Ich war keine Beach-Nutte

Mit 17 gab ein hoch aufgeschossener Oberösterreicher namens Clemens Doppler sein Debüt auf der World Tour der Beachvolleyball-Profis. Heute, exakt 20 Jahre später, zählt er mit seinem Partner Alex Horst zu den großen Routiniers. Und als zweifacher Europameister und Vizeweltmeister 2017 besonders an guten Tagen zur absoluten Weltklasse. Eine Zwischenbilanz.

//Interview: Fritz Hutter // Foto: Swatch//

Sportmagazin: Anlass für dieses Interview ist nicht, dass endlich der Schnee weg ist, sondern „20 Jahre Clemens Doppler auf der Beachvolleyball World Tour“.

Clemens Doppler: Ist das tatsächlich so? Wow.

Ja, im Frühjahr 1998 hast du im italienischen ­Lignano dein erstes großes Turnier bestritten. Die logische erste Frage ist daher: Was wurde eigent­lich aus Heli Hirner

(lacht) Helmut „Grande“ Hirner! Er organisiert Sport- und Sprachreisen für Kinder und Jugendliche, wo er auch Volleyball im Programm hat. Wir lesen ab und zu voneinander.

Hirner war jedenfalls dein erster Partner. Kannst du dich an euren ersten Auftritt noch erinnern?

Ich weiß, dass meine damalige Freundin mit war und wir ein wunderschönes Appartement hatten, aber ich müsste lügen, wenn ich behaupten würde, noch zu wissen, gegen wen wir dort in der ersten Runde verloren haben.

Besser wirst du dich an euer nächstes Turnier ­erinnern. Das lieferte nämlich im Sommer 1998 deine Klagenfurt-Premiere.

Ganz genau. Das war gegen Puerto Rico und einen der beiden nannten sie „El Toro“. Nach einer halben Stunde war das Ganze auch schon wieder vorbei. Eine kurze Vorstellung von uns, das weiß ich noch. Natürlich keine Centercourt-Partie wie später, dafür blond gefärbte Haare und keinerlei Druck oder Nervosität – eigentlich total befreit und lustig. Ein Gefühl, das man dann übrigens im letzten Drittel seiner Karriere wiederfindet.

Wenn du heute den 17-jährigen Clemens Doppler von damals auf der Tour beobachten könntest, würdest du ihn als Talent bezeichnen? Ehrlicherweise ja. Ich habe mit ganz wenig speziellem Beach-Training instinktiv schon sehr viel richtig gemacht. Und ich hatte Finesse. In der Halle, wo es auch viel drauf angekommen ist, möglichst kraftvoll draufzuprügeln, war diese auf meiner Position nicht so gefragt.

Haben die beiden 57. Plätze von Lignano und Klagenfurt 1998 tatsächlich direkt zum Berufswunsch Beachvolleyball-Profi geführt? Nein. Ich hab das damals ja nur in der Sommerpause vom Hallenvolleyball gemacht. Dort wollte ich meine Karriere ausbauen und forcieren. Erst als Peter Kleinmann 2001 sechs Ami-Spieler und einen amerikanischen Trainer zu den Hotvolleys geholt hat, wurde mir klar, dass ich da wohl kein Leiberl haben werde. Mein Glück war damals, dass ich mich im gleichen Jahr mit Peter Gartmayer mit einer Wildcard für die Europameisterschaft qualifizieren konnte und dort bis in Semifinale vordringen konnte. Gleichzeitig war das das letzte gemeinsame Turnier von Nik Berger und Oliver Stamm und Nik suchte schon die ganze Saison nach einem neuen Partner. Zur Wahl standen letztlich Paul Schroffenegger, eben Peter Gartmayer und ich. Anhand einer Plus-minus-Liste und auch des Rats unseres späteren Trainers Marco Solustri hat er sich dann letztlich für mich entschieden.

War das der eigentliche Beginn deiner Beach-Profikarriere? Eindeutig. Hätte sich Nik damals nicht für mich entschieden, wäre alles sicher ganz ­anders verlaufen. So konnte ich mich in ein gemachtes Sponsorennest setzen und musste mich um nichts kümmern. Alles war hochprofes­sionell aufgestellt. Ich hatte mit Marco einen Weltklassetrainer und musste eigentlich nur spielen. Aber das war eh schwer genug, denn wenn du mit dem „Mr. Beachvolleyball“ Berger spielst, dann sind die Erwartungen andere als mit einem Heli Hirner oder meinem zweiten Partner Didi Maderböck. Und anfangs konnte ich mit diesem Druck nicht wirklich umgehen, aber im Endeffekt hat es super funktioniert. Ich bin dem Nik bis heute dankbar, dass er sich damals für mich entschieden und mir so meine Laufbahn geebnet hat.

Hat da der Ernst des Lebens ­begonnen? Durch den Nik habe ich einfach gelernt, mich professioneller zu verhalten und etwa was es heißt, Sponsoren zu betreuen. Zum Glück gab es damals noch keine Social Media, weil ich wahrscheinlich jedes Mal etwas gepostet hätte, wenn ich fort war. Aber im Endeffekt war es auch für die Vermarktung so aufgeteilt, dass er der Professor war, der entschieden hat, wo es langgeht, und ich das Küken, das einfach ausgeführt hat. Im Nachhinein ­betrachtet hat er mich so geprägt wie kein Zweiter – und zu 90 Prozent mit guten Sachen.

Sechs Partner in 20 Jahren auf der Tour – ist das viel oder wenig? Also ich war sicher keine Beach-Nutte. Mit Alex spiele ich ja bereits die sechste Saison zusammen. Davor waren es mit Nik Berger, Peter Gartmayer und Matthias Mellitzer jeweils drei. Die Anfänge mit Heli Hirner und Didi Maderböck kann man nicht als fixe Partnerschaften sehen. In dieser Zeit haben wir aber noch eher nach „Wer grad Zeit hat“ Beachvolleyball gespielt. Und grundsätzlich muss man sagen, dass die Auswahl an passenden Partnern in Österreich naturgemäß nicht riesig ist.

Mit Alexander Horst klappt es jedenfalls schon lange. Warum eigentlich? Die Basis ist das Sportliche. Wir verfügen beide über ein gutes Service und über ein gutes Sideout (Anm.: Spiel bei Serviceannahme). Und obwohl ich am Block mittlerweile sehr gut funktioniere, können wir heute auch Spiele ohne einen einzigen Block gewinnen. Dazu kommen ein ausgeprägter Spielwitz und mittlerweile die Erfahrung als richtig alte Hund’. Und Alex reißt sich für einen Sieg das Herz aus der Brust, sogar beim Pokern. Auf persönlicher Ebene hat es aber durchaus immer wieder Streitereien gegeben.

Worüber? Na ja, ich würde mich nicht als grund­stur bezeichnen, aber der Alex ist einfach ein sturer Hund, das ist so. Ich war es halt gewohnt, dass, wenn ich etwas sage wie „Du, das Aufspiel war jetzt für mich nicht gerade optimal“, etwas zurückkommt wie „Okay, passt, ich probiere den nächsten besser“. Aber beim Alex ist anfangs meistens ein „Ja, aber …“ und was ich alles falsch gemacht habe und dass das Aufspiel eigentlich eh gar nicht so schlecht war. Du hast aber nur 12 Sekunden Zeit zwischen den Ballwechseln und wenn dann mehrere derartige Situationen kommen, dann hast du zuerst einen Wickel beieinander und danach gar keine Kommunikation am Platz. Zwar haben wir dann oft genug besser gespielt, weil jeder auf den anderen heiß war und wir beide negative Emotionen häufig positiv kanalisieren können, aber nicht selten ist der Schuss auch nach hinten losgegangen. Wir haben viel probiert, um das in den Griff zu bekommen, diverse Teambuilding-Maßnahmen, Sportpsychologie. Bei den Sitzungen waren wir immer einsichtig, aber geholfen hat uns letztlich vor allem, dass wir mit der Zeit gelernt haben, uns zusammenzuraufen und zum richtigen Zeitpunkt einfach die Papp’n zu halten – eigentlich wie in einer normalen Beziehung auch.

Eine zentrale Rolle kommt da sicher eurem Langzeittrainer Robert Nowotny zu. „Nowo“ war und ist einfach perfekt in Sachen Strippenziehen im Hintergrund. Und neben dem ganzen Trainingstechnischen der ideale Diplomat, um zwei, wie sagt man, speziellere Persönlichkeiten wie uns auf Schiene zu bringen. Wobei ich ihn mehr als Trainer brauche denn als Motivator. Und beim Alex weiß er einfach genau, wie er mit ihm umgehen muss, damit er spielt, wie er eben spielt. Insgesamt ist er perfekt auf unser Team zugeschnitten.

Mit Alexander Horst als Partner und Robert ­Nowotny als Coach wurdest du im Sommer 2017 auf der Wiener Donauinsel Vize­weltmeister. Tatsächlich dein größter Moment am Strand? Absolut. Und nicht nur wegen des Erfolgs bei jenem Turnier, das besser besetzt ist als Olympische Spiele (Anm.: vier statt drei Duos pro Nation möglich). Es war daheim und in diesem unglaublichen, von Hannes Jagerhofer hingestellten Stadion! Nur zwei Wochen nachdem ich mir einen Teil der Quadrizepssehne gerissen hatte, konnten wir das Turnier unseres Lebens spielen und Teamwork wie noch nie bieten. Wir haben uns einfach nie hängen lassen und sogar andere Spieler haben uns gesagt, dass wir bei der WM in Wien als Team unüberwindbar auf sie gewirkt haben. Das ist dann schon etwas ganz Besonderes gewesen …

Laut einer Beachvolleyball-Infoseite hast du in deiner langen Karriere bisher rund 630.000 Dollar an Preisgeld verdient. Dazu kommen natürlich die Einnahmen aus verschiedenen Sponsorings. Demgegenüber stehen durchaus hohe Kosten. Wie kommt ihr mit der Kohle aus? Genauso, wie du es gerade gesagt hast. Wir kommen mit der Kohle aus. Grundsätzlich muss man sagen, dass sich alles verändert hat. Früher hattest du ein Budget, das sich aus 80 Prozent Sponsoring und 20 Prozent Fördermitteln zusammengesetzt hat. Mittlerweile ist der Anteil an Förderungen gestiegen, die uns etwa den Trainer und teilweise den Physio und die Reisen zahlen. Aber da stehen wir wirklich noch sehr gut da, wenn man bedenkt, welche Sportart wir uns in einem Land wie Österreich ausgesucht haben. Man kann also sagen, dass wir von unserem Job leben können, wie man von einem anderen Beruf leben kann. Aber es wäre ein Irrglaube zu denken, dass ich jetzt aufhören könnte und nicht spätestens in einem Jahr wieder einen Job bräuchte. Zwar hat sich die Fördersituation extrem verbessert, aber bis vor vier Jahren mussten wir noch jeden Physio, jeden Trainer und jeden Flug selbst bezahlen. Und davor war ich ja nicht ganz zehn Jahre in Rom bei Marco Solustri, ­einem der besten Trainer der Welt, stationiert. Dort hat es dann natürlich auch eine Wohnung usw. gegeben.

Statt Reserven anzusparen, hast du also in deinen Sport investiert? Genau. Ich habe von Nik gelernt, dass man, wenn man erfolgreich sein und eine gewisse Professionalität an den Tag legen will, Geld investieren muss. Durch unsere Erfolge, aber eben auch durch unsere Investitionen für Sponsoren- und Presse­betreuung haben wir für Beachvolleyballer eine recht gute Außenwirkung erzielt und sind im Gespräch geblieben. Aber diese Professionalität kostet eben Geld und wir haben uns ja nicht gerade jene Sportart ausgesucht, in der das meiste Geld drinnen ist. Ich würd’s trotzdem wieder ganz genauso machen und in Qualität investieren.

Vor welchem Blödsinn würde der Clemens Doppler von heute jenen von vor 20 Jahren gern bewahren? Eindeutig, dass ich nach der Trennung von Nik Berger im Jahr 2005 zu meinen folgenden Partnern ­Peter Gartmayer und Matthias Mellitzer des Öfteren nicht leiwand war. Nik hat mir gezeigt, dass man im Sport oft ein Alphatier sein muss, wenn man erfolgreich sein will. Mit 22 war ich aber alles andere als ein Alphatier und häufig zu ungeduldig mit Peter und „Melli“. Beim Berger musste meistens ich das Spiel machen, weil man ihn damals einfach nicht angespielt hat. Das hat sich dann geändert, sie mussten das Spiel machen und ich war plötzlich in einer neuen Rolle, die mir noch nicht gepasst hat. So war ich heiß, wenn wir verloren haben, und eben viel zu ungeduldig, wenn sie einmal einen schlechteren Tag hatten. Da ist vieles nach hinten losgegangen. Wäre ich damals schon abgeklärter und ruhiger gewesen, hätten wir noch viel erfolgreicher sein können.

Was lässt dich immer noch den Großteil des Jahres barfuß durchs Leben gehen? Auch wenn sich das Wegfahren und Wegbleiben seit der Geburt meiner Tochter Lilli vor vier Jahren natürlich anders anfühlt, ist es immer noch diese Eigenständigkeit, mit der man um die Welt fliegt und dabei so viele Sachen sieht, die man sonst sicher nie gesehen hätte. Ich kann immer noch sagen, dass ich dort arbeite, wo andere Leute Urlaub machen, und dass die schönsten Strände der Welt unser Büro sind. Dazu kommen noch immer die Competition, der Nervenkitzel und der Wille, sich permanent beweisen zu wollen – auch wenn ich mit drei Kreuzbandrissen eigentlich schon dreimal ein sportliches Todesurteil bekommen habe. Wenn ich einmal aufhöre, werde ich das alles in dieser Form nie wieder haben. Deshalb möchte ich so lange spielen, wie es geht.

Und woran würdest du erkennen, dass es nicht mehr geht? Wenn ich mich zwei Saisonen hintereinander öfter nicht qualifizieren kann, wenn ich meine Familie nicht mehr ernähren kann und wenn es mein Körper nicht mehr aushält.