Jim Boni: „Ich bin nicht fair!“

Der Regenmacher ist zurück. Zehn Jahre nach dem historischen Titelgewinn mit den Vienna Capitals steht Jim Boni wieder in Kagran an der Bande. Der Italokanadier im SPORTMAGAZIN-Talk über sommerliche Stressbewältigung, wirkungsvolle Psychotricks, die Fahndung nach Arbeitskräften und seinen Umgang mit Arschlöchern.

//Interview: Tobias Wimpissinger

//Fotos: (c) Christian Hofer

SPORTMAGAZIN: Jim, wie hast du den Sommer verbracht?

JIM BONI: Ich hab mich in Kanada beim Lachs-und Fliegenfischen entspannt, meiner großen Leidenschaft. Früher habe ich sogar für Angler-Magazine geschrieben, jetzt gehöre ich zum Pro-Staff einer Rutenfirma, zeige auf Messen, wie man richtig wirft. Bei diesem Leben braucht man einfach einen Ausgleich. Du stehst acht Monate unter Strom – immer. Früher habe ich in Aurora bei Toronto gelebt, jetzt bin ich aufs Land gezogen. Dort gibt es nichts zu tun, weniger Verkehr, keinen Stress. Nur den Fluss und mich.

Fährst du den Motor nicht mehr beim Golfen herunter?

Seit fünf Jahren habe ich keinen Schläger mehr angerührt. Damals habe ich in Myrtle Beach bei jedem Loch 15 Minuten warten müssen und mich dann gefragt: Warum mache ich das eigentlich? Beim Fischen brauchst du ja auch Geduld, es ist aber beruhigender, das Wasser übt einen positiven Effekt auf mich aus. Und selbst wenn ich nichts fange, bin ich zumindest in der Natur. Beim Golfen muss ich mich hingegen nur ärgern.

Dein Posten als General Manager in Ingolstadt wurde dir aber auch zu ruhig.

Ich arbeite lieber mit Menschen als mit Zahlen. Mich hat die sportliche Seite des Geschäfts immer mehr interessiert, einen Jungen beim Weg in die Mannschaft zu unterstützen, jemandem aus einem Formtief zu helfen. Wenn ich ehrlich bin, hätte ich schon ein Jahr früher aufhören sollen.

Nach einem Jahr Pause dürfte dir die Entscheidung für Wien wohl nicht schwergefallen sein.

Nein, sowohl ich als auch meine Frau hatten eine wunderbare Zeit hier. Sportlich ist die Saison 2004/05 eine der schönsten Erinnerungen meiner Karriere. Wir haben das ganze Jahr über brutal stark gespielt und waren die einzige Meistermannschaft in ganz Europa ohne NHL-Lockout-Player -eine erstaunliche Gruppe von Männern, die immer an sich geglaubt hat. Im Vorjahr gab es ein paar Angebote aus der Liga, ich habe aber immer gehofft, nach Wien zurückkehren zu können. Dass nur zwölf Tage vor Ende des Grunddurchgangs der Trainer ausgewechselt wird, habe ich aber nicht geglaubt.

Dabei erfolgte die Trennung 2007 mit einigen Nebengeräuschen.

Das war vielleicht auch meine Schuld. Ich wollte nach dem Titel eine Dynastie aufbauen, noch drei, vier Meisterschaften gewinnen, habe einen Zweijahresvertrag unterschrieben und plötzlich ist die komplette Mannschaft zerfallen. Kalt, Chabot, Peintner, wir haben alle verloren. Als Coach fällt es dir schwer, solche Entscheidungen zu akzeptieren. Sobald du aber als Manager gearbeitet hast, weißt du, dass es um viel Geld geht. Und ich habe höchsten Respekt vor Präsident Hans Schmid. Er ist ein toller Mensch, ohne ihn gäbe es in Wien kein Eishockey.

,,Mein Job ist es, aus jedem das Maximum herauszu­holen, jedes Spiel zu gewinnen und in jedem Training die Burschen zu motivieren.”

Jim Boni

In den Play-offs hast du dann das Wunder geschafft, eine tot geglaubte Truppe nach 14 Niederlagen in 25 Heimspielen ins Finale zu führen.

Ich wollte helfen – einem Klub, für den ich gearbeitet hatte, den ich liebe. Keiner hat noch mit uns gerechnet. Und ich habe ehrlich gesagt auch nur ein Ticket für mich gekauft, meine Frau ist in Kanada geblieben. Wir haben alles probiert und es ist letztlich aufgegangen. Aber so einfach, wie es vielleicht ausgesehen hat, war es nicht.

Wie geht man in einer solchen Situation vor, mehr Gespräche führen als trainieren?

Nein, nein, wir haben sehr hart trainiert, hatten große Probleme in der Defensive, das Abwehrverhalten war furchtbar. Aber klar haben wir auch geredet. Die Mannschaft war leer, mental kaputt. Die Jungs hatten monatelang richtig Prügel bekommen. Wie oft kannst du auf einen toten Hund eintreten? Man spricht es nicht offen aus, aber ich habe mir gedacht, was ist denn hier los? Kein Feuer, keine Freude, als ob sie geistig abwesend gewesen wären. Plötzlich kommt das eine Spiel in Fehervar, das Momentum schwingt leicht um, ein kleiner Schneeball setzt sich in Bewegung, wächst und wächst. Am Ende hat es nicht ganz gereicht. Vielleicht hätten wir im Finale etwas ändern müssen, doch Salzburg war sehr stark und hat verdient gewonnen.

Du giltst als sehr nahbarer Trainer, ausgezeichneter Psychologe und Motivationskünstler. Wie lautet dein Erfolgsrezept?

Die Situation in den Play-offs war sehr speziell. Ich hatte den Vorteil, lange weg gewesen zu sein, habe vor Energie gestrotzt und den Jungs zu verstehen gegeben, welch Glück sie haben, Eishockey spielen zu dürfen, noch dazu in Wien, bei einem so großartigen Verein. Spieler und Trainer haben den besten Job der Welt, man sollte ihn nicht als selbstverständlich erachten, sondern muss ihn zu schätzen wissen, Spaß an der Arbeit haben. Aber es bleibt dennoch Arbeit.

Wie groß ist der Anteil eines Trainers am Erfolg?

Gering, vielleicht zehn, höchstens fünfzehn Prozent. Der Trainer stellt ja nicht allein die Mannschaft zusammen. Ich gebe eine Liste mit sieben, acht Namen auf jeder Position ab, dann muss man schauen, wer finanzierbar ist. Einige Spieler sind schon da, verfügen über laufende Verträge. Dann beginnst du zu arbeiten. Ich bereite den Spieler vor, bringe mein System ein, aber er trifft die Entscheidungen auf dem Eis. Ein Tor schießen? Das kannst du niemandem beibringen. Du hast es oder du hast es nicht.

,,In der NHL kannst du ­jederzeit das gesamte Team auswechseln. Hier arbeitest du mit dem, was du hast.”

Jim Boni

Du pflegst als Kanadier eher einen europäischen Stil, redest viel mit deinen Schützlingen.

Sonst geht viel Information im Kommunikationsfluss verloren. Mit Nordamerika, wo die Coaches Abstand zur Mannschaft halten, kann man diese Strukturen nicht vergleichen. In der NHL kannst du jederzeit das gesamte Team auswechseln. Hier arbeitest du mit dem, was du hast.

Wirst du manchmal laut?

Wenn es sein muss, ja. Ich behandle auch nicht alle Spieler gleich, sondern so, wie sie es verdienen. Wenn jemand ein Arschloch ist, behandle ich ihn wie ein Arschloch. Ich bin nicht fair, ich bin nicht diplomatisch. Wenn du schlecht spielst, aber hart arbeitest, unterstütze ich dich. Spielst du schlecht und bist faul, hast du ein Problem.

Was dürfen wir uns heuer von den Capitals erwarten?

Wir haben eine andere Mannschaft, sind routinierter, wollen aggressiv spielen, mit viel Druck auf die Scheibe, selbst den Puck mehr besitzen. Als Coach musst du aber darauf achten, was das Team umsetzen kann, kleine Änderungen vornehmen, ein paar Schrauben drehen. Doch das Grundkonzept bleibt. Und wir wollen mehr Tore schießen, das ist uns im Vorjahr richtig schwergefallen. Mein Job ist es, aus jedem das Maximum herauszuholen, jedes Spiel zu gewinnen und in jedem Training die Burschen zu motivieren.

Besteht bei der Quantität an Routine nicht die Gefahr, zu viele Häuptlinge und zu wenige Indianer zu haben?

Garantiert, aber das kann dir auch mit einer jungen Mannschaft passieren. Ich unterscheide nur zwischen gut und schlecht. Wollen wir Erfolg haben, müssen auch die Führungsspieler harte Arbeit leisten. Und wir verfügen über Leute wie McLean, die sich dafür nicht zu schade sind.

(c) Christian Hofer

Die Schlüsselpositionen scheinen wieder von Ausländern besetzt zu sein.

Stimmt nicht ganz, einige Österreicher wie Rotter und Fischer nehmen eine wichtige Rolle ein. Nicht nur Österreicher, Wiener! Wir haben neun in der Mannschaft, darauf lege ich großen Wert. Man weiß ja, wie sehr die Wiener in Restösterreich verhasst sind. Doch kannst du auf dem Eis nur erfolgreich sein, wenn du als Gruppe funktionierst. Wir spielen mit dem Logo auf der Brust, nicht mit dem Namen auf dem Rücken. Egal, ob Steirer, Villacher oder Kanadier, wir sind alle die Vienna Capitals. Eishockey ist ein Mannschaftssport, keiner darf seine eigenen Ziele verfolgen.

Wie viel Glück ist bei der Verpflichtung von Legionären dabei?

Ich verlasse mich nicht auf Statistiken, sondern hole nur Spieler, die ich gesehen habe. Für die lege ich meine Hand ins Feuer. Aber ob jemand sein Potenzial auch abrufen kann, hängt von mehreren Faktoren ab: Fühlt sich seine Frau wohl? Wie gefällt ihm die Wohnung? Kann er sich in die Mannschaft einfügen? Ich rede vor Vertragsabschluss viel mit dem Spieler, um ihn kennenzulernen, aber auch, damit er weiß, was ich für wichtig halte.

Zu Saisonbeginn geben die Coaches fast geschlossen die Play-offs als Saisonziel aus. Klingt nach Themenverfehlung. Will denn niemand Meister werden?

Die Liga hat sich gewaltig entwickelt, mit mehr Ausländern, die Qualität ist höher, die Mannschaften sind ausgeglichener. Nicht falsch verstehen, freilich wollen wir Meister werden, aber ich werde nicht im September vom Titel sprechen. Was passiert, wenn wir Verletzungen haben? Zuerst muss ich acht, neun Leute integrieren, ein kompaktes Team formen, das gut zusammenspielt, und es auf einen Play-off-Platz führen. Nur dann kann ich Meister werden. Nach dem Grunddurchgang beginnt eine komplett neue Saison. Ich verstehe, was du meinst, aber es stehen uns acht Monate harter Arbeit bevor.

Du betonst gern, dass eine Meisterschaft ein Marathon und kein Sprint ist, deine Mannschaften tendenziell spät in die Gänge kommen. In Wien ist man aber bekanntlich ungeduldig.

Ist das so? Na ja, wir werden sicher nicht gleich unseren Leistungszenit erreichen. Die Beine sind schwer, doch gewinnen wollen wir trotzdem. Niemand hasst verlieren mehr als ich! Und in nur irgendeiner Phase der Meisterschaft nicht unter den Top 4 zu stehen wäre für mich schon eine Enttäuschung. Ich bin nicht hier, um auf Platz 10 herumzukrebsen, mein ganzes Leben lang war ich nie Zehnter. Im Vorjahr wurde offenbar zu viel Fokus auf die Champions League gelegt, am Ende hat die Kraft gefehlt. Und, offen gesagt, kann sich irgendwer an den Ausgangeiner-Partie-im September-erinnern?-Ich-will-im-März-und-April-gewinnen.-Die-Basis-dafür-wird-jetztgelegt.-Und der-Stress-macht-mir-nichts-aus.-Ich-habe-ja-schon-einmal-in-Wien-gearbeitet.