Marcel Hirscher: Der Podestmarsch

Anfang März 2008 durfte er als Slalom-Dritter von Kranjska Gora erstmals aufs Stockerl. Was danach folgte, ist bekannt. Frisch vom Knöchelbruch ­genesen, lieferte Marcel Hirscher zuletzt aber einen Erfolgslauf neuer ­Dimension – und wirkte dabei wie ein Update seiner selbst. Was das fürs erste Olympiagold bringen könnte, wird in diesem Kommentar genauso ­erklärt wie was Federer und Nadal damit zu tun haben.

// text:  fritz hutter // foto: GEPA-Pictures.com //

Beaver Creek, am 3. Dezember 2017: Nach Rang drei im ersten Lauf des Auftaktriesenslaloms schnallt Marcel Hirscher Skier an, die davor nur beim Frei­fahren, aber nie in Zeitläufen zum Einsatz gekommen waren. Drei Wochen nach seinem Verletzungscomeback beim Slalom im finnischen Levi paniert er damit die Konkurrenz bzw. Henrik Kristoffersen um 88 Hundertstelsekunden. Eine Aktion mit Symbolcharakter. Schon weil Improvisation vom Team um den nun 28-Jährigen nie als zwingende Priorität kommuniziert wurde. In einem Interview 2015 erklärte uns Hirscher mit der spürbar beseelten Ernsthaftigkeit des ultimativen Skibotschafters die detailversessene Materialtüftelei. Sehr gern spreche er darüber, „um den Leuten unseren Sport näherzubringen“ und klarzumachen, „dass ich einfach beim zehnten Tor draußen liege, wenn ich die falsche Präparation wähle“.

Allzu intensiv wundern muss man sich über den goldenen Ski-Griff aber wahrscheinlich nicht. Auch in Beaver Creek hatte Marcel Hirscher nämlich nur Arbeitsgerät im ­Talon, das unter akribischer Aufsicht von Vater Ferdinand und Servicemann Thomas Graggaber aus über 100 Paaren gecastet und für grundsätzlich passend erklärt worden war. Nach dieser Vorselektion testet man im Allgemeinen dann für eine Saison fünf Paar Rennskier pro Disziplin heraus. Beim vorgelagerten Schneetraining und bei den kompakten Materialtests eben in den USA – durch den Bruch des linken Außenknöchels Ende August kam man für den laufenden Olympiawinter ja speziell in Sachen Riesenslalomskier zu alarmierend wenigen – werden einige mehr an Bord gewesen sein, aber eher kein völlig abwegiges. Insgesamt wirkt die Aktion auf mich deshalb nicht wie der glückliche Ausgang einer Lotterie, sondern wie eine üppige Frucht einer möglicher­weise epochalen Erntezeit. Fast elf Jahre nach dem Weltcupdebüt beim Finale 2007 und zehn nach dem ersten Stockerlplatz scheint Marcel Hirscher nach seiner Verletzung intensiv wie nie aus dem exklusiven Erfahrungsschatz eines Rekord-Gesamtweltcupsiegers und dessen handverlesenen Umfelds zu schöpfen.

Daten, die wirken. Beim Material. In der Reha, weil der seit einem Kahnbeinbruch im Winter 2011 praktisch permanent verletzungsfreie Hirscher selbst und alle Zuständigen die Schmerzgrenze eindeutig genau genug kennen, um sie beispielsweise mit einem zwecks elektrischer Muskelstimulanz auf­geschnittenen Gipshaxen als Zusatzgewicht neuerlich weiter nach oben schieben zu können. Später, bei Schneetrainings mit dem ÖSV-Team, verstand der sechsfache Weltmeister das mittlerweile erstklassige Niveau von Sparringpartnern wie Manuel Feller oder Michael Matt sowie zeitweilige Rückstände von zwei Sekunden als ideale Gradmesser denn als Majestätsbeleidigung.

Wissende Routine mag auch bei der Planung jenes Renncomebacks assistiert haben, welchem die Absage des terminlich ohnehin immer eher speziellen Weltcupauftakts Ende Oktober in Sölden möglicherweise ein wenig die mentale Brisanz genommen hat. Nach dem physisch sichtlich noch einiger­maßen schmerzhaften Wiedereinstieg beim Slalom-Auftakt in Levi waren die zu hetzenden Weltcup- und Olympiafavoriten jedenfalls erstmals seit Jahren andere. Der finale Platz 17 in Finnland lenkte die Aufmerksamkeit auf Herren wie Henrik Kristoffersen, Hirschers Zwischenrang drei wiederum versprach trotzdem genug, um sich im Zielraum auf dem richtigen Weg zu wähnen: „Die Watsch’n vom zweiten tut auch gut, das heißt Motivation und volle Kraft nach vorne.“

Was danach folgte, ist bekannt. Nach Beaver Creek ließ Marcel Hirscher, den wir vom Sportmagazin im Herbst 2008 hinter Tischtennisspieler Robert Gardos und der damaligen Kletterweltcup-Siegerin Johanna Ernst nur auf Platz 3 der vielversprechendsten Sporttalente im Land reihten, seinen legendären Podestmarsch folgen: zehn Rennen mit sieben Siegen, zwei dritten Plätzen, dazwischen der fünfte Rang beim City-Event in Oslo. Auffällig: Wurscht, ob in Val-d’Isère, Alta Badia, Madonna, Zagreb oder Adelboden, Österreichs mittlerweile vierfacher „Sportler des Jahres“ flimmert im Nachsatz relaxt in die Wohnzimmer wie sonst nur nach den Rennen in Kranjska Gora, wo er Anfang März alljährlich schon beinahe traditionell den Gesamtweltcup eintütet. Sogar die früher überschaubar freudig entgegengenommene, häufig vorweihnachtlich früh gestellte erste Frage nach der möglichen Titelverteidigung im Gesamtweltcup steckte er statt mit streng ­gespannter Kiefermuskulatur freundlich lächelnd weg. Und das nicht resigniert, sondern einfach milde …

Von der zuletzt so offen und strahlenden Auges gezeigten Freude über hauchdünne genau wie über deutlichere Siege weiter ge­lockert, bringt das Hirscher-Mundwerk heute zudem in immer kürzer werdender Schlagzahl sehr Unterhalt­sames zutage. Zur Erklärung von Befindlichkeiten, engen Rennsituationen oder Erfolgsfaktoren kombiniert der zu Redaktionsschluss nach Wengen 53-fache Weltcupsieger lässig mit witzigen Kreationen wie „Des woa net the Yellow from the Egg“, mit sprachlich messerscharfer Analyse und si­tuativ dosierter Selbstironie, z. B. nach Beinaheausfällen: „Ich bin so ein Wappler.“

Dass der Schmäh mittlerweile selbst zwischen zwei Renndurchgängen rennen kann, ließ ihn zuletzt ganz tief drinnen in der Komfortzone vermuten. Die renommierte Sportpsychologin Judith Draxler-Hutter teilt diese Einschätzung: „Es sieht aus, als würden diese Ziel­rauminterviews heute in keiner Weise seine sicher straff optimierte Pause zwischen den Durchgängen stören. Für mich ein Zeichen dafür, jeman­dem zuzusehen, der sicher ist, alles im Griff zu haben.“ Kann also gut sein, dass Marcel Hirscher jüngst des Öfteren im grad von Spitzensportlern so herbeigesehnten Flow agierte. Selbst wenn trotz des eben ­gelieferten Triumphzuges die bisher punktereichste Hirscher-Saison, der Winter 2015/16 (insgesamt 1795 Zähler, 8 Siege, 11 weitere Stockerlplätze), wegen ausgelassener Super-Gs und Kombis sowie des durch Olympia leicht gekappten Renn­kalenders kaum zu toppen ist, blinkten nach 12 Rennen mit 979 Punkten um 170 mehr auf dem FIS-Konto als zum ­selben Zeitpunkt damals.

Aber natürlich ist mit vollen Hosen gut stinken. Obwohl immer wieder irgendwie verstörend, beschreibt diese Redewendung die Befindlichkeit des Weltklasseathleten wahrscheinlich korrekt. Trotzdem werde ich den Eindruck nicht los, dass Marcel Hirscher selbst mit Niederlagen gut könnte – weil ihm mehr passiert ist als ein sportlicher Lauf. Kann gut sein, dass 2017/18 das Resultat einer finalisierten Adoleszenz präsentiert. Dessen Vorbote wünschte sich für seine media­le Darstellung bereits vor gut drei Jahren lebensechte Natürlichkeit statt künstlerisch überzeichnetem Helden-Style wie bei den aufsehen­erregenden Sportmagazin-Shootings 2013 oder 2014. Lieber ließ er sich fürderhin ohne gepuderte Nase und in Leiberln aus dem eigenen Schrank statt ganz oben ohne zeigen. Dazu eröffnete er in ausführlichen Interviews immer öfter mehr als seinen Zustand zum so geliebten Rennfahren. Auch Themen wie die Flüchtlingsfrage, Geld, Partnerschaft oder menschliche Alltagsprobleme wurden reflektiert.

Der Mensch Hirscher dürfte also die gleichnamige „Maschine“, wie ihn Felix Neureuther neulich nannte, überholt haben. Scheinbar die ideale Voraussetzung, einen unvorhersehbaren Störfall zur Chance zu machen, den durch Jahre der Unantastbarkeit geschürten Erwartungsdruck von außen abzuschütteln und mit glasklarem Fokus die ursprüngliche Essenz des Sports zu keltern: die Freude am Tun. Mich jedenfalls erinnert das spektakuläre Comeback des immer noch jungen Herrn Hirscher an die Rückkehr der Tennis-­Titanen Roger Federer und Rafael Nadal, die 2017 nach intelligent, weil völlig selbstbestimmt genutzten Verletzungs­pausen alles gewonnen haben, was es zu gewinnen gab.

Und tatsächlich halte auch ich es für wahrscheinlich, dass der vor vier Jahren Versilberte bei den kommenden Winterspielen seinen ganz persönlichen „Grand Slam“ komplettiert und beim dritten Olympiaantreten auch noch erstmals Einzelgold einfährt. Weil er deutlicher denn je den Eindruck hinterlässt, zu können statt zu müssen. Weil er ungewohnte Pistenverhältnisse oder unorthodoxe Kurssetzungen seit Sotschi 2014 nicht mehr als hinderliche Ärgernisse darstellt, sondern oft genug als geile Gelegenheit, sich neuerlich selbst zu verblüffen. Und weil für Marcel Hirscher anscheinend jetzt nicht einmal mehr ein Beinbruch ein Beinbruch ist …