Die ganze Story: Kampf um Wien

Geht es nach der mit Top-Spielern ­gespickten Setzliste, so spitzen sich die Erste Bank Open (21.–29. Oktober, Wiener Stadthalle) zum Showdown zwischen Lokalmatador Dominic Thiem und Deutschlands Jungstar Alexander Zverev zu. Lesen Sie, was die beiden Tennisthron­aspiranten schon jetzt so stark macht und woran sie noch zu feilen haben.

//Text: Fritz Hutter//Foto: Getty, Gepa //

Die ersten Kapitel ihrer Geschichten aus dem Wienerwald haben beide mit süßen 17 geschrieben. Der vier Jahre ältere Dominic Thiem musste sich 2010 als Nummer 902 knapp dem um 805 Plätze besser gereihten Türken ­Marsel Ilhan in der ersten Qualirunde beugen. Alexander Zverev hingegen reiste 2014 bereits als 136. der Weltrang­liste an, zerschellte aber am Tor zum Haupt­bewerb letztlich an Landsmann Daniel Brands.

Nach der Premiere machte der heute 20-Jährige noch einen Bogen um die Stadthalle. Für die heurige ­Auflage der Erste Bank Open gelang es Turnierdirektor ­Herwig Straka allerdings, den Deutschen zurückzuholen. Öster­reichs Nummer 1 hingegen versucht seit damals ununterbrochen, sich auch dem Heimpublikum von der Schokoseite zu zeigen. So gelang dem Niederösterreicher sein allererster Sieg auf der großen Tour 2011, als Fortuna dem Wildcard-Crack in Wien just den 44-jährigen Thomas Muster am Ende seiner zweiten Profikarriere zuloste. Und die bislang prickelndste Vorstellung gab Dominic Thiem 2013, als er im Viertelfinale Jo-Wilfried Tsonga, damals Nummer 8 der Welt, jenen mitreißenden 3-Satz-Fight lieferte, der ihn am Ende zwar als Verlierer, aber auch endgültig als Bank für eine rosige Tenniszukunft sah.

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Aus den Folgejahren taugt allerdings nur ein einziger Sieg, jener gegen Gerald ­Melzer im Vorjahr, als brauchbares Souvenir. Dass er in seinem frisch bezogenen Eigenheim in Mödling noch keinen Siegerpokal von einem österreichischen ATP-Event abstauben muss, wurmt den Rechtshänder aus Lichtenwörth zwar, motiviert den Top-10-Dauergast aber für sein bereits achtes Gastspiel bei den kommenden Erste Bank Open. „Natürlich will ich meine Karriere nicht irgendwann ohne Heimsieg beenden müssen, aber in der Stadthalle ist es halt schwer zu schaffen, weil die Besetzung dort immer extrem stark ist“, so Dominic Thiem im Gespräch mit dem Sportmagazin.

Der gebürtige Hamburger Alexander Zverev hingegen konnte den ersten Titel im eigenen Land im vergangenen Frühjahr am Sand von München einfahren. Und auch ein weiterer Karrieremeilenstein ist bereits aus dem Weg geräumt: ein Titel in der Halle. Im Vorjahr triumphierte Zverev in St. Petersburg. Bisher bestes ­Indoor-Resultat von ­Dominic Thiem: das Finale von Metz im Jahr 2016. Aufs Spiel unter Dach steht Österreichs Nummer 1 aber durchaus: „Dass störende Faktoren wie Wind oder Sonne wegfallen, passt natürlich auch mir, aber dadurch rückt das Feld leistungsmäßig noch enger zusammen. Die Halle in Wien taugt mir immer noch sehr – alt, aber geil!“

Zverev hat viele Fans

Insgesamt hielt Thiem als der Welt Nummer 7 zu Redaktionsschluss bei acht Titeln, Zverev als Nummer 4 bei sechs. Im nordamerikanischen Hartplatzsommer musste man allerdings den seit Ende Juli zusätzlich vom ehemaligen Nummer-1-­Crack Juan Carlos Ferrero betreuten Deutschen als Mann der Stunde gelten lassen. Taktisch eindeutig verbessert, mit mehr Zug zum Netz und vor Selbstbewusstsein sprühend siegte dieser sowohl beim ATP-500-Event in Washington wie auch beim 1000er-Turnier von Montreal und löste Dominic Thiem als Jüngsten unter den Top 10 ab. Der Niederösterreicher wiederum durfte nach dem Erreichen des Achtelfinales von Wimbledon den Viertelfinaleinzug beim ATP-1000-Turnier in Cincinnati als brauchbarstes Resultat anschreiben. Bei den US Open war für Zverev dann aber über­raschend und wie im Vorjahr bereits in Runde zwei Schluss. Kann gut sein, dass die Co-Favoritenrolle doch noch zu schwer wog. Gegen den nicht ganz ein Jahr älteren Borna Coric zögerte er sich in ein 4-Satz-Out, statt seinen kampfstarken Gegner wie gewohnt zu dominieren. Dominic Thiem hingegen erreichte auf den Flushing Meadows wie schon 2014 und 2016 das Achtelfinale – und damit auch beim vierten und letzten Grand Slam des Jahres Turnierwoche zwei.

An den Zukunftsperspektiven für beide ändern überraschende Drop-outs da oder dort wenig. So wird speziell der jüngere Zverev von Experten wie Ivan Lendl („Mir imponiert sein Hass auf Niederlagen“ ) immer öfter als künftiger Ranglistenanführer gesehen. Sogar vom Thiem-Macher Günter Bresnik. Im Frühjahr 2016 stellte dieser in einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ Zverev gar über seinen ebenfalls hoch eingeschätzten Schützling: „Besser als Dominic. Er wird in den nächsten fünf Jahren Nummer 1 werden. Mit solchen Prognosen hab ich mich nie geirrt. Darauf bin ich stolz. Er muss natürlich fit bleiben.“

Apropos Fitness: Diese ist dem Schlaks mit den lockeren Händchen längst zum Leitmotiv geworden. 2014 stieß Athletiktrainer Jez Green, der auch schon Andy Murray u. a. perfekt austrainierte Beine gemacht hat, zum von Headcoach Zverev sen. angeführten Team und erkannte trotz Größe und Leichtbauweise seines Neoklienten sofort dessen motorische Skills, aber auch das Entwicklungspotenzial: „Einem 16-Jährigen mit diesen Maßen musst du fünf Jahre Zeit geben. Die Grundlagen sind nach drei Jahren gelegt. Dann folgen zwei weitere Jahre, um sicher­gehen zu können, dass er jede Woche starke Spieler herausfordern kann.“ Diesem Plan dürfte Sascha Zverev durchaus voraus sein, wie schon der teils beinhart erkämpfte Triumph beim Sandplatz-Highlight von Rom, die seriellen Siege von ­Washington sowie Montreal und dazu ein jüngst lanciertes Instagram-Posting belegen. In diesem liefert der auf 1,98 Meter aufgeschossene Rechtshänder seinen fast 300.000 Abonnenten den Videobeweis, dass er in den letzten dreieinhalb Jahren seine Leistung beim Kreuzheben von niedlichen 40 auf beeindruckende 150 und sein Körpergewicht von 75 auf 85 Kilogramm steigern konnte.

Thiems Körper prädestiniert für Tennis

Um zu kapieren, dass der zweifache Paris-Semifinalist Dominic Thiem athletisch im Kreis der großen Jungs angekommen ist, braucht es eher keine Filmchen. Mit seinen 1,85 Metern liegt er schon statistisch genau dort, wo er und Trainer Günter Bresnik hinwollen: ganz vorne. Errechnet man die durchschnittliche Körpergröße einer Nummer 1 im ATP-Ranking, kommt man – wie bei Federer, Nadal, Sampras oder Courier – exakt aufs Thiem-Maß und auch mit seinen etwas über 80 Kilogramm tummelt er sich in diesem exklusiven Club. Und da es bei Thiems Luxuskörper nicht um die gefällige Optik, sondern um die präzise Funktion geht, konsultierte Mastermind Bresnik schon vor sieben Jahren Roger Federers langjährigen Conditioning Coach Pierre Paganini. Seine Diagnose anlässlich einer Visitation in der Südstadt reichte der Schweizer damals auch an den Sportmagazin-Zaungast weiter: „Dominic ist von Natur aus sauschnell. An allem anderen kann man arbeiten, speziell im koordinativen Bereich.“ Um den damals eingeschlagenen und stückweise mit dem Extremsportoriginal Sepp Resnik beschrittenen Weg weiter Richtung Spitze zu treiben, holte man vor bald zwei Jahren für die Bereiche Regeneration, Fitness und Physiotherapie Alex Stober. Der deutsche Mittfünfziger hat sich in dreißig Jahren Tennis-Biz und mit Klienten wie Pete Sampras und Andre Agassi den exzellenten Ruf eines Spezialisten geschaffen. Seine aktuellen Auftraggeber lobte er auch in einem Interview mit der Austria Presse Agentur gefühlt etwas tiefstapelnd: „Langsam nimmt er wirklich Gestalt und Form an, so wie man es gern auch sehen möchte. Es sind sicherlich ­viele Sachen, an denen wir noch arbeiten müssen, wie an den körper­lichen Abläufen,­ aber es ist alles absolut im grünen Bereich und ich bin sehr, sehr happy.“

Auch Stober hat also im Know-how-Match gegen den Zverev-Clan fix wichtige Punkte gebracht. Von den bisher fünf allesamt 2016 bzw. 2017 auf dem Platz ausgetragenen Spielen konnte der Öster­reicher vier für sich entscheiden. Allerdings endete keine der Partien nach dem Satzminimum und jede lieferte einen höchst unterhaltsamen Schlagabtausch zweier seriöser Tennisthronanwärter. Auf der einen Platzseite Sascha Zverev als zweites Kind der ehemaligen Nummer 22 im Welttennis, Irina, und des russischen Daviscupspielers Alexander sen. Im ebenfalls langen Schlagschatten seines fast zehn Jahre älteren Bruders Mischa – aktuell Deutschlands Nummer 2 – durfte sich das Nesthäkchen schon als Volksschüler Bälle von Roger, Rafa & Co. zuspielen und die Seele eines Wettkämpfers einhauchen lassen. Heute wird ihm die möglicherweise beste Bi-Hander-Rückhand und ungehemmter Naturschwung in den mit Muttern entwickelten Schlägen attestiert. Dem Wahlmonegassen gegenüber der innig ballverliebte, von umsichtigen ­Tennislehrereltern im Kindergartenalter behutsam ans Gerät gewöhnte Dominic Thiem, der sich nach ersten Jugend­erfolgen von Günter Bresnik vom abwartenden Konterspieler mit beidarmiger Rückhand zur einarmigen Offensivkraft umpolen ließ. Zu seinen herausragenden Stärken zählt es, Power und Platzierung aus einer erstaunlich stringent durchgezogenen Technik zu generieren – man beobachte die immer gleichen Bewegungsabläufe des linken Arms bei Rückhand oder Service.

Schmerzvolle Niederlagen

Die Besinnung auf diese maßgeschneiderten Bewegungsmuster bringt unter anderem mental wohlige Sicherheit – und damit ein meist höchst wirksames Medi­kament für den etwaigen Krisenfall. Was passiert, wenn das „Allheilmittel“ mitten im Match knapp wird, haben die US Open gezeigt. Nachdem Thiem dort in den ersten drei Spielen eher durchschnittliche Leistungen fürs Weiterkommen reichten, ließ er im Achtelfinale den vergrippten Juan Martin del ­Potro trotz souveräner 2:0-Satzführung wieder aus der Kiste, gab Satz drei glatt ab, lieferte dem wiedererstarkten und von tausenden Landsleuten gepushten Argentinier zwar noch einen großen Kampf, schied aber letztlich bitter enttäuscht aus. „Beim 0:1 im dritten Satz habe ich ihn mit einer Serie von Undiszipliniertheiten zurückgeholt. Da sind mir gleich mehrere dumme Vorhand- und Rückhandfehler hintereinander ­unterlaufen. Die Konzentration war kurz weg und damit auch die optimale Technik. Ähnlich bitter war auch die Nieder­lage in Wimbledon gegen Tomas Berdych.“

Letzterer wird sich bei den Erste Bank Open wohl ebenso gegen den einen ersten Heimerfolg von Dominic Thiem stemmen wie Frankreichs bärenstarke Entertainer Monfils, Pouille und Tsonga, US-Open-Finalist Kevin Anderson oder Russlands Aufsteiger Karen Katschanow.

Als Top-Favorit für das mit 2,6 Millionen Euro dotierte ATP-500-Turnier muss aber die Nummer 1 der Setz­liste gelten. Was Alexander Zverev auszeichnet und wie er zu knacken ist, erklärt Thiem als erster Verfolger unter den Wien-Startern: „Bei seiner Größe ist sein Aufschlag fast ­immer eine extreme Waffe. Dazu kommt, dass er super mit dem Tempo des Gegners arbeitet und dich viel spielen, aber auch viel Blödsinn machen lässt. Die größte Chance gegen ihn hat man dann, wenn es gelingt, ihn permanent laufen zu lassen. Als Zweimetermann wird die Beinarbeit wohl nie seine absolute Stärke werden.“

Den Masterplan, um bei künftigen Fights um die besten Sitzplätze am Tennisolymp möglichst erfolgreich zu sein, hat der Österreicher jedenfalls parat: „Ich muss konstanter werden, das heißt, einfach weniger Fehler bei höchstmöglichem Tempo in den Schlägen machen. Auf Sand bin ich da ja schon sehr weit. Gelingt das Gleiche nächstes Jahr auch auf Hartplatz, wird mein Ranking auto­matisch besser sein. Noch besser als heuer.“ Mal sehen, ob es tatsächlich Alexander Zverev ist, der zu jenen zählt, die dann noch immer vor Dominic Thiem rangieren.

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