Kevin Kampl: „Als es um alles ging, haben wir versagt“

Kevin Kampl exklusiv. Vor seinem Abgang spricht der Liga-Superstar Klartext: über seine strengsten Kritiker, den Verlust von Freunden, sein Nein zum deutschen Team, den Konflikt zwischen Serben und Albanern, sein Taschengeldkonto und Tränen bei der Champions-League-Auslosung.

//Interview: Stefan Weger und Tom Hofer

//Titelbild: (C) Bildagentur Zolles KG/Andreas Schaad

SPORTMAGAZIN: Du bringst nur 67 Kilogramm auf die Waage. Relativ wenig, um sich Woche für Woche in der körperbetonten österreichischen Bundesliga zu behaupten.

Kevin Kampl: Es wird leider nicht mehr und die vielen Spiele zehren ganz schön an mir. Ich versuch dosierter zu trainieren und in den Trainingseinheiten die eine oder andere Übung auszulassen, um bei Kräften zu bleiben.

Hast du auf den Bolzplätzen in deiner Heimat Solingen gelernt, dich durchzusetzen?

Neben unserem Wohnblock gab es einen kleinen Fußballplatz. Auf dem haben wir von morgens bis abends gespielt. Auch später, als ich vom Training aus Leverkusen zurückkam, hab ich dort meistens noch gekickt, bis es dunkel wurde. Das war echt eine Multikultitruppe
-Türken, Deutsche, Russen, Jugoslawen und ich als Slowene. Eine schöne Zeit.

Warum ist deine Familie nach Deutschland ausgewandert?

Meine Eltern sind auf der Suche nach Arbeit aus Slowenien weggegangen. Sie haben dann in verschiedenen Firmen gearbeitet, oft auch gemeinsam. Mein Papa ist mittlerweile in Pension, meine Mama arbeitet immer noch. Tausendmal hab ich ihr schon gesagt, sie soll aufhören, aber sie sagt: „Was soll ich zu Hause den ganzen Tag machen? Da geh ich lieber arbeiten.“

Dein Vater war Goalie im Junioren-Nationalteam, deine Brüder haben auch gekickt. Fußball dürfte immer schon das beherrschende Thema in der Familie Kampl gewesen sein.

Mein Vater war ein sehr guter Tormann. Auch meine beiden Brüder waren große Talente. Einige Leute behaupten sogar, dass sie talentierter waren als ich. Beide haben sich aber gegen Fußball entschieden. Das Problem war leider, dass meine Eltern sie nicht ständig zum Training fahren konnten.

Deine Brüder sind mit 37 und 40 Jahren wesentlich älter als du.

Ich war gar nicht geplant. Wahrscheinlich waren meine Eltern auf einer Party und haben es noch mal krachen lassen (lacht). Aber es ist schön, der Kleine zu sein, da wirst du immer schön bemuttert, bist Mamas Liebling. Gott sei Dank waren meine Brüder auch immer für mich da und haben mich jahrelang zum Training nach Leverkusen gebracht. Dafür bin ich ihnen extrem dankbar.

Wie groß war der Druck, es zum Profi schaffen zu müssen?

Diesen Druck hatte ich nie. Ich bekam bei allem, was ich machte, Rückendeckung. Dennis, mein älterer Bruder, hat mir ständig in den Allerwertesten getreten. Ich hab manchmal zehn Tore in einem Match geschossen und er hat trotzdem gesagt, dass ich schlecht gespielt hab. Das Gleiche macht er jetzt auch bei seinen Kindern. Egal wie gut sie spielen oder wie viele Tore sie schießen, immer geht’s noch besser. Wenn ich das jetzt höre, muss ich lachen, aber damals hab ich’s nicht verstanden, war immer am Heulen.

,,Mein Papa hat immer etwas an meinen Leistungen auszusetzen. Wenn wir verlieren, meld ich mich ein paar Tage nicht bei ihm.”

Kevin Kampl

Wer ist heute dein größter Kritiker?

Mein Papa hat immer etwas an meinen Leistungen auszusetzen. Wenn wir verlieren, meld ich mich ein paar Tage gar nicht bei ihm, weil ich genau weiß, es kommt wieder eine Ansage. Er schaut permanent Sky Sport Austria, guckt jedes Match dreiviermal, sogar die Spiele der Ersten Liga schaut er sich an. Er kennt echt alle Spieler. Leider kann er nicht oft live dabei sein, weil er nur mehr ein Bein hat und im Rollstuhl sitzt. Aber mein Vater liebt Fußball und er liebt es, mir zuzuschauen.

War dein Vater auch der Grund, warum du dich entschieden hast, für Slowenien zu spielen?

Ich hab mich immer zu Slowenien hingezogen gefühlt. In der U17 gab es einmal die Möglichkeit, für Deutschland zu spielen. Damals hätte ich die deutsche Staatsbürgerschaft bekommen können. Ich hatte aber immer einen slowenischen Pass, so wie meine ganze Familie. Ich wollte nicht als Einziger einen anderen Weg gehen. Natürlich ist mir bewusst, dass ich mit Slowenien wahrscheinlich nie Welt-oder Europameister werde. So wie das Christoph Kramer, der auch aus Solingen stammt und mit dem ich gemeinsam in Leverkusen gespielt habe, jetzt geschafft hat. Ich spiele aber gern für Slowenien, würde das niemals eintauschen wollen. Ich hoff nur, dass wir uns jetzt für die EURO 2016 qualifizieren.

Wie intensiv ist dein Bezug zur Heimat deiner Eltern genau?

Ich habe zwei Schwestern, die nach wie vor in Slowenien leben, sie wollten nicht nach Deutschland. Ich hab eine Oma, Onkels und Cousins dort. Eigentlich sind von meiner Familie nur mein Papa, meine Mama und meine zwei Brüder in Deutschland. Als ich klein war, haben wir die Sommer- und Winterferien immer in Slowenien verbracht. Ich spreche die Sprache fließend, verstehe alles.

Kannst du als Slowene auch die Ausschreitungen nachvollziehen, die kürzlich beim Match Serbien gegen Albanien zum Abbruch geführt haben?

Die Slowenen haben mit diesen Konflikten weniger zu tun. Es gibt ja eine jahrelange Vorgeschichte. Der Krieg ist jetzt knapp zwanzig Jahre vorbei, damals sind so viele Menschen gestorben. Klar, dass die eine Seite der anderen die Schuld gibt und umgekehrt. Die Dinge, die damals passiert sind, sind passiert, man kann sie nicht mehr rückgängig machen. Auch wenn es schwer wird, man muss Frieden schließen. Serben und Albaner haben beide einen sehr starken Charakter, da trifft Stahl auf Stahl. Aber ich hoffe, dass so was nicht noch mal vorkommt. Eine Aktion wie die mit der Flagge gehört sich einfach nicht. Man muss verstehen, dass sie ein serbischer Spieler heruntergerissen hat. Dann ist die Lage eskaliert. Der Spielabbruch war meiner Meinung nach die beste Lösung.

Viele meinen, es war ein Fehler der UEFA, dass Serben und Albaner überhaupt in die gleiche Gruppe gelost werden konnten.

Vielleicht sind sie jetzt schlauer und machen es in den nächsten Jahren anders.

Zurück zum Sportlichen: Du bist 1997 von Solingen zu Leverkusen gewechselt. Wie kam der Transfer zustande?

Ich war damals Stürmer beim VfB Solingen, habe extrem viele Tore geschossen. Da war ich noch richtig torgefährlich (lacht). Ein Freund meines Bruders hat mich dann einmal auf den Arm genommen. Er hat sich am Telefon als Scout von Borussia Dortmund ausgegeben. Ich hab das geglaubt und war total aufgeregt. Bis mir mein Bruder verraten hat, dass es nur ein Scherz war. Als wenig später jemand von Leverkusen anrief, dachte ich, jetzt werde ich schon wieder veräppelt, und hab aufgelegt. Aber es hat dann doch noch geklappt. Ich war zwölf Jahre in Leverkusen, habe alle Nachwuchsteams durchlaufen und viele Trainer erlebt. Deshalb verfolge ich Leverkusen noch immer, gerade jetzt, wo Roger (Ex-Salzburg-Trainer Schmidt; Anm.) dort arbeitet.

In Leverkusen konntest du dich aber nicht durchsetzen. Warum hat es nicht geklappt?

Weil auf meiner Position – ich hab dann schon als Sechser gespielt – die Konkurrenz mit Lars Bender, Arturo Vidal, Michael Ballack und Simon Rolfes riesig war. Ich war öfters auf der Bank mit dabei, aber Jupp Heynckes hat auf Spieler mit etwas mehr Erfahrung vertraut. Ich habe nie die Chance bekommen, mich zu zeigen. Ich bin ihm deswegen aber nicht böse, weil ich es verstanden habe. Wenn du solche Klassespieler vor dir hast, musst du dich als Junger hinten anstellen. Aber für mich war klar, dass ich einen anderen Weg gehen muss. Ich wollte mich zeigen. Deshalb hab ich entschieden, in die dritte Liga zu Osnabrück zu gehen.

Wie war die Reaktion auf deinen Wechsel?

Viele haben gesagt, warum machst du das, bleib doch bei Leverkusen. Aber ich wusste, ich brauch Spielpraxis. In Osnabrück war ich gleich im ersten Jahr der Spieler mit dem besten Notendurchschnitt. Mein Plan war: Ich spiele ein Jahr bei Osnabrück, zeige mich dort, schaffe so den Sprung in die Zweite Liga und von dort in die Erste. Das hat ja auch geklappt, Aalen hat mich für 300.000 Euro verpflichtet. Kurz davor hab ich mich erstmals mit Roger getroffen, der damals bei Paderborn Trainer war. Aber Paderborn konnte die 300.000 nicht bezahlen, was ja nicht gerade wenig Geld für einen Drittligaspieler ist. Am letzten Spieltag hab ich beim 4:1 gegen Aalen, das schon als Aufsteiger feststand, drei Assists und insgesamt ein ziemlich gutes Spiel gemacht. In der Halbzeit hat dann jemand meinen Berater angerufen und gesagt: Wir machen den Transfer jetzt!

In Aalen warst du dann aber nur wenige Wochen.

In den ersten zwei Ligaspielen habe ich jeweils getroffen. Dann ging es ziemlich flott. Genau als mir meine neue Küche eingebaut wurde, musste ich schon wieder die Koffer packen. Ich habe noch die Schlüssel in den Briefkasten geschmissen und bin mit dem Auto spätabends im ärgsten Regen nach Salzburg gefahren, wo im Sheraton Hotel schon alle auf mich gewartet haben.

Salzburg hat drei Millionen Euro für dich bezahlt, das Zehnfache von dem, was kurz davor Aalen nach Osnabrück überwiesen hatte.

Ich kann mich noch gut erinnern: Mein Berater saß am Flughafen und wartete darauf, dass ich ihm sage, er soll in den Flieger nach Salzburg steigen. Ich war unschlüssig, hatte die ganze Zeit das Gefühl, ich lass die Mannschaft im Stich, obwohl ich nach Salzburg wechseln wollte. Jetzt kann ich sagen, dass es die beste Entscheidung war. Eine, die mich sehr weit nach vorne gebracht hat.

(c) GEPA Pictures

Während du sportlich auf Wolke sieben unterwegs warst, hast du privat einige Rückschläge einstecken müssen.

Meinem Papa ging es in der Zeit nicht so gut, dann ist auch noch der Mann meiner Schwester umgekippt und gestorben. Roger hat mir eine Woche freigegeben, damit ich zu ihr nach Slowenien fahren kann. Das war keine einfache Zeit und hat Kraft gekostet, aber ich habe es ganz gut gemeistert. Im Prinzip war die Zeit am Fußballplatz die, in der ich alles verdrängen konnte. Eigenartig, immer wenn es mir schlecht geht, spiele ich ein bisschen besser. Ich kann dann alles ausschalten und mich nur aufs Spiel konzentrieren.

Erst vor wenigen Wochen musstest du den nächsten Schicksalsschlag verkraften.

Ein Kumpel von mir ist mit zwanzig Jahren ganz plötzlich gestorben. Seitdem wir 15 waren, gehen meine besten Freunde und ich in Solingen in die gleiche Bar. Er war dort Kellner. Die Geschichte ist extrem traurig: Er wollte seinen Abschied feiern, weil er einen Job in Dortmund angenommen hatte. Beim Streichen einer Wand erlitt er einen Schlaganfall. Als ihn seine Mutter fand, war er schont tot. Ein Tisch war aus der Verankerung gerissen, er muss ziemliche Schmerzen gehabt haben, bevor er starb. Wir haben in der Bar auf einem Tisch ein großes Bild von ihm aufgestellt, davor brennen ständig Kerzen. So ist er immer bei uns, wenn wir dort sind.

Wie wichtig sind dir Freunde?

Ich habe zwei Freunde, die ich schon ewig kenne, die immer für mich da sind. Wir haben uns im Urlaub auf Ibiza ein Tattoo stechen lassen
-„Since 1990“. Man lernt natürlich immer wieder Leute kennen, das werden Kumpels und auch Freunde, aber nicht solche, die du dein Leben lang hast.

Dein Marktwert wird mittlerweile auf neun Millionen Euro taxiert. Was bedeutet diese Summe für dich?

Mich interessiert das nicht wirklich. Okay, ab und zu schaue ich online auf den Transfermarkt und sehe, dass ich vor zwei Jahren noch einen Marktwert von 250.000 Euro hatte. Klar arbeite ich daran, dass es noch weiter nach oben geht. Schlussendlich ist es aber nicht meine Sache, wie viel ich koste. Diese Zahlen sind etwas für Vereine und Berater. Ich muss auf dem Platz meine Leistung bringen.

Ist dir bewusst, dass du das Gesicht der österreichischen Bundesliga bist?

Ich bin vor zwei Jahren nach Salzburg gekommen und hier aufgenommen worden, als wäre das meine Familie, als wäre ich der verlorene Sohn. Für mich ist es schön, wenn ich Kinder sehe, die meine Frisur haben, mein Trikot tragen, für die ich ein Vorbild bin. Natürlich hätte ich auch gern mit Salzburg in der Champions League gespielt.

Ganz ehrlich, wie sehr hat das Aus gegen Malmö geschmerzt?

Zweieinhalb Jahre haben wir für dieses große Ziel hart gearbeitet. Und genau an dem Tag, an dem es um alles ging, haben wir versagt. Weil wir nicht das gemacht haben, was wir können. Deswegen waren wir auch in den Wochen danach so geknickt. Wir waren mit dem Kopf überall, bloß nicht auf dem Platz. Als wir uns die Auslosung der Gruppenphase angeschaut haben, sind Tränen gekullert.

,,Ich war genauso glücklich ohne Geld wie jetzt mit mehr Geld.”

Kevin Kampl

Was bedeutet Geld für dich?

Ich komme aus einer ganz normalen Familie, hatte eine schöne Kindheit. Wir hatten genug Geld zum Leben. Ich finde, Geld ist es etwas Schönes und auch wichtig, aber es ist nichts wert, wenn du sonst nicht glücklich bist. Ich war genauso glücklich ohne Geld wie jetzt mit mehr Geld. Ich hab aber auch ein gutes System. Ich hab mein Taschengeldkonto und mein Gehaltskonto. Ich besitze keine Kreditkarte, nur eine sogenannte Taschengeldkarte. Der Rest wird angelegt und gespart. Einen Wunsch habe ich mir aber zuletzt erfüllt: Seit ich als kleiner Junge nach Leverkusen gewechselt und dort in die Garage gekommen bin, war’s immer mein Wunsch, auch einmal so ein schönes Auto zu fahren.

Wo siehst du dich in einem Jahr?

Im Fußball kannst du nie was planen, weil so viel passieren kann. Ich hab aber Träume, einer davon ist, den Sprung in eine der besten Ligen der Welt zu schaffen. Ich will mich ständig verbessern, damit ich am Karriereende behaupten kann, das Beste herausgeholt zu haben. Dazu gehört natürlich, dass ich jetzt dann den nächsten Schritt mache. Persönlich wird es mir aber schwerfallen, wenn ich Red Bull Salzburg verlasse, weil ich das hier einfach liebe. Ralf (Sportdirektor Rangnick; Anm.) hat ja schon im Sommer gesagt, dass ich kein weiteres Jahr mehr in Salzburg bleiben werde. Ich will den Sprung schaffen. Wann genau und wohin, das werden wir sehen.

PASSPORT

Geboren am: 9. Oktober 1990 in Solingen Wohnort: Salzburg Größe/Gewicht: 180 cm/67 kg

Familienstand: ledig; Freundin Vanessa ist nach zwischenzeitlichem Liebes-Aus wieder fix an seiner Seite

Bisherige Stationen: VfB Solingen (1994-97), Bayer Leverkusen (1997-2009 und Frühjahr 2011), Greuther Fürth (Herbst 2010), Vfl Osnabrück (2011/12), VfR Aalen (1. Juli bis 31. August 2012), Red Bull Salzburg (seit September 2012). Erfolge: österr. Meister und Cupsieger 2014, „Spieler des Jahres 2014″(von den Mitgliedern der Spielergewerkschaft gewählt)

Nationalteam: 13 Länderspiele für Slowenien (1 Tor); Debüt am 12. Oktober 2012 beim 2:1-Sieg gegen Zypern Vorbild: Zinedine Zidane („Starke Persönlichkeit, elegantes Auftreten am Platz – er konnte aber auch dazwischenhauen; hätte er frisurentechnisch ein bisschen was von mir gehabt, wäre er der perfekte Fußballer gewesen“)

Aktuelles Auto: Mercedes C63 AMG („Meine Freundin gibt gern einmal Gas, ich hab eher Angst vorm Schnellfahren“)

Hobby: Fischen („Der perfekte Ausgleich für mich, da kommt man zur Ruhe, aber in Salzburg hab ich nicht viel gefangen“)