Das ganze Interview mit Harald Lechner: „Fair Play? Zurück zur Realität!“

Österreichs Top-Schiri Harald ­Lechner im offenen Interview: welche Tricks er Trainern rät, wo Österreich hinterherhinkt und welcher Spieler sein Trikot haben wollte. Plus: Regel­änderungen im Realitycheck!

//Interview: Markus Geisler //Foto: chrissinger.com

SPORTMAGAZIN: Ein Schiedsrichter hat pro Minute im Schnitt zwischen drei und fünf Entscheidungen zu treffen. Waren Sie immer schon ein Typ, der sich mit Entscheidungen leichtgetan hat?

Harald Lechner: Grundsätzlich ja! Jeder Mensch trifft täglich eine Vielzahl von Entscheidungen. Der große Unterschied bei Schiedsrichtern ist: Ich kann mich nie im Sowohl-als-auch-Bereich bewegen, habe immer nur Entweder-oder. Bei jeder meiner Entscheidungen gibt es Gewinner und Verlierer. Deswegen ist eines der obersten Gebote, berechenbar zu sein. Aktion X muss immer meine Reaktion Y hervorrufen, egal in welcher Minute und bei welchem Spielstand.

Das schließt das oft geforderte Fingerspitzengefühl aber aus.

Genau! Was man als Fingerspitzengefühl definiert, wäre eine klare Bevorteilung bzw. eine Benachteiligung einer Mannschaft.

Ich konstruiere ein gemeines Beispiel: Sie zeigen einem Spieler Gelb und spüren nachher, dass die Karte überzogen oder vielleicht sogar unberechtigt war. Zehn Minuten später begeht dieser Spieler ein klares Gelb-Foul. Ist dann auszuschließen, dass Sie in dem Moment ein Auge zudrücken?

Wenn ich ein Vergehen in der Sekunde der Entscheidung als gelbwürdig wahrgenommen habe, muss ich dazu stehen und es durchziehen, auch wenn die „falsche“ Karte nachher eine Auswirkung hat. Ich muss aber dazusagen: Der Spieler muss wissen, dass er schon Gelb gesehen hat und sich ab dem Moment bei Zweikämpfen dementsprechend verhalten sollte. Eine Gelbe Karte wird sich, unabhängig von ihrer Berechtigung, nicht mehr auflösen.

Als wir beide angefangen haben, uns für Fußball zu ­interessieren, war die Abseitsregel watscheneinfach. Mittlerweile ist sie irrsinnig kompliziert und für Schiedsrichter unglaublich schwer zu entscheiden.

Sie ist komplex, weil es oft auch Interpretationen bedarf. Ich muss bei meiner Entscheidung dem Spieler etwas unterstellen, in dem Fall, dass er seinen Gegenspieler beeinflussen wollte. Ich muss also in den Spieler hineinschauen: Wollte er das? Das Gleiche gilt mittlerweile auch bei Handspiel oder bei groben Fouls. Ich sehe das Abseits allerdings als ungeheure Möglichkeit für die Teams, sich diese Regel zunutze zu machen. Das wird noch viel zu wenig ausgeschöpft.

,,Das wird viel zu wenig ausgeschöpft”

Harald Lechner

Wie meinen Sie das?

Ich glaube, die Trainer könnten damit viel mehr experimentieren und bewirken. Vieles kann ja auch deshalb funktionieren, weil es der Schieds­richter nicht richtig wahrnimmt. Der Referee muss entscheiden, ob jemand aktiv ins Spiel eingreift oder nicht, da gibt es Interpretationsspielraum. Ich sehe es wie bei Schülern, die ihren Lehrer austesten, wie weit sie gehen dürfen. Und natürlich basieren meistens Dinge auf Wahrnehmungsfehlern des Schiedsrichters, da könnte man einiges probieren. Ich habe von internationalen Mannschaften gehört, die eigens Schiedsrichter angestellt haben, um sich im Training diesbezüglich Tipps geben zu lassen.

Schlimmstenfalls …

… gibt es einen Pfiff von mir. Oder nehmen Sie das schnelle Abspielen bei Freistößen. Der eine pfeift es zurück, der andere lässt es laufen. Ich glaube: Man kann sich einen Vorteil verschaffen, wenn man öfter das schnelle Abspielen bevorzugen würde.

Haben Sie ein weiteres Beispiel?

Der Tor-Abstoß, bei dem der Feldspieler den Ball erst außerhalb des Strafraums annehmen darf. Oft sieht man, dass der Ball „verhungert“, der Abwehrspieler in die Bredouille kommt und den Ball abzuschirmen versucht. Das misslingt, es fällt ein Tor. Wenn ich Trainer wäre, würde ich dem Verteidiger sagen: Lauf in den Strafraum, stopp den Ball! Die Konsequenz ist keineswegs Freistoß oder gar Elfmeter für die Angreifer, sondern Wiederholung des Abstoßes, weil der Ball nicht korrekt ins Spiel gebracht wurde. Ich behaupte, das wissen die wenigsten.

Oft gibt es Szenen, die so unübersichtlich sind, dass weder Schiedsrichter noch Assistent sehen können, wer bei einem Out-Ball zuletzt dran war …

Natürlich gibt es solche Szenen – das ist Teil des Unvermögens aufgrund der momentanen Position. Als Trainer würde ich jedem Spieler raten, sich den Ball zu schnappen und einzuwerfen. Jedem Schiedsrichter ist es schon x-mal passiert, dass er erst danach in die Richtung gezeigt hat, in die eingeworfen wurde. Auf diesem Gebiet würde ich meinen Spielern viel einimpfen.

Widerspricht das nicht dem Fair-Play-Gedanken?

Ich erwarte von jedem Spieler auf dem Feld Fair Play! Aber zurück zur Realität: In den 90 Minuten des Spiels habe ich die Einstellung, dass jeder alles dafür tut, um zu gewinnen. Ich hatte noch nie den Fall, dass ein von einem Elfer profitierender Spieler zu mir kam: „Lechner, das war kein Elfer!“ Noch nie. Und ganz ehrlich: Ich wäre vermutlich genauso.

Die Deutschen führen kommende Saison den Videobeweis ein, in einigen Ligen gibt es die Torlinientechnik. Wann zieht Österreich nach?

Problematisch ist, dass am Samstag alle Bundesligaspiele nur von einer Seite aus gefilmt werden, nur am Sonntag gibt es eine Gegenkamera. Das macht einen TV-Beweis aus technischer Sicht unmöglich. In der Europa League gibt es zahlreiche Gegenkameras. Ich würde den Fernsehbeweis in der Bundesliga begrüßen.

Sollte die Torlinientechnik als verpflichtendes Lizenzkriterium eingeführt werden?

Grundsätzlich würde ich Ja sagen, aber auch hier gilt: Es ist eine Kostenfrage. Ich denke, wir sind noch nicht so weit.

Wäre die Einführung des Profischiedsrichters sinnvoll?

Auch Profischiedsrichter machen Fehler. Es würde sich ausschließlich etwas am Tagesablauf der Schiedsrichter ändern. Zusätzlich zu meiner Schiedsrichtertätigkeit gehe ich einem Vollzeitjob nach. Würden wir vom Verband als Profischiedsrichter, wie es in anderen Ländern üblich ist, geführt werden, wäre ein zusätzlicher Job nicht notwendig. Dadurch hätten wir wesentlich mehr Zeit für Trainingseinheiten und Spielanalysen. Auch muss das private Umfeld passen: Der Job als Schiedsrichter ist extrem familienbelastend, die Frau oder Freundin muss viel Verständnis aufbringen. Und keiner darf glauben, dass man einen entspannten Sonntag verbringt, wenn man am Samstag schlecht gepfiffen hat. Das arbeitet in deinem Kopf.

Was war Ihr bitterstes Erlebnis als Schiedsrichter?

Ich war beim Foul an Eddie Gustafsson der Schiedsrichter. Der Ball war schon abgeschlagen, deswegen konnte ich das Foul nicht sehen und habe nur Gelb gegeben. Sicher nicht die richtige Entscheidung. Und als ich fast ein Jahr später für Kapfenberg gegen Salzburg besetzt war, lese ich in der Zeitung: „Comeback von Eddie Gustafsson“. Und da hat Eddie echte Größe gezeigt.

Inwiefern?

Er kam zu mir und sagte: „Du bist nicht schuld. Was kannst du dafür, was passiert ist?“ Das rechne ich ihm hoch an, weil es auch für mich nicht einfach war.

Sie wurden dreimal nacheinander zum besten Schiedsrichter der Bundesliga gewählt. Was ist Ihr Geheimnis?

Mir gefällt das Wort „beste“ nicht. Ich glaube, dass meine Art und Weise, wie ich mit Spielern umgehe, der Schlüssel zum Erfolg ist. Dazu gehört: Fehler eingestehen, auch einmal Spaß haben mit den Spielern, aber vor allem: berechenbar sein. Einer meiner größten Momente war, als ein Spieler nachher zu mir in die Kabine kam und meinte: „Lechner, lass uns Trikots tauschen.“ Das werde ich nie vergessen.

Verraten Sie, wer das war?

Johan Vonlanthen bei Altach gegen Salzburg. Er wollte auch die Gelbe Karte, die ich ihm gezeigt habe. Eine starke Geschichte.

Ich würde Sie gern mit den – teils revolutionären – Ideen konfrontieren, die Marco van Basten kürzlich ins Spiel brachte, zum Beispiel, die letzten zehn Minuten als Nettospielzeit auszutragen, um Zeitspiel zu verhindern.

Muss ich dann jedes Mal auf Stopp drücken? Und hat wer eine zweite Uhr, falls ich mich verdrücke? Ich kann dieser Idee leider wenig abgewinnen.

Zeitstrafe statt Gelber Karte.

Das gab es früher in Niederösterreich als Blaue Karte. Die Zeitstrafe schmerzt wesentlich mehr, weil sie die Mannschaft unmittelbar schwächt. Der Ansatz ist interessant, würde jedoch nach sich ziehen, dass der gesamte Strafenkatalog neu definiert werden müsste.

Komplette Abschaffung der Abseitsregel.

Da bin ich strikt dagegen. Sie ist ein ganz wichtiges taktisches Mittel, das im Spiel für Spannung sorgt.

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