Die ganze Story: Kira Grünberg – „Ich habe nie nur für mich gekämpft“

Zum zweiten Jahrestag ihres Unfalls lässt Kira Grünberg das Sportmagazin tief blicken: warum sie VP-Kanzlerkandidat Kurz duzt, die Arbeit an ihrem Buch die beste Psychotherapie war und sie eine Aufbruchsstimmung in sich spürt.

//Text: Manfred Behr// Fotos: GEPA//

Sie hatte ihr Leben noch vor sich – eine Formulierung, um die man schwer herumkommt, wenn eine schicksalhafte, unheilvolle Wendung aufgearbeitet werden soll. Kira Grünberg, 23, hat ihr Leben noch immer vor sich. Nur ihr Athletendasein liegt hinter ihr seit jenem 30. Juli vor zwei Jahren, als sie im Training aus vier Metern mit dem Nacken auf die Metallumrandung des Einstichkastens knallte. Der Unfall machte sie zur Tetraplegikerin (Querschnittslähmung aller Gliedmaßen), nicht zur „Hautabschürflerin“, wie „Tetras“ Paraplegiker (Querschnittslähmung der Beine) gern bezeichnen. Zehntausende nahmen Anteil an Kira Grünbergs Schicksal, spendeten, boten Hilfe an, aus dem arabischen Raum trudelten gar Heiratsanträge ein, die auf eine wirtschaftliche Absicherung abzielten.

Ihr Athletenleben hätte die Tirolerin wohl ohne Umschweife zunächst zu den Olympischen Spielen nach Rio geführt. Stattdessen saß sie im Frühsommer 2016 in der Wohnküche ihres Elternhauses in Kematen nahe Innsbruck, um mir ihr bewegtes und bewegendes Leben zu erzählen. Die Biografie „Mein Sprung in ein neues Leben“ erschien im September 2016.

Da ist nix gespielt

In den Recherchegesprächen ging es mir wie vielen, die ihr nach dem Unfall im Rahmen einer Ehrung oder eines ihrer Vorträge nahegekommen sind: Man ist zunächst versucht zu ergründen, ob denn all die Zuversicht, die mentale Stärke, die Unaufgeregtheit, die Selbstironie vielleicht doch nur Produkt einer ausgeklügelten PR-Strategie sind. Nach 30 Stunden Kira unplugged darf ich Ihnen versichern: Da ist nix gespielt. Zwei-, dreimal ein Schlucken, leicht gerötete Augen, aber weitaus öfter: Fröhlichkeit, posi­tive Emotionen, Kampfesmut. Kein Zweifel, Kira ist mit sich im Reinen. Es sind Sätze wie diese, die imponieren: „Ich dachte immer, wenn man sich das Genick bricht, ist man tot. Anscheinend doch nicht – Glück gehabt.“

Womit sich die zweite zentrale Frage stellt: Woher nimmt dieses zerbrechliche Wesen die Kraft, die Gegenwart so selbstverständlich zu meistern und so unterschütterlich positiv in die Zukunft zu blicken, wo unsereins bereits hadert, wenn die Schlange an der anderen Supermarktkassa wieder schneller vorwärtszukommen scheint als die eigene?

Nun, da der Unfall und seine Folgen in aller Ausführlichkeit erzählt, eine Art von Alltag eingekehrt ist, die Therapien keine Quantensprünge, nur mehr graduelle Verbesserungen verheißen, geht Kira Grünberg daran, die Weichen für ihr zweites Leben zu stellen. Die Herausforderungen bleiben groß, ebenso wie der Wille, sie zu meistern. Das spiegelt auch das Gespräch mit dem Sportmagazin wider. Kira Grünberg über …

… ihr Buchprojekt: Rückblickend betrachtet war es vielleicht die beste Psychotherapie, die ich gemacht habe. Ich kann jedem, der etwas zu verarbeiten hat, nur empfehlen, das Passierte niederzuschreiben – egal, ob man es zu veröffentlichen gedenkt oder nicht. Die Art, wie wir es umgesetzt haben, die Möglichkeit, sehr viel Einfluss zu nehmen, war eine tolle Erfahrung. Ich bekam auch viel positives Feedback. Viele LeserInnen meinten: „Es war, als würdest du neben mir sitzen und dein Leben erzählen.“

… ihre Kritik am Reha-Zentrum Bad Häring: Die meisten MitarbeiterInnen dort machen einen tollen Job. Dort und in anderen Anstalten, egal, ob in der Reha, in der Altenpflge oder in Krankenhäusern. Ich finde auch, dass diese Berufe in der Öffentlichkeit noch viel mehr Wertschätzung verdienen würden. Wichtig finde ich aber auch, dass mündige PatientInnen in die Gestaltung der Therapie und Pflege einbezogen werden, wenn sie das wünschen. Vielleicht war ich einem Teil des Personals zu mündig, zu unbequem. Aber man muss mich auch verstehen: Mein Vater, ich, mein Team waren im Sport immer verdonnert dazu, überall Know-how aufzusaugen, um mit der Weltklasse mithalten zu können. Nach meinem Unfall haben wir in einem völlig neuen Feld genauso agiert: niemals mit vermeintlich gesichertem Wissen zufriedengeben, die Besten der Besten konsultieren. Ohne diesen Zugang würde ich vielleicht heute noch nicht viel mehr als meinen Kopf bewegen können.

… Neider: Sicher gibt’s die. Die sagen: „Es ereilt so viele das gleiche Schicksal, die kommen nie in die ­Öffentlichkeit, sind sozial weniger gut abgesichert, haben weniger Möglichkeiten, ihr neues Leben zu gestalten. Und dann regt sich die auch noch auf!“ Ich habe Verständnis für diese Sichtweise. Abgesehen davon, dass ich nie in die ­Öffentlichkeit gedrängt habe. Erst als sich abzuzeichnen begann, wie groß das Interesse war, haben wir über meinen Gesundheitszustand und meine Fortschritte zu informieren begonnen. Schlussendlich habe ich aber nie nur für mich gekämpft. So verfolge ich nach wie vor mit Nachdruck das Ziel, eine Plattform zu schaffen, die für jeden, der in eine ähnliche Situation gerät, von Nutzen ist. Ich möchte noch keine Details verraten, weil ich das Projekt nicht allein stemmen kann, auf Unterstützung angewiesen bin.

… Therapiefortschritte. Ich arbeite hart an mir, um immer weniger auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Mein nächstes Ziel: mich nachts von einer Seite auf die andere drehen zu können. Trotzdem: Eines Tages ganz ohne Hilfe von außen auszukommen scheint aus heutiger Sicht sehr, sehr ambitioniert.

… Beeinträchtigungen im Alltag. Am lästigsten sind die Spastiken in den Beinen, die abends verstärkt auftreten und sich sogar noch verstärkt haben, seit wir die Nerven mit Elektrostimulationen reizen. Ziel ist es, diese Spastiken langfristig für geordnete Bewegungen zu nützen.

… ihren Assistenzhund Balu. Seit letztem Herbst bereichert er unser aller Leben, mehr noch, er ist Balsam auf unsere Seele. Er darf im Bett immer wieder bei meinen Füßen schlafen, das ist eine wichtige Bindungsmaßnahme bei Therapiehunden. Er ist zwar in der Anwendung seiner Spezialausbildung nicht unbedingt der Ehrgeizigste, wir arbeiten aber mit ihm an seiner Trainingseinstellung. Er hat sich schon so gesteigert, dass er im September die Prüfung zum Assistenzhund ablegen kann.

… ihre Vorträge. Das große Interesse von Firmen, Schulen und anderen Institutionen ehrt mich. Ich bin mit dieser neuen Aufgabe als Person unheimlich gewachsen, erfreue mich an dem regen Austausch mit sehr verschiedenartigen Menschen. Es macht mir so viel Spaß, dass ich dieses Standbein weiter ausbauen will. Ich bin jetzt Teil des Teams von mensch & marke, das im Kommunikationsmanagement unter anderem mit Felix Gottwald und anderen Top-Athleten sehr viel Expertise entwickelt hat. Wir machen aus meinen Themen Motivation, Krisenbewältigung, Veränderung und Zielfokussierung verschiedene Formate, die wir dann auf die jeweiligen Bedürfnisse in Unternehmen und Organisationen anpassen.

… ihr Treffen mit Sebastian Kurz. Ihn habe ich im Rahmen eines Vortrags zum Thema „Den Sozialstaat neu denken“ an der Politischen Akademie kennengelernt. Er war sehr interessiert an meiner Entwicklung, hat sich 30 Minuten für ein Gespräch Zeit genommen, mir sofort das Duwort angeboten. Ich bin dann auch seiner Einladung zu dem Fest nach dem Parteitag in Linz gern nachgekommen.

… den zweiJahrestag ihres Unfalls. Das Datum an sich hat keine allzu große Bedeutung für mich, aber ich spüre eine Art Zeitenwende, eine Aufbruchsstimmung. Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem sich viele neue Türen öffnen. Der Unfall wird immer ein Teil von mir bleiben, aber es fühlt sich für mich so an, dass die Phase der Aufarbeitung endet und ich jetzt, wo sich viele Dinge eingespielt haben, meine Energie in neue Projekte stecken kann. Darauf freue ich mich sehr.

Holen Sie sich das SPORTMAGAZIN-Abo im Magazin-Shop -> https://www.magazin-abo.com/