Jupp Heynckes: „Redondo. Matthäus. Und David Alaba.“

Kein Trainer schob David Alabas Karriere so an wie der große Jupp Heynckes. Der Triple-Coach des FC Bayern verneigt sich exklusiv im SPORTMAGAZIN Euro-Extra vor seinem Ex-Schüler erklärt dessen Sonnyboy-Image und zeigt sich begeistert von Österreich.

Die wirklichen Größen des Fußball-Business erkennt man daran, dass ihnen jegliches Stargehabe fremd ist. Und Jupp Heynckes gehört zu den ganz großen Trainer-Heroes. Er gewann die Champions League mit Real Madrid und Bayern München, prägte die Geschicke „seines“ Klubs Borussia Mönchengladbach als Rekordstürmer und Trainer und schaffte den Abgang von der Fußballbühne mit dem historischen Triple 2013. Auf seinem Bauernhof in Schwalmtal spricht er ganz entspannt über die zwei Jahre, in denen er David Alaba zum besten Linksverteidiger der Welt formte.

SPORTMAGAZIN: Als Sie im Sommer 2011 Ihre dritte Amtszeit beim FC Bayern antraten, war David Alaba gerade ein halbes Jahr an die TSG Hoffenheim verliehen und wollte eigentlich noch etwas länger dort bleiben.

Jupp Heynckes: In dem halben Jahr war ich noch Trainer in Leverkusen und da ist er mir schon aufgefallen. Als ich bei Bayern unterschrieben hab, habe ich sofort gesagt: Den Jungen müssen wir zurückholen. Ich habe mich dann gleich besonders um ihn gekümmert, weil er mir einfach unheimlich gut gefallen hat.

Was genau?

In erster Linie, dass er so professionell gearbeitet hat. Er hat sich in einer physischen Verfassung präsentiert, das war fantastisch. Ich habe ganz selten einen Spieler erlebt, der wirklich in jedem Training – wenn das mathematisch möglich wäre – mehr als 100 Prozent gegeben hat. Immer die gleiche Bereitschaft, die gleiche Intensität. Deswegen habe ich mich, und auch mein Assistent Peter Hermann, eingehend mit ihm beschäftigt.

,,David gehört bei den Bayern zu den Führungsspielern. Das heißt schon was.”

Jupp Heynckes

Trotzdem hat es ein paar Spiele gedauert, bis er in die Mannschaft kam.

Junge Burschen wie er wollen eine Perspektive aufgezeigt bekommen, das ist ja klar. Ich habe zu ihm gesagt: „David, der Zeitpunkt kommt, wo du spielst, Chancen bekommst, Praxis sammeln kannst.“(lacht) Er meinte dann ganz schüchtern und zurückhaltend: „Meinen Sie wirklich, Trainer?“ Darauf ich: „Junge, du machst noch so viele Spiele, dass du irgendwann froh sein wirst, wenn du eine Pause bekommst.“

Warum waren Sie sich sicher?

Mir hat wahnsinnig imponiert, wie groß sein Hunger auf Erfolg war, das habe ich selten gesehen. Bei Redondo von Real Madrid war das der Fall. Bei Lothar Matthäus. Und bei David Alaba. Ich wusste: Der wird seinen Weg machen. Auch, weil er immer zugehört, immer an sich gearbeitet hat. Er wollte jeden Tag besser werden. Deshalb ist er heute ein Weltklassespieler.

Bei Hoffenheim hat David immer im Mittelfeld gespielt. Sie haben ihn zunächst auf verschiedenen Positionen im Mittelfeld und dann als linken Verteidiger eingesetzt.

Ich habe ihm von Anfang an gesagt, dass ich ihn als linken Verteidiger sehe. Mit so jungen Jahren war er noch nicht prädestiniert, im zentralen Mittelfeld zu spielen. Dabei habe ich ihm das Beispiel Schweinsteiger vor Augen geführt. Bastian hat viele Jahre auf der linken Außenposition gespielt. Erst als ich 2009 fünf Wochen den FC Bayern vorübergehend betreut habe, habe ich ihn ins Mittelfeld gestellt. Mein Nachfolger Louis van Gaal hat ihn dann im zentralen Mittelfeld installiert. Ich habe zu David gesagt: „Um dort zu spielen, musst du noch viel mehr können. Das verkörperst du jetzt noch nicht.“ Das ist übrigens bis heute meine Meinung.

Ach so?

Natürlich kann er auch auf der Sechs spielen, keine Frage, von seiner Dynamik, seiner Schnelligkeit her. Und er spielt die Position ja auch in der österreichischen Nationalmannschaft. Aber in einer Weltklassemannschaft wie dem FC Bayern, wo es außerordentlich starke Mittelfeldspieler gibt, ist er links hinten einfach besser aufgehoben. Und von seinen angeborenen Fähigkeiten her ist er für mich der Prototyp des idealen Linksverteidigers. Davon gibt es auf der Welt nicht viele. Jordi Alba vom FC Barcelona vielleicht noch. Derzeit ist David jedenfalls der beste linke Verteidiger der Welt. Meiner Ansicht nach sollte er bei Bayern noch ein paar Jahre auf dieser Position spielen, dann kann er ja wieder ins Mittelfeld gehen.

David selbst hat sich ja immer mehr als Mittelfeldspieler gesehen. Mussten Sie viel Überzeugungsarbeit leisten?

(lacht) Na ja, er hat schon gestaunt, als ich ihm diese Dinge gesagt habe. Aber wissen Sie, zentrales Mittelfeld ist strategisch gesehen das Schwierigste überhaupt. Das musst du lernen, verinnerlichen, da musst du strategisch anders agieren. Das ist ein Prozess, der dauert. Und außerdem: Zusammen mit Franck Ribery hatten wir damals das beste Flügelpaar der Welt, die beiden ergänzen sich fantastisch.

In Ihrer ersten Saison 2011/12 gab es das legendäre Champions-League-Halbfinale gegen Real Madrid: Nach fünf Minuten verursacht David einen Handselfmeter, sieht seine dritte Gelbe Karte im Bewerb und weiß, dass er für das mögliche „Finale dahoam“ gesperrt wäre. Haben Sie in dem Moment überlegt, ihn auszuwechseln, weil er der nervlichen Belastung nicht standhalten könnte?

Nein, gar nicht. Von der Psyche her war David immer stabil. Ich habe in der Halbzeit natürlich noch mal kurz mit ihm darüber gesprochen, aber Bedenken hatte ich keine. Und das Spiel hat es auch gezeigt – er hat eine Superleistung geboten und am Ende sogar einen Elfmeter verwandelt.

Haben Sie ihn als Schützen bestimmt, wollte er oder wollte kein anderer?

Es war so: In meinem zweiten Jahr habe ich rigoros die Schützen bestimmt, auch die Reihenfolge. In diesem Spiel haben wir es miteinander abgestimmt. Er war sehr selbstbewusst, fühlte sich sicher. Man spürt das als Trainer, dass ein Spieler den Mut hat, von der Psyche stabil ist. Das war David immer.

Wie schwer war es, ihn aufgrund der Sperre aufzubauen?

Das war die Höchststrafe für David, ganz klar. Ein Finale, noch dazu im eigenen Stadion, da hätte er einfach dazugehört. Aber er war nicht allein: Luiz Gustavo und Holger Badstuber, genau wie David Stammspieler, waren ebenfalls gesperrt. Aber wissen Sie, was ich glaube?

Nur zu.

Vielleicht hat uns die Tatsache, dass diese drei Spieler nicht dabei waren, die Power gegeben, dass wir in der Saison darauf das Triple mit der Champions League gewonnen haben. Da spielten viele Faktoren eine Rolle, bei diesen drei Spielern hatte es aber hundertprozentig eine Auswirkung.

In welchen Bereichen hat sich David seitdem am meisten verbessert?

Entscheidend ist die internationale Erfahrung, die seitdem dazugekommen ist, die Erfahrung, viele enge Matches bestritten zu haben. Gar nicht so sehr in der Bundesliga, sondern in der Champions League. Auch das Gewinnen von Titeln spielt eine Rolle. Und sicher auch die Tatsache, dass er in der österreichischen Nationalmannschaft eine Führungsrolle übernommen hat.

Und seine Position in der Hierarchie des FC Bayern…

Dort gehört er mit zu den Führungsspielern. Und das heißt schon etwas beim FC Bayern, wenn man dort innerhalb der Mannschaft, aber auch innerhalb des Klubs einen hohen Stellenwert hat. Und den hat er. Das hat er auch gespürt. Dadurch ist er noch selbstbewusster, noch sicherer geworden. Ich vergleiche ihn in seiner Entwicklung mit Jerome Boateng. Das hat mit der Psyche, mit Selbstverständnis zu tun. Ich bin wer auf dem Feld! Ich werde anerkannt! Und auch: Die Leute mögen mich! Und David mag jeder. Das ist ein Sonnyboy, ein Sympathikus. Ja, ja, das spielt auch eine Rolle.

Bei Insidern hatte David auch immer den Ruf, ein Lausbub zu sein. Es gibt eine Geschichte aus dem Trainingslager im Jänner 2013, wo Sie ihn zur Seite genommen haben sollen, weil er Ohrenschnipser verteilt hat.

Ach was! Den Flachs hat er von Ribery übernommen. Das wurde von den Medien hochgespielt. Sie wissen ja selbst, dass die Zeitungsseiten morgens immer weiß sind und gefüllt werden müssen. Ich habe ihn in den zwei Jahren, in denen ich ihn trainiert habe, nicht ein einziges Mal zur Ordnung rufen müssen.

Das heißt, die legendären Späße mit Ribery haben Ihnen keine grauen Haare beschert.

Ach, da haben wir alle drüber gelacht. Das war nie ein Thema, wirklich nicht. Ich glaube, dass David Franck ein wenig imponieren wollte, Franck hat ja immer so einen Quatsch gemacht (lacht). Das können Sie sich nicht vorstellen, da waren zusammengebundene Schuhbänder noch das Kleinste. Aber David hat nie über das Ziel hinausgeschossen.

Immer wenn David von Ihnen spricht, sagt er ganz respektvoll „Herr Heynckes“…

(lacht) Ich habe in meiner Karriere schon vielen jungen Spielern in den Sattel geholfen. Das hat mir immer sehr viel Spaß gemacht. Und meine Quintessenz ist: Die, die wirklich nach oben kommen wollten, haben es auch geschafft. So wie David. Und glauben Sie mir: Es gab Spieler, die noch mehr Talent hatten als er, die es aber nicht geschafft haben. Weil das Gesamtpaket nicht so gut war wie bei ihm.

David hat vor Kurzem seinen Vertrag bei den Bayern bis 2021 verlängert, obwohl es namhafte Interessenten gab. Für Sie überraschend oder logisch?

Ich sage immer: Wenn ich beim FC Bayern eine feste Größe bin, würde ich nie einen Gedanken daran verschwenden, den Klub zu wechseln. Erstens: Sie werden gut bezahlt. Zweitens: Sie haben immer Erfolg. Und drittens: Die Zufriedenheit im Klub, mit der Mannschaft, das ist nicht aufzuwiegen mit ein bisschen mehr Gehalt. Sie müssen mal schauen, wie viele Spieler, die vom FC Bayern weggegangen sind, sich woanders schwergetan haben. Ich würde jedem raten, beim FC Bayern zu bleiben.

Im Sommer steht David vor einem weiteren Karriere-Highlight, der EURO in Frankreich. Was trauen Sie ihm, was dem österreichischen Nationalteam zu?

Erst einmal hat Österreich einen sehr guten Trainer. Marcel Koller hat mir immer schon sehr gut gefallen: seriös, analytisch, ein starker Trainer. Der Fußball ist heute komplexer als früher, man muss eine Mannschaft sehr gut zusammenstellen können, damit sie funktioniert. Da ist Österreich auf einem sehr guten Weg. Das Viertel-oder sogar Halbfinale wäre ein großer Erfolg, aber durchaus auch möglich.

Und David?

Dem traue ich eine sehr gute EM zu. Ich weiß von unserer gemeinsamen Zeit, wie sehr ihm Erfolge mit dem Nationalteam am Herzen liegen. Ich werde mir jedenfalls alle Spiele der Österreicher anschauen.

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