Martin Stranzl: „In Österreich wurde ich belächelt“

Martin Stranzl ist einer der erfolgreichsten österreichischen Fußballer der vergangenen zwei Jahrzehnte. Im Sommer beendet der 35-jährige Burgenländer seine lange Karriere. Davor spricht der Gladbach-Legionär im exklusiven Sportmagazin-Interview über seine Vorreiterrolle bei Auslandstransfers, unsere „Leiwand“-Mentalität und seine Leidenschaft für BMW-Sondermodelle.

//Interview: Peter K. Wagner
//Titelbild: (C) www.2punkt0-automotive.de

SPORTMAGAZIN: Nach der langen Verletzungspause haben dich die Gladbach-Fans beim Comeback gegen Werder Bremen mit Standing Ovations empfangen. Wie schafft man’s, dass man als Burgenländer im Rheinland so gefeiert wird?

MARTIN STRANZL: Ich habe immer gern eine lange Zeit bei Vereinen verbracht. Hier in Gladbach habe ich eben über fünf Jahre gespielt und viel miterlebt. Das wissen die Fans zu schätzen. Sie wissen, welch schwierige Zeit ich aufgrund meiner Verletzungen heuer hatte, und sie haben mir gezeigt, welchen Stellenwert ich bei ihnen habe. Es war eine überragende Aktion, bei der ich Gänsehaut bekommen habe.

Als du 2011 von Spartak Moskau zur Borussia gewechselt bist, war der Verein im Tabellenkeller und niemand konnte deinen Wechsel recht nachvollziehen. Warum bist du damals zu Gladbach gegangen?

Gerade in Österreich hat man mich für den Transfer belächelt, aber der Verein hat mir schon zu Stuttgart- und 1860-München-Zeiten imponiert. Ich habe das Potenzial gesehen und wollte die Herausforderung annehmen. Wir haben es dann sensationell geschafft, in der Liga zu bleiben, und nur ein Jahr später sind wir richtig durchgestartet und Vierter geworden. Wir haben uns in der Folge im oberen Drittel festgesetzt und ich bin glücklich, dass ich diese Zeit miterleben durfte. Es war eines der großen Highlights meiner Karriere.

,,Ich wurde oft kritisiert dafür, dass ich früh ins Ausland gegangen bin.”

Martin Stranzl

Du warst 16, als du vom BNZ Burgenland zu 1860 München gewechselt bist. Siehst du dich als Vorreiter einer Generation rot-weißroter Fußballer, die sich früh ins Ausland wagt und dort erfolgreich ist?

Ich wurde oft kritisiert dafür, dass ich früh ins Ausland gegangen bin. Ob Ernst Weber oder Willi Ruttensteiner, die Verantwortlichen des ÖFB waren sehr skeptisch. Ich bin angeeckt, aber das war mir egal, weil ich das für mich entschieden hab. Ich hab aktiv miterlebt, wie wir in der U15 gegen Deutschland oder Frankreich immer eins auf den Deckel bekommen haben. Es war an der Zeit, etwas anders zu machen. Man muss nur Martin Hinteregger fragen, der jetzt seit Kurzem hier ist. Es ist etwas anderes, sich in solch einer Liga durchzusetzen.

Wechsel wie jene von Hinteregger sind Alltag geworden. Wie sehr profitieren österreichische Talente davon, dass die deutsche Bundesliga, in der traditionell immer viele Österreicher aktiv waren, so einen Aufstieg erlebt hat?

Für mich ist die deutsche Bundesliga eigentlich die beste Liga der Welt, wenn man sich das Gesamtpaket aus Organisation, Marketing und Infrastruktur ansieht, auch wenn natürlich in England oder Spanien mehr bezahlt wird. Viele Berater sehen, dass die österreichische Liga in ihrer Entwicklung ein bisschen stehen geblieben ist, und holen die Talente schon frühzeitig zu sich. Es hat auch ein Umdenken der Spieler stattgefunden. Sie sind nicht mehr zufrieden damit, in Österreich mit weniger Aufwand die Heroes zu sein.

Bei der Saisonstart-Pressekonferenz der Sky Go-Ersten Liga war die Message: „Talente sollten länger in Österreich bleiben.“ Was denkst du darüber?

Das ist für mich Blödsinn. Ich weiß nicht, warum es diese Einstellung gibt. Wenn einer besser ist, soll er gehen. Willst du mit ihm allein die Liga aufwerten? Was hast du als Fußballer davon? Gar nichts.

,,Das ist für mich Blödsinn. Ich weiß nicht, warum es diese Einstellung gibt.”

Martin Stranzl über Talente, die zu lange in Österreich bleiben.

Fehlt Österreich das klare Bekenntnis zur Ausbildungsliga?

Wenn in Österreich wirklich die Rede davon ist, dass Talente länger im Land bleiben sollten, als sie es aktuell tun, auf jeden Fall. Da ich nie in Österreich gespielt hab, heißt es über mich ohnehin immer: „Der Stranzl kann sowieso nichts und hat keine Ahnung.“ Das wird sich nicht ändern, aber ich stehe zu meiner Meinung. Mir ist bewusst, dass es schwer ist, von heute auf morgen die Liga aufzuwerten, und ich weiß auch nicht, wie man das in Österreich schaffen könnte. Man hat wohl einfach über Jahre hinweg zu viele Entwicklungsschritte versäumt.

Dafür läuft es im Nationalteam derzeit überragend. Du hast bei der EURO 2008 gespielt, 56 Länderspiele für Österreich absolviert und viel Aufbauarbeit geleistet. Die Früchte ernten jetzt aber andere.

Ja, ich bin durchs Tal gegangen und hab kurz bei der Heim-EURO auf den Berg schielen dürfen (lacht).

Hast du mit deinem Rücktritt 2009 unter Didi Constantini vielleicht sogar zu früh einen Schlussstrich gezogen?

Nein, definitiv nicht. Ich bin nicht böse oder wehmütig. Für mich persönlich war es auch aufgrund der Belastung mit den Reisen von Moskau besser. Ein Auswärtsspiel am Samstag mit Spartak begann meist mit einem Flug am Donnerstag und endete am Sonntag mit dem Heimflug. Wenn wir dann noch im Europacup aktiv waren, war ich aufgrund der Nationalteamreisen teilweise nie zu Hause. Die zusätzlichen Spiele für Österreich wären nicht das Problem gewesen, aber die Reiserei war der pure Stress für den Körper. Für mich ging es nach meinem Teamrücktritt auch im Klub wieder bergauf. Es war also die bessere Entscheidung.

Am Ende deiner Zeit im Team gab es von Legionären wie Pogatetz, Scharner oder dir immer wieder Kritik an der Trainingsarbeit und Professionalität im ÖFB. War der Unterschied vom Ausland zu Österreich wirklich so eklatant?

Das Problem war immer ein bisschen, dass wir zu Hause in unsere Mentalität zurückgefallen sin: alles leiwand, alles locker. Wir haben Besuch von Verwandten oder Kumpels bekommen. Das Motto war: Haut es heute nicht hin, dann eben morgen. Das ist natürlich Teil der rot-weißroten Mentalität und nicht nur schlecht, aber dennoch habe ich Marcel Koller bei jenem Gespräch im Jahr 2011, in dem er mich von einer Rückkehr ins Team überzeugen wollte, erklärt, dass es eigentlich am besten wäre, wenn sich das Nationalteam immer im Ausland treffen würde.

Wie war das Gespräch damals mit Marcel Koller eigentlich?

Sehr gut. Ich habe ihm alles erklärt und er konnte meine Entscheidung nachvollziehen. Außerdem haben wir in Österreich mittlerweile genügend Innenverteidiger. Auch deswegen ist ja in der Quali alles so gut gelaufen. Die Mannschaft ist für mich in Frankreich nach der Punkteausbeute in der Quali eigentlich der Geheimfavorit.

Was ist der große Unterschied zwischen der heutigen Generation und jener, die du maßgeblich geprägt hast?

Wir waren als Spieler nicht gut genug. Punkt. Du kannst viel über taktische Disziplin und Zweikämpfe versuchen, aber wenn die Qualität fehlt, brauchst du nicht über andere Dinge zu philosophieren.

,,Wir waren als Spieler nicht gut genug. Punkt.”

Stranzl über seine ÖFB-Generation

Hätte sich das Team unter Constantini ähnlich souverän für Frankreich qualifizieren können?

Das weiß ich nicht. Ich war nur einmal unter ihm dabei. Es steht mir nicht zu, seine Arbeit zu beurteilen. Wir hatten ein normales Männergespräch, in dem er andere Vorstellungen hatte als ich.

Überlegst du, eine Trainerkarriere einzuschlagen?

Es gibt viele Ideen. Der Verein hat mir angeboten, dass ich weitermachen kann. Aber auch abseits des Spielfeldes im Automobilbereich habe ich mit meiner Werkstatt Optionen.

Woher kommt diese Begeisterung für Autos?

Es hat in München in meiner Zeit bei den Sechzigern begonnen. Als wir uns im Jahr 2000 für den UEFA-Cup qualifiziert haben, habe ich mir von der Prämie einen Z3 M-Roadster gekauft, den ich noch immer besitze. Mit Freunden, die auch BMW-Besitzer waren, haben wir immer Ausfahrten gemacht. Bald entstand eine richtige Leidenschaft und mittlerweile besitze ich mehrere Autos, darunter einige Sondermodelle. Natürlich sucht man als Besitzer solcher Autos eine Werkstatt seines Vertrauens -ich hatte aber bei allen das Gefühl, ich könne etwas besser machen. Als ich dann meinen Aston Martin DBS von Österreich hier an den Niederrhein brachte, habe ich in Düsseldorf meinen heutigen Kollegen kennengelernt. Er war selbst BMW-Rennteam-Fahrer, teilt meine Leidenschaft für Autos und nach einem gemeinsamen Projekt wollten wir was starten.

Schraubst du selbst auch?

In den Sommerpausen immer wieder. Zuletzt habe ich meinen M5 E39, Baujahr 1998, unter Anleitung eines Kfz-Meisters komplett zerlegt. Ich habe selbst aber keine KfZ-Lehre gemacht, sondern setze auf Learning by Doing.

Sieht du generell deine Zukunft in Deutschland?

Man weiß nie, was kommt, aber vorübergehend ja. Ich will meine Kinder nicht die ganze Zeit aus der Schule nehmen und umziehen. Wir fühlen uns alle sehr wohl hier.

Du hast keine Minute in einer österreichischen Profiliga gespielt. Gab’s nie ein Angebot?

Doch, mit Rapid und Red Bull Salzburg gab es Gespräche, aber es war nicht so überzeugend und ich habe mich für Gladbach entschieden.

Mittlerweile hast du länger im Ausland gelebt als in Österreich. Fühlst du dich überhaupt noch als Österreicher?

Ja, ich bin auch immer wieder gern zu Hause, aber ich bin auch sehr gern in Deutschland. Und ich glaube, dass ich, wenn ich auf meine Karriere zurückblicke, Österreich im Ausland immer gut vertreten hab.

PASSPORT: Martin Stranzl

Geboren am 16. Juni 1980 in Güssing

Größe/Gewicht: 1,90 m/83 kg

Familienstand: verheiratet mit Elke, die er als Tattoo stets bei sich trägt; 2 Kinder (Elias & Hannah)

Position: Innenverteidiger

Stationen: TSV 1860 München (1997–2004), VfB Stuttgart (2004–2006), Spartak Moskau (2006–2010), Borussia Mönchengladbach (2011–2016) Nationalteam 56 Spiele/3 Tore (Debüt am 29. März 2000 in Graz beim 1:1 gegen Schweden)

Größter Erfolg: Teilnahme an der EURO 2008

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