Tennisfans, die glauben, schon alles gesehen zu haben, sollen doch einmal für nur 48 Stunden zu den US Open jetten. Der Sportmagazin-Chefredakteur hat’s probiert und weil er danach nicht mehr wusste, wohin mit den ganzen Eindrücken, hat er sie niedergeschrieben. Ein Zweitagebuch mit jeder Menge Startreffs und herzhaften Hieben für den Autor.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Fritz Hutter, Eurosport, Gerald Widhalm

Am frühen Nachmittag in Newark raus aus der Triple-7 – der rund neunstündige Direktflug ab Wien geht täglich –, rein ins Taxi, rüber nach Manhattan zum Turbo-Check-in im Hotel, dann gschwind weiter nach Queens. Und spätestens wenn du dich dann nach gut zwei Fahr- und Staustunden gleich beim Citi Field, dem Baseballstadion der New York Mets, vom Grand Central Parkway runterwurstelst, dann kommt dir als Tennisfan das Herzklopfen. Da steht es, das im August 1978 eröffnete und 2006 nach Amerikas quicklebendiger Legende Billie Jean King benannte National Tennis Center, aus dem mächtig die drei Hauptstadien Arthur Ashe, Louis Armstrong und Grand Stand ragen – Paradies now, auch für einen alten Hasen.

Aber keine Zeit für Romantik. Weiter! Security Check und dann endlich rein ins Allerheiligste des US-Tennis, ­bewaffnet mit einem Ticket für die in eineinhalb Stunden anstehende Night Session, aber doch gute zwanzig Minuten zu spät, um wenigstens noch den Matchball von Dominic Thiems Zweitrundensieg über Berankis mitzukriegen. Mein Ersatzprogramm? Eine Backstage-Visite bei Meister Thiems auf Englisch geführtem Interview mit der smarten Tirolerin Barbara Schett im coolen Eurosport-Studio. Dort, direkt vor Arthur Ashe an der bummvollen South Plaza, wo Staranaly­tiker wie Mats Wilander, „The Coach“ Patrick Mouratoglou, „The Comissioner of Tennis“ John McEnroe, Alex Corretja oder Henri Leconte ihre schwieligen Schlaghände den Helden von heute zur Analyse reichen.

Danach gibt’s noch ein Tratscherl mit Österreichs einstiger Nummer 7 im WTA-Ranking inklusive einmal Anlehnen am noch zart angeschwitzten Sitzpolster von Thiem, Djokovic & Co. Wenig später ein Plastikseidel Heineken um satte zehn und dazu ein kleines Sackerl Popcorn um fette sechs Dollar. Derart ausgerüstet geht sich dazu noch eine rasante Stippvisite auf den 14 Nebenplätzen aus: Novak Djokovic beim Training vor gut 1000 Leuten auf Practise Court 1, Nick Kyrgios beim Blödeln mit einem lokalen U14-Hero vor 500 am Achter. Dazwischen Deutschlands Alex Zverev, Agnieszka Radwanska, Roberta Vinci, die Bryans, Stan Wawrinka und, und, und – herrlich.

Jetzt aber trotzdem Tempo. Noch ein Sackerl Chips (fünf Dollar) – beim „gscheiten Essen“ stehen einfach zu viele Menschen an – und dann Night Session beginnend mit ­Serena Williams und Vania King im Arthur Ashe Stadium, dem mit 22.500 Sitzplätzen größten Tennisstadion der Welt, das zu Beginn schon ausverkauft, aber trotzdem noch halb leer ist. Viele Kartenbesitzer raufen sich am Food Court noch um einen Teller Nachos oder in einem der Merchandising Stores ums aktuelle Turniershirt. Rechtzeitig retour sind die allermeisten jedenfalls, um völlig durchzudrehen. Dies allerdings weniger ob Frau Williams’ überschaubar überraschendem Gewinn des ersten Satzes, sondern wegen der beiden Gesichter auf den vier Megascreens. Haben sich doch tatsächlich R & B-Queen Beyoncé und ihr Ehemann, der Rap-Titan Jay Z, ins Publikum geschmuggelt, um dort Busenfreundin Serena die Daumen zu drücken.

Von da an ist die Stimmung großartig und bleibt es auch bei der zweiten Abendpartie, in der sich Steve Johnson, Amerikas damalige Nummer 1, zumindest im ersten Durchgang redlich müht, von Comebacker del Potro nicht allzu heftig verprügelt zu werden. Die US-Fans lieben Heldengeschichten wie jene von „Delpo“, dem langzeitverletzten, aber bei Olympia so glorios zurückgekehrten Open-Champion von 2009. Aber am allerliebsten sind ihnen doch die absoluten Superstars, wie etwa Rafael Nadal, US-Open-Sieger 2010 und 2013, einer ist. Bei seiner feurigen Drittrundenperformance vor den Augen des Sportmagazineurs am zweiten Abend unseres Quicktrips sitzen alle 22.000 Aficionados jedenfalls schon brav zu Anpfiff parat, um danach gegen den letztlich chancenlosen Russen Kuznetsow jeden Punkt des Mallorquiners abzufeiern, als ob es der allerletzte im Turnier wäre. Daran, dass Rafa zwei Tage später schon selber rausfliegen könnte, denkt da noch niemand …

Nicht gedacht hätte auch Ihr Autor, dass er am nächsten Morgen mitten in Manhattan beim Frühstück im Coffee Shop in ein Gipfeltreffen platzen könnte. Die Ex-Profis Alex Antonitsch und Markus Zöcke, legendär als kompetent-humorvolles und dabei uneitles Kommentatoren-Duo auf Eurosport Deutschland, und ihr französischer Kollege Henri­ Leconte, einst Nummer 5 der Welt und Protagonist von „Advantage Leconte“, rotten sich hier täglich zusammen, um sich bei Cappuccinos und Cookies für ihre US-Open-Einsätze aufzuwärmen. Lässig, dass dort für zwei Tage auch das Sportmagazin sein Sesserl findet.

Einen ebenfalls guten Platz entdecke ich dann bei der Day Session am Freitag der ersten Turnierwoche, entpuppt sich doch der frei zugängliche Korridor zwischen Court 12 und 13 als echter Österreich-Hotspot. Rechts schicken sich gerade Dominic Thiem und Partner Sam Weissborn an, in die zweite Runde des Doppelbewerbes einzuziehen. Links machen sich die späteren Viertel­finalisten Alexander Peya, da schon geplagt von heftigen Troubles in der Bauchmuskulatur, und Lukasz Kubot für ihren abendlichen Zweitrundenerfolg scharf. Danach trabt Jürgen Melzer, 2011 Doppel-Champ in Flushing Meadows, mit Partner Marcin Matkowski zum Frühtraining an. Und rund um die rot-weiß-rote Insel spielt’s ebenfalls mächtig Granada. Beziehungsweise fünf Sätze Baghdatis gegen Harrison, Nadal im Training gegen Coric, das nunmehrige Doppelgenie Martina Hingis mit ihrem Hitting-Partner und daneben Spaniens Langzeit-Matador David Ferrer mit seinem Coach – what a line-up!

Zum Finale von unserem zweiten „Antreten“ bei den US Open 2016 hetzen sich dann die Superlative. Zunächst bei einer spektakulären Führung ins ­Innerste und aufs Allerhöchste des auf 24 Pfeilern ruhenden Arthur Ashe Stadiums, wo im Vorjahr in 45 Meter Höhe ein in weniger als sechs Minuten schließbares Dach um rund 150 Millionen Dollar präsentiert wurde. Atemberaubend der Blick rein auf den Centercourt und raus auf den Rest des Areals. Weiter unten, ganz hinten im lauschigen Outdoor-Spielerbereich, sieht man Gaël Monfils und Angelique Kerber ihre Smartphones martern. Enden tut der Rundgang in der Eurosport-Einsatzzentrale. Dort, wo rund 50 Mitarbeiter Live-Übertragungen von insgesamt zwölf Courts koordinieren und Sendungen für über 240 Millionen Sportfans in 99 Ländern produzieren sowie die Infografiken und Online-Storys gestaltet werden. Das oben erwähnte Nadal-Match und ein finaler Cocktail auf der South Plaza markieren dann das standesgemäße Ende eines Tagerls, welches den Tennisfan im Sportmagazineur beinahe schwindelig gespielt hätte.

Sportmagazin spielt Tennis: https://www.youtube.com/watch?v=B98ry7UvB6I

Letzteres erledigt am nächsten Vormittag dann einer von den ganz Echten live am Tennisplatz. 1996 brachte er den großen Pete Sampras im Tie-Break des fünften Satzes dazu, sich vor den Augen der Welt zu übergeben, in Paris erreichte er 1998 und 2001 das Endspiel und holte 17 Turniersiege. Im schräg-exklusiven Vanderbilt Tennis Club im Obergeschoß der legendären Grand Central Station durfte der Autor dieser Zeilen tatsächlich das Racket mit dem nun 42-jährigen Spanier Alex Corretja kreuzen. Aber nicht nur die weltberühmte, aber diesmal naturgemäß schaumgebremst vorgetragene Rückhand des Tennisweltmeisters (1998) und Daviscup-Siegers (2000) begeistert dabei, sondern vor allem sein so freundliches Wesen. Praktisch nach jedem Ballwechsel erkundigt sich der Feschak aus Barcelona nach dem Befinden des durchaus besorgniserregend schnaufenden Gegenübers. Dazu gibt’s unmittelbar umsetzbare Techniktipps. Und einen weisen Rat vom fünf Jahre jüngeren und wohl 15 Kilo rankeren: „In deinem Alter solltest du dich nicht mehr allzu viel herumhetzen.“

Grundsätzlich hat er ja recht, der Señor Alex. Aber jetzt muss ich flink zurück ins Hotel duschen und weiter auf den Kennedy Airport, von wo dann kurz vor sechs der Flieger nach Wien abhebt. Und während des siebeneinhalbstündigen Heimfluges halten mich zwei Dinge wach: ein anrollender Muskelkater und das ungläubige Erstaunen darüber, wie viel Tennis sich in nur zwei Tagen New York ausgehen kann.

Infos: http://www.usopen.org und http://www.eurosport.com