Die ganze Story: Lukas Weißhaidinger – der perfekte Wurf

Um Lukas Weißhaidinger in noch unerforschte Dimensionen zu pushen, wird nichts dem Zufall überlassen. Schon beim Sommerspektakel in London könnte die Diskus-Urgewalt das erste rotweißrote WM-Glanzlicht seit Ewigkeiten setzen.

//Text: Tobias Wimpissinger// Foto: GEPA//

Selbst im Training pfeffert Lukas Weißhaidinger einen Diskus nach dem anderen auf 65 Meter, im Wettkampf paniert er regelmäßig Olympiasieger und Weltmeister. Kein Wunder, dass der 25-Jährige bei der am 4. August startenden Leichtathletik-WM in London zu den Medaillen­anwärtern zählt. „Der Schwede Daniel Ståhl wirft 71 Meter, dahinter kommt protokollmäßig Andrius Gudžius aus Litauen. Und acht Leute werden um Bronze kämpfen“, rechnet Trainer Gregor Högler vor. Aber: „Wir haben nie perfekte Bedingungen gehabt. Gudžius ist heuer zweimal auf 68 Meter gekommen. In Tel Aviv steht er auf einmal im selben Kreis wie wir und Luki gewinnt.“

Bei Olympia soll Geschichte geschrieben werden

Die Titelkämpfe in der britischen Hauptstadt sollen lediglich eine Zwischenstation in Weißhaidingers Wurfbahn bilden, der Trainingsplan ist penibel auf Tokio 2020 und darüber hinaus ausgelegt, Wurf für Wurf tastet man sich an bisher unbekanntes Terrain heran. „Wir wollen Geschichte schreiben“, posaunt Högler. „Luki stellt in der österreichischen Leichtathletik eine Dimension dar, die es bei den Männern noch nicht gegeben hat.“ Dabei gab sich der Pfundskerl bis vor vier Jahren noch hauptsächlich die Kugel, den Diskus nahm er nebenbei mit, was trotzdem zu EM-Gold bei den Junioren reichte.

Beide Disziplinen parallel zu betreiben hätte auf Dauer keinen Sinn ergeben, der Aufwand wäre zu groß gewesen, der Feinschliff hätte gelitten, die Fehlerquote sich erhöht. Die körperlichen Voraussetzungen sprachen für die Scheibe und gegen das Rund, ein sechster Olympiarang in Rio mit gebrochenem Fuß bestätigte die Entscheidung. Nun fand der erdige Oberösterreicher in der Südstadt auch das ideale Umfeld. Neben den regenerativen Möglichkeiten kann er in der von seinem Coach errichteten Halle auch im Winter trainieren, hinter dem Bau ist eine eigene Wurfanlage fern der Fußballplätze entstanden. „Damit er jederzeit trainieren kann, ohne die Kinder abzuschießen.“

Biomechaniker aus Estland

Högler, seit 1999 mit 84,03 Metern rotweißroter ­Rekordhalter im Speerwurf, fügt sich als Mastermind ein, sein breit gefächertes Know-how im Diskus eignete sich der ÖLV-Sportdirektor durch die 15 Jahre lange Betreuung des zweimaligen Olympiastarters Gerhard Mayer an: „Am Anfang hatte ich keine Ahnung.“ Also zog sich Högler Unmengen an schwer verdaulicher Fachliteratur rein und rief eines Tages Weltrekordler Jürgen Schult an: „Ich gab ihm ein ­bisschen Geld und sagte, denk zwei Wochen lang laut. Er erzählte und ich schrieb alles mit – wie auf der Uni.“ Dennoch war dem Wiener bewusst, dass sich sein Schützling allein über die Kraft nicht wesentlich steigern würde.

Da stieß man auf Biomechaniker Aadu Krevald, der den estnischen Peking-Olympiasieger Gerd Kanter bis auf 73,38 Meter gepusht hatte: „Wir bekamen mit, dass sie sich zerstritten hatten, und kontaktierten ihn sofort.“ Bei einem Besuch in Tallinn habe der greise Wissenschaftler zwölf Stunden lang durchgeplaudert: „Ich hielt nur die Goschen und schrieb.“ Die gewonnenen Erkenntnisse setzte Högler sofort um. So knackte der 1,92 Meter kleine und 107 Kilo leichte Mayer die 28 Jahre alte ÖLV-Bestmarke, schleuderte den Diskus 2015 für seine vergleichsweise schmächtige Statur gar auf physikalisch fast unerklärliche 67,20 Meter – zum damaligen Zeitpunkt Jahresweltbestleistung und nur vier Zentimeter unter dem aktuellen Rekord Weißhaidingers. Doch musste der Niederösterreicher aufgrund chronischer Knieprobleme immer kürzertreten, der Kontakt riss ab. „Schade“, bedauert Högler. „Ich hätte den Gerdschi gern im Team gehabt, weil er Luki besser das Gefühl vermitteln könnte. Die beiden haben sich ja gut verstanden.“

Technik soll perfektioniert werden

Die Umstellung auf die sogenannte Umsprungtechnik vollzog der 45-Jährige auch bei Modellathlet Weißhaidinger, der 143 Kilo auf 197 Zenti­meter verteilt. „Wenn wir das Gleiche machen wie die allesamt über zwei Meter großen Deutschen, verlieren wir – weil ich Lukis Hebel nicht verlängern kann.“ Man habe errechnet, dass der Diskus mit der exakt gleichen Technik bei einer um zwei Zentimeter geringeren Spannweite der Arme um einen Meter kürzer fliegt. Beim Bankdrücken reize der Taufkirchner mit Wohnsitz Liesing nicht alles aus. „Die Größeren müssen mehr in die Maximalkraft investieren, ich sehe mich hingegen als Techniker“, sagt der gelernte Maschinenbauer, der etwa ein Kilo Fleisch am Tag verschlingt. „Wir achten aber nicht nur darauf, die Technik zu perfektionieren, sondern loten auch andere Varianten aus.“ Högler ergänzt: „Sein bester Wurf wird anders ablaufen als jetzt. Wir ver­suchen uns langsam anzunähern. Fühlt es sich nicht gut an, gehen wir wieder einen Schritt zurück.“ Jede Veränderung erfordere 3000 bis 5000 Wiederholungen oder anders formuliert eine Saison, bis sie greift: „Wenn wir etwas umstellen, kann es sein, dass ich nur mehr 63 Meter werfe, um nachher konstant auf 67 zu kommen.“ 70, korrigiert Högler: „Die besten Athleten gewinnen auch an schlechten Tagen. Wir brauchen hingegen Glück – noch.“

Im Hinblick auf die Weltmeisterschaft steht das Duo vor einer Richtungsentscheidung. „Mach ich einen Wurf, bei dem ich wirklich draufdrücke, dass der Diskus ganz weit fliegen kann? Das ist immer ein bissl gefährlich. Wir dürfen nicht riskieren, dass er nicht ins Finale kommt. Oder gehe ich auf Sicherheit? Das sind unterschiedliche Techniken und können nicht auf Knopfdruck umgestellt werden.“ Obwohl die Nerven dem stets coolen Weißhaidinger, der nach Sigrid Kirchmanns Hochsprung-Bronze 1993 und Steffi Grafs 800-Meter-Silber 2001 zum erst dritten ÖLV-Medailleur in der WM-Historie avancieren könnte, kaum einen Strich durch die Rechnung machen dürften: „Warum sollte ich Schiss haben? Der Diskus wiegt immer zwei Kilo, sogar in London. Und der Kreis hat auch dort zweieinhalb Meter Durchmesser.“

Anders als im Mehrkampf bestehe der Konkurrenzgedanke in seiner Disziplin sehr wohl, selbst wenn die Werfer nach- und nicht nebeneinander rotieren. „Sicher reden wir im Call-Room normal miteinander, aber deswegen will ich sie trotzdem schlagen. Wofür würde ich mich sonst das ganze Jahr quälen?“ Für das Finale im Queen Elizabeth Olympic Park zu Stratford, wo Premiership-Klub West Ham United seine Heimspiele austrägt, hofft das ÖLV-Aushängeschild auf himmlischen Beistand. Die blitzsaubere Technik und der höhere Anpressdruck würden dem Schwergewicht in einem nassen Kreis Vorteile verleihen: „Im Vorjahr hatte ich drei Wettkämpfe bei Regen, zwei davon mit Saisonbestleistung.“ Und was wäre schon ein London-Ausflug ohne Regen?

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