Karim Onisiwo: „Mein Weg ähnelt dem von Arnautovic“

Karim Onisiwo könnte via Mainz noch auf den EM-Zug aufspringen. Dabei ist die Karriere des (Fein-)Mechanikers aus Favoriten jahrelang in der Sackgasse verlaufen.

//Text: Christoph König
//Titelbild: (C) Christian Hofer

Die Entdeckung von Karim Onisiwo begann mit einer groben Unsportlichkeit. Als fünfjähriger Frechdachs gab er seiner Mutter nach einem Streit  einen – auf gut Wienerisch gesagt – Spitz aufs Schienbein und nahm Reißaus. Glück für ihn, dass sich diese Szene in Wien-­Favoriten genau beim Eingang zum FavAC-Platz abspielte. Ein Jugendtrainer reagierte sofort: „Der Bua is schnell, der soll zum Training kommen.“ Statt vor hundert Fans beim Stadtligisten in der Kennergasse 3 kickt der 23-Jährige heute vor 34.000 Fans beim deutschen Bundesligisten Mainz 05 in der Eugen-Salomon-Straße 1. Ein Fußballmärchen.

Der Weg dorthin verlief ebenso holprig wie der Karrierestart. Dabei kickte Karim zu Beginn noch mit dem gleichaltrigen David Alaba in der Austria-Jugend: „Unsere Väter haben sich schon vor unserer Geburt gekannt. Sie sind aus demselben Stadtteil in Lagos. Deshalb habe ich öfter bei seiner Familie übernachtet und mit ihm im Park gekickt.“ Das war es dann auch schon mit den Parallelen: „Mein Weg ähnelt eher dem von Marko Arnautovic.“ Denn Onisiwo wanderte in Wien in der Jugend von einem Verein zum nächsten: FavAC, Rapid, Austria, Simmering, Team für Wien. Nach dem Pflichtschulabschluss arbeitete er bereits ein Jahr als Mechaniker, etwas, was ihn mit seinem jetzigen Mainz-Coach Martin Schmidt verbindet – der Schweizer besaß früher eine Autowerkstatt.

Mit 17 sah Karim die Chance, doch noch als Fußballer durchzustarten. Er unterschrieb bei der Vienna den ersten Profivertrag. Doch während David Alaba, sein Freund aus Kindertagen, im Frühjahr 2010 sein Champions-League-Debüt gegen Fiorentina feierte, wurde Onisiwo beim First Vienna FC in die Amateurmannschaft abgeschoben – ausgerechnet unter dem Favoritner Peter Stöger als Trainer: „Laut Stöger war es eine Order von oben.“ Ein Tiefschlag. Im Sommer ging es weiter zu Ostbahn XI. So richtig in Fahrt kam die Karriere dadurch trotzdem nicht: „Bei den Wiener Klubs habe ich mich nirgends richtig wohlgefühlt, deshalb musste ich neue Wege suchen, denn sonst versinkst du irgendwann und keiner sieht dich mehr.“

,,„Mein Weg ähnelt eher dem von Marko Arnautovic.“”

Karim Onisiwo

Der wirklich rasante Aufstieg

Karim ging nach Salzburg. Der Mann, der diese Saison den Sprung in die deutschen Bundesliga und ins österreichische Nationalteam geschafft hat, heuerte 2012 beim österreichischen Viertligisten Straßwalchen an. Er versuchte sein Glück in Grödig. Doch auch dort konfrontierten ihn zwei prominente Namen mit unangenehmen Tatsachen: „Adi Hütter und Edi Glieder haben gemeint, dass ich gut trainiert hätte, ich wäre bei ihnen aber nur Stürmer Nummer drei oder vier, deshalb ging ich zu Austria Salzburg. Sie haben gesagt, wenn ich dort gut bin, holen sie mich vielleicht, doch dann ist Hütter von Grödig weggegangen und alles zerschlug sich.“ Im Jänner 2014 nahm sich dafür Günter Starzinger als Berater des Talents an. Und plötzlich kam die Karriere so schnell in Gang, dass einem beinahe schwindlig wurde. Nach 23 Scorerpunkten in der Regionalliga für Salzburg bombte der wieselflinke, trickreiche Flügelstürmer Mattersburg mit 18 Toren und 10 Assists zurück in die Erstklassigkeit. Neun Scorerpunkte und 18 Bundesliga-Runden später verschaffte ihm Marcel Koller sein Teamdebüt gegen die Schweiz. Im Winter wurde der ehemalige Parkkicker schließlich von Mainz in die deutsche Bundesliga gelotst.

„Der Sprung ist natürlich ein Wahnsinn. Hätte mir vor drei Jahren einer gesagt, ich würde es in die deutsche Bundesliga schaffen, hätte ich mir das nicht vorstellen können.“ Der Wiener mit nigeria­nischem Blut macht Mainz noch bunter. Kicker mit Wurzeln aus 16 verschiedenen Nationen spielen nun bei jener Truppe, die mit ihren neuen, dreifarbigen Dressenärmeln schon optisch der Farbklecks in der Liga ist. „Spanier, Argentinier, Italiener, Türken, Japaner, Franzosen – wir sind sehr international, verstehen uns alle aber sehr gut. Ich hätte mir schon gedacht, dass es wegen des großen Konkurrenzkampfs anders zugeht“, ist der neue Kollege von Julian Baumgartlinger von so viel Herzlichkeit überrascht. In Sachen Physis weht freilich ein rauerer Wind in Deutschland, immerhin will der ebenso kumpelhafte wie hemdsärmlige Martin Schmidt sein Team als die fitteste Mannschaft der Liga etablieren. Ein höchst erfolgreicher Weg, wie die Ergebnisse beweisen: schnelles Umschaltspiel, Gegenpressing, Zug zum Tor über die Flügel – mit dem unermüdlichen Julian Baumgartlinger als Kapitän und Herzstück. Da scheint auch der flinke Onisiwo, der ebenso wie ÖFB-Captain Christian Fuchs nicht in einer Akademie, sondern früh im Männerfußball seine Durchsetzungskraft entwickelte, gut ins Konzept zu passen. Sollte sich der ­Österreicher gegen die starken Konkurrenten Clemens, Samperio oder De Blasis am Flügel ins Aufgebot spielen, könnte sogar ein Ticket für die EM winken: „Ich bin zufrieden, dass ich den Sprung hierher überhaupt geschafft habe. Ich werde aber natürlich alles versuchen, um noch auf den Zug nach Frankreich aufzuspringen.“

15

Sorgt Onisiwo für den großen Knall?

Doch es wäre nicht die einzigartige Karriere des Karim Onisiwo, würde ihm das Drama nicht auch jetzt an den Fußsohlen haften – im wahrsten Sinne des Wortes, denn ein Knochenödem im Zeh setzte den Favoritner zu Beginn der Frühjahrssaison fünf Wochen außer Gefecht. Und auch der Rechtsstreit mit dem SV Mattersburg ist noch nicht ausgestanden. In erster Instanz hat das Arbeitsgericht Wien den Vertrag mit Sommer 2015 für ungültig erklärt, weil die Option bis 2017 als unzulässig eingestuft wurde. Nach der Freigabe durch die FIFA darf Onisiwo für Mainz auflaufen. Die Burgenländer haben allerdings Berufung eingelegt. Diese liegt mit der Berufungsantwort von Onisiwos Anwalt Dr. Robert Palka bereits beim Oberlandes­gericht Wien. Sollte die Revision zugelassen werden, ginge der Fall an den Obersten Gerichtshof. Bekäme dort Mattersburg recht, könnte wiederum Onisiwo den Fall bis zum Europäischen Gerichtshof bringen. „Sollte sich dieser dann dem Urteil in erster Instanz anschließen, wären ähnliche Verträge überall ungültig, dann scheppert und knallt es. Ich halte das für rechtstheoretisch, aber denkbar“, sagt Palka, dessen Mandant sich etwaige Schadenersatzansprüche vorbehält. Andererseits könnte Mattersburg mit einem Sieg vor Gericht noch zu einer Ablöse kommen. Ein künftiger Transfer des Teamspielers könnte sich so massiv verkomplizieren. Wie auch immer dieses Match ausgeht, Onisiwo würde sich nach allem, was er bisher in seiner Karriere erlebt hat, wohl auch davon nicht kleinkriegen lassen. Ein echter Wiener geht eben nicht unter.

Noch kein SPORTMAGAZIN-Abo? Hier zuschlagen!