Die ganze Story: Im Kopf von Anna Veith

431 Tage nach einem Trainingssturz mit fatalen Folgen gab die 27-jährige Salzburgerin ­bekanntlich am Zauberberg ihr viel beachtetes Weltcup-Comeback. Nach den ersten Speed-Tests hat sie nun die WM in St. Moritz (6. bis 19. Februar) im Visier. Dem Sportmagazin vertraute sie ihre ganz persönlichen Gedanken zu den 10 wichtigsten Schritten auf dem so beschwerlichen Weg
zurück an.

//aufgezeichnet von  Fritz Hutter//Fotos: Mirja Geh/Getty Images, Laurent Salino/Agence Zoom/Getty Images

1. Verletzung & Operation im Oktober 2015

Es war wohl Selbstschutz – dass ich im ersten Moment nach dem Sturz noch gedacht habe, wird schon nicht so schlimm sein. Aber mir war schon bewusst, da ist was Größeres passiert, sonst wären die Schmerzen einfach nicht so heftig gewesen. Die wurden dann auch immer stärker und ich konnte das abgewinkelte Bein aus eigener Kraft nicht mehr strecken. Gar kein gutes Zeichen. Danach ist alles sehr schnell gegangen. Ich habe etwas gegen die Schmerzen bekommen, war beim Abtransport nicht wirklich bei mir. Richtig klar gesehen habe ich erst wieder nach dem MR, als mir Dr. Christian Hoser erklärt hat, was alles verletzt ist, und dass neben Kreuz- und Seitenband auch die Patellarsehne gerissen und damit praktisch alles im Knie kaputt ist. Das war das Schlimmste, was ich befürchtet habe. Ich war komplett fertig und hab mir nicht vorstellen können, dass ich jemals wieder Ski fahren würde. Natürlich ist eine Operation nie etwas Selbstverständliches und dass immer irgendetwas sein kann, war mir trotz der Schmerzmittel schon bewusst. Aber dadurch, dass alles so schnell gegangen ist – unmittelbar nach den Untersuchungen am Medicent Innsbruck bin ich in die Klinik Hochrum gekommen, wo dann eben sofort Dr. Hoser übernommen hat –, habe ich gedacht, was für ein Glück, dass mir das alles in Österreich passiert ist und nicht in Amerika oder sonst wo. Außerdem habe ich gewusst, dass ich mich auf meinen Operateur verlassen kann, das war sozusagen mein erster Trumpf. Er war so positiv und ruhig, da war mir klar, ich bin in den besten Händen, muss einfach vertrauen und alles ihm überlassen.

2. Das Erwachen & erste Schritte aus der Hüfte

Als ich wach wurde, war das Gefühl im Knie komplett weg. Genau wie direkt nach dem Sturz, wo ich das Bein nicht mehr ansteuern konnte, weil die komplette Verbindung zum Unterschenkel gerissen war. Bei der Opera­tion ist dann ein Riesenschnitt gemacht worden, längs über die Kniescheibe drüber und das Knie war aufgeklappt. Dadurch ist ein weiteres Trauma entstanden. Ich musste sozusagen nicht nur die Verletzung, sondern auch die Folgen der Operation wegstecken. Unmittelbar nach dem Eingriff selbst war ich sehr verwirrt, weil das einfach alles unheimlich intensiv war. Im ersten Moment war mir nur wichtig, dass die Menschen da sind, die mir wichtig sind, der Manuel und mein Team. Dann habe ich versucht zu schlafen, um am nächsten Tag vielleicht begreifen zu können, was mit meinem Bein los ist. Gespür war dann lange überhaupt keines da und ich musste einfach alles wieder neu lernen. Am Anfang war die Therapie immer nur passiv. Aktiv konnte ich gar nichts tun, konnte meine Muskeln nicht ansteuern – eine Schutzreaktion des Körpers, um die Patellarsehne zu schonen und Spannung zu verhindern. Auf Krücken gehen hat einigermaßen schnell funktioniert, aber mit Schwung aus der Hüfte, weil das Knie einfach nicht mitgespielt hat. Bis ich dafür wieder ein ähnliches Gefühl wie vor der Verletzung bekommen habe, hat es sehr lange gedauert. Alles, was mit dem Oberschenkelmuskel zu tun hat, fühlt sich erst seit kurz vor Weihnachten wieder normal an. Davor war alles schmerzhaft und mühsam.

3. Gehen ohne Krücken

Das war Neuland für mich und überhaupt die größte Herausforderung, die es nach einer Knieverletzung geben kann. Die ersten Wochen, in denen man nichts tun kann, dienen wirklich der Entschleunigung und ich hätte gar nicht die Energie und den Willen gehabt, irgendetwas neben der Therapie anzufangen. Aber weil es hieß: „Nach sechs Wochen kannst du die Krücken weglegen“, wollte ich das unbedingt schaffen, und zwar genau in der Zeit und keinen Tag später. Heute glaube ich, dass ich mir da einfach zu viel Stress gemacht habe. Gehen musste ich komplett neu lernen und war damit ziemlich überfordert. Ich konnte mir überhaupt nicht vorstellen, wieder einen echten Schritt zu machen. Die sechs Wochen habe ich dann natürlich geschafft. Aber ich weiß heute, dass es egal gewesen wäre, wenn es sieben Wochen gedauert hätte. Eine Woche mehr hätte mich vielleicht sogar ­später weitergebracht, weil der Körper einfach seine Zeit braucht.

4. Die erste Abfahrt

Zuerst bin ich nur ganz kleine, leichte Skitouren gegangen, aber eben nur bergauf. Dann, zum Ende des Winters, habe ich mich auf mein Gefühl verlassen und entschieden, es einfach zu tun, und bin runtergefahren. Zum ersten Mal wieder! Davor hatte ich bei uns daheim in Rohrmoos meine Touren immer so ausgesucht, dass ich entweder mit dem Lift runterfahren oder mit dem Auto abgeholt werden kann. Und an diesem Tag hätte mich dann eigentlich der Manuel auch abgeholt. Aber ich wollte es wissen. Ich habe die Steigfelle abgezogen, die Tourenbindung festgestellt und bin einfach runtergefahren. Freilich auf einem Hang, der so flach wie ein Anfängerhügel ist. Den Manuel hab ich dann im Skistall getroffen und er hat nur gemeint, aha, jetzt bist runtergefahren. Für mich war es sehr emotional, ich hatte dann Tränen in den Augen und konnte es kaum fassen. Von Ende Oktober bis ins Frühjahr war schon eine lange Zeit, in der ans Skifahren nicht zu denken war – und dann dieser erste Befreiungsschlag! ­Davor bin ich nie abgefahren, weil mich sogar der kurze Aufstieg wirklich ausgepowert hat. Aber an diesem Tag hatte ich dann das Gefühl, dass noch eine kleine Reserve da ist und ich es einfach versuchen muss.

5. Die Hochzeit mit Manuel im April 2016

Verheiratet sein ist einfach wunderschön. Ich hätte mir vor unserer Hochzeit nicht gedacht, dass es sich so ­anders anfühlt. Es verbindet einfach viel intensiver. Man weiß und spürt, jetzt ist es fix, dass man zusammengehört. Dadurch, dass wir ja im Ausland waren, hatte ich Zeit, mich in Ruhe mit manchen Veränderungen zu befassen. Den Tag, an dem ich mir urplötzlich gedacht habe, boah, jetzt heiß’ ich auf einmal Veith, hat es deshalb nicht gegeben. Trotzdem habe ich es mir schon immer wieder vorsagen müssen, denn sonst glaubt man das nicht. Auf jeden Fall hatte ich Zeit, bevor ich zum Beispiel den Pass habe umschreiben lassen, zu spüren, wie schön diese Veränderung ist. Gerade in dieser Zeit war es für mich etwas so Positives, den neuen Namen zu haben. Das hat mir viel Kraft gegeben.

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6. Aus Therapie wird Training

Die Zeit vor unserer Hochzeit habe ich hauptsächlich als Therapie in Erinnerung, wo aber schon allerhand vorwärtsgegangen ist. Danach haben wir dann ja kurz Urlaub gemacht. Für die Zeit nach der Rückkehr hatte ich mir vorgenommen, langsam zum Training überzugehen, mehr als nur eine Einheit am Tag zu absolvieren und auch die Intensität zu steigern. In dieser Phase habe ich sehr intensiv gespürt, dass ich nicht alles so steuern kann, wie ich es mir vorstelle, sondern dass ich auf meinen Körper hören muss, weil nur er das Tempo vorgibt. Da sind dann schon einige Rückschläge gekommen, wo ich gemerkt habe, das bringt so nichts, weil ich zu schnell zu viel wollte. Es war nicht leicht, das Richtige zu tun, weil meine Verletzung einfach extrem selten ist und es kaum vergleichbare Fälle gibt, an denen man sich auf dem Weg zurück hätte orientieren können. Also musste ich mich ganz drauf verlassen, wie schnell ich was verkraften konnte.

7. Meine Autobiografie „Zwischenzeit“ im November 

November Zwei Dinge waren wirklich schwer für mich: die Entscheidung, überhaupt den Mut zu finden, das Buch zu schreiben, und es dann wirklich auch bis zum Ende durchzuziehen. Der Grundstein für das Projekt war ja, dass ich einfach alles einmal aufarbeiten wollte. Das, was in meinem Leben passiert ist, ordnen, verstehen, noch einmal durchdenken und realisieren – Erfolge genauso wie Misserfolge oder auch die Verletzung – und dann sagen, okay, jetzt ist alles aufgeschrieben, jetzt veröffentliche ich es auch. Das hat dann schon noch etwas Mut gebraucht, aber es hat sich ausgezahlt. Ich bin wirklich sehr stolz, dass wir das so durchgezogen haben. Und das mit dem Aufarbeiten hat genauso funktioniert, wie ich es mir immer gewünscht hatte.

,,Wenn du immer nur trainierst und trainierst, stumpfst du irgendwann ab”

 8. Das Renn-Comeback Ende Dezember

Ich wusste schon, dass ich immer noch richtig weit weg war von dem Zustand, den ich haben wollte, um zurückzukommen. Aber ich hab es einfach extrem vermisst, Rennen zu fahren, und jedes Mal, wenn ich im Fernsehen zuschauen musste, habe ich gedacht, Sch…, warum bin ich nicht dabei. Aber da wäre es rein körperlich noch nicht gegangen. Und so habe ich abgewartet und hart auf den Punkt hingearbeitet, an dem es wirklich wieder möglich war, ein Rennen zu fahren. In dem Moment, als ich mich für einen Start am Semmering entschieden hatte, war ich mir sicher, dass ich der Belastung würde standhalten können. Ich wollte wieder spüren, wofür ich all die Strapazen so lange Zeit auf mich genommen hatte. Wenn du immer nur trainierst, trainierst und trainierst, stumpfst du irgendwann ab. Neue Motivation fürs Weiterarbeiten kannst du dann nur mehr übers Rennfahren schöpfen. Beim ersten Riesen­slalom ist es dann nicht nur ums Rennen selber gegangen. Es war der erste Tag, an dem ich wieder einmal so richtig im Fokus gestanden bin. Ich kann mich an kaum einen Moment erinnern, an dem nicht jemand mit mir geredet hat, sich über meine Rückkehr gefreut hat oder eine Kamera auf mich gerichtet war. Im Lauf selber habe ich mich zuerst gut gefühlt, aber dann Pech gehabt und einen Stein erwischt, der mir die Kante von der Bindung bis ganz nach hinten rund gemacht hat.

Am zweiten Tag war ich dann schon wieder ganz bei mir. Ich war einfach wieder da. Vom Skifahren her war das für diesen Zeitpunkt eine gute Leistung. Eine Woche vorher hatte es noch ganz anders ausgeschaut. Auf einer eisigen Piste war ich da körperlich noch nicht in der Lage, den Druck so zu steuern, um einen richtigen Schwung zu fahren. Das hat sich in der kurzen Zeit stark verbessert. Vom Schmerz her, aber auch muskulär, sodass ich das dann in diesem zweiten Rennen schon gut umsetzen konnte. Eine Herausforderung war das Wetter. Es war der erste Tag, an dem ich bei richtig schlechter Sicht draußen war. Bis dahin hatte ich nur bei Schönwetter trainiert. Insgesamt sind da wieder so viele neue Sachen auf mich zugekommen. Und genau das braucht man, um besser zu werden, und genau deshalb wollte ich auch unbedingt wieder zurück in den Rennmodus.

In den Tagen vor Marburg war ich dann im Training nicht wirklich vorn dabei und wusste nicht, wo ich stehe. Dann habe ich aber vom Kopf her eine gute Leistung gebracht, weil ich einfach nur aufs Rennfahren fokussiert gewesen bin und gespürt habe, was ich brauche, um gute Läufe zu liefern. Nach gerade einmal zwei Rennen konnte ich genau das, was möglich war, wieder umsetzen, ohne die Dinge kompliziert zu machen. Also genau das hat funktioniert, was ich eben früher auch oft geschafft habe. Beim Ausfall im zweiten Lauf hatte ich keine Schmerzen im Knie, nur die Hüfte hat danach etwas gezogen. Trotzdem war noch extrem viel Luft nach oben. So habe ich im ersten Durchgang bis zum zehnten Tor kein einziges berührt, bin einen viel zu weiten Weg gefahren. Und der Rechtsschwung war vom Timing her noch nicht so stabil wie früher.

9. Back to Speed im Jänner 2017

Das erste Super-G-Training in Südtirol hat keinerlei Sorgen ums Knie gebracht. Ich wusste ja vom Riesenslalom, dass alles hält und gut ist. Es ging ja auch nicht von null auf hundert, sondern wir haben mit mittelschnellen Läufen begonnen und ich konnte mich langsam herantasten, mich an die Belastung gewöhnen und mir wieder Sicherheit holen. Ich war sehr, sehr glücklich mit den ersten schnellen Läufen. Das Beste aber ist, dass das Skifahren wieder Spaß macht, weil der Körper einfach wieder funktioniert und ich mir da keine Gedanken mehr machen muss. Die Basis ist da und die Leistung kommt mit der Zeit, da bin ich mir sicher.

10. Der WM-Plan für St. Moritz

Bei der anstehenden Weltmeisterschaft wäre es für mich jedenfalls ein Riesenerfolg, wenn ich im Riesenslalom und im Super-G, wo ich ja als Titelverteidigerin fix qualifiziert bin, an den Start gehen könnte. Und konkurrenzfähig will ich natürlich auch sein. Wenn ich mir anschaue, was wir jetzt innerhalb eines Monats alles geschafft haben, was weitergegangen ist, bin ich schon zuversichtlich. Und ich weiß, das Rennfahrer-Gen, das schlummert noch in mir.

Und hier noch einmal zum Genießen: Anna Veiths Riesenslalom-Gold bei der WM 2015, damals noch als Anna Fenninger.