Wenn vom 8. bis 19. Februar im nordtirolerischen Hochfilzen vor wohl 150.000 Zuschauern die IBU-Weltmeisterschaften im Biathlon steigen, dann tun sie dies in einem der modernsten und bestausgestatteten Zentren, welche die so populäre Skijagd weltweit zu bieten hat. Die Hausherren Dominik Landertinger und OK-Chef Franz Berger ließen das Sportmagazin hinter die Kulissen blicken.

//Text: Fritz Hutter //Fotos: Bildagentur Zolles KG/Andreas Schaad

Wer das Glück hat, dieser Tage mit Dominik Landertinger über die bereits seit Weihnachten mit einer mehr als 50 Zentimeter strammen Schneeschicht bedeckte Biathlonstrecke von Hochfilzen stapfen zu dürfen, der kann den 28-Jährigen ähnlich strahlen sehen wie am 21. Februar 2009. An diesem ganz speziellen Samstag ­wurde der gebürtige Oberösterreicher im südkoreanischen ­Pyeongchang nach einem 15-Kilometer-Fight zum jüngsten Massenstart-Weltmeister aller Zeiten gekürt.

Was in Jahren danach folgte, war jede Menge Licht aus Stockerlplatzierungen im Weltcup, Einzel- und Staffelmedaillen bei Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften – im Vorjahr in Oslo etwa Silber im 20-Kilo­meter-Rennen vor seinem Teamkollegen Simon Eder. Aber auch der eine oder andere schattige Moment plagte den Wahlhochfilzener. Etwa der mittlerweile austherapierte Bandscheibenvorfall vom vergangenen September oder der heftige grippale Infekt, der Anfang Dezember einen geregelten Start Landertingers in die Weltcupsaison 2016/17 verhinderte.

Beim Sportmagazin-Lokalaugenschein im Biathlonstadion auf dem Gelände des bereits seit den 1870er-Jahren in Betrieb stehenden Truppenübungsplatzes Hochfilzen schaut der Heeressportler im Rang eines Zugsführers aber wieder sehr zuversichtlich aus der Funktionswäsche. Nicht nur, weil der 1,88 Meter ranke Luxuskörper zurück in der Spur ist, sondern auch, weil die Vorfreude auf eine echte Heim-WM im Schmuckkasterl im tirolerischen Piller­seetal riesengroß ist. Von der Natur auf 1000 Meter See­höhe als echtes Schneeloch bevorzugt, funktioniert die 1100-Seelen-Gemeinde durch ihre Tradition als Ausbildungsstandort des Bundesheeres ideal als natürlicher ­Lebensraum für Biathleten. Zwar wurde der bei den Olympischen Winterspielen 1928, 1936 und 1948 als Demo-Bewerb durchgeführte „Militärpatrouillenlauf“ mit Langlaufskiern und Gewehr nach dem Zweiten Weltkrieg ­sozusagen entmilitarisiert und als „Biathlon“ offiziell auch zivilen Sportlern zugänglich gemacht, ist aber bis heute praktisch bei allen führenden Nationen eng mit dem jewei­ligen Heer verbunden.

In Hochfilzen eben durch das Heeresleistungssportzentrum 10, wo Weltklasseathleten wie auch hoffnungsvolle Nachwuchstalente vom Bundesheer als Militärpersonen auf Zeit die Chance erhalten, sich mit voller Konzen­tration einer professionellen Sportkarriere zu widmen. Unter der Leitung des zuständigen Vizeleutnants Reinhard Grossegger absolvieren aktuell Schützen, Skirennläufer, Langläufer und eine zehnköpfige Biathlongruppe um Dominik Landertinger, Simon Eder und Damen-Shootingstar Lisa Hauser sportiven Dienst.

Ganz besonders zackig werden die Skijäger ob der perfekten Infrastruktur an ihrem Dienstort aufsalutieren. Für „Hausherr“ Dominik Landertinger sind etwa die auch für die elf WM-Bewerbe von 1500 bis 4000 Meter variierbaren Laufrunden ein perfekter Mix: „Selektiv, aber nicht so extrem, dass ein bestimmter Läufertyp eindeutig bevorzugt wird. Dazu ist der Streckenrand fürs Publikum sehr gut zugänglich, was in Hochfilzen für eine ganz besondere Stimmung und natürlich eine gewaltige Zusatzmotivation sorgt. Super ist außerdem, dass alle Runden im Sommer auch mit Skirollern befahrbar sind.“

Dass der Heimvorteil in der Langlaufspur genau wie am Schießstand trotzdem begrenzt sein dürfte, hat seine Ursache darin, dass das 1967 eröffnete Langlauf- und Biathlonzen­trum Hochfilzen zu den Traditionslocations zählt. Von Anfang weg regelmäßig Austragungsort interna­tionaler Rennen und Weltcups, 1978 Ausrichter der allerersten WM, bei der mit Klein­kalibergewehren geschossen wurde, später Ver­anstalter von Militär- und Junioren-WM und 2005 Topspot für eine Weltmeisterschaft, gilt Hoch­filzen neben Ruhpolding, Oberhof, Oslo und Antholz als echter Klassiker der Biathlon­szene. Jeder will hier gewinnen, jeder studiert die Strecke und die typischen Verhältnisse auf den ins Start-Ziel-Stadion geduckten 30 Schussbahnen. Dort übt Dominik Landertinger übrigens auch mit seinem privaten Schießtrainer, dem Cobra-­Beamten Günther Schmid („Im Dienst wie ich beim Sport ein Reaktionsschütze“), seit ein paar Jahren spezielle Lektionen wie Liegendschießen ohne Matte oder stehend auf extrem rutschigen Geläuf – um dann selbst unter Extrem­bedingungen seltenstmöglich übers 50 Meter entfernte Ziel (liegend 4,5 cm, stehend 11,5 cm) hinaus zu feuern.

Hochfilzen, wo der Biathlon-Bär steppt:

Aber auch die „inneren Werte“ zählen in Hoch­filzen. Nach dem 2012 erfolgten Zuschlag für die WM 2017 (Slogan: „Hochfilzen – Home of Biathlon“) wurde die Infra­struktur noch einmal erheblich aufgewertet. Neben einem nagelneuen Hauptgebäude mit Räumlichkeiten für Technik, Wettkampfgericht, Zeitnehmung und einer VIP-Tribüne mit 800 Plätzen wurde ein modernes Quartier mit Zwei- und Vierbettzimmern für Biathleten, aber vor allem für 160 Soldaten im regulären Dienst­betrieb geschaffen. Während der WM Team- und Service­gebäude, finden sich im Untergeschoß zudem 30 Umkleide- und Skiservicekabinen, die übers Jahr dem Trainingsbetrieb, aber eben auch der militärischen Ausbildung dienen.

Neben der Erfahrung der Verantwortlichen um den Hochfilzener Biathlon-Mastermind Franz Berger und der über Jahrzehnte gewachsenen Begeisterung einer ganzen Region war es diese Nachhaltigkeit, die dem Dorf am Grießenpass damals bei der Vergabesitzung der Internationalen Biathlon Union in Meran seine zweiten Weltmeisterschaften einbrachte. Für Vizeleutnant und OK-Chef Berger, der sich bereits Mitte der 1970er-Jahre mit dem Biathlonvirus infizierte und seit Jahrzehnten als kraftvolles Bindeglied zwischen der IBU, dem Österreichischen Skiverband und dem Bundesheer wirkt, ist die möglichst breite Nutzbarkeit der Anlage das A & O: „Sie soll nicht nur eine perfekte WM ermöglichen, sondern auch dem heimischen Nachwuchs optimale Trainingsbedingungen und damit unserem Sport eine erfolgreiche Zukunft garantieren. Dazu muss auch das Bundesheer von den Investitionen profitieren.“ So wurde im Zuge der dann 2014 begonnenen Bauarbeiten etwa ein nagelneues Waldlager für die übenden Truppen errichtet.

,,An den neun WM-Tagen erwartet Hochfilzen 150.000 ­Zuschauer ”

Insgesamt flossen 22 Millionen Euro in das Projekt: 11 vom Bundesministerium für Landesverteidigung, 6 vom Sportministerium und weitere 5 vom Land Tirol. Ein Teil davon in eine hochmoderne Indoor-Schießanlage zur Optimierung des Schussbildes, für Munitionstests und zum präzisen Einschießen der Zieloptik am Gewehr. Gleich daneben das zweite Kleinod eines der nun modernsten und bestausgestatteten Biathlonzentren der Welt: ein computer­gesteuertes Laufband für artgerechtes Skirollertraining, das Leistungstests genauso möglich macht wie lange Einheiten an verregneten Sommertagen. Auf Wunsch können zudem Wunschstrecken simuliert werden, wie beispielsweise jene gleich vor der Haustür des Gebäudekomplexes, der während der Weltmeisterschaft 2017 als Pressezentrum dient.

Was die Medienvertreter aus aller Welt erwartet? Laut Organisationschef Franz Berger in erster Linie eine sichere und trotz des zu erwartenden Zuschaueransturms familiäre Veranstaltung: „Zusammen mit der Bezirkshauptmannschaft, der Polizei, dem Verfassungsschutz und dem Bundesheer wurde ein umfassendes Konzept entwickelt. Dabei wird eine Vielzahl von Sicherheitskräften sichtbar sein. Eine weitere Gruppe wird sich zudem in Zivil unters Publikum mischen.“

Dass die Zuschauer tatsächlich in Massen den etwa zehnminütigen Fußmarsch von den mehr als 3000 Parkplätzen am Ortsrand und den Busterminals, an denen 40 Busse Fans aus dem rot-weiß-roten Umfeld aussteigen lassen, antreten werden, scheint fix. Insgesamt erwartet man an den neun Tagen 150.000 Zuschauer. „Schon 2005 kamen 100.000, mittlerweile ist unser Sport aber deutlich gewachsen und durch unsere verkehrsgünstige Lage können wir mit Gästen aus Österreich, Deutschland, Italien, Tschechien und auch der Schweiz rechnen“, so Franz Berger. Auf den fünf großen Tribünen ums Stadion finden insgesamt 10.500 Fans Platz, entlang der Strecke locker 10.000 weitere, die Biathletinnen und Biathleten aus gut 40 Nationen fachkundig pushen werden: „Das Biathlon­publikum ist durchaus elitär, weil sich praktisch alle wirklich gut auskennen.“

Letzteres gilt auch und im Besonderen für die Wintersportfans aus der Region. Und grad Lokalmatadore wie Simon Eder aus dem so nahen Saalfelden und natürlich der allerorts plakatierte Hochfilzen-Hero Dominik Landertinger spüren das große Kribbeln: „Natürlich fühlt man die Erwartungen. Permanent werde ich auf die WM angesprochen und die Leute wünschen mir viel Erfolg. Aber ich denke, dass das gesamte Team davon auch be­flügelt wird. Speziell in der Staffel ist es ein unglaubliches Gefühl, wenn du als Mannschaft die Chance hast, alles für Österreich zu geben.“

Alle Infos zur WM: http://www.hochfilzen2017.at

Story entstanden in Kooperation mit dem Sportministerium