Marc Janko: Ein demütiger Vollstrecker und sein England-Traum

Mit seinen 32 Jahren ist Österreichs Topscorer Marc Janko der Oldie im Team von Marcel Koller. Was er bei der EM in Frankreich erreichen will, wie ihn sein Körper vor Kritik schützen wollte und wie seine Karriere weitergehen soll, verrät er beim Treffen mit dem SPORTMAGAZIN.

//Text: Hannes Kropik
//Titelbild: (C) Thomas Stöckli

Wir sind noch nicht Europameister“, sagt Marc Janko im Gespräch mit dem Sportmagazin Ende April im Basler St. Jakob-Park, „selbst wenn sich das einige Menschen offenbar schon zusammenfantasieren.“ Ein wenig Demut, erklärt der mit sieben Quali-Toren erfolgreichste ÖFB-Striker, der überhaupt als einziger Spieler in all seinen Auswärtsspielen netzen konnte, könne wenige Wochen vor Beginn der EM in Frankreich nicht schaden: „Natürlich sind wir Leistungssportler und unser erklärtes Ziel ist es, die Vorrunde zu überstehen, wir trauen uns auch zu, für Furore zu sorgen, aber wir sind noch keine wirkliche Top-Nation!“ Die größte Herausforderung wird sein, binnen neun Tagen drei Spiele mit Finalcharakter zu bestreiten, während die zehn Begegnungen in der Qualifikation über einen Zeitraum von dreizehn Monaten verteilt waren. „Einige von uns kennen diese Situation bereits und der Rest hat ebenfalls die nötige Reife, mit diesem Druck umzugehen.“ Dennoch wird Janko nicht müde, vor zu großen Erwartungen zu warnen: „Die Fans sind stolz auf diese Mannschaft. Wir wollen nicht, dass alles zusammenbricht und wir wieder bei null beginnen müssen, sollten wir die Vorrunde nicht überstehen.“

Der Faserriss im linken Oberschenkel, den sich der Basel-Stürmer Anfang April gegen den FC Zürich zugezogen hatte, könnte sich möglicherweise als Glücksfall erweisen: „Es gibt keinen guten Zeitpunkt für eine Verletzung, aber wenn man es positiv sehen will, kann man schon davon sprechen, dass ich zum richtigen Zeitpunkt noch einmal die Akkus aufladen und mich regenerieren konnte. Wenn du viele Spiele in den Beinen hast, passieren gegen Saisonende zwangsläufig immer wieder Muskelverletzungen. Ich denke, dass ich jetzt dagegen gefeit sein sollte und frisch zur Europameisterschaft fahren werde.“

Mit der verpassten EURO 2008 hat der Team-Oldie längst abgeschlossen: „Ich verstehe, dass dieses Thema für die Medien speziell jetzt nach der gelungenen Qualifikation ein gefundenes Fressen ist, aber ich war und bin Josef Hickersberger nicht böse, ich kann seine Entscheidung nachvollziehen.“ Nach seiner langwierigen Knöchel- und Schienbeinverletzung wäre er zwar wieder fit gewesen, allerdings nicht auf dem Zenit seiner Leistungsfähigkeit gestanden: „Ich hätte der Mannschaft vielleicht in der einen oder anderen Situation helfen können, doch der Teamchef hatte sicher nicht unrecht, mich nicht zu nominieren.“

Im Nationalteam debütierte der gebürtige Wiener vor zehn Jahren, bei der freundschaftlichen 1:4-Heimpleite gegen Kroatien im Mai 2006 stand neben Wechselspieler Christian Fuchs (der an diesem Tag ebenfalls erstmals den Teamdress trug) kein weiterer Frankreich-Starter im Kader von Teamchef Hickersberger. Dass Marc bisher „nur“ auf 52 Einsätze kam, während der um drei Jahre jüngere Kapitän und frisch gebackene englische Meister Fuchs im gleichen Zeitraum 74-mal für Österreich auflief, ist nicht zuletzt einer Serie von Verletzungen während der Qualifikation für die EM 2012 unter Teamchef Didi Constantini geschuldet, für die Janko heute eine überraschende Erklärung findet: „An Motivation hat es mir nie gefehlt; es war immer eine große Ehre, für Österreich spielen zu dürfen. Doch diese Zeit im Team war nicht besonders sexy für mich. Ich hatte das Gefühl, dass ich ohnehin immer nur kritisiert werde. Dann hieß es: Ach, der Janko schon wieder mit seinen Adduktoren! Aber ich kann versichern: Ich habe nicht simuliert. Mit dem nötigen Abstand kann ich nicht ausschließen, dass diese Verletzungen psychosomatische Ursachen hatten. Es hat ein unglaublicher Druck auf mir gelastet und ich denke, dass mich mein Körper in Schutz genommen hat. Vielleicht hatten meine Verletzungen mit der ganzen Stimmung im und um das Team zu tun.“

Der Weg nach Frankreich war Jankos vierter Qualifikationszyklus. Sein erstes Quali-Spiel überhaupt endete mit einer handfesten Sensation: Unter Karel Brückner besiegte die ÖFB-Elf wenige Wochen nach der EM-Pleite den großen Favoriten Frankreich mit 3: 1. Torschütze zum 1: 0 nach acht Minuten: Marc Janko. Doch nach einer Niederlage in Litauen, einem Unentschieden auf den Färöer und einer Heimniederlage gegen Serbien war der Traum von der WM 2010 im Handumdrehen geplatzt: „Ich werde nicht mit dem Finger auf andere Leute zeigen und ihnen die Schuld geben, dass wir die Qualifikation damals nicht geschafft haben. Wir im Verbund – und da gehören alle Spieler und Betreuer dazu – haben unser Potenzial nicht vollständig umgesetzt.“

Der Stamm von Koller

Als entscheidend für den aktuellen Erfolg sieht der Mann, der traditionell mit der Rückennummer 21 aufläuft, die Kontinuität unter Marcel Koller, der im November 2011 die Nachfolge von Interimscoach Willi Ruttensteiner angetreten (und seinen Vertrag mittlerweile bis zur WM 2018 verlängert) hat: „In den Jahren davor hatten wir eine irrsinnig hohe Fluktuation. Ohne es despektierlich zu meinen: Früher hat es gereicht, in der heimischen Liga dreiviermal aufzuzeigen und schon warst du im Team. Aber Erfolg bedarf einer Konstanz, vor allem in einem Land wie Österreich, wo du nicht so wie anderswo mit Weltklassespielern gesegnet bist.“ Marcel Koller hatte seinen Stamm schon zu Beginn der EM-Qualifikation gefunden; gegenüber dem Auftaktmatch gegen Schweden gab es im entscheidenden Retourspiel ein Jahr später mit Prödl statt Hinteregger nur eine Änderung in der Startformation. „Beim Team“, analysiert Janko, „triffst du dich alle fünf oder sechs Wochen. Wenn du jedes Mal neue Spieler neben dir auf dem Platz stehen hast, fehlen dir gewisse Automatismen im taktischen Konzept. Natürlich kann jeder, der einberufen wird, richtig Fußball spielen, aber über Erfolg oder Misserfolg entscheiden oft Kleinigkeiten. Wenn auf höchstem Niveau ein paar Details nicht hundertprozentig stimmen, wenn nicht alle Zahnrädchen perfekt ineinandergreifen, dann hakt das ganze Werkl.“

(C) GEPA Pictures

Noch wichtiger als die Konstanz ist das Vertrauen, das in der Ära Koller im Team eingezogen ist. Bevor Janko ein Loblied auf den aktuellen Bundestrainer anstimmt („Sollte er mich nicht für die EURO nominieren, würde ich kein Wort der Kritik an ihm üben“), möchte er noch das Bild zurechtrücken, das früher von ihm gezeichnet wurde: „Am Anfang meiner Karriere hat es geheißen, dass ich Nestwärme brauche und gehätschelt werden muss, aber ich denke, ich bin in diesem Punkt nicht anders als andere Menschen auch: Wenn du dich in der Arbeit wohlfühlst, bringst du eine bessere Leistung. Ich bin ein sehr pflegeleichter Kaderspieler und benötige keine außergewöhnliche Behandlung, um als Sportler zu funktionieren. Es muss allerdings ein gewisses Level an Respekt herrschen. Ist diese zwischenmenschliche Komponente nicht gegeben, dann tue ich mir einfach schwer.“

Das entscheidende Telefonat

An Marcel Koller beeindruckt ihn das bedingungslose Festhalten an Leistungsträgern, denen der Teamchef einmal sein Vertrauen ausgesprochen hat: „Es gab aus meiner Sicht ein ganz wichtiges Telefonat: Ich habe ihn aus der Türkei angerufen, um ihm zu erklären, warum ich nur im Einzeltraining agieren und nicht mehr für Trabzonspor spielen werde. Ich bin davon ausgegangen, dass er meine Teamkarriere damit zumindest vorläufig beenden wird. Ich wäre mit dieser Entscheidung vollkommen einverstanden gewesen, aber er hat mir genau das Gegenteil versichert, nämlich wie wichtig ich weiterhin bin! Das war eine Initialzündung für mich. Einerseits war ich geschmeichelt, andererseits fand ich es sehr mutig von ihm und wusste, dass ich ihn unter keinen Umständen enttäuschen durfte.“ Marcel Koller hat sich, indem er zu Spielern wie Marko Arnautovic, Robert Almer und Janko gestanden ist, eine große Angriffsfläche eröffnet: „Wäre seine Entscheidung nach hinten losgegangen, wäre er sehr schnell in der Kritik gestanden.“

Was Koller ebenfalls gelungen ist: aus unterschiedlichsten Charakteren eine homogene Truppe zu formen, in der ein Mödlinger Gymnasiast mit einer Gruppe deutlich jüngerer Wiener Käfigkicker eine harmonische Einheit bildet. „Im Leben außerhalb des Fußballplatzes hätten sich Leute wie David Alaba oder Marko Arnautovic und ich nur schwer getroffen, aber wir haben eben diesen gemeinsamen Nenner: unsere Leidenschaft für den Fußball. Und vor allem haben wir mittlerweile ein richtiges Fundament an Respekt füreinander. Je mehr Zeit wir miteinander verbringen, umso mehr schätzt man den anderen so, wie er ist, mit allen Ecken und Kanten, mit allen Stärken und Schwächen. Ich habe sicher auch meine Eigenheiten und die Jungs lassen mich so sein, wie ich bin.“

Mit seiner Karriere auf Klubebene ist Janko, der am 25. Juni (dem Tag der ersten drei EM-Achtelfinalspiele) seinen 33. Geburtstag feiern wird, durchaus zufrieden. Er wurde zum Spieler des Jahres in Österreich und Australien gekürt, zu seiner Sammlung an Meistertiteln in Österreich (2007,2009,2010 mit Red Bull Salzburg) und Portugal (2012 mit dem FC Porto), dem niederländischen Cup- (2011) und Supercupsieg (2010,2011 mit Twente Enschede) sowie der Auszeichnung als Torschützenkönig in Österreich (2009) und Australien (2015 im Dress des Sydney FC) gesellte sich nun in der ersten Saison in der Schweiz der Meistertitel mit dem FC Basel. Medial unterverkauft ist vor allem sein achtmonatiges Gastspiel im Land des EM-Gruppengegners Portugal, wo er 2012 in zwölf Einsätzen fünf Tore erzielte. Zu seinen Kollegen zählten neben Superstar Hulk einige Kapazunder, die heute auf der ganz großen Bühne glänzen, etwa Real-Verteidiger Danilo, die Manchester-City-Innenverteidiger Nicolás Otamendi und Eliaquim Mangala oder Juventus-Verteidiger Alex Sandro. Und ein gewisser James Rodriguez, damals zarte 20 und auf seiner ersten Europastation schon Stammkraft beim portugiesischen Traditionsverein. Er war es auch, der den Assist zu Jankos erstem Ligator gegen União de Leiria gab: „Um ehrlich zu sein: Mir war nicht bewusst, dass James so eine Entwicklung nehmen würde. Man hat natürlich gesehen, dass er eine brutale Qualität auf den Platz bringen kann. Spätestens bei der WM 2014 hat ihn eine unglaubliche Leistungsexplosion binnen wenigen Wochen auf ein ganz neues Level katapultiert.“

,,Ich traue mir schon zu, die nächsten beiden Jahre in England zu spielen”

Marc Janko

Wenn sich der Gewinner des Bronzenen Schuhs 2009 heute Champions-League-Spitzenspiele ansieht und seine ehemaligen Kollegen in tragenden Rollen bewundert, beschleicht ihn keineswegs der Neid: „Ich war Zeit meines Lebens ein bescheidener Mensch. Ich würde mich nie hinstellen und sagen: ‚Wenn Real mich geholt hätte, würde ich dort auch meine Tore schießen.‘ Ich spiele einfach nicht bei Real Madrid. Ich weiß schon, dass ich eine gewisse Qualität habe, aber mit diesen Weltklassespielern vergleiche ich mich nicht.“

Dass sein Wechsel zu Trabzonspor „ein Riesen-, Riesenfehler“(siehe Sportmagazin 3/2015) war, ist Marc im Nachhinein gesehen klar. Dass er den Sprung in eine der europäischen Top-Ligen bisher noch nicht geschafft hat, beschäftigt ihn hingegen wenig bis gar nicht: „Nachdem in der Türkei alles schiefgegangen war, kontaktierten mich die Verantwortlichen von Wigan. Das Angebot war attraktiv, auch wenn der Klub damals in der 2. englischen Liga gespielt hat. Es wäre eine gute Bühne gewesen, um mich wieder zu präsentieren, und ich habe mich immer als Spieler gesehen, der sich in England sehr wohlfühlen würde. Wigan hat die Verhandlungen jedoch im letzten Moment abgebrochen und ich bin daraufhin nach Sydney gewechselt.“ Ganz aus dem Kopf ist ein Engagement auf der Insel aber nicht: „Ich fühle mich sehr wohl in Basel und kann mir auch vorstellen, noch sehr lange hierzubleiben, außerdem habe ja einen Vertrag bis 2017. Und ich bin so realistisch, nicht zu glauben, dass jetzt noch ein englischer Top-Klub anklopft. Andererseits weiß ich, dass im Fußball alles möglich ist und vor allem nach einem Großereignis wie einer Europameisterschaft viel passieren kann.“

WM 2018? Ja, klar!

Entscheidend in der Zukunftsplanung wird sicher sein, dass Janko im Mai erstmals Vater wurde: „Ich traue mir schon zu, die nächsten beiden Jahre in England zu spielen, und wenn die Ambitionen des Klubs passen, würde ich vielleicht auch in die 2. Liga wechseln.“ Sicher ist aber, dass der aktuelle Topscorer seinen Torhunger im Teamdress noch lange nicht gestillt hat: „Als kleiner Junge hätte ich mir nie erträumen können, eines Tages Fußballer zu werden, und bin erst sehr spät Profi geworden. Mittlerweile gehöre ich zu den erfolgreichsten ÖFB-Torschützen aller Zeiten, vom dritten Platz hinter Toni Polster und Hans Krankl trennen mich nur noch drei Treffer – und das, obwohl ich nicht der Elferschütze im Team bin. Ja, die WM 2018 in Russland ist noch ein großes sportliches Ziel für mich. Ich möchte die Schuhe noch lange nicht an den Nagel hängen.“

 

PASSPORT: Marc Janko

Geboren am 25. Juni 1983 in Wien

Wohnt in: Basel

Größe/Gewicht: 196 cm/93 kg

Position: Mittelstürmer (beidbeinig)

Familienstand: verheiratet mit Katharina (seit Juni 2015), eine Tochter (geboren im Mai 2016)

Eltern Mutter: Eva (Olympia-Dritte im Speerwurf 1968), Vater Herbert (ehemaliger Hochspringer, später Konditionstrainer, u.a. bei Rapid)

bisherige Vereine: Admira/Wacker (2003-2005, BL-Debüt Dezember 2004), Red Bull Salzburg (2005-2010), Twente Enschede (2010-2012), FC Porto (2012), Trabzonspor (2012-2014), Sydney FC (2014/15), FC Basel (seit 2015) Nationalteam 52 Spiele, 26 Tore

Größte Erfolge: Österreichischer Meister (2007, 2009, 2010), Portugiesischer Meister (2012), Schweizer Meister (2016), Niederländischer Poklasieger (2011), Niederländischer Supercupsieger (2010, 2011), Portugiesischer Supercupsieger (2012); Torschützenkönig in Österreich (2009) und Australien (2015), Spieler des Jahres in Österreich (2009) und Australien (2015); Bronzener Schuh (2009)

Social Media: facebook.com/marcjanko, instagram/marcjanko, twitter.com/jankomarc

 

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