Magic Moments mit Messi

Lionel Messi feiert demnächst seinen 30. Geburtstag. Wir verneigen uns vor dem göttlichen Kicker und lassen zehn Bewunderer zu Wort kommen, die uns das Wesen dieses genialen Spielers näherbringen. Große Gefühle inklusive.

// Text: Markus Geisler // Foto: imago/AFLOSPORT

Floh, Wachstumsstörung, Serviette – drei an sich unverdächtige Begriffe, bei denen jeder Fußballfan trotzdem sofort weiß: Diese Story kann sich nur um Lionel Messi drehen. Denn kaum jemand hat mit seiner Geschichte die Fußballwelt derart geprägt wie „La Pulga“, der Floh, der erst nicht wachsen konnte, dann einen Barça-Vertrag auf einer Serviette unterschrieb und schließlich doch über sich und seine Sportart hinauswuchs.

Bei nur 1,70 Meter Körper­größe. 30 Jahre wird dieser Messi am 24. Juni und die zweite Halbzeit seines bisherigen Lebens hat er dazu genutzt, unsterblich zu werden. Als Sammler von Rekorden, die als unknackbar galten. Als Magier mit Zaubertricks, die nicht zu entschlüsseln sind. Als Titelhamsterer und Tormonster, mehr als 500 Treffer sind es bereits für den FC Barcelona. Und gäbe es nicht einen gewissen Cristiano Ronaldo, die Erkundigung nach dem besten Kicker der Gegenwart würde den Fragesteller als komplett Ahnungslosen entlarven.

Dass er im Dress der argentinischen Nationalmannschaft seiner eigenen Genialität etwas hinterherhinkt, trifft den Mythos Messi nur als Streifschuss, er wirkt dadurch nur umso spannender. Messi, der Unvollendete, der auch das Drama kennt. Vier zweite Plätze stehen in seiner Vita bei großen Turnieren (dreimal bei der Copa America, einmal bei der WM 2014), diesen Trumpf kann Diego Maradona beim ewigen Vergleich noch immer ausspielen. Aber ein paar Jahre bleiben ja noch Zeit, um auch diese Kerbe in seine Kickstiefel zu ritzen.

Huldigung Zur Huldigung des „Göttlichen“ (© Hans Krankl) baten wir zehn Menschen, die in den verschiedensten Formen einen Berührungspunkt mit Messi hatten oder haben, uns ihre ganz persönliche Sichtweise auf Lionel Andrés Messi Cuccittini zu schildern. Herausgekommen ist ein spannender Mix, der die ganze Komplexität ­eines Genies abbildet, das allerdings nicht unfehlbar ist.

Hans Krankl: Der kleine liebe Gott

Es war meine Erfindung, ihn den „kleinen lieben Gott“ zu nennen, natürlich nur auf Fußball bezogen. Der beste Spieler, den ich je gesehen habe, und bitte, ich habe auch schon Pelé, Maradona, Best oder Beckenbauer bewundert. Meine persönliche Nummer 1 war immer Johan Cruyff, bis es ­Messi gab. Ich hab ihn einmal eine Woche lang jeden Tag im Training beobachtet, da war er gerade 19 Jahre alt. Trainer war damals Frank Rijkaard, der zu der Zeit anfing, ihn in die Kampfmannschaft einzubauen. Und Ronaldinho war sein großer Bruder, haben sie immer gesagt, die beiden waren wie beste Freunde auf dem Platz. Ein Brasilianer und ein Argentinier, auch nicht selbstverständlich. Unfassbar, mit wie viel Freude und Spaß er immer trainiert hat, so geht Fußball. Dieses Niveau erreichst du nur mit ­guter Laune und viel Lachen. Und trotzdem war er immer professionell und höchst konzentriert. Zu meinem 60. Geburtstag haben sie mir eine riesengroße Freude ­gemacht, da hat mir Lionel Messi ein persönliches SMS ­geschrieben: „Alles Gute zum Geburtstag, vielen Dank für deine Tore, die du für Barcelona geschossen hast.“ Eine geniale Überraschung!

Hans Krankl (64) wurde in der Saison 1978/79 Torschützenkönig beim FC Barcelona und hält Messi für den größten Spieler aller Zeiten.

Markus Merk: Riesenaufruhr

Ich kann mich noch sehr gut an die Szenen vom August 2005 erinnern. Freundschaftsspiel Ungarn gegen Argentinien, Lionel Messi noch blutjung, wobei die Insider schon davon sprachen, dass da ein herausragendes Talent heranwächst. Er wird eingewechselt, erster Ballkontakt, wird gehalten, schlägt den Ellbogen gegen den Hals des Gegenspielers. Keine Diskussion: Gelb für den Ungarn, Rot für Messi. Mein lieber Mann, wer das südamerikanische Temperament kennt, kann sich vorstellen, was danach für ein Aufruhr herrschte. Aber ich konnte ja keine Rücksicht darauf nehmen, dass es das erste Spiel eines Hoffnungsträgers war. Wir sind uns nachher noch öfter über den Weg gelaufen, die Szene, so leid sie mir für ihn persönlich auch getan hat, hat in unserem Binnenverhältnis keine Rolle gespielt, wir haben uns immer super verstanden. Vielleicht war das Ganze ja auch ein guter Lernprozess für ihn.

Markus Merk (55) war zwischen 1992 und 2007 FIFA-Schiedsrichter und wurde dreimal zum „Weltschieds­richter des Jahres“ gewählt. In Messis erstem Länderspiel stellte er ihn nach wenigen Sekunden vom Platz.

Semino Rossi: Ein Vorbild

Was für eine schöne Geschichte. Am 24. Juni haben Lionel Messi und ich etwas gemeinsam zu feiern: Lionel seinen 30. Geburtstag und ich veröffentliche mein Album „Ein Teil von mir“. Für uns Argentinier ist Lionel Messi nicht nur ein großartiger Fußballer, sondern auch ein Vorbild für die Jugend. Er ist ein genialer Fußballer und ein bescheidener Mensch. Das mag ich besonders an ihm. Er gibt den Menschen Hoffnung, etwas zu schaffen, wenn man an sich glaubt und daran arbeitet. ¡Feliz cumpleaños, Lionel Messi, und bleib so, wie du bist!

Schlagerstar Semino Rossi (55) wurde wie Messi in Rosario geboren und ist großer Fan der Albiceleste.

Andi Ivanschitz: Nie herablassend

Es ist definitiv etwas Besonderes, gegen einen Spieler wie Lionel Messi anzutreten. Ich würde sagen, eine Mischung aus purem Genuss und ultimativer Herausforderung. Wie er mit dem Ball am Fuß läuft, Eins-gegen-eins- bzw. Eins-gegen-zwei-Situationen löst, ist manchmal einfach unglaublich. Dazu hat er einen Torhunger, den du am Platz förmlich spüren kannst. Was mir besonders an ihm taugt: Du kannst gegen ihn einen Zweikampf mit aller Härte führen, ohne dass er herablassend wird und dich fragt, warum du jetzt gegen ihn grätschst. Er steht auf, putzt sich ab und weiter geht’s. Das liegt wohl daran, dass er es gewohnt ist, hart rangenommen zu werden. Hochnäsig habe ich ihn bei ­unseren Begegnungen jedenfalls nie erlebt.

Mittelfeldspieler Andreas Ivanschitz (34) spielte von 2013 bis 2015 bei UD Levante und traf in dieser Zeit dreimal auf Barcelona mit Lionel Messi.

Jonatan Soriano: Ein Luxus

Es macht mich stolz, zusammen mit Messi gespielt zu haben. Er ist ein Spieler, der ­anders ist und Dinge macht, die nur er ­machen kann. Im Training war er imstande, uns alle mit seinen Dribblings, Aktionen und Toren zum Staunen zu bringen. Es ist ein Luxus, ihm zuzuschauen, wenn er den Ball am Fuß hat. Dazu kommt: Er ist bei aller Genialität auch ungeheuer fleißig, übt scheinbar einfache Dinge im Training immer und immer wieder. Trotz seiner herausragenden Stellung sah er sich nie als etwas Besseres, sondern immer als Teil des Teams. Fantastisch!

Der frühere Salzburg-Stürmer Jonatan Soriano (31) trainierte und spielte zwischen 2009 und 2011 zusammen mit Messi­ beim FC Barcelona.

Günter Wagner: Ein Vorbild?

Fußball nicht nur als Sport, sondern auch als Kunst zu begreifen, dazu trägt das Phänomen Lionel Messi viel bei. Er ist genial, wenn er auf dem Platz mit „seinem“ Ball spielen darf. Die anderen Spieler sind zwar ebenfalls da und er braucht sie natürlich auch im Mannschaftssport Fußball, aber irgendwie vermittelt Lionel einem das Gefühl, der Ball sei sein persönliches Spielgerät, das er anderen zeitweise zur Verfügung stellt. Messi ist, religiös gesprochen, ein mit großem schöpferischem Talent Gesegneter, der unzählige Menschen glücklich macht und nebenbei höchsten Unterhaltungswert bietet. Das Bild vom kleinen Jungen, der nur spielen will, fasziniert – aber nur auf dem Fußballfeld. Im Alltag muss sich der angehende Jubilar angesichts seines problematischen Umgangs mit Steuergeld fragen lassen, ob er bereit ist, erwachsen zu werden und Verantwortung zu übernehmen. Das wäre ein Sieg, der mehr zählt als alle Titel und Erfolge zusammen. Dann wäre Lionel ein echtes Vorbild – auch abseits des Spielfeldes.

Der evangelische Pfarrer Günter Wagner (56) aus Gallneukirchen ist ein großer Fußball- und LASK-Fan und blickt über die Seitenlinie des Spielfeldes hinaus.

André Schürrle: Riesiger Respekt

Ich durfte schon einige Male gegen Messi antreten. Für mich einer der weltbesten Fußballspieler, der ein Match prägen und den Unterschied in einer Mannschaft machen kann. Die WM 2014, Endspiel in Rio gegen Argentinien. Eine Mannschaft mit großen Namen, die einen Spieler hatte, der alles überstrahlte: Lionel Messi. Wir hatten großen Respekt vor seinen Leistungen, aber wir waren sehr gut vorbereitet und hatten das große Ziel Weltmeister vor Augen. Wir hatten das bessere Ende und schlugen Argentinien mit 1:0. Es war das erwartete Spitzenspiel zweier großer Mannschaften. Messi, stark wie immer. Ein toller Spieler und Mensch, bei Siegen, aber ebenso in der Niederlage. Das macht ihn groß.

Dortmund-Profi André Schürrle (26) bereitete im WM-Fina­le 2014 den deutschen Siegtreffer von Mario Götze vor.

Markus Schopp: Schmaler Grat

Ich habe 2009 und 2010 jeweils für ein paar Tage bei Pep Guardiola in Barcelona hospitiert und dabei die Genialität von Lionel Messi hautnah erleben dürfen. Die meisten Übungsformen fanden auf engstem Raum statt, da schaut man ganz genau hin, wie er immer wieder teils völlig überraschende Lösungen findet. Was einen Profi seines Kalibers ausmacht: Er bewegt sich sicher auf dem schmalen Grat zwischen Spaß und Verspieltheit und dem nötigen Ernst. Bei Torschussübungen zum Beispiel ist er irrsinnig konkret und voll konzentriert. Da macht er keine halben Sachen. Und er weiß genau, wie er in Phasen, in denen er jeden dritten Tag ein Spiel hat, mit seinen Kräften haushalten muss und welche Freiheiten er sich nehmen kann. Seinen Status als Superstar hat er dagegen nie raus­hängen lassen, wir haben am Ende auch ein Foto gemacht und ein paar Floskeln ausgetauscht.

Trainer Markus Schopp (43) spielte mit Pep Guardiola bei Brescia zusammen und hospitierte zweimal beim FC Barcelona.

Dario Messi: Sprüche ohne Ende

Mittlerweile habe ich wohl jeden Spruch gehört, den es im Zusammenhang mit Messi und Fußball gibt. Meistens kommen sie von Schiedsrichtern bei der Passkontrolle vor dem Match. „Das kann ja nur ein Sieg werden, wenn bei euch Messi mitspielt“, heißt es dann. Wohl auch, weil wir ziemlich genau gleich groß sind und ich auch Offensivspieler bin. Meinem Vater, der ebenfalls ein kickender Messi ist, ist es schon einmal passiert, dass er in einem Restaurant keinen Tisch reservieren konnte, weil der Kellner dachte, er würde ihn veralbern. Seitdem passe ich immer genau auf, wie mein Gegenüber reagiert, wenn ich meinen Namen nenne. Klar ist Lionel mit seiner genialen Technik auch ein Vorbild von mir, wobei mir Cristiano Ronaldo mit seiner Kraft genauso imponiert.

Messis Schweizer Namensvetter Dario (27) ist Online-­Analyst und spielt beim FC Kloten in der 2. Mannschaft (vierthöchste Liga).

Edu de Batlle: Immer Ärger mit Messi

Ich liebe Fußball und bewundere die besten Fußballer. Und Messi ist ohne Zweifel der beste Spieler, den ich je gesehen habe. Das Problem ist, dass ich das alles gar nicht sehen wollte. Als Espanyol-Fan wünsche ich ihm Niederlagen in jedem einzelnen Spiel. Sie wissen ja, wie das mit der Rivalität ist. Messi hat mir also schon viel Ärger eingebracht. Immer und immer wieder, weshalb ich seit geraumer Zeit einen Traum habe: Messi ist es leid, beinahe alles zu gewinnen, und entscheidet sich fürs sofortige Karriereende, um mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Keine unmöglichen Tore mehr, keine außerirdischen Darbietungen. Wenn das nicht möglich ist, schlage ich ihm ein Engagement bei einem bescheideneren Klub als dem FC Barcelona vor, ohne dabei die Stadt verlassen zu müssen. Das wäre eine gute Möglichkeit, die vielen schönen und gleichzeitig traurigen Abende wiedergutzumachen.

Der spanische Radioreporter Edu de Batlle (36) ist seit Kindesbeinen großer Fan des Barça-Rivalen Espanyol.

 

SM0517_Cover SCREEN