Kultkeeper Gabor Kiraly: Das Geheimnis der Jogginghose

Eines steht schon vor Beginn der EURO fest: Gábor Király wird der Kultkeeper des Turniers. Ältester EM-Teilnehmer aller Zeiten, Top-Star des ungarischen Teams und vor allem: berühmtester Jogginghosen-Träger der Welt. Und der Österreich-Schreck hat sogar noch viel mehr zu bieten.

//Text: Markus Geisler
//Titelbild: (C) Bildagentur Zolles KG/Martin Steiger

Den Versuch, das unvermeidliche Thema galant anzuschneiden, pariert Gábor Király so mühelos wie einen schlecht geschossenen Freistoß aus 30 Metern. Ob er wisse, was das Besondere am 21. Jänner sei, lautet die nur vermeintlich gefinkelte Frage beim Exklusivtermin mit dem SPORTMAGAZIN, das in Királys eigenem Sportzentrum am Rande von Szombathely stattfindet. „Na klar, das ist der Welttag der Jogginghose“, sagt der ab 1. April 40-Jährige so beiläufig, als ob man wissen wollte, ob der Heilige Abend auch heuer wieder auf den 24. Dezember fällt.

Der Mythos der grauen Hose

Und eines ist jetzt schon so sicher wie die Hymne vor einem Länderspiel: Wenn am 14. Juni Österreich zum EM-Auftakt in Bordeaux auf Ungarn trifft, wird Király seine berühmte graue Schlabberhose tragen. Da kann es 40 Grad im Schatten haben oder Ungarns Zeugwart seinen vergesslichen Tag. „Ich habe zur Sicherheit immer eine graue Hose dabei, da gehe ich kein Risiko ein“, sagt Király. Um den Ursprung dieser „Im Namen der Hose“-Saga ranken sich, wie es sich für einen echten Kult gehört, unterschiedliche Mythen. Wir baten den Tormann um letztgültige Aufklärung. „Es begann Mitte der 1990er-Jahre bei meinem Stammklub Haladás Szombathely“, erzählt er bereitwillig. „Als ich die graue Hose zum ersten Mal trug, haben wir ein Spiel gegen den Abstieg mit viel Glück nicht verloren. Ich behielt sie an und wir blieben neun Spiele lang ungeschlagen. Diese Serie war unsere Rettung.“ Und der Beginn einer wunderbaren Freundschaft, denn als Király 1997 zu Hertha BSC wechselte, nahm er seinen Hosen-Tick mit. Und sollte ihn bis heute nie mehr ablegen, egal, ob er bei Crystal Palace, Burnley oder 1860 München im Tor stand. Oder im Nationalteam, für das der ungarische Rekordspieler bis dato 101-mal die Hose hinhielt. Zuletzt bei der erfolgreichen EM-Barrage, als Angstgegner Norwegen, gegen den man bis dahin 34 Jahre lang nicht gewonnen hatte, zweimal geschlagen und eine 30 Jahre währende Turnier-Abstinenz beendet wurde.

Dass es gleich beim so wichtigen Auftaktmatch der Gruppe F zum All-Time-Klassiker Österreich gegen Ungarn kommt – dieses Duell gab es bereits 136-mal, weltweit wurde nur Argentinien gegen Uruguay öfter gespielt -, ist auch für Király ein Wink des Schicksals, denn sein allererstes Länderspiel absolvierte er am 25. März 1998 im Prater, sein erster Ballkontakt war ein gehaltener Elfmeter von Toni Polster. „Ein unvergesslicher Abend für mich. Wir gewannen 3:2, ich war irrsinnig stolz, dass ich trotz großer Konkurrenz wie Szabolcs Sáfár oder Gábor Babos im Tor stehen durfte. Und Österreich hatte damals rund um Andi Herzog ein Klasseteam.“ Mit Polster, gegen den er in der deutschen Bundesliga einige Duelle hatte, unterhielt er sich oft über die Elfmeterszene. Király: „Immer wenn wir uns treffen, sagt er: ‚Gábor, servaaas!‘ Für mich war er ein Stürmer von Weltniveau!“ Zweimal traf Király danach noch in Freundschaftsspielen auf das ÖFB-Team, mit einem Sieg (2:1) und einem Remis (1:1) ist er ungeschlagen gegen Österreich. Ob das nach dem 14. Juni auch noch gilt? „Jedes Spiel ist anders. Österreich hat früher als Ungarn angefangen, sich etwas aufzubauen. Unter Marcel Koller hat sich die Mannschaft fantastisch entwickelt. Für uns geht es darum, das Turnier zu genießen.“ Und nach einer Pause, in der er ein verschmitztes Lächeln aufsetzt: „Was nicht heißt, dass wir uns nicht mit aller Härte auf das Turnier vorbereiten und das Spiel gewinnen wollen. In meinen Augen kann in dieser Gruppe jeder jeden schlagen, es gibt keinen Favoriten.“ Nicht einmal Portugal? „Nein, die sind nicht mehr so dominant wie vor fünf oder zehn Jahren. Für jeden ist alles möglich, davon bin ich überzeugt.“

,,Als ich die graue Hose zum ersten Mal trug, haben wir ein Spiel gegen den Abstieg mit viel Glück nicht verloren. Ich behielt sie an und wir blieben neun Spiele lang ungeschlagen. ”

Gabor Kiraly

Kiraly: Sein Fast-Transfer zum GAK

Österreich -wenn Gábor Király, der in Szombathely nur wenige Kilometer von der Grenze zum Burgenland aufwuchs, in seinem Gehirn nach Assoziationen kramt, entspannen sich seine Gesichtszüge und die Anekdoten bahnen sich wie von selbst ihren Weg. Sein Vater kickte, nachdem er seine Profikarriere bei Haladás beendet hatte, noch in Oberwart und Unterwart „und hat uns immer Kiwis, Cola und Überraschungseier mitgebracht, das gab es bei uns damals noch nicht“. Über Antenne konnten durch die Grenznähe die Programme des ORF empfangen werden, „dort konnten wir sehen, was wir alles erreichen könnten, wenn wir es zum Profi bringen“. Wenn der kleine Gábor Király vom Ausland träumte, dann war das für ihn Österreich: „Am meisten hat mir immer Rapid getaugt, weil die auch grün-weiß waren, genau wie Haladás. Aber auch die Austria, Innsbruck, Klagenfurt oder die Grazer Klubs hatten klingende Namen.“ Mitte der 90er-Jahre hätte es sogar fast mit einem Wechsel geklappt, Peter Svetits wollte das damalige Top-Talent als Nachfolger von Alexander Manninger zum GAK holen: „Ich war aber noch nicht so weit.“ Kurz danach klopfte die Hertha an. Eine besondere Beziehung verbindet ihn mit ÖFB-Rechtsverteidiger und Darmstadt-Legionär Gyuri Garics, der bis zu seinem 14. Lebensjahr in Szombathely aufwuchs: „Sein Vater war Kapitän bei Haladás und hat mit meinem Papa zusammengespielt, unter anderem im Europacup gegen den AC Milan.“ Nur einer von vielen Gründen, warum das Match in Bordeaux gegen Österreich weit davon entfernt ist, für ihn ein Spiel wie jedes andere zu sein.

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Dass es seine Ungarn überhaupt nach Frankreich geschafft haben, ist für Király dem Zusammenspiel mehrerer Faktoren zu verdanken. Oder wie er selbst sagt: „2015 hat für uns wirklich alles geklappt. Früher waren die Bedingungen nicht so professionell, die Spieler hatten bei ihrem Klub keinen Stammplatz, keinen Rhythmus, keine Form. Das war diesmal alles anders.“ Selbst der Magenbitter, als Pál Dárdai, Architekt dieser erfolgreichen Mannschaft, nach sechs von zehn Quali-Spielen das Amt als Teamchef niederlegen musste, weil ihm sein Klub Hertha BSC die Doppelbelastung nicht mehr gestattete, wurde geschluckt, ohne sich daran zu verkutzen. „Das war sehr unangenehm. Es wurde super gearbeitet, alles hat funktioniert – und auf einmal war eine sehr wichtige Person weg.“ Auch Király machte sich im Sommer 2015 dafür stark, Bernd Storck vom Sportdirektor des Verbandes zum Cheftrainer umzufunktionieren. Schließlich kannte er die Arbeitsweise des Deutschen gut, da er ihn bei Hertha fünf Jahre als Co-Trainer erlebt hatte: „Ich wusste, wie er tickt, und er hat es geschafft, den erfolgreichen Weg fortzusetzen. Jeder hat sofort daran geglaubt, dass wir es mit ihm packen können.“ Storck wiederum gelang der Coup, mit Andreas Möller, gestählt von Stationen wie Borussia Dortmund, Juventus Turin, Schalke oder Frankfurt und selbst Europameister mit Deutschland 1996, einen echten Top-Star ins Trainerteam zu holen. Was seine Wirkung nicht verfehlte. Király: „Ich denke, wir werden vor allem in Frankreich davon profitieren können, dass er als Profi schon alles erlebt hat. Seine Erfahrung wird uns sicher weiterhelfen.“

Wenn Kiraly Matthäus verbläst

Eine Job Description, die auch für Király selbst passt. Mehr als 700 Pflichtspiele als Profi stehen in seiner Vita, von Spielen in der Champions League bis zum Abstiegskampf in der zweiten Liga hat er schon alles erlebt. Da wäre die EURO doch die perfekte Bühne, die Hose nach mehr als zwanzig Jahren Profifußball an den Nagel zu hängen. Falsche Frage für einen wie Gábor Király, der im vergangenen Sommer seine Auslandskarriere für beendet erklärte, um seinem Heimatklub etwas zurückzugeben. Was mehr als gut gelang, der Abstiegskandidat der vergangenen Saison spielt heuer um die Europacupplätze, auch dank eines bärenstarken Király: „Ich habe bei Haladás noch einen Vertrag bis 2017. Und auch wenn der Nationaltrainer meint, mich als ersten, zweiten oder dritten Tormann zu brauchen, werde ich nicht Nein sagen. Ich würde der Nationalmannschaft niemals absagen.“ Dass er an manchen Tagen mit Schmerzen aufwacht? Geschenkt! Der Ehrgeiz, die Bereitschaft, sich zu quälen, und der Spaß am Fußball sind einfach größer als der Wunsch nach dem wohlverdienten Ruhestand. Und das, obwohl er bei der EM keinen Geringeren als Lothar Matthäus als ältesten EM-Teilnehmer aller Zeiten ablöst. Darüber will Király übrigens nicht sprechen, nicht bevor er wirklich bei der EM im Tor stand. Aberglaube. Und dass wegen einer unbedachten Äußerung bei der EM vielleicht tote Hose herrscht, will Király nicht riskieren.

PASSPORT: Gábor Király

Geboren am 1. April 1976 in Szombathely

Wohnort: Szombathely

Familie: seit 1998 verheiratet, eine Tochter, ein Sohn

Größe: 1,91 m

Stationen: Haladás Szombathely (Jugend und Profi, bis 1997), Hertha BSC Berlin (1997-2004), Crystal Palace (2004-07, in der Zeit auch verliehen an West Ham und Aston Villa), FC Burnley (2007-09, in der Zeit verliehen an Bayer Leverkusen), 1860 München (2009-14), FC Fulham (2014/15), seit Sommer 2015 wieder bei seinem Stammklub Haladás Szombathely, Vertrag bis 2017

Erfolge: 2 x Ligapokal-Sieger und CL-Teilnehmer mit Hertha, bester ungarischer Keeper des Jahrzehnts (2000-2010)

Nationalteam: mit 101 Einsätzen Rekordspieler Ungarns

Besonderes: betreibt in Szombathely ein Sportzentrum, eine Tormannschule und hat sogar einen eigenen Klub in der 4. Liga, der seinen Namen trägt

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