In der Hitze der Macht

Die Zukunft des Rennsports wird jetzt entschieden. In der Formel 1 tobt der Kampf um die Macht. Mercedes & Ferrari sind Rivalen auf der Rennstrecke, aber Verbündete im Kampf der Eliten gegen den Rest der Welt. Unsere Übersicht im teuersten Straßenkampf der Welt: die Liste der zehn mächtigen Menschen im Fahrerlager. Eine reine Männersache. Fast.

//Text: Gerald Enzinger // Foto: Getty Images/Fox//

Die Retortenrennstrecke in Bahrain hat drei Besonderheiten: Der Asphalt ist rauh, die Hitze unerträglich und es entscheidet sich alles im Dunkeln. Kein Tatort hätte für den wüsten Streit um die Zukunft der Formel 1 also passender sein können als die Benzin-Oase in der Wüste vor den Toren Manamas. Hier ging der Poker in die entscheidende Phase: Die neuen Formel-1-Eigentümer legten die Karten auf den Tisch und präsentierten ihre Ideen für die Formel-1-­Regeln ab 2021.

Kurz gefasst: Budget-Obergrenzen, weniger Macht und Geld vor allem für Ferrari, dazu schnellere Entscheidungswege, die verhindern, dass einzelne Teams mit einem Veto jede Miniänderung blockieren können. Und abgespeckte Hybridmotoren mit weniger Technik-Fusel und mehr Einheitsteilen. Teams wie Williams sprechen von der Rettung der Formel 1 und der ihrer eigenen Existenz. Ferrari und Mercedes, hier vereint gegen sehr viele andere, fordern zahlreiche Nachverhandlungen, vor allem in der Budget­frage.

Diese Teams geben in Summe in echtem Geld und mit allen Nebenkosten 500, vielleicht 600 Millionen Dollar pro Jahr aus, eine radikale Kostendiät würde viele Entlassungen bedeuten und eine logistische Herausforderung. Und sie wollen ihr Know-how im Hybridmotorenbau weiter nutzen und den Vorsprung nicht durch zu große Änderungen zum Wohle potenzieller Neueinsteiger (Porsche? Aston Martin? Illien? Cosworth?) opfern. Deshalb halten die beiden Teams, die gerade um den WM-Titel kämpfen, außer­halb des „Kreises zum Deppertfahren“ zusammen. Sie haben ähnliche Inter­essen. Aber wer sind die Menschen, auf die es im Poker jetzt ankommt? Zehn Leute (durch die Bank Männer!) sind die mächtigsten jener, die im Fahrerlager selbst ihr „Büro“ haben. Sie müssen nun Nerven bewahren und das Beste für ihre Interessen herausholen. Die Mächtigen, alphabetisch.

Alonso, Fernando

Der zweifache Weltmeister ist seit Jahren die Dramaqueen in der Formel 1, sei es bei McLaren (Ära 1, Spy-Gate), Renault (Singapur-Gate), Ferrari (Dauerfehde im Team) oder McLaren (Ära 2, komplettes Teamversagen, vertont mit lauten Ansagen an Partner Honda). Sollte sein Team heuer – wie zuletzt in Bahrain – hinter Hondas neuer Liebe Toro Rosso landen, droht dem Spanier und McLaren das Land der Lächerlichkeit. Noch aber ist der charismatische Märtyrer aus Oviedo immer noch einer der einflussreichsten Männer in der Formel 1, einer, der mit simplen Funksprüchen ganze Weltkonzerne zum Beben bringt.

Binotto, Mattia

Eine gewagte Nominierung von uns, denn eigentlich ist ja Maurizio ­Arrivabene der Teamchef von Ferrari und der jahrzehntelange „Marlboro Man“ (Marketingverantwortlicher von Philip Morris) feierte am Beginn der Saison gleich einmal zwei Siege. Doch im Fahrerlager ist es ein offenes Geheimnis, dass Präsident Sergio Marchionne ihm bald den Daumen nach unten zeigen könnte. Er plant, so der Verdacht, Arrivabene durch den höchst erfolgreichen Mattia Binotto zu ersetzen, der das Team seit 2016 als neuer Technik-Chef mit vielen Innovationen und auch ungewohnten Freiheiten für die Kreativgeister unter den Technik-Nerds wieder nach vorne gebracht hat. Neben Vettel ist er wohl der wichtigste Mann, um Ferrari heuer zum Weltmeister zu machen. Und ein Titel wäre 2018 ein politisches Statement im Entmachtungskampf der Formel 1 gegen die Roten.

Brawn, Ross

Der einstige Weltmeister­macher von Michael Schumacher ist die zentrale Figur. Als „Sportchef“ der Formel 1 (und als der einzige Eigentümervertreter, der den Zirkus wirklich kennt) muss er die ­Regeln am Ende so formatieren, dass sowohl Werks­teams als auch private, sowohl Etablierte als auch poten­zielle Neueinsteiger zufrieden sind. Sein Vorteil: Er kennt alle Seiten der Formel 1. Sein Nachteil: Er hat in knapp vier Jahrzehnten hier aber auch einige Feinde ­angesammelt (Bernie Eccle­stone!) und gilt oft als zu stur.

Brown, Zak

Der Geschäftsführer von McLaren ist eine unterschätzte Größe im Fahrerlager, denn der echte Racer (lange Pilot in diversen GT-Serien und einst in der Formel 3) hat überall seine Finger drin. So ist er der Mann hinter jenem Medienkonzern, der seit Jahren fast alle einflussreichen Formel-1-Medien weltweit aufkauft und sich so eine unglaubliche Meinungsmacht aufgebaut hat. Der 46-jährige Kalifornier hat vielerorts im Rennsport seine Finger drin und gilt als Key Player. Allerdings muss er sich jetzt erst mal in seinem Hauptjob bewähren – und McLaren vor dem Fall in die ­Bedeutungslosigkeit bewahren.

Carey, Chase

Der operative Chef der Formel 1 und Nachfolger von Bernie Ecclestone. Eingesetzt wird er von Liberty Media, dem neuen Formel-1-Eigentümer. Seine Aussagen und Taten in den ersten eineinhalb Jahren an der Macht waren bisher recht widersprüchlich. Einmal redet er von „zurück zu den europäi­schen Wurzeln“, dann wieder kommt er mit künstlichen amerikanischen Showideen oder schrägen Startzeiten (15.10 Uhr), die nur den (weltweit eigentlich lächerlich geringen) Anteil von TV-Zuschauern in Amerika bedienen soll. Doch der engste Familienfreund des Medien­moguls Rupert Murdoch muss auf so manchen Einflüsterer Rücksicht nehmen. So heißt es, dass er die von ihm ausgesprochene Abschaffung der Gridgirls gar nicht wollte. Es lief angeblich so: Beim Grand Prix von Austin 2017 war auch Careys Chef dabei: Liberty-Media-Boss Greg Maffei kam mit seiner Frau Sharon. Und die wiederum verlor die Fassung, als sie das Gridgirl von Dani Ricciardo­ sah – eine höchst kurvenreiche Dame mit sehr wenig Stoff. Sie war über deren Auftritt so empört, dass sie ­ihren Mann aufforderte, diese Girls aus der Formel 1 zu entfernen. Wie es scheint, ist die „First Lady“ der Formel 1 also auch die einzige Frau, die in diesem Männerbund Einfluss hat. Pikant: Sie ist wie ihr Mann eine ­große Sponsorin von US-Präsident Donald Trump, der in dieser Causa wohl anders als sie gedacht hätte.

Cowell, Andy

Der 49-jährige Brite ist der Motorenchef von Mercedes und damit der Mastermind hinter dem Wunderantrieb der Silberpfeile, der seit Jahren die Formel 1 dominiert. Als enger Vertrauter seines Chefs Wolff ist seine Meinung wichtig, wenn es darum geht, die neuen Triebwerksregeln, die ab 2021 gelten werden, zu akzeptieren – oder eben nicht, denn Cowell ist in dieser Ära das, was Adrian Newey davor im Aerodynamik-Zeitalter war: der entscheidende Faktor für den Erfolg.

Hamilton, Lewis

So einen exzentrischen Piloten wie den vierfachen Weltmeister hat die Formel 1 in der Moderne noch nie gesehen. Und je mehr die neuen Eigentümer in Richtung Amerikanisierung, Hollywood und Showbiz drängen, desto unersetzbarer wird Hamilton für die Vermarktung dieses Sports. Doch er gilt als Diva, launisch und sensibel, und es ist schwierig, auf Jahre mit ihm zu planen, da er auch mal schnell die Lust am Sport ver­lieren kann. Politische Machtspiele interessieren ihn trotz seiner Macht kaum (okay, er wird sich künftig seine Nr.-2-­Piloten wohl aussuchen wollen), zudem ist er heuer wohl genug damit beschäftigt, sich Sebastian Vettel im Showdown um den jeweils fünften Titel vom Hals zu halten.

Marko, Helmut

Christian Horner mag formell der Teamchef von Red Bull Racing sein, aber der wahre Fahrerlager-Boss im Austroteam ist Dr. Helmut Marko, der am 27. April 75 Jahre alt wird. Er ist der, der Klartext redet; der, der den Draht zum allmächtigen Didi Mateschitz hat; der, der Red Bulls atemberaubende Talentfabrik leitet (Vettel! Ricciardo! Verstappen! Und nun: Gasly?). Und Markos Macht ist derzeit groß, denn bei Red Bull geht es gerade um die Zukunft: Bleibt man in der Formel 1? Mit welchen Motoren? Mit welchen Partnern? Dinge, die in Fuschl entschieden werden und nicht in Milton Keynes – weshalb die Macht im Team derzeit mehr denn je in Österreich liegt. Und eben bei Chefberater Marko.

Vettel, Sebastian

Die vollkommen lädierten Gebrauchtreifen, mit denen er in Bahrain fuhr, sollten einmal in sein Museum kommen – spätestens seit dieser Siegesfahrt ist auch dem letzten der vielen Vettel-Skeptiker wohl klar, was für ein außergewöhnliches Fahr-Genie der nicht immer von allen voll respektierte Vierfachchampion ist. Mit knapp 31 und als Steuer-Mann von Ferrari ist er unersetzlich, wenn es darum geht, das Traditionsteam endlich wieder zum Weltmeister zu machen. Zudem ist für viele Seiten ein geschätzter ­Gesprächspartner, wenn es darum geht, Entwicklungen aus der Sicht der Fahrer zu beurteilen.

Wolff, Toto

Der – in Relation zu den Rennen – erfolgreichste Formel-1-Teamchef aller Zeiten tauchte erst vor neun Jahren im Fahrerlager (erste große Story: Sportmagazin 12/2009) auf – heute und nach acht WM-Titeln in Serie ist er wohl der mächtigste Mann im Paddock. Im Gegensatz zu den anderen Teamchefs der Top-Teamchefs ist er auch Miteigentümer seines Rennstalls, zudem lässt ihm Daimler-Boss Dieter Zetsche freie Hand. Immerhin hat Toto aus dem größten Loser-Team (man denke an 2010, 2011) den Weltmarktführer gemacht. Aufgrund seiner beruflichen Vorgeschichte in Bereichen wie New Economy, Internet oder Investments ist er in vielen Zukunftsfragen der Formel 1 der Leit-Wolff. Übrigens auch bei Ferrari, wo man sich immer wieder gern mal was vom großen Rivalen abzuschauen scheint. Und gern auch mal auf ihn hört.