Hackmair: „Ich weiß, wie Alaba sich fühlt“

Ob als Pitch-Reporter oder Studio-Analytiker – Peter Hackmair ist während dieser EURO Dauergast in österreichischen Wohnzimmern. Dem Sportmagazin verriet er, wie ihn Ruttensteiners Angriffe getroffen haben, welche Kritik er sich zu Herzen nimmt und wie sein Draht ins Teamcamp ist.

//Text: Markus Geisler
//Titelbild: (C) GEPA Pictures

SPORTMAGAZIN: Peter, wie hat dir die Körpersprache gegen Portugal gefallen?

Peter Hackmair: (lacht) Viel besser als gegen Ungarn. Abgesehen von der Leidenschaft, den Willen, den Punkt unbedingt holen zu wollen, habe ich aber auch sehr stark die Verunsicherung gespürt. Und interessanterweise von den Spielern, die auf diesem Niveau die meiste Erfahrung haben. Allen voran David Alaba, der extrem unsicher war. Man merkt, er will die Bühne nutzen, um jedem zu zeigen, dass er es im Zentrum drauf hat. Der Schuss ging komplett nach hinten los. Auch bei Harnik und Arnautovic, bei denen nach vorne nichts ging. Und dann kommt ein Stefan Ilsanker, der immer nur Ersatzspieler war, und zeigt eine richtig breite Brust. Von ihm bin ich ein richtig großer Fan. Er ist kein Wunderfußballer, weiß aber was er kann und ordnet sich komplett dem Team unter. Seine Energie muss Inspiration für alle anderen sein.

Ich entnehme dem, du traust dich trotz „Ruttensteinergate“ noch, die Körpersprache zu interpretieren.

Ja, weil ich selbst sechs Jahre auf Profiniveau Fußball gespielt habe und bei einigen Turnieren dabei war. Ich kann mich in die Köpfe der Spieler hineinversetzen und weiß, was in ihnen vorgeht. Und Körpersprache ist für mich eines der spannendsten Themen, mit denen ich mich lange auseinandergesetzt habe. Und für die Zuschauer können meine Analysen ein Mehrwert sein. Ich weiß zum Beispiel wie sich ein Alaba fühlt, wenn er drei Fehlpässe nacheinander spielt, bei dem Druck, der auf ihm lastet.

Du kennst Willi Ruttensteiner seit vielen Jahren, hast ja oft im ÖFB-Nachwuchs gespielt. Wie sehr haben dich seine Worte getroffen, noch dazu bei einer Live-Pressekonferenz?

In dem Moment haben mich seine Worte verletzt, das gebe ich zu. Ich war ja bei der Pressekonferenz dabei und habe kurz überlegt, ob ich gleich das Wort ergreifen soll. Im Nachhinein war ich froh, dass ich es nicht gemacht habe. Denn es wäre sehr emotional gewesen, weil ich menschlich enttäuscht war. Aber mit einer gewissen Distanz – und da reichen bei mir heute schon 20 Minuten, denn dann waren wir ja auf Sendung – weiß ich, dass das zum Business gehört. Es war kein Angriff, um mir zu schaden, sondern eher, um von etwas anderem  abzulenken. Und ehrlich gesagt, nehme ich es als großes Kompliment, dass auf einer offiziellen ÖFB-PK so viel Zeit dafür verwendet wird, um sich mit meiner Person zu beschäftigen.

Du hast Willi Ruttensteiner live auf Sendung zu einem Vier-Augen-Gespräch eingeladen. Hat er sich schon gemeldet?

Ich hab ihn auch direkt danach angerufen. Da war er aber anscheinend überrascht und meinte, er hätte jetzt keine Zeit, würde sich aber bei mir melden. Das hat er aber nicht gemacht. Und mittlerweile warte ich auch nicht mehr drauf.

Hackmair
SPORTMAGAZIN-Redakteur Markus Geisler im Gespräch mit Peter Hackmair.

Du stehst in deiner ORF-Rolle als Analytiker extrem im Fokus der Öffentlichkeit. Wieviel von der Kritik, die du bekommst, ist fundiert, wieviel ausschließlich polemisch?

Weniger als fünf Prozent ist fundiert. Die nehme ich mir aber zu Herzen und versuche, etwas davon mitzunehmen. Manche schicken mir sogar handgeschriebene Briefe, um mich auf etwas aufmerksam zu machen, was sie stört. Das finde ich extrem cool.

Und die anderen 95 Prozent…

…sind einfach nur oberflächlich. Da heißt es dann, was will der mit den zotteligen Haaren eigentlich. Für manche bin ich heute noch „der mitdem Hemd“ (Anm.: Beim Rapid-Spiel gegen Donezk trug Hackmair ein traditionelles ukrainisches Hemd). Es gibt eine Analyse, die besagt, dass dich 80 Prozent der Zuseher ausschließlich über die Optik wahrnehmen. Für weitere zwölf Prozent ist die Stimme entscheidend. Dann bleiben gerade einmal acht Prozent übrig, die sich auf inhaltlicher Ebene mit dir auseinandersetzen.

Kollege Polzer geriet kürzlich in einen Shitstorm und wurde dabei – großteils unterhalb der Gürtellinie – niedergemacht.

Das ist das beste Beispiel. Ich kenne den Oliver mittlerweile gut, wir tauschen uns regelmäßig aus. Ich frage mich dann immer, wo die Ursache für solche Hasstiraden liegt. Man muss mit seinem eigenen Leben schon extrem unzufrieden sein, um seinen Hass so auf andere zu projizieren. Ich finde das erschreckend.
Du bist bei dieser EURO auch als „Pitch-Reporter“ im Einsatz. Das heißt, du sitzt neben dem Spielfeld und gibst von dort deine Analysen ab. Wie ist diese Idee entstanden?

Soweit ich weiß, hat die UEFA erstmals diesen Platz als „Pitch-Reporter“ ausgeschrieben, pro Land darf ein Kommentator auf diesem speziellen Platz sitzen. Quasi erste Reihe fußfrei. Da ist bei uns im ORF die Idee entstanden, sich damit auseinander zu setzen. Ich habe einen fixen Sitz, von dem ich mich auch nicht wegbewegen darf. Mir taugt das sehr, weil ich total nah dran bin und Dinge mitbekomme, die man im Fernsehen nicht wahrnehmen kann. Wenn Marcel Koller etwas hineinruft oder wenn sich Spieler untereinander austauschen. Und ich bekomme die Emotionen auf dem Platz hautnah mit. Da kann man schon einiges weitergeben.

Hast du ein konkretes Beispiel?

Ja, der Elfmeter gegen Portugal. David Alaba konnte beim Schuss von Ronaldo gar nicht hinsehen, stand mit dem Rücken zum Feld. Als der Ball dann an die Stange klatschte, ist er vor Freude wiewild herumgesprungen. Das waren pure Emotionen. Es war aber wichtig, dass wir das bei den Testspielen vorher ausprobiert und unsere Lehren daraus gezogen haben. Am Anfang war ich selbst nicht zufrieden, war zum Teil zu lange oder zu den falschen Zeitpunkten drauf. Jetzt schauen wir, dass ich bei Unterbrechungen drankomme und kurz und prägnant meine Eindrücke wiedergebe.

Man kennt das vom American Football. Hast du dir da Anregungen von amerikanischen Kollegen geholt?

Ich habe es versucht, aber es ist doch nicht vergleichbar. Die sind noch näher am Spielfeld dran und können zum Teil Interviews mit den Spielern führen. Das kann ich natürlich nicht. Außerdem gibt es dort viel mehr Unterbrechungen. Wir müssen schon genau überlegen, wie wir dieses Element in die laufende Übertragung einbauen.

Der ORF hat sehr viel Sendezeit zu füllen, du bist täglich mehrere Stunden auf dem Schirm. Wie schaut dein normaler Alltag aus, wenn nicht gerade ein Spiel ist?

Ich stehe zwischen acht und halb neun auf, fahre direkt ins Studio, trinke dort den ersten Kaffee. Dann besprechen wir die erste Sendung, um zehn Uhr beobachte ich das Training, so lange es öffentlich ist. Um 12 Uhr sind die Pressekonferenzen, danach haben wir einen Studiogast und die Nachbesprechung. Dann sind ein, zwei Stunden frei. Am Nachmittag geht es um 16.30 Uhr mit Besprechungen und den nächsten Sendungen weiter. Mein Arbeitstag endet normalerweise zwischen acht und neun Uhr am Abend. Zeit, sich etwas anzuschauen, bleibt bei diesem engen Terminplan nicht. Aber dafür sind wir ja auch nicht hier.

,,Ich mache den Job als Analytiker mindestens noch ein Jahr, dann sehen wir weiter. ”

Peter Hackmair

Wir Journalisten können mit den Spielern nur auf Pressekonferenzen und gelegentlich in einer Mixed Zone kommunizieren. Hast du einen direkten Draht ins Teamcamp?

Mit den Spielern, die zu uns ins Studio kommen, kann ich manchmal ein wenig plaudern. Ansonsten bin ich mit Christian Fuchs befreundet, wir veranstalten ja auch gemeinsam Trainingscamps für Kinder. Wir tauschen uns gelegentlich aus. Ansonsten geht es mir genauso wie euch.

Wie geht es für dich nach der EURO weiter? Bleibst du dem ORF erhalten?

Ich mache den Job als Analytiker mindestens noch ein Jahr, dann sehen wir weiter. Ansonsten kümmere ich mich viel um unsere Fußballschule, mit der wir einen neuen, ganzheitlichen Ansatz verfolgen. Wer mehr darüber erfahren will, kann unter www.teco7.com gerne mal vorbeischauen.