Marcel Koller im Interview: „Ich bin doch kein Mimöschen“

Marcel Koller im ersten Interview nach seinem Teamchef-Aus: wie er die Posse um seine Absetzung erlebte, welchen Rat er der Mannschaft gibt, worüber er sich gefreut und geärgert hat. Und: was bei der EURO wirklich passiert ist.

// text: Markus Geisler // foto: GEPA

So gelöst hat man Marcel Koller sonst nie erlebt. Fünfzehn Minuten vor der verabredeten Zeit wartet der Schweizer schon im Loft des Sofitel und lässt den Blick über Wien schweifen. „Die Menschen hier werden mir schon fehlen“, sagt er und erzählt, wie sich unten gerade ein Jogger für die gute Arbeit bei ihm bedankt hat. In wenigen Tagen gibt er sein Auto und seinen Dienstlaptop beim ÖFB ab, Ende Jänner ist Wohnungsübergabe, dann wird sein Lebensmittelpunkt (zumindest vorerst) wieder in Zürich liegen. In den kommenden zwei Stunden gibt der 57-Jährige tiefe Einblicke in sein Seelenleben als ÖFB-Teamchef und lässt die „sechs wunderbaren Jahre“ noch einmal Revue passieren.

Sportmagazin: Herr Koller, wo haben Sie das Uruguay-Spiel verfolgt?

Marcel Koller: Hier in Wien, vor dem Fernseher.

Sportmagazin: Mit welchen Emotionen?

Koller: Klar ist es komisch. Ich hatte zu dem Zeitpunkt aber schon abgeschlossen, es waren ja ein paar Wochen Zeit,um das Ganze zu verarbeiten. Und trotzdem schaut man: Was ist anders? Wie präsentiert sich die Mannschaft? Ich weiß ja, wie schwer es ist, ein Team in nur einer Woche vorzubereiten. Und wie wichtig es ist, mit einem Sieg zu starten. Vom Verlauf her hätte man das Match ja auch verlieren können.

Sportmagazin: Viele haben sich gefragt, warum Sie in diesem Rahmen nicht offiziell verabschiedet wurden.

Koller: Ich habe gehört, dass es angedacht wurde, es gab aber keine offizielle Anfrage. Ich hätte es auch nicht gewollt. Es ist ein Neubeginn mit neuem Trainer, da muss der alte nicht auf dem Platz ­stehen.

Sportmagazin: Ihr Abschied von Fans und Spielern verlief ungewöhnlich harmonisch. Es gab nie „Koller raus!“-Rufe, Ihre Umfragewerte waren immer gut, das Team hat sich klar für Sie ausgesprochen. Warum ist Ihnen hier etwas gelungen, was in Bochum oder Köln nicht geklappt hat?

Koller: Ich muss da meinem Berater danken. Zu meiner Zeit in Köln oder Bochum war Social Media erst im Kommen und ich dachte: Das brauche ich nicht! Aber wenn die Leute nur ab und zu ein Interview von dir lesen oder hören, ist das zu wenig. Gerade bei jungen Menschen geht heute alles über das Handy. Es gab ja auch kritische Stimmen, Facebook-Trainer und so, aber ich finde, es hat funktioniert, die Leute haben einen Eindruck von meinem Arbeitsalltag bekommen.

Sportmagazin: Haben Sie selbst gepostet oder posten lassen? Und haben Sie auch die Reaktionen der User verfolgt?

Koller: Ich habe die Fotos gemacht und an die Agentur geschickt, dann haben wir abgesprochen, was sie dazu schreiben. Und klar habe ich die Reaktionen aufgenommen. Wenn ich einen Kader bekannt gegeben habe, gab es acht Millionen Teamchefs mit teils anderer Meinung, aber keiner der acht Millionen hat sich so damit aus­einandergesetzt wie ich.

Sportmagazin: So harmonisch der Abgang auf der einen Seite war, so bitter waren die Begleitumstände mit dem ÖFB. Marc Janko sprach in diesem Zusammenhang von „beschämend“, andere nannten es „unwürdig“.

Koller: Ich bin nicht neu in dem Geschäft und habe schon wenig harmonische Abschiede erlebt. Für mich war es okay, auch wenn es ein bisschen Geschrei gab, ja. Ich habe vorgängig mit dem Präsidenten gesprochen. Wir haben gesagt: Es wäre gut, wenn wir das Thema nach den beiden Länderspielen gegen Serbien und Moldawien angehen, da haben wir genügend Zeit. Im November müssen wir wissen, ob es mit oder ohne Koller weitergeht.

Sportmagazin: So lief es aber nicht.

Koller: Nein. Ich habe Mitte September nach der Präsidiumssitzung von Präsident Leo Windtner einen Anruf bekommen, dass wir nicht zusammen weitermachen. Und das Präsidium wollte es dann gleich rausgeben.

Sportmagazin: Es gab in den Tagen zuvor immer wieder Wortmeldungen von Landesfürsten, die das Ergebnis vorweggenommen haben. Das kann Sie ja nicht kaltgelassen haben.

Koller: Nein, aber ich konnte es auch nicht beeinflussen. Ich bin doch kein Mimöschen. Am Ende geht es immer um Ergebnisse, wenn die nicht passen, musst du als Trainer so etwas einstecken. Ich war sechs Jahre hier, es war eine wunderbare Zeit. Wenn man weiß, dass ein Trainer in der deutschen Bundesliga im Schnitt eineinhalb Jahre im Amt ist, finde ich das schon bemerkenswert.

Wie Marcel Koller die Posse um Willi Ruttensteiner sieht, warum er die Alaba-Frage schon immer wie Franco Foda sah und nervige Diskussionen während seiner Amtszeit. Das ganze Interview lesen Sie im neuen Sportmagazin. Erhältlich im Zeitschriftenhandel und als Beilage der Presse am Sonntag bzw. via www.magazin-abo.com.