Kommentar: 5 Gänge statt Fast Food

Der US-Open-Thriller „Nadal vs. Thiem“ machte wieder klar: Die großen Tennisklassiker dürfen nicht vom Speed des Zeitgeists gekillt werden.

//Text: Fritz Hutter  //Foto: DON EMMERT / AFP / picturedesk.com

Sofort nach dem letzten Punkt des längsten und für einige besten Matches der US-Open-Geschichte beeilt sich Rafael Nadal seinen Kontrahenten Dominic Thiem noch auf dessen Platzseite in die verschwitzten Arme zu nehmen. Bei diesem intimen Shakehands drückt der 32-jährige Spanier ihm, dem sieben Jahre jüngeren Österreicher, Beileid zur Niederlage, aber auch Respekt aus. Wie knapp dieses Viertelfinale war, erzählt die Statistik. Sieger Nadal verbuchte nach 4:49 Stunden Spielzeit mit 166 Punkten fünf Zähler weniger als Verlierer Thiem. Geschuldet ist dies vor allem dem 6:0 Thiems über die Nummer 1 der Welt im ersten Satz. Dass Nadal das Spiel nach dieser Watsch’n mental wieder bei null beginnen konnte, wie er beim On-Court-Interview meint, war ein Hauptgrund für den 0:6, 6:4, 7:5, 6:7, 7:6-Erfolg eines ultimativen Gladiators. Was bleibt Dominic Thiem von diesem sehenswerten Duell? Nun, die vertiefte Zuneigung seiner Fans, manch überzeugter Skeptiker sowie die Anerkennung seiner Zunft. Und das Wissen, endlich selbst Hauptdarsteller eines jener Tennisdramen gewesen zu sein, bei denen er einst nägelbeißend vorm Fernseher mitgefiebert hatte: „Das war das erste wirklich epische Match, das ich gespielt habe. Ich habe einige gute davor gespielt, aber nicht so lange und nicht so lange gegen die Besten auf Grand-Slam-Ebene.“

Man muss kein Tennisinsider, kein Experte sein, um zu verstehen, wie tief sich dieses Match in die Seele eines jungen Mannes brennen konnte, dem sein heutiger Beruf schon im Kindesalter Berufung war. Man muss nur gesehen haben, in welcher psychischen und physischen Ausnahmesituation Thiem und Nadal agierten und mit welcher Präzision sie während dieses Grenzganges ihr gesamtes, über Jahrzehnte scharf geschliffenes und zugespitztes Schlag­instrumentarium einsetzen konnten.

Pure Leidenschaft, vorgetragen mit heißen Herzen, aber ruhigen Händchen, hat wieder einmal ein Tennisspiel quer durch die Zeitzonen in ein nachhaltiges Erlebnis für alle betei­ligten verzaubert. Auch, weil das Reglement dies zuließ.

Zu lange würden die Matches, besonders jene im Best-of-5-Modus ausgetragenen, dauern, als dass ein junges Publikum diese da wie dort noch als Entertainment empfinden könnte, heißt es immer wieder. Und die Sätze selbst wären ebenfalls zu lang, auf vier statt sechs ge­wonnene Games gehöre gespielt. Dazu auch im Einzel der ­Vorteil abgeschafft und wie im Doppel bei Einstand ein No-Ad-Entscheidungspunkt gespielt. Und weil’s die Volleyballer mittlerweile auch so halten, sollen jene Aufschläge, welche die Netzkante streifen, beim Tennis auch nicht mehr wiederholt werden, „No Let“ also. Bringt wieder gut 20 Sekunden pro Begegnung. Mit ein paar Kunstgriffen und ein bisserl Gewalt ließen sich also Klassiker wie „Nadal vs. Thiem live at Arthur Ashe Stadium“ problemlos auf unter 90 Minuten eindampfen. Aber wäre „Klassiker“ dann noch die korrekte Bezeichnung für derartige Kastraten? Ging sich da noch diese schaurig-schöne Achterbahnfahrt durch die gesamte Gefühlswelt aus, die man als Tennisbeobachter bei derartigen Krimis mitmacht? Und eignet sich ein trockenes 4:0, 4:5, 4:5 zum motivierenden Appetizer, um Österreichs besten Tennisspieler zum Serientäter auch im ganz großen Kino zu machen?

Ich jedenfalls meine dreimal „Nein!“ und hoffe, dass Tennis in seiner traditionellen Spielart uns und Ihnen auch weiterhin den maximalen Lustgewinn liefern darf. Schon weil die wirklich Echten auf dem Platz in erster Linie ungebrochen lieber glänzen als immer noch rasanter cashen wollen. Persönlich hoffe und glaube ich außerdem, dass dieser bei den vergangenen US Open gezeigte Thriller einen weiteren Karrieresprung für Dominic Thiem bringen könnte. Trotz Niederlage hat er sich mit seinem aufopfernden Fight gegen Rafael Nadal nun auch vor den Augen der Welt einen Sitzplatz an der Tafelrunde der ganz Großen verdient. Und dort sind die saftigsten Brocken zwar wild umstritten, aber halt auch in Griffweite …