Die ganze Story // Markus Rogan: Ein Tauchgang in die Welt von Michael Phelps

Zum „Greatest of All Times“ fehlt ihm nicht nur politisches Schwergewicht. Der erfolgreichste Olympia-Sportler aller Zeiten ist Michael Phelps aber mit astronomischem Abstand. Ein Tauchgang in die Persönlichkeit des 18-fachen Goldfischs mit Pool-Pensionist Markus Rogan.

//Text: Bob Mayr
//Foto: (C) GEPA Pictures

Michael Phelps heißt mit Mittelnamen Fred, wie sein Vater, der sich scheiden ließ, als der Youngster gerade einmal neun war. Jahrzehntelang war ihr Verhältnis getrübt wie das Wasser in einem Schwimmteich mit Algenteppich. Doch in der schwierigsten Lebensphase seines Sohnes taucht Fred, ein ehemaliger Polizist, wieder auf. Es ist Ende Oktober 2014, Michael befindet sich 45 Tage in der Entzugsklinik „The Meadows“ in Wickenburg, Arizona.

Einen Monat davor war Olympias größter Sohn nach einem Besuch im Horseshoe Casino von Baltimore mit 1,4 Promille im Blut und 84 statt der erlaubten 45 Meilen pro Stunde (134 statt 72 km/h) durch einen Tunnel gerast. Die folgende Nacht im Gefängnis hinterließ tiefe Spuren. „Ich war an einem wirklich dunklen Ort“, gesteht Phelps ein gutes Jahr später gegenüber Sports Illustrated. „Ich wollte nicht mehr am Leben sein.“

Doch der persönliche und gesellschaftliche Knock-out kam goldrichtig. Die Rollwende im Leben gelingt, vorläufiger Höhepunkt ist der 29. Juni 2016: Michael Phelps schafft über 200 m Delphin die Qualifikation für seine fünften Olympischen Spiele. In den Tagen darauf sichert er sich auch Startplätze über 100 m Delphin und 200 m Lagen – und kann den Rekord von 18-mal Gold sowie je 2-mal Silber und Bronze ausbauen. „Wenn er sein Programm nicht überfüllt, kann er zwei Staffelund drei Einzel-Goldene holen“, schätzt Markus Rogan, der wie Phelps bei der WM 2001 im japanischen Fukuoka seine erste Medaille erschwommen hat. „Macht er den Fehler und probiert zu viele Bewerbe, wird ihm das organisatorische Chaos in Rio die Regenerationszeiten zu sehr reduzieren und er wird weniger gewinnen“.

,,Ich war an einem wirklich dunklen Ort”

Michael Phelps

„Hoppla, beschreibe ich mich grad selbst?“

Aber wie gelingt es Phelps, dass er mit seinen 31 noch immer absolute Weltspitze ist? „In den vergangenen Jahren hat er angefangen, ernsthaft nachzudenken und sein Talent wirklich zu schätzen“, analysiert Rogan. „Früher war er ziemlich anstrengend. Inzwischen ist er ein echt angenehmer Typ, der gelernt hat, sich selbst zu spüren“ (Zusatz von Rogan, der Phelps Anfang des Jahres persönlich getroffen hat: „Hoppla, beschreibe ich mich grad selbst?“).

Generell betrachtet der Wahlkalifornier Rogan das Comeback des Außerirdischen ganz nüchtern: „Was soll er sonst tun? Es ist eine sehr gute Strategie, um zu beweisen, dass er seine Sobriety, also Alkoholabstinenz, ernst nimmt.“ Denn eines dürfe man in den Staaten nie vergessen: „Vielleicht bin ich da schon zu sehr Amerikaner, aber ich wüsste nicht, wie man eine wiederholte Alkofahrt mit beinahe dem Doppelten der erlaubten Geschwindigkeit unterinterpretieren könnte.“ Bereits mit 19 hatte Phelps wegen Trunkenheit am Steuer 18 Monate auf Bewährung ausgefasst. Dass er 2009 auch beim Bong-Rauchen fotografiert wurde, sieht Rogan nicht so tragisch: „A bissal Gras rauchen schadet aber ned, würd ich sagen.“

In Summe hat sich die Achterbahnkarriere von Phelps zur veritablen Heldenstory gemausert, wie Rogan bestätigt: „Sein Comeback, sein reflektierter Umgang mit seiner Alkoholsucht und diese neue Under-Armour-Werbung haben ihn in eine höhere Sphäre gebracht, nicht auf eine Ebene mit LeBron James, aber durchaus auf die von Kyrie Irving oder Kevin Love“(die beiden Letzteren sind Teamkollegen des NBA-Stars bei den Cleveland Cavaliers.)

Under Armour – 2015 mit 3,7 Milliarden Dollar Umsatz zur weltweiten Nummer drei hinter Nike und Adidas aufgestiegen – ist ein Langzeitsponsor von Phelps. Im Gänsehaut-Spot „Rule Yourself“ („Bestimme über dich selbst“) ist der Ausnahmeathlet mit Vollbart in verschiedenen Settings zu sehen: beim Schwimmen in einer spärlich beleuchteten Halle, bei Hardcore-Work-outs, beim Moxen (Erwärmen bestimmter Akupunkturpunkte mit Sauggläsern), beim ausgiebigen Lunch. Im Hintergrund läuft „The Last Goodbye“ von The Kills und am Ende steht der Satz: „It’s what you do in the dark, that puts you in the light“ („Was du im Dunkeln tust, bringt dich ins Licht“).

Bei der ersten Präsentation – Phelps und seine Verlobte Nicole Johnson wussten nicht, dass sie den Spot sehen würden – kullerten den beiden dann Tränen runter. Dieses Video gibt’s natürlich auf YouTube. Wobei: Der größte Social-Media-Star der Familie ist inzwischen der gemeinsame Sohn Boomer, der am 5. Mai 2016 auf die Welt kam.

Schon sieben Wochen später war er bei den Olympia-Trials mit Mama Nicole und #teamdaddy-Trikot auf den Zuschauerrängen: „#Teamdaddy all day err day!! We LOVE you @m_phelps00 and we’re cheering super loud for you!!“, betitelte die stolze Mutter das gepostete Instagram-Foto.

Bereits vor den Trials hatte Michael vor Journalisten mit strahlendem Gesicht aus dem Nähkästchen geplaudert: „Vater zu sein ist großartig. Es ist immer noch irre, wenn ich ihn halte oder auf der Couch liege. Es ist einfach fantastisch, eine neue Person in dieser Welt willkommen zu heißen. Ich kann seine Schreie unterscheiden: ob Windelwechseln ansteht oder er Mummy braucht. Es ist eine wirklich lustige und aufregende Reise.“

Michaels eigene Kindheit war von – um es in einem Wort zu sagen -„Unruhe“ geprägt. Im Kindergarten konnte er kaum sitzen, in der Schule wurde es immer schlimmer. Diagnose mit neun: ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. Michael bekommt Ritalin, mit elf Jahren will er nicht mehr, es ist zu beschämend, vor der Klasse von der Schulschwester zur Einnahme aufgefordert zu werden. Nicht die einzige Zurückweisung, wie Mutter Debbie die „New York Times“ wissen ließ. Einmal hat eine Lehrerin zu ihr gesagt: „Ihr Sohn wird nie fähig sein, sich auf irgendetwas zu fokussieren.“ Doch der hochgeschossene Bursch mit den viel zu langen Armen hat damals schon im Schwimmen sein Ventil gefunden. Er setzt unter ärztlicher Begleitung das Medikament ab. Vier Jahre später startet er mit 15 bei den Spielen 2000 in Sydney und wird Fünfter über 200 m Delphin.

,,Sein Auftreten erinnert mich daran, wie man sich fühlt, wenn man noch ein letztes Mal Sex hat, bevor man auseinandergeht”

Markus Rogan

Auch Markus Rogan erinnert sich an diese Ausnahmeerscheinung: „Diese Obsession, dieses Wassergefühl, diese Abwesenheit von jeglichen ernsthaften Interessen abseits des Wassers.“ Und das Herausragende an seinem Stil? „Diese verzweifelte, elegante Explosivität. Sein Auftreten erinnert mich daran, wie man sich fühlt, wenn man noch ein letztes Mal Sex hat, bevor man auseinandergeht – und irgendwie hofft, ein guter Fick könnte die Beziehung doch noch retten“, so Österreichs Doppel-Silbener von Athen 2004 ganz unzweideutig.

Auch in der Beziehung zu Michaels Langzeit-Coach Bob Bowman erkennt Rogan, der Ende 2014 den Master der klinischen Psychologie an der Antioch University von Los Angeles abgeschlossen hat, konkrete Muster: „Bob ist ein spannender Typ. Es spielt zwischen ihm und Michael eine platonische, homoerotische Dynamik mit, so wie ein alter griechischer Feldherr einen jungen Modellsoldaten in die Gesellschaft einführt. Ich denke, diese Dynamik existiert oft zwischen Trainern und Athleten, wird aber meist tabuisiert.“

Dass sich das Trainer-Sportler-Verhältnis mittlerweile auf Augenhöhe befindet, zeigen zwei sehr kurzweilige Pressekonferenzen bei den US-Trials (siehe Video). Während Phelps rund 90 Prozent der gut 45 Minuten frisch von der Leber weg plaudert, sitzt Bowman daneben, spielt mit den Daumen, nickt zuweilen väterlich und lässt nur selten einen Zwischenkommentar los. Die beiden scherzen über Michaels Form und „Geheimnisse“. Es wirkt herzlich und entspannt, ob Namenssuche für Sohn Boomer (Zweitname ist Robert), ob seine zwei Begegnungen mit Muhammad Ali („Ein Privileg“) oder die Doping-Frage. Zu Letzterer äußert sich Phelps so: „Die einzige Person, die mir wirklich am Herzen liegt, bin ich selbst. Was jeder andere tut, ist seine eigene Wahl. Aber ja, ich möchte daran glauben, dass wir uns in einem sauberen Sport messen. Nur kann ich nicht sagen, ob jeder, gegen den wir antreten, clean ist.“

Phelps: Vater und Sohn? Es ist kompliziert

Auch in der Beziehung zum richtigen Vater ist das Eis längst gebrochen, wie Michael Phelps Sports Illustrated im November 2015 beichtete: „Ich fühlte mich verlassen. Ich habe eine fantastische Mutter und zwei fantastische Schwestern, aber ich wollte auch einen Vater in meinem Leben haben, und das trage ich seit zwanzig Jahren mit mir herum. Das ist eine lange Zeit. Das macht etwas mit dir, besonders als Kind.“

Gerade durch den Besuch des Vaters in der Entzugsklinik hat sich zwischen Fred junior und senior etwas gelöst, wie der jüngere bestätigt: „Ist meine Familie perfekt? Weit weg davon. Meine Eltern hatten ihre Themen, weswegen sie sich für die Trennung entschieden haben. Es war nicht ideal. Es war nicht leicht, aber das, wo wir als Kinder durch mussten, hat uns stärker gemacht. Und jetzt reden mein Vater und ich miteinander. Es ist nichts Fixes. Man fixiert so etwas nicht, aber es ist besser.“ Und Vater Fred hat ebenso etwas gewonnen -was mindestens wie olympisches Gold wiegt: „Ich habe ein besseres Gespür dafür, wer Michael ist. Und ich denke, er weiß jetzt, dass ich kein Ungeheuer bin.“

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