Jakob Pöltl: „In Boston würde mir die Mannschaft taugen“

Während ganz Basketball-Österreich durchzudrehen scheint, bleibt Jakob Pöltl tiefenentspannt. Vor dem NBA-Draft am 23. Juni spricht der College-Star über desinteressierte Professoren, seine Erwartungen ans Korbwerferparadies, mögliche Positionsrochaden, unpassende Vergleiche und den verlorenen Spaß beim Zuschauen.

//Interview: Tobias Wimpissinger
//Titelbild: (C) GEPA Pictures

SPORTMAGAZIN: Wie wichtig war es für deine Entwicklung, nach einer starken Freshman-Saison am College zu bleiben?

JAKOB PÖLTL: Im Nachhinein betrachtet war es die absolut richtige Entscheidung. Ich habe mich sowohl spielerisch als auch körperlich weiterentwickelt, habe zudem gelernt, mehr Verantwortung zu übernehmen und mit Drucksituationen besser umzugehen. Ehrlich gesagt denke ich, dass ich letztes Jahr nicht wirklich bereit war für die NBA. Ich weiß zwar nicht, ob man je hundertprozentig bereit sein kann, selbst wenn man es glaubt. Heuer fühlt es sich zumindest besser an. Sich an den NBA-Spielplan mit mindestens 82 Partien pro Saison zu gewöhnen ist am Anfang aber sicher schwer.

Was spricht eigentlich dagegen, das Studium abzuschließen und erst in zwei Jahren in die NBA zu wechseln?

Es hängt immer davon ab, wo man die Prioritäten setzt. Das Hauptargument lautet, dass ich mich meiner Meinung nach zum jetzigen Zeitpunkt als Basketballer in der NBA besser entwickeln kann. Wenn ich allein die Lebenssituation hernehme, würde ich gern noch ein, zwei Jahre am College dranhängen. Mir gefällt es auf der Uni irrsinnig gut. Sportlich betrachtet waren die zwei Jahre in Utah super, aber es ist Zeit für den nächsten Schritt.

,, Manchmal fällt es mir schwer, Spaß beim Zuschauen zu haben, weil ich das Spiel automatisch analysiere. ”

Jakob Pöltl

Welchen Status hast du in der Stadt und auf der Uni genossen?

In der zweiten Saison bin ich deutlich öfter beim Essen oder Einkaufen angesprochen und nach einem Foto gefragt worden. Aber es ist alles im Rahmen geblieben. Man kennt definitiv in Salt Lake City nicht nur die Jazz, sondern auch die College-Basketballer. Auf der Uni wird respektiert, dass ich die eine oder andere Vorlesung versäume, und man hilft mir, den Stoff aufzuholen. Unterm Strich wird mir aber nichts geschenkt. Die Professoren sind ja normalerweise nicht gerade Basketballfans, nach Fotos für die Nichte fragen sie eher nicht.

Was passiert jetzt mit dem Studium?

Mit dem Wechsel in die NBA wird die Ausbildung auf Eis gelegt. Ich möchte meinen Fokus gezielt und ausschließlich auf das Sportliche richten, mir aber dennoch die Option offenhalten, das Studium wieder aufnehmen zu können. Ob ich es wirklich mache, hängt vor allem davon ab, wie wichtig es mir dann ist – in hoffentlich zehn bis zwanzig Jahren.

Welche Bedeutung haben die vielen Individualauszeichnungen für dich, da sie bei allem Teamgedanken ja doch den persönlichen Marktwert heben dürften?

An den Marktwert denke ich in diesem Zusammenhang nicht. Klar sind solche Awards eine coole Sache, doch wer mich kennt, weiß auch, dass ich deswegen keine Luftsprünge mache. Ich sehe die Auszeichnungen vielmehr als persönliche Bestätigung meiner Leistungen, aber auch als Verdienst der gesamten Mannschaft. Basketball ist ein Teamsport, somit weiß ich, bei wem ich mich zu bedanken habe.

Welche Berührungspunkte hattest du bisher mit der NBA?

Den größten im Sommer beim Nike Skills Camp. Da waren einige NBA-Größen wie LeBron James, Kobe Bryant, Kevin Durant, DeAndre Jordan, DeMarcus Cousins, James Harden und Paul George dabei. Die Atmosphäre war großartig, das Klima sehr persönlich und unkompliziert. Die Stars geben dir ein paar Tipps, was auf dich zukommt, wenn du in der NBA spielst. Abseits davon gab es wenig Kontakt, hier und da ein kurzes Gespräch, hauptsächlich über Basketball.

Hast du noch mit deinem früheren Teamkollegen Delon Wright Kontakt, der im Vorjahr von Toronto gedraftet wurde?

Ab und zu tauschen wir uns auf Snapchat oder Instagram aus, wir reden da aber nie über das NBA-Leben, sondern von Freund zu Freund. Und er will fast immer mehr von mir wissen als umgekehrt, zum Beispiel was am College so abgeht.

Wright hat den Großteil der Saison in der Development League verbracht. Wäre ein Engagement in einem Farmteam denkbar oder zieht es dich dann eher zurück nach Europa?

Damit habe ich mich noch nicht beschäftigt. Grundsätzlich sind ein paar Spiele in der D-League ja nichts Schlechtes, um Spielpraxis und Erfahrung zu sammeln. Auch auf hohem europäischem Niveau zu spielen hat sicher seine Reize. Mein Ziel ist es aber ganz klar, mich in der NBA zu etablieren. Mir ist durchaus bewusst, dass ich mich dafür jeden Tag aufs Neue beweisen muss. Die Konkurrenz ist riesig, die Qualität enorm.

Hast du dir schon ein paar NBA-Spiele live angesehen und worauf achtest du dabei?

Ich war einmal in New York und ein paar Mal in Utah in der Halle. Mir gelingt es ganz gut, nicht daran zu denken, dass ich es vielleicht bin, der nächstes Jahr da unten steht, sondern schaue mir die Partien als Fan mit Freunden an. Im Fernsehen sieht die Sache schon ganz anders aus. Jetzt, wo ich taktisch schon ein recht großes Repertoire habe, achte ich auf jedes einzelne Play und denke, das haben wir hier und da auch schon gemacht. Dabei schaue ich gar nicht so sehr auf die Center, sondern generell auf die Systeme der Teams. Manchmal fällt es mir schwer, Spaß beim Zuschauen zu haben, weil ich das Spiel automatisch ausanalysiere.

Wo liegen die gravierendsten Unterschiede zum College-Basketball?

Die Spieler sind noch athletischer, die Schiedsrichter lassen mehr durchgehen, daher wird auch körperbetonter agiert. Und die Spieler sind logischerweise individuell stärker. Durch die kürzere Shot-Clock, die weiter entfernte Dreipunktelinie und andere Regeln unterscheiden sich auch die Spielanlagen teils recht deutlich. Die Wege sind weiter, was die defensiven Möglichkeiten etwas einschränkt und der Offense mehr Platz lässt. Die Center im Speziellen sind körperlich stärker, man hat andererseits auch mehr Platz, um eins gegen eins zu spielen. Pick-and-roll ist in der NBA vielleicht noch wichtiger und ausgereifter.

,,Boston würde mir von der Mannschaft her taugen. ”

Jakob Pöltl

Hast du dir schon Gedanken darüber gemacht, wo du gut hinpassen könntest?

Jein. Im Endeffekt kann ich es eh nicht beeinflussen, also bringt es wenig, zu viel darüber nachzudenken. Ich würde gern zu einem Team mit einem guten Coach kommen, der mich ein bisschen spielen lässt. Aber noch wichtiger als Spielzeit ist ein gutes Umfeld, in dem ich mich weiterentwickeln kann. Boston würde mir von der Mannschaft her taugen. Da scheint alles zusammenzupassen, aber natürlich kenne ich die ganzen Insides nicht.

Inwieweit hat das frühe Ausscheiden Auswirkungen auf deine Draft-Position am 23. Juni?

Das wird man sehen, aber damit beschäftige ich mich ohnehin nicht.

Könnte ein späterer Pick sogar von Vorteil sein, weil du von einem potenziell stärkeren Team gezogen wirst?

Das wäre theoretisch denkbar, muss aber nicht heißen, dass die Situation dort besser passt. Ich muss mich ohnehin überall beweisen. Es ist nicht unbedingt einfach, in die NBA zu kommen, aber sich auf diesem Niveau auch durchsetzen zu können ist schon noch eine andere Sache. Ich bin mir dessen bewusst, dass es Geduld und sehr viel harte Arbeit erfordert.

Von welchen deiner Stärken und Qualitäten würde die NBA deiner Ansicht nach besonders profitieren und wo hast du Reserven?

Ich denke, dass ich ein Teamplayer bin, der sich voll reinhängt, ein gutes Spielverständnis mitbringt, offensiv wie defensiv etwas beitragen kann und nicht unbedingt den Ball in den Händen braucht, um dem Team helfen zu können. Luft nach oben besteht sicher in allen Bereichen. Mir ist klar, dass ich vor allem physisch zulegen muss. In den kommenden Monaten werde ich sicher viel Zeit in der Kraftkammer verbringen.

Bist du auf die Center-Position fixiert?

Grundsätzlich kann ich mir schon vorstellen, auch auf der 4 zu spielen, aber das ist Zukunftsmusik, daran muss ich noch arbeiten, obwohl ich schon Power Forward gespielt habe, auch im Nationalteam. Vom Körperbau her bin ich abgesehen von der Größe ja nicht unbedingt der klassische Center, das weiß ich selber. Viel hängt vom System des Teams ab und mit wem ich auf dem Feld stehe. Ich werde aber nie eine reine 4 sein. Heutzutage werden die Positionen in der NBA ohnehin nicht so starr gesehen. Carmelo Anthony spielt bei den Knicks regelmäßig auf der 4, er ist eigentlich ein Fast Forward. Am College haben wir bei den Utes auch rochiert, halt nicht mit mir.

Wie viel bekommst du vom Hype um deine Person in Österreich mit?

Ein bisschen über Social Media, aber nicht in einem ausgeprägten Maß. Das Interesse ist generell größer geworden, keine Frage, aber ich bin noch gar kein Profi, das darf man bei aller Euphorie nicht vergessen. Andererseits habe ich auch kein Problem mit dem Rummel, mir taugt es sogar, mit den Fans auf der Straße zu quatschen.

Wie stolz macht es dich, als erster Österreicher den Sprung in die NBA zu schaffen?

In erster Linie geht es um das Erreichen eines sportlichen Traums und Zieles. Aber natürlich hat es Relevanz und wäre unglaublich cool. Ich hoffe, dass mein Weg einige Nachahmer findet, er spricht ganz klar für die heimische Nachwuchsarbeit und zeigt, dass wir uns nicht kleiner machen müssen, als wir sind.

Wie schwer fällt es dir, mit der unmittelbaren Aussicht auf NBA-Glamour den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren?

Ich freue mich extrem auf die bevorstehenden Möglichkeiten und Aufgaben. Es ist schon eine aufregende Zeit, aber ich habe noch keine Minute in der NBA gespielt, es gibt keinen Grund abzuheben. Ich bin auch nicht der Typ, der sich da einen Kopf macht, selbst wenn ich schon das eine oder andere Mal meinen Namen in Zusammenhang mit Dirk Nowitzky gelesen habe. Dass solche Vergleiche mit dem besten Europäer aller Zeiten vermessen sind, wissen aber eh die meisten Leute.

,,Ich weiß, wo meine Wurzeln sind, und empfinde es als große Ehre und Privileg, für mein Land zu spielen. ”

Jakob Pöltl

Welche Rolle wird das Nationalteam in deinen zukünftigen Sommerplanungen spielen?

Aus meiner Sicht eine definitiv wichtige. Ich weiß, wo meine Wurzeln sind, und empfinde es als große Ehre und Privileg, für mein Land zu spielen. Allerdings bin ich bei den Planungen vom Arbeitgeber, sprich meinem künftigen NBA-Klub, abhängig. Wenn ich grünes Licht bekomme, stehe ich zur Verfügung. Die Chancen, dass es heuer noch klappt, sind aber wohl eher gering. Ich stehe vor meinem Einstieg in die NBA, die Vorbereitung wird dicht und knackig sein.

 

PASSPORT: Jakob Pöltl

Geboren am 15. Oktober 1995 in Wien

Größe/Gewicht: 213 cm/112 kg

Schuhgröße: 50 ½

Familie: Eltern Martina Pöltl und Rainer Ömer (beide Ex-Volleyball-Nationalspieler), Schwester Miriam (17)

Ausbildung: University of Utah (Economics, Sophomore), BG Rahlgasse (Matura 2014), Wiener Ballsportgymnasium (2011–2013)

Klubs: Runnin’ Utes (2014–2016), Arkadia Traiskirchen (2013/14), Vienna D.C. Timberwolves (bis 2013)

Trikotnummer: 42

Auszeichnungen: Oscar Robertson National Player of the Week, Pac-12 Player of the Year, All-Pac-12 First Team, John R. Wooden NCAA Player of the Year (Nominee), Consensus All-American Second Team, Kareem Abdul-Jabbar Center of the Year, Pete Newell Big Man Award 2016

Web: facebook.com/Jakob-Poeltl

 

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