Kumpel des Erfolges

Ein Nerverl als Trainer, ein Bankdrücker als Sturm-Hoffnung und ein Dauerpatient als Integrationsfigur. Klingt nach einem Dilemma, ist bei Borussia Dortmund aber das spannendste Projekt, das der europäische Fußball derzeit zu bieten hat. 

||Text: Markus Geisler||Foto: imago/DeFodi||

Am 21. Dezember gibt es im Ruhrgebiet eine Zäsur. An diesem Tag wird mit dem Bergwerk Prosper-Haniel die letzte Zeche für immer ihren Förderturm abstellen und damit das Ende des Steinkohle-Bergbaus besiegeln. Am gleichen Tag spielt Borussia Dortmund gegen den Namensvetter aus Mönchengladbach und wird ebenfalls für eine Zäsur sorgen, denn erstmals seit 2011 wird der Herbstmeister nicht wieder Bayern, sondern Borussia Dortmund heißen und mit einem ­historischen Vorsprung auf den Rekord-Champion die Hinrunde beenden. Daran haben selbst die größten Pessi­misten im Lager des BVB keinen Zweifel. „Kohle, Stahl, Fußball und Bier gehören hier seit jeher zusammen und prägen unser Miteinander und unsere Kultur“, sagt BVB-Boss Hans-Joachim Watzke mit der ihm eigenen Verve. Und daher wird der BVB an diesem Tag mit einmalig ­produzierten Trikots auflaufen, auf denen anstelle des Sponsors der Schriftzug „Danke Kumpel!“ prangt. Eine Gänsehautaktion, ganz nach dem Geschmack der tradi­tionsbewussten Anhängerschaft.

Auch in der Führungsetage beim BVB haben sie vergangenen Sommer die Ärmel hochgekrempelt und kräftig malocht, um das spannendste Projekt zutage zu fördern, das der europäische Fußball in dieser Saison zu bieten hat. Borussia Dortmund 2018/19 steht für attraktiven Vollgasfußball, für Tore wie am Fließband, für spektakuläre Spielverläufe. Und dafür, dass es eine ordentliche Por­tion Mut braucht, um sich nach einer verkorksten Saison wieder neu zu erfinden. Neuer Trainer (Lucien Favre). Neuer Teammanager (BVB-Legende Sebastian Kehl). Neuer Berater (Matthias Sammer). Sieben neue Spieler, die das Gesicht des Teams massiv verändert haben. Und ein neues Leitbild, das Watzke vor der Saison in acht Thesen ver­öffentlicht hat und eine Mischung aus Angriffspressing und solider Defensivarbeit darstellt. Auszüge: „Unsere Strahlkraft ist ungebrochen, deshalb sind wir selbstbewusst, nicht selbstgefällig!“ Oder: „Erfolg ist nicht kopierbar, sondern das Ergebnis harter Arbeit.“ Oder: „Wir brauchen ein wenig Geduld, um wieder viel Spaß zu haben!“

Zumindest beim letzten Punkt lag der BVB-Macher­ ordentlich daneben. Von der ersten Runde an (4:1 gegen Leipzig) fegten die Schwarz-Gelben durch die Bundesliga, 10 Siege und 3 Remis standen nach 13 Runden zu Buche. Tordifferenz: 37:13, was auf eine ausgeklügelte Balance zwischen Offensivpower und Defensivverhalten spricht. Dafür verantwortlich: Trainer Lucien Favre, den sie in Dortmund schon vor eineinhalb Jahren unbedingt verpflichten wollten, der aber von seinem damaligen Arbeit­geber OGC Nizza keine Freigabe erhielt. Verständlich, wenn man sich die Erfolgs-Vita des 61-jährigen Schweizers vor Augen führt. In Berlin und Gladbach machte er aus hoffnungslosen Abstiegskandidaten Europacupstarter, auch Underdog Nizza führte er mit attraktivem Stil in die Champions League. Sein Credo: Mit an Besessenheit grenzender Detailverliebtheit macht er jeden einzelnen Spieler besser und hebt somit die Mannschaft auf ein höheres Niveau. Und auch in Dortmund erklärte er dem verdutzten Verteidiger Achraf Hakimi minutiös, wie er mit veränderter Fußstellung die Schüsse der Gegner besser blocken kann. „Es ist toll mitzuer­leben, wie akribisch ein Trainer arbeiten kann“, sagt Marco Reus, der schon in Gladbach erlebte, wie Favre im Training oft „elf ­gegen null“ spielen ließ, um Ab­läufe einzustudieren.

Warum Lucien Favere als schwieriger Zeitgenosse gilt, warum sein Zaudern in Sachen Transfers für den BVB kein Problem darstellt und was das alles mit Marco Reus zu tun hat, lesen Sie im neuen Sportmagazin.