Ich bin gern arrogant

Kein Liga-Spieler spaltet die Fans so wie Raphael Holzhauser. Im Sportmagazin erklärt der 25-Jährige, warum ihm die Rolle als Hassfigur taugt und er die Austria am Saisonende fix verlassen wird.

//Text: Markus Geisler // Foto: imago/Gribaudi/ImagePhoto//

Die meisten Interviewpartner würden bei dieser Frage wohl zusammenzucken, doch Raphael Holzhauser schien nur darauf gewartet zu haben. „Wenn jemand sagt, du bist arrogant, dann hast du einiges richtig gemacht. Ich bin gern arrogant, wobei bei mir auch viel Neid dabei ist, weil ich erfolgreich bin.“Das ist einmal ein Statement.

Und die Bestätigung eines Rufes, den sich Holzhauser in seinen gut drei Jahren bei der Austria erworben hat: den eines genialen Kickers, der seine Stärken ganz genau kennt und benennt; den eines Standard-Gurus mit perfektem linkem Fuß, der seine Kampfschwein-Qualitäten meist geschickt zu verbergen weiß; den einer Reizfigur, der es maximal wurscht ist, was andere über sie denken.

Das macht jemanden nicht zwingend für die Außenwelt sympathisch, doch das ­Haschen nach öffentlicher Liebe war noch die Triebfeder des Mannes, über den nach einer Erhebung der Bundesliga mehr berichtet wird als über jeden anderen Profi, der in Österreich sein Geld verdient. Doch es gibt noch eine zweite, der Öffentlichkeit oft verborgene Seite Holzhausers.

„Er ist ein absoluter Musterprofi, ein Vorbild an seriöser Arbeit. Oft der Erste, der kommt, und der Letzte, der geht“, sagt der neue Austria-Trainer Thomas Letsch, der Holzhauser in einer offensiveren Mittelfeldrolle einsetzt als Vorgänger Thorsten Fink. Einer Rolle, in der seine Stärken besser zum Vorschein kommen und seine Schwächen, wie die defensive Zweikampfführung, eher kaschiert werden. Und trotzdem war es Fink, der den Blondschopf zu dem Führungs­spieler formte, der er heute ist. „Er ist bei uns zum Leader geworden, zu einem Spieler, der auf und neben dem Platz vorneweg marschiert. Früher war er ja mehr ein Luftikus, das ist er heute nicht mehr“, meinte Fink vor seiner Entlassung. Stimmt wohl beides.

Insider der deutschen Bundesliga glauben, dass es in erster Linie fehlender Biss war, weswegen er sich bei seinen Stationen dort (Stuttgart, Augsburg) am Ende nicht durchsetzen konnte. Und seine mit 11 Toren in 21 Spielen durchaus erfolgreiche Karriere als Kapitän der U21-Nationalmannschaft endete abrupt, als Trainer Werner Gregoritsch während eines Lehrgangs unerlaubten Damenbesuch bei ihm und ein paar anderen Spielern entdeckte. „Über diese Sache will ich nicht mehr sprechen“, blockt Holzhauser ab. Und zum Thema Biss: „Nachher ist man immer schlauer, ich glaube aber nicht, dass es daran lag. Manchmal gehört einfach das Quäntchen Glück dazu. Ich bin fünf-, sechsmal allein auf den Torhüter zugelaufen, wenn da einer reingeht, sieht die Sache vielleicht anders aus. Mit mehr als dreißig Bundesligaspielen hab ich aber trotzdem einiges erreicht.“

Als im Winter 2014/15 klar war, dass er in Deutschland auf dem Abstellgleis steht, kam die Anfrage von der Austria gerade recht – obwohl er in seiner Jugend sechs Jahre bei Rapid spielte und aus einer Familie von grün-weißen Fans stammt: „Ich hätte auch zu einem kleineren Klub oder in die Zweite deutsche Liga gehen können, die Rückkehr nach Österreich war aber optimal. Mein Hintergedanke war: Die Austria spielt in der Europa League, da kannst du dich international zeigen, das ist ein gutes Sprungbrett. Hat funktioniert, es war der perfekte Weg. Ich habe alles richtig gemacht.“ Mittlerweile ist klar: Das Gastspiel wird im Sommer beendet, nach dreieinhalb Jahren zieht Holzhauser weiter. Ablösefrei, was für die Chefverhandler der Austria eine bittere Niederlage darstellt. „Die Trennung ist zu hundert Prozent fix“, bestätigt Holzhauser. „Als ich kam, war mein klares Ziel, wieder den Sprung ins Ausland zu schaffen. Das habe ich durch gute Leistungen, was ja von allen Statistiken bestätigt wird, untermauert. Jetzt ist die Zeit für den nächsten Schritt.“ Wohin genau ihn der führen wird, soll in den nächsten Wochen entschieden werden. Das kolportierte Interesse aus Griechenland und der Türkei wird von Holzhauser bestätigt, „das sind aber nicht die einzigen Ligen. Mein Augenmerk liegt vor ­allem darauf, dass der Klub international spielt.“

Den heimischen Fans werden wohl Holzhausers Auftritte in den Derbys in Erinnerung bleiben, in denen er zur Hütteldorfer Hassfigur aufgestiegen ist. Selbst der sonst so besonnene Rapid-Kapitän Steffen Hofmann ließ sich zu einer Heulsusen-Geste hinreißen, beim letzten Aufeinandertreffen wurde Holzhauser auf dem Weg zum Corner sogar von einem Feuerzeug getroffen. Ein Angriff, den andere womöglich für einen theatralischen Abgang in der Hoffnung auf Strafverifizierung genutzt hätten, doch er trug seinen Teil zur De­eskalation bei und spielte weiter. „Das ist alles aus dem Bauch heraus passiert, auf so etwas kannst du dich nicht vorbereiten. Sie können mich aus­pfeifen, sie können mich beschimpfen, so viel sie wollen, das gehört zum Profigeschäft, aber Gewalt oder fliegende Gegenstände haben im Fußball nichts verloren.“ Eine Woche später zeigten Rapidler ein geschmackloses Transparent, dessen Inhalt aus ästhetischen Gründen hier nicht wiedergegeben werden soll. Was die Frage aufwirft: Wie lebt es sich als Hassfigur? „Man muss dafür ein gewisses Selbst­vertrauen haben, das ich zweifelsohne besitze. Es gibt Typen, die damit nicht so gut umgehen können. Ehrlich gesagt: Ich habe damit kein Problem.“ Und die Familie, oft Teil der Beleidigungen unterster Schublade? „Für sie, speziell meine Mutter, ist es nicht so einfach, wenn sie manche Sachen hört, aber auch die Familie muss professionell genug sein und das ausblenden können.“

Ist die Coolness zum Teil gespielt oder kommt sie von ganz tief drinnen? Schwer zu sagen. Sicher ist, dass der Austria-Kapitän einen erstaunlichen Reifeprozess durch­gemacht hat, der ihn als Typ gestählt hat. „Ich bin ja erst 25, hab aber schon sehr viel im Fußball gesehen“, sagt er. „Ich habe drei Saisonen Europa League gespielt, bin mit 16 Jahren ins Ausland gewechselt. Durch gute Spiele, wie ich sie zweifelsfrei in den letzten Jahren gemacht habe, wächst man automatisch zu einem Führungsspieler heran. Das kannst du mit 18 einfach nicht sein.“ Dazu gehört für ihn: professionelle Vorbereitung, gesunde Ernährung, Körperpflege. „Da hat mir auch meine Frau Vanessa geholfen, sie hat mir die deutschen Tugenden eingeimpft, Ehrgeiz, Disziplin. Das hat mich die letzten Jahre auch ausgezeichnet.“ Tugenden, die ihn zu einem herausragenden Bundesligaspieler in Öster­reich werden ließen, wie auch die Statistik zeigt: 141 Spiele, 33 Assists, 26 Tore, davon 21 nach ruhenden Bällen (Stand: 15. März). „Dass mein linker Fuß eine Waffe ist, ist kein Geheimnis“, sagt er. „Das ist ein Geschenk, das mir in die Wiege gelegt wurde.“ Spezielles Training lässt er ihm nicht angedeihen, wie er behauptet: „Freistöße trainiere ich nicht extra, ich habe ein gewisses Vertrauen in meinen Fuß.“ Dass er sich zu sehr auf den verlässt und zu wenig die Beine in die Hand nimmt, wie Herbert Prohaska sagt („Wenn er in einer höheren Liga spielen will, muss er läuferisch viel mehr leisten“)? Perlt an ihm ab wie Regen an einer frisch geputzten Fensterscheibe.

Nur eines scheint ihn dann doch etwas zu wurmen, auch wenn er es selbst so nicht zugeben würde, denn dass bei A-Länderspielen immer noch ein Nuller in seiner Vita steht, entspricht nicht dem Selbstverständnis eines Raphael Holzhauser. Ihre Erklärung, Herr Holzhauser? „Dafür muss ich keine haben, ich kann nur sagen: Es ist ein klares Ziel von mir, Nationalspieler zu werden. Und ich bin felsenfest davon überzeugt, dass ich das noch schaffen werde. Dafür glaube ich zu sehr an meine Stärken.“ Arroganz? Gesundes Selbstvertrauen? Für einen wie Holzhauser egal, er kann mit beiden Deutungen gut leben.