Mayweather vs. Pacquiao: Der große Zahltag

Selten war der Superlativ „Fight of the Century“ so treffend wie beim Schlagabtausch zwischen Floyd Mayweather und Manny Pacquiao. Noch nie ging es in einem einzelnen Sportspektakel um so viel Geld wie am 2. Mai im Spielerparadies Las Vegas. Wer wagt es, auf einen fairen Ausgang zu wetten?

//Text: Hannes Kropik

//Titelbild: (C) IMAGO

Das Ballyhoo begann beim Basketball. Ende Mai setzte sich Manny Pacquiao bei der Partie Miami Heat gegen Milwaukee Bucks demonstrativ in die erste Reihe, genau gegenüber von Floyd Mayweather und seiner Entourage. Box-Insiderin Michelle Joy-Phelps, Betreiberin der Website behindthegloves.com, sieht darin im Gespräch mit dem SPORTMAGAZIN den entscheidenden Schritt zu dem seit 2009 erwarteten Showdown der vermutlich besten Faustkämpfer der Gegenwart: „Wann immer Floyd in den vergangenen Monaten bei NBA-Spielen aufgetaucht ist, haben Fans zu schreien begonnen: ‚Box Manny!, Box Manny!'“ In sozialen Netzwerken war die Stimmung ebenfalls gekippt. Hätte er einen anderen Gegner als Pacquiao gewählt, hätten sie ihm den Respekt entzogen. Letztendlich hat sich Mayweather dem Druck der Öffentlichkeit gebeugt. In der Pause ging Mayweather auf Pacquiao zu, man tauschte freundliche Worte und Telefonnummern aus.

Das Geschäft ihres Lebens

Und macht damit das beste Geschäft des Lebens. Wenn am 2. Mai im MGM Grand Las Vegas der Gong zum „Fight of the Century“ erklingt, sehen die 16.800 Zuschauer, die zwischen 1000 und 5000 Dollar pro Ticket zahlen müssen, ein Ereignis der Superlative: Noch nie wurde bei einem einzelnen Sportereignis, das nicht wie etwa der Superbowl oder ein WM-Finale den Abschluss einer Bewerbsserie bildet, so viel Geld ausgeschüttet. Je nach verkauften TV-Abos dürfen sich Floyd Mayweather, 38 und regierender WBA-und WBC-Weltmeister, und sein philippinischer Kontrahent Manny Pacquiao, 36 und WBO-Champ, in diesem Weltergewichtskampf über eine Gesamtbörse von 200 bis 400 Millionen Dollar freuen; 60 Prozent gehen an Mayweather, 40 Prozent an Pacquiao.

2009 hätte der Kampf erstmals stattfinden sollen, die Verhandlungen scheiterten aber nicht zuletzt an Pacquiaos mangelnder Bereitschaft, sich unangekündigten Dopingtests zu stellen. Weitere Versuche, die beiden laut Branchenmagazin „The Ring“ besten Boxer der Welt aufeinanderprallen zu lassen, verliefen ebenso in den ewigen Weiten zwischen Nevada und den Philippinen. Und das dürfte vor allem Mayweather nicht ganz unrecht gewesen sein. „Ich will nicht sagen, dass er Pacquiao aus dem Weg gegangen ist, aber Floyd war in der Auswahl seiner Gegner doch eher vorsichtig und hatte zuletzt Leute vor den Fäusten, deren Beinarbeit nicht die flinkste war. Selbst wenn Pacquiao mit seinen 36 Jahren seinen Zenit vielleicht schon ein wenig überschritten hat, tänzelt er immer noch wahnsinnig schnell vor und zurück. Und er verfügt als Rechtsausleger neben seiner größten Waffe, der linken Geraden, auch noch über einen sehr gefährlichen rechten Haken. Er wird für Mayweather schwerer auszurechnen sein als alle bisherigen Gegner.“

,,Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute den angeberischen Giganten endlich fallen sehen wollen.”

Box-Insiderin Michelle Joy-Phelps

Mit „Money“ Mayweather und „Pac-Man“ Pacquiao stehen einander der beste Linksausleger und der beste Rechtsausleger der Welt gegenüber. Und es ist ein Treffer zweier unterschiedlicher Persönlichkeiten. Der Amerikaner, der sich aus einer tristen Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter zum 2014 mit 105 Millionen Dollar bestverdienenden Sportler der Welt hochgekämpft hat, protzt mit seinem Reichtum. Doch Fotos mit fetten Dollarbündeln oder vor seinem stattlichen Fuhrpark inklusive Privatflugzeug machen ebenso wenig Freunde wie Nachrichten vom goldenen Golfwagerl für den 15-jährigen Sohn oder dem 400.000-Dollar-Royce für die 14-jährige Tochter: „Ich kann mir vorstellen, dass viele Leute den angeberischen Giganten endlich fallen sehen wollen.“ Auf der anderen Seite der Volksheld der Philippinen und Mitglied des Repräsentantenhauses, der als Jugendlicher in Manila eine Zeit lang auf der Straße leben musste und bei dessen Kämpfen die Kriminalitätsrate signifikant zurückgeht, weil die bösen Jungs ihr Idol boxen sehen wollen: „Manny ist ein wahnsinnig netter Typ, dessen gute Laune ansteckend ist. Mit seinem Charme und seiner Freundlichkeit zieht er die Menschen in seinen Bann und mit seinen vielen sozialen Projekten ist er zum Liebling der Massen geworden.“

Also ein Kampf Böse gegen Gut? Auf jeden Fall das Treffen zweier Alphamännchen. Mayweather, der neben der moralischen Unterstützung Muhammad Alis vor allem eine 13 Zentimeter größere Reichweite auf seiner Seite weiß, sieht sich selbst als Favorit. „Wohl zu Recht, denn er hat einen riesigen Vorteil: Er weiß nicht, wie man verliert. Kein Gedanke an eine Niederlage belastet sein unendliches Selbstvertrauen“, erklärt Joy-Phelps, die aus dem Pacquiao-Umfeld gestreuten Gerüchten, wonach Sparringpartner Zab Judah den Champ übel zugerichtet hätte, keinen Wert beimessen will. „Pacquiao hat zwar 2012 zwei Fights verloren, aber mittlerweile ist er wieder ganz der Alte. Und er kann neben seinen boxerischen Fähigkeiten auf Trainer Freddie Roach vertrauen, der seit Jahren am optimalen taktischen Konzept für diesen Fight feilt.“

Bei einem Großereignis wie diesem wird nichts dem Zufall überlassen. Auch das Datum des Kampfes ist mit Blick aufs große Ganze, nämlich den möglichst großen Gewinn, gewählt: Zum 5. Mal seit 2010 nutzt Mayweather den Samstag rund um den mexikanischen Feiertag Cinco de Mayo (5. Mai), an dem einer siegreichen Schlacht gegen französische Truppen gedacht wird und der von den Mexikanern und ihren Nachfahren in den USA mit noch größerer Leidenschaft gefeiert wird als etwa der St. Patricks Day (nicht mehr nur) von den Iren. Und zu einer zünftigen Familienparty gehört zur Freude der Pay-Per-View-Sender Showtime und HBO der tiefe Griff ins Portemonnaie, um Floyd Mayweather, den Aufsteiger aus ärmlichsten Verhältnissen, im Fernsehen zu bewundern.

Die ungeheuerlichen Zahlen

In den USA wird der Kampf für 100 Dollar zu sehen sein, im deutschsprachigen Raum hat sich Sky die Rechte gesichert. Wer bis 1. Mai (12.00 Uhr) bucht, bezahlt 20 Euro, danach ist man beim spätnächtlichen Spektakel mit 30 Euro dabei. Aber natürlich wird der Kampf auch ein riesiges Geschäft für die Wettbranche. Die Quoten ändern sich noch laufend, eine Tendenz war in den Wochen vor dem großen Zahltag aber zu erkennen: Für einen Sieg von Floyd Mayweather würde man etwa das 1,5-Fache des Einsatzes zurückbekommen, ein Triumph Pacquiaos brächte das 3-Fache. Und dennoch gibt es Argumente, die für den Außenseiter sprechen könnten: Mayweather boxt in seinem 48. Kampf zwar schon zum 24. Mal um einen WM-Gürtel, Pacquiao in seinem 58. allerdings bereits zum 39. Mal verbandsübergreifend um einen Titel. Ein anderes ist eine noch handfestere Statistik: Vor einem Jahr musste Mayweather, der dank seiner meisterhaften Defensivarbeit schweren Schlägen besser als all seine Konkurrenten entgehen kann, gegen den Argentinier Marcos Maidana 221 Treffer einstecken. Deutlich mehr als je zuvor. „Er hat sich immer wieder in die Seile drängen lassen“, analysiert Joy-Phelps, „und dann auf einen einzigen Move verlassen: Schulter hochziehen, damit seinen Kopf abdecken und warten, bis der Gegner seine Schlagserie beendet. Auch wenn er sich dabei keine Wirkungstreffer einfängt, die Judges zählen natürlich mit und das kann bei einem knappen Kampfverlauf am Ende den Unterschied ausmachen.“

Und damit sind wir beim vielleicht wichtigsten Grund, warum der 2011 wegen häuslicher Gewalt (gegen Ex-Freundin Josie Harris) zu 90 Tagen Knast verurteilte Mayweather aus seinem Traum von der Unbesiegbarkeit gerissen werden könnte: Boxpolitik. „Ich kenne das Geschäft und will all die bereits kursierenden Verschwörungstheorien deshalb nicht von vornherein als Unfug abtun. Schau dir an, wie wiel Geld auf dem Spiel steht, und dann überleg dir folgendes Szenario: Pacquiao gewinnt knapp nach Punkten. Kannst du dir vorstellen, wie viel Geld ein Revanchekampf im Herbst einbrächte?“

Ein Kampf für die Ewigkeit?

Zumal der im Schwergewicht schwächelnde Boxsport vermarktbare Typen braucht. Typen wie den vierfachen Vater Mayweather, der sich gerne mit Celebritys wie 50 Cent und aktuell Teeniestar Justin Bieber umgibt, und Fünffach-Dad Pacquiao, der auch als Schauspieler eine gute Figur macht. Die seit Jahren gleichförmig vor sich hin siegenden Klitschko-Brüder konnten die (US-)Massen nie erobern und bis der neue WBC-Champ Deontay Wilder mehr als nur Insider begeistert, wird noch einige Zeit vergehen. „Es kann sein, dass wir in den nächsten 20 Jahren keinen Kampf wie Mayweather vs. Pacquiao sehen werden. Es gibt in keiner Gewichtsklasse zwei vergleichbare Typen.“ Dahinter ortet Joy-Phelps ein handfestes Problem unserer Zeit: „Wir leben in einer Mikrowellen-Gesellschaft. Du drückst auf einen Knopf und zwei Minuten später ist das Essen fertig. Nach dem gleichen Prinzip funktionieren Castingshows. Plopp, schon steht der nächste Promi parat. Aber im Sport klappt das nicht! Es dauert Jahre, bis aus einem Athleten ein echter Star wird. Floyd Mayweather war nicht immer der mit seinem Reichtum alles überstrahlende Held. Es hat ihn Jahrzehnte an leidenschaftlichem Einsatz gekostet, bis er der Champ wurde, der er heute ist.“ Und vielleicht nach dem 2. Mai noch sein wird.

PASSPORTS

FLOYD JOY MAYWEATHER JR.

Geboren am: 24.2.1977 in Grand Rapids, Michigan (USA)

Größe/ Gewicht: 173 cm/66,7 kg

Reichweite: 183 cm

Spitznamen: Pretty Boy, Money, TBE (The Best Ever)

Coach: Floyd Mayweather senior

Stand: Linksausleger Siege/Niederlagen/Unentschieden

als Profi: 47 (26 k. o.)/0/0 Titelverteidiger: WBA, WBC, The Ring

Bisher Titel im: Superfeder-, Leicht-, Halbwelter-, Welter- und Halbmittelgewicht

Erfolg als Amateur: Olympia-Bronze 1996 im Federgewicht

 

EMMANUEL DAPIDRAN PACQUIAO

Geboren am: 17.12.1978 in Kibawe, Bukidnon (Philippinen)

Größe/Gewicht: 169 cm/66,7 kg

Reichweite: 170 cm

Spitzname: Pac-Man

Coach: Freddie Roach

Stand: Rechtsausleger

Siege/Niederlagen/Unentschieden als Profi: 56 (38 k. o.)/5/2

Titelverteidiger: WBO

Bisher Titel im: Fliegen-, Superbantam-, Superfeder-, Leicht-, Superleicht-, Welter- und Superweltergewicht