In Memoriam Otto Wanz: Der Telefonbuch-Killer ist tot

Er bot Hulk Hogan die Stirn, war big in Japan und am Heumarkt der King. Im Juni 2013 feierte er seinen 70er. Zum Runden haben wir ihn für ein ausführliches Interview besucht. Am 14. September 2017 ist Otto Wanz, der Gigant aus Graz, verstorben. Aus diesem Grund bringen wir noch einmal jene Story, in der  Österreichs Wrestling-Legende über das Sterben im Ring, das Glück der Klitschkos, den Warmduscher Schwarzenegger und Telefonbücher auf CD parliert.

//Interview: Thomas Hofer //Fotos: Sebastian Patter/Bildagentur Zolles KG

SPORTMAGAZIN: Herr Wanz, Sie feiern am 13. Juni Ihren 70. Geburtstag. Wie geht’s Ihnen gesundheitlich?

OTTO WANZ: Ich will gar nicht zu viel darüber reden, ich fühl mich sehr gut. Mein einziges Problem sind die Gelenke. Schultern, Knie, das ist natürlich alles hin, da reibt Knochen auf Knochen. Wenn sich die Gelenke entzünden, hau ich mir ein paar Packungen Voltaren rein, dann geht’s wieder einen Monat. Vierzig Jahre Sport haben eben ihre Spuren hinterlassen. Und das schlechte Wetter heuer hat mir natürlich sehr zu schaffen gemacht. Aber sonst geht’s mir blendend. Meine inneren Werte glaubt mir sowieso keiner. Mein Arzt sagt: „Unvorstellbar, dass ein Mensch mit so viel Übergewicht, der raucht, trinkt und isst, was er will, solche Werte haben kann!“ Er meint, ich kann leicht 90 oder 95 Jahre alt werden. Sag ich zu ihm: „Herr Doktor, das geht sich nicht aus, da bin ich vorher pleite, so viel Geld hab ich nicht gespart. Damit hab ich nicht gerechnet, dass ich so alt werde.“

Sind Sie deshalb noch täglich im Büro?

Ich organisier ja immer noch meine Austrian-Giant-Wettbewerbe, vier Turniere stehen heuer auf dem Programm. Von halb zehn, zehn bis halb eins bin ich im Büro, dann gibt’s daheim was zu essen und am Nachmittag ist Lauftraining angesagt. Das schaut so aus: Ich sitz im Golfwagerl und mein Hund läuft nebenher mit.

Anfang der 1980er-Jahre waren Sie mit Hulk Hogan auf Tour in den USA und einer der Top-Stars der Wrestling-Szene. Haben Sie nie überlegt, in Amerika zu bleiben?

Zwei Monate war ich mit der Battle-Royal-Tour unterwegs. Wir waren vier Tage in der Woche ausverkauft, alles Hallen mit 15.000 bis 20.000 Zuschauern. Beim Abschlussbankett kam’s zum großen Crash zwischen Verne Gagne, dem Chef, mit der Hogan-Partie. Hulk hat mich gefragt: „Otto, was ist, bleibst du da? Du passt gut zu uns.“ Für mich kam das alles sehr überraschend. Letztlich hab ich Nein gesagt. Ich war zwar drüben als Lederhosen- und Gamsbart-Typ sehr gefragt, aber wenn ich irgendeine Verletzung aufgerissen hätte, wäre von einem Tag auf den anderen alles vorbei gewesen. Außerdem frisst dich in Amerika die Steuer auf. In Europa dagegen war ich unangefochten und konnte auf Dauer gesehen mehr verdienen. Hogan wollte das nicht verstehen und hat nur gesagt: „Für die paar Peanuts gehst du zurück? You fucking idiot!“ Hätte ich gewusst, dass ich zwei Jahre später geschieden bin, hätte ich es mir vielleicht anders überlegt.

Hogan ist zehn Jahr jünger als Sie und gilt bis heute als Galionsfigur des Wrestlings.

Privat geht’s bei ihm aber ähnlich turbulent zu wie im Ring. Trotz eines Anti-Ehe-Schwurs hat er 2010 ein drittes Mal geheiratet. Ich hab immer gesagt, er ist der Michael Jackson des Ringkampfs. Wir waren sogar ein gemeinsames Team im Ring – und ich war der Chef, weil ich den Titel hatte! Das hat ihm am meisten wehgetan. Nur: Wenn ich so viel gegessen hätte wie er, wär ich geplatzt. Schüsselweise hat er Huhn mit Reis verputzt. Aber er hat auch eisern trainiert. Er ist natürlich ein Phänomen. Allein mit seinem blöden Schaumgummi-Finger hat er in zwei Jahren dreieinhalb Millionen Dollar gecasht. Jedes Kind hat das Ding gekauft. Trotzdem: Insgesamt hat er hunderte Millionen verdient, aber nach seiner letzten Scheidung ist er wieder flach. Zumindest für amerikanische Verhältnisse. Wenn so einer wie Hogan plötzlich nur noch 30 Mille hat, ist er draußen aus der gstopften Partie.

Catcher-Legende Otto Wanz in seinem Grazer Büro; Copyright: Bildagentur Zolles KG/Sebastian Patter, 23.4.2013

Wrestlemania, das jährliche Highlight der Muskelprotze, lockte Anfang April 80.676 Fans ins MetLife Stadium der New York Giants. Die Veranstaltung konnte weltweit mit 72 Millionen Dollar ihren höchsten Umsatz in der Geschichte verbuchen.

Amerika ist eine andere Welt, das wäre bei uns nicht möglich. Die Typen, die heute kämpfen, gab’s damals nicht. Heute sind alle super Athleten. Es ist mehr Zirkusakrobatik und nur noch 30 Prozent Ringkampf. Aber sie verkaufen es wunderbar. Allein die Storys, die sie immer wieder erfinden, alles perfekt inszeniert. Die Amis gehen in die Halle rein und schreien sofort: „Great show!“ Bei unseren Turnieren war der erste Tag immer der schlimmste. Nur geladene Gäste in den ersten fünf Reihen. Da saß der Herr Direktor und neben ihm seine Frau, die sich gefragt hat: „Was soll ich da?“ Aber nach dem zweiten, dritten Match ist sie schon ganz schief dagesessen und hat gschrien: „Du Drecksau!“ Dann hast du gewusst, jetzt hast du sie.

Die Einladung zur Aufnahme in die Hall of Fame der WWE mussten Sie vor zwei Jahren aus gesundheitlichen Gründen absagen. Japan, wo Sie auch sehr beliebt waren, war ihre letzte große Auslandsreise.

Tokyo Dome, 67.000 Zuschauer und durch die ganze Halle lief auf Laufschrift: „Wir begrüßen Big Otto aus Österreich.“ Net schlecht, hab ich mir gedacht. Als Veranstalter waren die Japaner meine besten Geschäftspartner. Die waren immer auf Punkt und Beistrich korrekt. Wenn du einen Kämpfer mit Schnauzbart bestellt hast und es kam einer ohne Bart an, konntest du ihn auf ihre Kosten wieder zurückschicken.

Über die Schattenseiten des Wrestling-Business wird selten gesprochen: Viele der Helden im Ring sterben sehr früh, der Mix aus Schmerzmitteln und Steroiden rafft die meisten zwischen 40 und 50 dahin.

Aus meiner Generation sind von zehn Kollegen neun tot. Ich bin der absolute Einzelgänger. Die haben damals schon alle den ganzen Dreck in sich reingeschmissen bis zum Gehtnichtmehr. Alle hatten so um die 100 Kilo und wollten sich auf 160 Kilo rauffressen. Nur: Das war halt alles nicht echt. Alle wollten groß und mächtig sein und haben das großteils künstlich gemacht. Das ist natürlich eine große Belastung fürs Herz. Ich hab mein ganzes Leben lang nicht eine Tablette genommen, um Gewicht zu machen, sondern eher geschaut, dass es nicht zu viel wird. Ich hab meine drei, vier Spiegeleier gegessen zum Frühstück, dazu Wurst und Käse – das haben die nicht einmal angerührt. Es ist natürlich auch so: Bist du verletzt, wirst du abgestoßen. Viele haben sich dann vollgekokst und fast umgebracht dabei. Es sind so viele grausame Abstürze dabei, wo du sagst, dass hätte ich mir nie gedacht von dem, dass der so absandelt. Wenn du ein Kämpfer der ersten Kategorie bist -das ist natürlich kein Leben: Sechs von sieben Tagen im Flieger, in der Nacht fährst du mit dem Taxi vom Flughafen ins Hotel, am nächsten Morgen wirst du abgeholt, dann geht’s in die Halle, Training, Sauna, am Nachmittag ein Schläfchen, abends die Kämpfe und nachher gehst du groß essen. Wenn du das jahrelang machst, kann keine Ehe oder Partnerschaft bestehen. Aber wenn du gesund bleibst, kannst du gewaltig viel verdienen.

Apropos: Ihr „Milde Sorte“-Schriftzug am Dress war legendär. Wie kam der Deal zustande?

Den hab ich Herrn Mauhart zu verdanken. Ich hatte bei ihm einen Termin, die Sekretärin stellt uns vor und er fragt mich: „Herr Wanz, warum glauben Sie, dass wir mehr Zigaretten verkaufen, wenn Sie Werbung dafür machen?“ Daraufhin ich: „Herr Generaldirektor, diese Frage kann ich Ihnen nicht beantworten. Vielleicht verkaufen Sie mehr, vielleicht aber auch nicht.“ Sagt er: „Wenn nicht einmal Sie daran glauben, warum kommen Sie dann zu mir?“ – „Ganz einfach, ich kann nur zu jemand gehen, der Geld hat. Und sie haben welches.“ Die Antwort hat ihm so gefallen, dass er gesagt hat, okay, wir machen es. Sogar in Japan, wo Tabakwerbung schon strengstens verboten war, bin ich mit dem Schriftzug über die Gegner drübergerollt. Später kam dann die Telefonbuch-Geschichte. Das war noch besser als Wrestling, weil der Aufwand null war. Keine Halle, keine Security und ich war in wenigen Minuten fertig.

WanzFoto

Telefonbücher zerreißen wäre heute schwierig, weil’s kaum noch welche gibt.

Einmal hat mich eh einer – ungefähr mit Ihrer Figur – damit über den Tisch gezogen. Er hat gemeint, er wettet mit mir einen Hunderter, dass er mehr zerreißt als ich. Dann hat er eine CD umgeknickt und gesagt, da sind 10.000 Adressen drauf, viel mehr als in einem Telefonbuch. Ich hab ihm den Hunderter gegeben und die Leute hatten ihre Hetz.

Sogar in Amerika war die Telefonbuch-Nummer ein Hit. Waren die Bücher dort leichter zu zerstören?

Die waren viel dünner, trotzdem konnte sie keiner zerreißen. Im Hotel Hacienda in Las Vegas hatte ich einen Vertrag über sechs Wochen. Drei Auftritte pro Tag: nachmittags um vier und um acht und elf am Abend. Ich war der Mann mit den stärksten Händen – die Leute haben gegrölt, bevor ich auf der Bühne war. Trotzdem: Ich hatte eine eigene Suite, jeden Tag ein Riesenbuffet, aber nach zwei Wochen hab ich geglaubt, ich verzweifle. Du kannst nix unternehmen den ganzen Tag, denn wenn du nicht pünktlich zu den Auftritten wieder da bist, zahlst du richtig viel Strafe. Andere treten jahrelang mit der gleichen Nummer auf und verdienen eine Millionengage. Ich könnt das nicht, jeden Tag den gleichen Blödsinn und jedes Mal so tun, als ob du’s zum ersten Mal machst.

Sie haben als Boxer begonnen, sind mit 17 Jahren aus disziplinären Gründen aus dem Nationalteam geflogen und haben deshalb Olympia 1960 in Rom versäumt. Wie beurteilen Sie die Szene heute, sind Sie ein Fan der Klitschkos?

Wenn einer sagt, zeichne mir zwei Boxer auf, wird er die Klitschkos malen. Besser geht’s ja vom Körper her nicht. Die zwei sind noch dazu verhältnismäßig gescheit und sagen sich, wir brauchen das Gewürge nicht. Von 50 Kämpfen kriegen sie 30-mal ja nicht einmal einen Streifschuss ab. Die zwei steigen nach 12 Runden aus dem Ring, als wären sie grad ein bisschen in der Sauna gewesen. In Amerika locken sie keinen Hund in die Halle, weil sie Sicherheitsboxer sind. Die Amis wollen bei einem Kampf tausend Infights sehen. Ist doch super, wenn’s so auch geht. Sie schauen gut aus, haben einen trockenen Schmäh, watschen ihre Gegner her und nehmen nach jedem Kampf einen Riesenmugel Marie mit nach Hause. Solange die Klitschkos im Geschäft sind, ist alles blockiert.

Wer war der beste Kämpfer, den Sie je gesehen haben?

Da muss man ein bisschen differenzieren: Es gibt Schönboxen, Gewaltboxen und Kraftboxen. Über Ali geht einmal gar nix drüber. Was der an Eleganz gezeigt hat und wie er als leichter Schwergewichtler die schweren lächerlich gemacht hat, das war einzigartig. Noch dazu hatte er einen Riesenpunch. Auch Frazier, Foreman und Liston waren Puncher. Dagegen sind ja heute zum Großteil Traumtänzer unterwegs. David Haye hat gewisse Anlagen, aber es hilft ja nix, er ist halt auch nur ein Fliegenfänger, der herumspringt und schreit.

Verstehen Sie, warum Ringen aus dem olympischen Programm gestrichen werden soll?

Das ist schade, weil Ringen ein edler und interessanter Sport ist und von Anfang an dabei war. Es gibt so viele Sportarten, die uninteressant sind – warum nimmt man die nicht raus? Gewichtheben ist auch so eine Sache, da gibt’s so blöde Regeln, die den Wettkampf zerstören. Krass gesagt: Wenn du mit dem Aug nach links schaust, gilt’s schon nicht.

In Wien hat sich eine klare Mehrheit gegen die Bewerbung für 2028 ausgesprochen. Verständlich?

Österreich ist viel zu klein, um Olympische Spiele zu stemmen. Was sollen wir nachher mit den Anlagen machen? Es ist ja schon mit Schladming ein Wahnsinn. Die WM war wunderschön – bis zu dem Tag, an dem Schluss war. Wer soll das jetzt benützen und verwalten? Das Gleiche gilt für Klagenfurt – ein Geisterstadion für 30.000 Leute.

Geschichte ist leider auch das Catch-Turnier am Heumarkt.

Es war einzigartig auf der Welt, dass mitten in der Stadt zwei Monate lang ein Ring-Turnier veranstaltet wird, im Freien – und mit so viel Stil: Wir waren die Herren Ringer und nicht die dreckigen, verschwitzten Trotteln. Jeder musste im Anzug auf den Platz kommen und sich gut benehmen. Beim Eingang wurden wir mit Tannenduft besprüht, damit wir gut riechen. Alle kamen zuschauen, vom Bürgermeister über die Schauspieler bis zu den Nutten. Und alle haben sich vertragen.

Anders als in Südafrika, wo Sie in den 1970er-Jahren für einen Eklat sorgten.

Als ich 1975 in Kapstadt meinen ersten Titel gewann, gab’s noch die Apartheid. Die Weißen haben zu mir gesagt, bleib ja weg von den Schwarzen. Dann komm ich ins Stadion und ausgerechnet die Schwarzen, die alle eingezäunt waren, jubeln mir zu. Da hab ich mir gedacht, mir doch egal, was die mir vorher gesagt haben, ich wink zurück. Anschließend gab’s eine große Party – auf die war ich aber nicht mehr eingeladen. Die Weißen waren so was von angepisst.

Sie standen ein Jahr lang im Theater an der Josefstadt auf der Bühne und haben in Filmen mitgespielt. Wäre eine Hollywood-Karriere à la Schwarzenegger möglich gewesen?

Aufgrund meiner Figur bin ich immer mal wieder engagiert worden. Ich hatte eigentlich geplant, wenn ich einmal mit dem Sport aufhöre, besuch ich eine Schauspielschule. Das hätt mir getaugt, aber ich bin leider nie dazu gekommen.

Arnie ist vier Jahre jünger als Sie. Wie gut kennen Sie ihn?

Letztes Mal, als er in Graz war, hat er zu mir gesagt: „Über uns laufen viele Gschichten.“ Was uns alles angedichtet wurde, dabei hatten wir nichts miteinander zu tun. Ich war mit 20 der Box-King bei Heros Graz und dann kam dieser Warmduscher von Bodybuilder. Wir haben nicht einmal gelacht über ihn, sondern uns nur gefragt, was will denn der?! Das waren die Anfangsjahre, später haben wir uns ganz normal unterhalten. Wir haben ja fast die gleiche Karriere gemacht, nur halt in anderen Relationen. Beide haben wir in Graz angefangen, sind nach Deutschland gegangen, dort groß geworden und dann weiter nach Amerika. Er ist drüben geblieben und wurde Filmstar, ich bin wieder heimgefahren und hab in ein paar Fernsehserien mitgespielt. Es war die richtige Entscheidung für mich. Alles in allem möchte ich keinen Tag missen, weder die schlechten und schon gar nicht die guten.

Nur auf jenen Tag, an dem Sie 2002 unweit Ihres Büros mit dem Motorrad von einem Auto abgeschossen wurden, würden Sie wahrscheinlich gern verzichten.

Gleich bei der ersten Kreuzung vom Büro entfernt ist’s passiert. Ich war mit einer 1500er-Kawasaki unterwegs, bin nicht schneller als 40,50 km/h gefahren, da schießt mich einer ab. Zweimal hat’s mich überschlagen, aber zum Glück bin ich nirgends dagegengekracht. Nur die rechte Schulter war arg bedient, zwei von drei Bändern sind gerissen. Der Arzt hat gemeint: „Wir müssen das ganze Gelenk austauschen, die Operation dauert sicher vier bis fünf Stunden und bei Ihrem Gewicht birgt die Narkose ein gewisses Restrisiko.“ Daher hab ich gesagt, lassen wir es. Ich komm ganz gut damit zurecht, aber den Arm hab ich nur noch zum Herzeigen. Rauchen geht, aber beim Essen tu ich mir ein bisschen schwer.