dann leider ins offene Messer gelaufen. Zum Glück findet die EURO in Frankreich statt!“ 5000 Fans haben in dem Schmuckkästchen am Berg Platz. Das Problem nur: Wenn im Herbst der Nebel einfällt, geht oft gar nix mehr.

,,Erst Mitte Dezember musste der Schlager gegen Porto auf zwei Tage verteilt gespielt werden, weil ab der 80. Minute weder Zuschauer noch Spieler noch der Schiri den Durchblick hatten”

Die Heimstätte von Ronaldos Jugendklub ist durchaus eigenwillig.
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In die Kampfmannschaft von Nacional hat es CR7 nie geschafft. Schon mit zarten zwölf holte Sporting das Megatalent in die Hauptstadt. Den Fans ist das so was von wurscht, er ist trotzdem ihr Held. Bei jedem Heimspiel schwenken sie die riesige Fahne mit dem Konterfei ihres Idols. Im Fanshop unter der Nordtribüne pickt kein Kicker aus dem aktuellen Kader, sondern der junge Ronaldo als Posterboy lebensgroß an der Wand. Auch der ehemalige Schweizer Teamgoalie Diego Benaglio ist an der „Wall of Fame“ verewigt. Drei Jahre, von 2005 bis 2008, zog Benaglio die Handschuhe für Nacional an, ehe er beim VW-Werksklub in Wolfsburg andockte. Gleich hinter dem Stadion wird im „Cristiano Ronaldo Campus Futebol“, dem schicken Nachwuchstrainingszentrum, an den künftigen Weltfußballern gefeilt. So nobel war das Ambiente beim CF Andorinha im Stadtteil Santo António, Ronaldos erster Station auf dem Weg zum Weltstar, nie. Früher war der Platz eine Gstätten, heute kicken die Kids dort auf künstlichem Grün. Der größte Sohn des Klubs ist auch hier bis heute allgegenwärtig. „O nosso ídolo“ steht unter der Bildergalerie, die an der Kantinenwand hängt. Der große FC Porto hat sicherheitshalber eine Kooperation mit dem Miniverein. Man weiß ja nie, vielleicht taucht ja irgendwann wieder ein ungeschliffener Diamant auf, den man ähnlich zum Glänzen bringen könnte wie Ronaldo.

Fussball, Statue von Cristiano Ronaldo, CR7 (Real Madrid) im Hafen seiner Heimat Funchal, Madeira. Football Statue from Cristiano Ronaldo CR7 Real Madrid in Port his Home Funchal Madeira

Ronaldo bleibt der große Wurf

Dass so eine kleine Insel auf Dauer drei Erstligaklubs verträgt, ist unwahrscheinlich. Alberto João Jardim, ewig lange 37 Jahre als Präsident der „Autonomen Region Madeira“ einzementiert, bis er im Vorjahr über seine allzu lasche Schuldenpolitik stolperte, war das schon vor längerer Zeit klar. Denn schon einmal, Mitte der 1990er-Jahre, waren alle drei Funchal-Klubs erstklassig. Jardims Plan klang ambitioniert, aber logisch: Kräfte bündeln, fusionieren und anschließend das Establishment auf dem Festland, also Benfica, Porto und Sporting, ernsthaft ärgern! Doch weil allseits bekannt war, dass der Präsi eine schwere Schlagseite für Maritimo hat, wurde das Vorhaben von den beiden anderen Klubs boykottiert. Und so kocht bis heute jeder sein eigenes Süppchen. Ab und zu ein Platz in der Europa-League-Quali, mehr ist nicht drin. Wobei União -das Grödig Madeiras, was Fanpotenzial und Infrastruktur betrifft – mit Abstand den schwersten Stand hat. Für Schlagerspiele musste man mangels TV-Tauglichkeit der eigenen Arena bis vor Kurzem ins Stadion von Nacional ausweichen. Und die seit Kurzem angeschlagene Banif-Bank, die je knapp mehr als eine halbe Million zum Budget der beiden anderen zuschießt, speist den Aufsteiger mit vergleichsweise müden 100.000 Euro ab. So wird’s schwierig, die Klasse zu halten. Bei einem Abstieg wartet die Knochenmühle namens Segunda Liga. Portugals zweithöchste Spielklasse speckt nächste Saison von 24 auf 22 Klubs ab. Immerhin. Ein Abenteuer bleibt die Liga trotzdem, was an Vereinen wie CD Santa Clara liegt. Der Klub ist in Ponta Delgada auf den Azoren daheim – das sind von Funchal aus noch einmal knapp tausend Kilometer übers Meer Richtung Westen.

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