Herzog und Pfeifenberger: „Wir waren die Castingshow für Frankreich 2016“

Sie waren einst die Babysitter von Marko Arnautovic, David Alaba & Co. Im exklusiven SPORTMAGAZIN-Talk verraten Andi Herzog und Heimo Pfeifenberger, welche Fallen auf unsere Teamhelden bei der EURO lauern, was Platz 11 in der Weltrangliste wert ist, warum die WM 1998 in Frankreich eine Katastrophe war und die Ära Koller wahrscheinlich nächsten Sommer endet.

//Interview: Tom Hofer
//Fotos: (C) Martin Steiger

SPORTMAGAZIN: Was hat euch an unserem Team in der EM-Quali am meisten imponiert?

HEIMO PFEIFENBERGER: Ich find’s beeindruckend, welche Power die Burschen ausstrahlen, wenn sie auf dem Platz stehen. Sie lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen, spielen ihr Ding sehr konzentriert und mit sehr viel Leidenschaft zu Ende. Das ist das Wichtigste. Früher gab’s Hochs und Tiefs, jetzt gibt’s konstant gute Leistungen.

ANDREAS HERZOG: Das hängt für mich damit zusammen, dass fast alle in Top-Ligen spielen und Woche für Woche gefordert werden. Du siehst einen gewissen Reifeprozess. Wie Heimo sagt, sie fangen nicht mehr zum Wackeln an wie normalerweise österreichische Mannschaften früher
– vor allem auswärts. Wir hatten auch oft gute Phasen und haben die Partie dann innerhalb von zehn Minuten hergeschenkt. In der Mannschaft herrscht nicht nur eine super Kameradschaft, wo einer für den anderen marschiert, sie ziehen ihren Stil auch bis zur letzten Minute durch. Und hinten spielen die zwei Jungen, Hinteregger und Dragovic, als hätten sie gemeinsam 300 Länderspiele.

Und das Team kann sogar ohne David Alaba gewinnen, wie man zweimal gegen Russland gesehen hat. Ist er ersetzbar?

HERZOG: Jeder Trainer muss sagen, dass jeder Spieler ersetzbar ist. Das stimmt so aber nicht. Du willst deinen besten Spieler nie vorgeben. Es zeigt aber schon die Qualität der anderen Spieler – wie zum Beispiel eines Ilsanker, der statt David gespielt hat.

PFEIFENBERGER: Ich glaub auch – über einen längeren Zeitraum brauchst du ihn. Nicht nur auf dem Spielfeld, auch seinen Schmäh. Der ist auch ganz wichtig.

Alle schwärmen von der familären Atmosphäre im Team – war das bei euch auf dem Weg zur WM 1998 auch so?

HERZOG: Ja, wenn viele Legionäre im Team sind, freust du dich einfach, wenn du heimkommst und deine Kollegen wiedertriffst.

PFEIFENBERGER: Jetzt ist es ja noch viel ärger als bei uns. Wir waren 6 oder 7 Legionäre, jetzt sind 16 oder 17 im Kader.

Die auch dementsprechend feiern können. Um die legendäre Nacht von Stockholm kursieren heftige Partygeschichten über unsere Legionäre.

PFEIFENBERGER: Da muss man, glaub ich, auch einmal ein Aug zudrücken.

HERZOG: Als Vereinstrainer nicht, wie man bei Ilsankers Coach Ralf Rangnick gesehen hat. Aber so ehrlich muss man sein: Wenn der Teamgeist nicht stimmt, werden wir uns nicht qualifizieren. Wir sind nicht Brasilien oder Deutschland, wo du sagen kannst, wir haben so viele Wunderwuzzis, uns kann nichts passieren.

Du warst 2008 Teamchefassistent von Josef Hickersberger. Was ist der große Unterschied zum Team bei der Heim-EURO?

HERZOG: Die Mannschaft kannst du von der Qualität her mit der jetzigen gar nicht vergleichen. Aber wirst sehen, die Endrunde wird eine andere Dynamik haben. Da wird jeder spielen wollen.

PFEIFENBERGER: Es hängt trotzdem immer vom Erfolg ab, für uns war die WM ja in Wahrheit eine Katastrophe.

,,Für mich war die 98er-WM in Frankreich das schlimmste Erlebnis meiner Karriere, schlimmer als jede Verletzung.”

Andreas Herzog

HERZOG: Ohne Spaß: Für mich war die 98er-WM in Frankreich das schlimmste Erlebnis meiner Karriere, schlimmer als jede Verletzung.

Warum so arg?

HERZOG: Ich hab eine super Quali gespielt, viele wichtige Tore geschossen und mir gedacht: Ich bin mit 29 in einem super Alter, jetzt fahren wir nach Frankreich und ich zeig so richtig auf! Und dann sitzt du im zweiten und dritten Gruppenspiel auf der Bank. Ich muss ehrlich sagen: Wenn ich nicht mit dem Herrn Polster zusammen im Zimmer gewesen wäre, wäre ich sogar heimgeflogen. Ehrlich, ich war so enttäuscht, ich hab’s echt überlegt.

PFEIFENBERGER: Für mich war’s 1990 in Italien ähnlich, weil ich überhaupt nicht zum Einsatz gekommen bin. Ich hab danach beim Verein lange gebraucht, um das wegzustecken. Ich hatte einfach Angst, dass ich als Österreicher nie wieder bei einer WM spielen würde.

1998 war nach den Unentschieden gegen Kamerun und Chile und der knappen Niederlage gegen Italien vorzeitig Schluss. Das Team hatte doch mehr Potenzial, oder?

PFEIFENBERGER: Sicher! Wir waren einfach zu passiv.

HERZOG: Auf dem Spielfeld! Im Camp war schon einer aktiv, der hatte aber nichts mit der Nationalmannschaft zu tun. Der hat damals nur die Werbebanden für den ÖFB aufgestellt und sich auf einmal eingemischt. Kannst dich erinnern?

PFEIFENBERGER: Hannes Kartnig! Der hat einen Wirbel gemacht wegen seiner Sturm-Spieler.

Was erwartet Alaba & Co. bei der Endrunde, worauf müssen die Burschen aufpassen?

HERZOG: Dass die Trainer alles im Griff haben und sich durch nichts beeinflussen lassen, das ist für die Mannschaft das Wichtigste. Für die Spieler gilt: In der Quali schauen dir die Österreicher und zum Beispiel die Schweden zu, bei einer Endrunde aber ganz Europa. Da kommt bei jedem automatisch ein bisschen mehr Ego durch. Jeder will zeigen, dass er gut ist. Dabei darf aber das, was dich in der Quali stark gemacht hat, nicht auf der Strecke bleiben.

Wenn man das Team von damals mit dem aktuellen vergleicht, ist Junuzovic der neue Herzog?

PFEIFENBERGER: Ich glaub, dass man die beiden gar nicht miteinander vergleichen kann. Juno hat andere Qualitäten. Klar, er ist für die Mannschaft irrsinnig wertvoll, aber die Meter, die er macht, hat der Andi ja nie gemacht.

HERZOG: Als Juno zu Werder kam, haben sie sich das auch gefragt. Nur: Ich hab dort Zehner gespielt, nach mir kam Johan Micoud – ein reiner Spielmacher. Dann Diego, später Özil – reine Zehner. Deshalb hab ich ihnen gesagt: Erwartet nicht zu viel von Junuzovic, er ist ein anderer Spielertyp, viel mannschaftsdienlicher und laufstärker. Mittlerweile ist er auch sehr torgefährlich. Seine Freistöße sind eine echte Waffe. Er ist der wichtigste Spieler bei Werder, keine Frage.

(c) Martin Steiger

Gibt’s im jetzigen Team einen ähnlich universell einsetzbaren Spieler, wie es Heimo Pfeifenberger war?

HERZOG: Ich wüsste momentan keinen, den du als Mittelstürmer, im Mittelfeld und in der Abwehr aufstellen könntest. Am ehesten noch Alaba, der ist zwar kein Stürmer, könnte aber aufgrund seiner Qualitäten überall spielen.

PFEIFENBERGER: Es ist auch nicht immer gut, wenn du so universell einsetzbar bist.

HERZOG: Man lacht drüber, aber da ist was dran. Wenn alle fit sind, ist derjenige, der viele Positionen spielen kann, aber manche vielleicht nur zu 80 Prozent, der Erste, der rausfliegt. Ich mag auch nicht, wenn es heißt, als Junger musst du alle Positionen spielen können. Klar, ein bisschen Ahnung schadet nicht, aber du musst dich schon auf deine Stärken konzentrieren. Es wird eh noch immer viel zu wenig positionsbezogenes Training gemacht im Fußball.

Außer bei den Torhütern. Im Nachhinein gesehen war’s goldrichtig von Marcel Koller, Robert Almer das Vertrauen zu schenken. Das Experiment hätte aber auch schiefgehen können.

PFEIFENBERGER: Sicher war’s ein gewisses Risiko, auf Almer zu vertrauen, aber genau dieses Vertrauen hat ihm gutgetan. Ich kann mich an kein einziges Blackout von ihm im Team erinnern, er war total souverän. Bei Marc Janko war’s ja ähnlich. Aber wenn die Sache anders ausgeht, bist du als Trainer der große Buhmann.

HERZOG: Koller hatte eine klare Linie, hat sich nicht beirren lassen und ist schlussendlich belohnt worden. Es ist ja was anderes im Nationalteam als beim Klub. Du kannst nicht immer neue Spieler bringen, sonst können sich nie gewisse Automatismen bilden. Ich seh’s ja bei uns in Amerika. Wir haben wegen der vielen Fliegerei eine Mannschaft für die Spiele in Europa und eine für drüben.

Zurück zu Janko: War’s ein Fehler, ihn 2008 nicht in den Kader zu berufen?

HERZOG: Im Nachhinein bist du immer schlauer. Ich kann mich erinnern, dass er im Vorfeld des Turniers verletzt war. Hicke hatte Angst, dass er nicht richtig fit wird und uns nicht weiterhilft. Die Saison darauf hat er für Salzburg 39 Tore geschossen! Wenn du von einem Spieler hundertprozentig überzeugt bist, kannst du ihn nicht weglassen. Noch dazu hatten wir damals ja keine Granaten im Sturm. Wir haben ursprünglich gedacht, wir müssen auf Konter spielen. Und nach drei Minuten waren wir im Eröffnungsspiel gegen Kroatien 0:1 hinten und mussten angreifen. Ab da hätten wir einen großen Stürmer gebraucht.

Jetzt ist Janko 32 und unser Stürmer Nummer 1. Er gilt aber auch als sensibler Typ, der sich schwertut mit Kritik. Wie seht ihr seine Entwicklung?

HERZOG: Faktum ist, dass er überall seine Tore schießt und das ist für einen Torjäger das Wichtigste. Mit Kritik geht jeder anders um. Toni Polster zum Beispiel hat seine Kritiker verarscht, er hat immer gesagt, denen lach ich ins Gesicht und grüß sie freundlich, das ärgert sie dann noch mehr.

,,Auswärts gab es Phasen, da haben sie schon am gegnerischen 16er attackiert – das imponiert mir am meisten!”

Heimo Pfeifenberger über das ÖFB-Team

PFEIFENBERGER: Marc hat jetzt wieder genau das Selbstvertrauen, das er in der Supersaison in Salzburg hatte. Bei ihm merkst du schon bei der Ballannahme, dass er eine breite Brust hat. Es kommt ihm auch zugute, dass sie sehr aktiv spielen und relativ weit vorne attackieren. Dadurch hat er es nicht mehr so weit zum gegnerischen Tor. Das imponiert mir sowieso am meisten -auswärts gab’s Phasen, da haben sie schon am gegnerischen 16er attackiert.

HERZOG: Wenn der Trainer sagt, so spielen wir, denkt sich jeder Spieler: Bumm, wenn der sagt, das machen wir so, müssen wir wirklich gut sein! Wenn du dich aber hinten reinstellst, weiß jeder Spieler, jetzt verteidigen wir erst einmal. Und erst in der letzten Viertelstunde attackierst du dann und traust dich was. Dann hast du jedes Mal das Gefühl, es wäre mehr drinnen gewesen. Diese Scheißmentalität ist zum Glück endlich draußen! Hoffentlich für ewig.

PFEIFENBERGER: Aus diesem Grund find ich auch Red Bull Salzburg in der Liga gut, die waren die Vorreiter des aktiven Pressings. Leider gibt’s bei uns immer noch viele Klubs, die sich zu weit zurückziehen, dabei ist es für die Fans lässiger – und für die Spieler selber ja auch. Wenn du mehr Verantwortung übernehmen musst, entwickelst du dich viel schneller weiter.

Rapid mischt die Meisterschaft auf, spielt als einziger Klub in der Europa League – ist es trotzdem okay, dass bis vor Kurzem kein einziger Grün-Weißer im Team war?

HERZOG: Schaub hat sicher die Qualität fürs Team, die Entwicklung von Schwab gefällt mir auch, aber ich seh einen von einer ganz anderen Mannschaft, der noch dazu Rapid zerlegt hat: Karim Onisiwo von Mattersburg – der fährt ein Programm!

PFEIFENBERGER: Der Bursche ist eine Naturgewalt! Als ich Grödig-Coach war, war er bei mir zum Probetraining. Damals hast du zwar gesehen, dass er Power hat, aber sonst noch nicht allzu viel.

HERZOG: Mein Vater will ihn schon ewig zu Rapid holen, aber die schaffen’s anscheinend nicht, ihn zu kriegen.

PFEIFENBERGER: Du weißt ja, es ist nicht so leicht, von Martin Pucher einen Spieler zu bekommen.

Viele eurer Ex-Schützlinge im U21-Team bilden jetzt den Stamm der Nationalmannschaft. Marko Arnautovic hat unter Marcel Koller sogar die meisten Minuten aller Teamkicker abgespult. Ist der Widerspenstige gezähmt?

HERZOG: Heimo, kannst du dich an sein erstes Training bei uns erinnern? Er ist mit rosa Fußballschuhen aus der Kabine gekommen und hat zu mir gesagt: „Trainer, die Schuhe können zaubern!“ Dann hat er Tricks gemacht, so was hast du noch nicht gesehen! Irgendwann ist er auf den Ball gestiegen, hat zwei Moves gemacht und seine Gegenspieler sind mit den Schädeln zusammengerannt. Daraufhin ist er zu uns an die Seitenlinie gelaufen und hat gemeint: „Na, hab ich’s nicht gesagt, die Schuhe tanzen!“ Ich hab nur gesagt: Schleich dich, renn weiter!

Hatte er auch in den Spielen magische Momente?

HERZOG: In seinem ersten Länderspiel, gegen Dänemark, hat er aus 30 Metern einen Freistoß in den Winkel geschossen und überhaupt in der ersten Hälfte wie ein Außerirdischer gespielt. In der zweiten Hälfte ist dann sein Freund Haris Bukva ins Spiel gekommen. Die beiden wollten sich an Tricks überbieten und seine Leistung ging den Bach runter. Nach einer Stunde hab ich ihn ausgetauscht. Für mich ist Marko derzeit immer noch erst bei 60 Prozent, weil er nicht mehr so torgefährlich ist. Wenn ich ihn als Spieler hätte, würde ich zu ihm sagen: Du musst in jeden Angriff involviert sein! Aber klar, er spielt ja auf der linken Seite, vielleicht wär er im Zentrum gefährlicher.

PFEIFENBERGER: Ich finde, dass er gereift ist – gereift unter Anführungszeichen.

,,Schöne Grüße, ­Marko, du bist noch kein Ibrahimovic! Hin und wieder könntest du mehr Tore schießen.”

Andreas Herzog über Marko Arnautovic

HERZOG: Ja, er hat sich absolut positiv entwickelt. Aber: Ich hab geglaubt, er wird der neue Ibrahimovic. Nur, der echte Zlatan wird in jedem Land Torschützenkönig. Darum: Schöne Grüße, Marko, du bist noch kein Ibrahimovic! Hin und wieder könntest du mehr Tore schießen.

Die Euphorie rund ums Team überdeckt, dass er für das Trainerteam noch immer nicht leicht zu handeln sein soll.

HERZOG: Glaubst du, dass er für uns leicht zu handeln war? Er hatte jeden Abend eine andere Ausrede, um wegzukommen: „Meine Oma ist krank, ich muss ihr Medikamente bringen“ – um eins in der Nacht, ein Wahnsinn!

Wie man aus dem inneren Zirkel des Teams hört, soll sich daran nicht viel geändert haben.

PFEIFENBERGER: Er ist halt grenzwertig unterwegs – was ja oft nicht unbedingt schlecht ist. Aber natürlich kann er dich schon Nerven kosten. HERZOG: Wir haben ihn zehn Tage gehabt, dann hast du wieder drei Wochen durchschnaufen können. Ich weiß nicht, wie’s dir als Klubtrainer mit ihm geht.

Gibt’s Spieler aus der damaligen U21, die es überraschenderweise nicht geschafft haben?

HERZOG: Von Georg Margreitter hätte ich gedacht, dass er der Innenverteidiger der Zukunft wird. Bei Alex Grünwald war ich auch der Meinung, er wäre ein potenzieller Teamspieler. Holzhauser ist ein ähnlicher Fall. Weimann war immerhin ein paar Mal dabei, jetzt scheint er weg vom Fenster zu sein. Ich weiß nicht, ob der Transfer zu Derby County so gut für ihn war.

Aber der Großteil hat sich gut entwickelt.

HERZOG: Wir waren ja eine Durchlaufstation, besser gesagt, wir waren die Castingshow für Frankreich 2016! Immer vor den Entscheidungsspielen haben sie uns die Besten fürs A-Team weggenommen. Jetzt können wir drüber lachen, aber damals hab ich von einigen Seiten gehört: Wenn du dich für ein Turnier qualifiziert hättest, wärst du Teamchef geworden.

PFEIFENBERGER: Dann hätten aber alle -von ganz oben angefangen – alles dafür tun müssen, damit du dich qualifizierst.

HERZOG: Wenn ich deswegen ein schlechterer Trainer bin, weil ein junger Spieler einen Fehler macht, will ich’s eh nicht sein. Aber ich will nicht nachhaken, es war eine schöne Zeit beim ÖFB.

Zum Thema Teamchef kommen wir gleich. Vorher noch eine andere Frage: War David Alaba immer nur ein Musterschüler?

HERZOG: Das ist ein Irrglaube! Als er zum ersten Mal bei uns war -mit 17 -, hat er dem Ilsanker im Training eine mit dem Ellbogen mitgegeben. Der lag daraufhin blutend auf dem Boden. David hat sich zu ihm runtergebeugt und gesagt: „Ilse, das tut mir jetzt leid.“ Zwei Minuten später will sich Ilsanker rächen und ihn von hinten umgrätschen. David hat’s sofort gecheckt und ist locker drübergestiegen. Heimo, du hast damals sofort zu mir gesagt: „Das wird einer!“ Er war mit Abstand der Jüngste im Team, aber er hatte es faustdick hinter den Ohren.

Laut aktueller FIFA-Weltrangliste ist Österreich als 11. sechs Plätze vor dem vierfachen Weltmeister Italien und nur zwei hinter Copa-America-Sieger Chile -was sagt das aus?

HERZOG: Argentinien ist Erster, hat aber die letzten zwei Finalspiele verloren. Als konstanter Loser kannst normal nicht die Nummer 1 sein. Belgien ist Dritter -die haben uns im WM-Achtelfinale in der Verlängerung 2:1 besiegt, aber dann war Schluss. Also: Die Weltrangliste zeigt, dass in den letzten Jahren gute Arbeit geleistet wurde und die Resultate in der Qualifikation gepasst haben. Ob sie die richtige Stärke der Teams widerspiegelt, sei dahingestellt. Du kannst nicht sagen, dass Österreich besser als Frankreich ist. Aber ganz ehrlich: Als ich beim ÖFB war, hat das Ziel gelautet, wieder in den Bereich zwischen Platz 25 und 40 zu kommen. Dass wir einmal so weit vorne sind wie jetzt, hätte ich nicht geglaubt.

Wäre Marcel Koller 2011 nicht nach Österreich gekommen, wärst du jetzt Teamchef.

HERZOG: Glaub ich nicht, dann wäre es Lars Lagerbäck geworden – das hab ich zumindest gehört.

Sollte Koller seinen bis nach der EURO laufenden Vertrag nicht verlängern, könnte sich die T-Frage bald wieder stellen.

HERZOG: Darüber hab ich mir noch keine Gedanken gemacht. Und ich werd mir auch keine machen, solange das alles hypothetisch ist. Ich hab mich in der Vergangenheit schon zu oft darauf gefreut, dass ich es werd, und wurde dann jedes Mal enttäuscht.

Seid ihr überrascht, wie beliebt Koller in der Bevölkerung ist?

PFEIFENBERGER: Er hat schon sehr viel dazu beigetragen, dass er jetzt so beliebt ist, er ist einfach menschlich top.

HERZOG: Nicht nur als Trainer, sein ganzes Auftreten ist sehr professionell. Am Anfang wollten ihn ja nicht viele, aber er hat die Chance eindrucksvoll genützt.

Sollte Koller wieder als Klubtrainer arbeiten wollen, wäre nach der EURO der perfekte Zeitpunkt zum Absprung. Wie stehen die Chancen, dass er bis 2018 Teamchef bleibt?

PFEIFENBERGER: Schwer zu sagen. Ich glaub, er wird bis zum Schluss pokern und sich dann gegen Österreich entscheiden.

,,Ich glaub, er wird bis zum Schluss ­pokern und sich dann gegen Österreich entscheiden.”

Heimo Pfeifenberger über Kollers Zukunft

HERZOG: An Angeboten wird’s garantiert nicht mangeln.

Zum Abschluss noch ein Tipp: Wer wird Europameister? HERZOG: Deutschland oder Frankreich.

PFEIFENBERGER: Österreich!

HERZOG: Heimo, was war in deinem Kaffee?

PFEIFENBERGER: Okay, ich sag auch Deutschland oder Frankreich, hoffe aber auf England.

HERZOG: Jetzt vom Titel zu reden wär schon wieder typisch österreichisch. Wenn das Team dann nicht über die Gruppenphase hinauskommt, werden die Spieler verdammt. Da müssen wir schon aufpassen. Andererseits: Wenn sie eine richtig gute Generation werden wollen, müssen sie sich belohnen und die Gruppe überstehen. Knapp ausscheiden und brav spielen interessiert keine Sau.

PASSPORTS

Andreas Herzog (46)

Nationalteam: 103 Länderspiele (26 Tore), 2-facher WM-Teilnehmer (1990, 1998)

Erfolge als Spieler: UEFA-Cup-Sieger (1996 mit Bayern München), Meister und 2 x DFB-Cup-Sieger (1993 bzw. 1994 und 1999 mit Werder Bremen), 2 x österreichischer Meister (1987 und 1988 mit Rapid)

Trainerstationen: Co-Trainer Nationalteam (2005-2009), U21-Teamchef (2009-2011), seit Dezember 2011 Co-Trainer von Jürgen Klinsmann im US-Team und Headcoach der Olympia-Auswahl.

Heimo Pfeifenberger (49)

Nationalteam: 40 Länderspiele (9 Tore), 2-facher WM-Teilnehmer (1990, 1998) Erfolge als Spieler: 2 x österreichischer Meister mit Austria Salzburg (1994 und1995), UEFA-Cup-Finale und Champions-League-Teilnahme

Trainerstationen: Jugendkoordinator RB Salzburg (2005-2007), SV Grödig (2007-2009 und 2010-2012), Co-Trainer U21-Team (2009/10), SC Wiener Neustadt (2012-2014)