Jupp, Jupp, Hurra!

in 72-jähriger Fußball-Pensionär spielt die moderne Laptop-Generation der Trainer derzeit an die Wand. So verwandelte Jupp Heynckes in wenigen Wochen den FC Bayern vom kriselnden Chaos-Klub zum heißen Triple-Anwärter.

// text: Markus Geisler //foto: imago, sportfoto/huebner //

Der Mensch muss ja Ziele haben, zum Beispiel dieses: Wenn Jupp Heynckes heuer die Champions League gewinnt, wäre er mit 73 Jahren und ein paar Zerquetschten der älteste Trainer aller Zeiten, der jemals den Henkelpott in die Höhe stemmte (der in dieser Kategorie führende Raymond Goethals war 1993, als er mit Marseille erfolgreich war, ein gutes Jahr jünger). Dass die Bayern nach verkorkstem Saisonstart überhaupt mit diesem Triumph liebäugeln können, liegt wiederum an dem Mann, dem man momentan vom Bundeskanzler bis zum „Tatort“-Kommissar alle wichtigen Funktionen der Republik zutraut. Niemand kombiniert derzeit konservative Werte wie Höflichkeit, Rechtschaffenheit und Weltgewandtheit mit dem Modernsten, was der Sport zu bieten hat: Erfolg. „Jupp Heynckes ist ein Glücksfall, der uns alle wieder schweben lässt“, sagt Bayern-Präsident Uli Hoeneß, der Erfinder von Jupp Heynckes als „Tatort-Reiniger“, wie ihn die Zeitung „taz“ nannte. Er soll die Trümmer wegräumen, die seine Vorgänger hinterlassen haben.

Balsam für die Seele

Das hat schon funktioniert, als er die Scherben aufklaubte, die Louis van Gaal (2011) oder Jürgen Klinsmann (2009) zerdeppert haben. Und auch als klar war, dass jeder weitere Tag mit Carlo Ancelotti mehr Schaden als Nutzen stiftet, bat Hoeneß seinen alten Spezi Heynckes um einen „Freundschaftsdienst“ – ein mittlerweile geflügeltes Wort im Verhältnis der beiden. Uli rief und Jupp lieferte: Er verwandelte in der Bundesliga einen 5-Punkte-Rückstand in einen 6-Zähler-Vorsprung, kegelte Leipzig aus dem Pokal und machte vor allem die 0:3-Schmach von Paris wett, indem er PSG im Gruppen-Rückspiel mit 3:1 schlug. Auferstanden aus Ruinen. Elf Siege standen nach den ersten zwölf Spielen unter Jupp Heynckes’ ­Regie zu Buche – Balsam für die Seele des Klubs, der Anfang Oktober noch all seine Lederhosen davonschwimmen sah.

Weniger Aufwand – mehr Ertrag

Wir baten die Kollegen von Opta, die größten statistischen Auffälligkeiten herauszuarbeiten, die das Werken von Ancelotti und Heynckes unterscheiden – und bekamen erstaunliche Ergebnisse geliefert. Dass Heynckes, wie es seit jeher seinem Credo entspricht, die Defensive stärkte und den Gegentorschnitt von 1,0 auf 0,6 runterschraubte, war ja noch zu erwarten, dass sich vermeintliche Schlüsseldaten wie Passquote, Zweikampfquote oder Schüsse pro Spiel gar nicht oder nur marginal unterscheiden, überrascht dagegen schon.

Richtig spannend ist aber der Blick auf die Tracking-Daten von Vidal, Martínez & Co., denn unter Ancelotti liefen die Bayern im Schnitt pro Spiel über einen Kilometer mehr, absolvierten fast zehn Prozent mehr Sprints und führten auch mehr Zweikämpfe. „Weniger Aufwand – mehr Ertrag“ lautet also die Erfolgsformel von Heynckes, der sich mit einer Mannschaft konfrontiert sah, die sich im konditionellen Bereich längst nicht im Optimum befunden haben soll. Was auch dadurch genährt wird, dass besagte Para­meter in den letzten Spielen wieder anstiegen. Auch personell hat Heynckes keine Revolution gestartet. Die auffälligste Änderung war, Javi Martínez, unter Ancelotti und auch Guardiola fast ausschließlich in der Innen­verteidigung eingesetzt, ins defensive Mittelfeld vorzuziehen. Also dorthin, wo er in der Triple-Saison 2012/13 als Neuzugang höchst erfolgreich brillierte. „Gerade in großen Spielen braucht man einen zuverlässigen Mann, der intelligent spielt und die Position hält, dann ist man defensiv nicht so anfällig“, sagt Stabilisator Heynckes, für dessen Co-Trainer Peter Hermann die Bayern sogar die Wahnsinnsablösesumme von zwei Millionen Euro an Fortuna Düsseldorf überwiesen – wahrscheinlich Weltrekord für einen Assistenten.

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