Die ganze Story – Guido Burgstaller: Das Mentalitäts-Monster

Willkommen im Burgi-Theater! Mit unbändigem Kampfgeist und wichtigen Toren malochte sich Guido Burgstaller in die Herzen der Schalke-Fans. Und endlich auch in den Kader von Teamchef Koller. Startet die oft unterschätzte Kärntner Kampfsau jetzt richtig durch?

//Text: Markus Geisler //Foto: GEPA

Mehr als 70 Millionen Euro hat Christian Heidel seit vergangenem Sommer in den Schalker Kader investiert, doch der wichtigste Transfers des S04-Managers kostete ihn gerade einmal läppische 1,5 Millionen. Für diese Bagatelle nahm er Guido Burgstaller im Jänner vom 1. FC Nürnberg unter Vertrag – und sich selbst ob der unterm Strich verkorksten Saison vorerst aus der Schusslinie. Vom Boulevard wahlweise als „Burg-Knaller“ oder „Ösi-Knipser“ gefeiert, von Insidern als Spieler gehuldigt, der mit seiner Malocher-Attitüde perfekt in die Stadt der Kumpel und Stahlarbeiter passt. „Guido ist ein Spieler, der für unser System wie gemalt ist. Der ackert da vorne rum – und wenn ihm der Ball auf den Schlappen kommt, dann haut er ihn rein“, frohlockt Heidel heute.

Und Trainer Markus Weinzierl ergänzt: „Der kommt in der Bundesliga nicht nur gut mit, sondern macht es auch richtig gut und erzielt entscheidende Tore für uns.“ Kann man so stehen lassen: Siegtor in letzter Sekunde gegen Ingolstadt, Dosenöffner beim 2:0-Erfolg über Hertha, Doppelpack gegen Augsburg, dazu zwei wichtige Treffer in der Europa League (bis Redaktionsschluss). „Giiido“, wie sie in Deutschland sagen, ist in Gelsenkirchen in aller Munde. Da klingt es fast nach Understatement, wenn Burgstaller im Talk mit dem Sportmagazin sagt: „Bis jetzt hat es ganz gut geklappt. Ich liebe es, vor diesen überragenden Fans in einem so tollen Stadion zu spielen. Ich will Löcher reißen, Tore machen, viel laufen und die Verteidiger unter Druck setzen. Hoffentlich geht es bei mir so weiter.“

Koller fordert Tore

Kollers Bekehrung Das hofft neuerdings auch Marcel Koller, der sich lange dagegen gewehrt hat, auf den 27-Jährigen zu setzen. 33 Tore in 63 Spielen für den 1. FC Nürnberg entlockten dem Teamchef immer nur ein müdes Lächeln und den Hinweis, dass diese ja nur in der deutschen Zweiten Bundesliga erzielt wurden. Was die Frage aufwirft: Hätte er nicht erkennen müssen, dass Burgstaller auch auf höherem Niveau funktioniert? Hat er dessen Fähigkeiten unterschätzt? Für das Untergehen-verboten-Spiel gegen Moldawien holte er ihn jedenfalls an Bord. Und erklärt seinen überfälligen Sinneswandel so: „Mir fiel schon bei Rapid auf, dass er viel läuft, aber ihm hat immer die nötige Ruhe vor dem Tor gefehlt. Das war bei Nürnberg anders, er hat aber im Nationalteam bei seinen neun Einsätzen nie ein Tor erzielt. Jetzt soll er uns mit seiner breiten Brust helfen.“

,,Klar war ich frustriert.”

Guido Burgstaller über das ÖFB-Team

Nachsatz mit einem Lachen: „Vielleicht sollten wir ihm ein blaues Trikot überziehen, damit er weiter so trifft, dass es kracht.“ Burgstaller („Ich bin heiß darauf, für Österreich zu spielen“) gibt unumwunden zu, in den letzten Monaten mehr als einmal die Faust in der Tasche geballt zu haben: „Klar war ich frustriert. Du führst die Torschützenliste der Zweiten Bundesliga an, hoffst auf ­einen Anruf und bist trotzdem nicht dabei. Aber es bleibt einem ja nichts anderes übrig, als es abzuhaken und aufs nächste Mal zu hoffen.“

Echt durchgeknallt

Mit dem Prinzip Hoffnung kennt sich der Kärntner aus. Heute mag er auf dem besten Weg sein, sich bei einem Top-Klub in der Liga des Welt­meisters zu etablieren. Vor knapp drei Jahren sah das noch anders aus, da erfüllte er sich nach drei Saisonen bei Rapid den Traum, ins Ausland zu wechseln. Und lernte bei Car­diff City die ganz üblen Seiten des Profi-Business kennen. Als der über alle Maßen durchgeknallte Klubbesitzer Vincent Tan Trainer Ole Gunnar Solskjaer feuerte, war auch Burg­stallers Uhr abgelaufen: „Eines Tages hing ein Zettel an meinem Spind, dass ich ab sofort nur noch mit der U23 trainieren darf. Ohne Begründung. Ein echter Knacks.“

Wobei zu dieser skurrilen Geschichte auch gehört, dass Vincent Tan von seinem Keeper schon mal mehr Scorerpunkte einfordert oder Spieler nach Sternzeichen verpflichtet. Neben Burgstaller erwischte es auch Kapazunder wie Juan Cala, Javi Guerra oder Markus Eikrem, der 2016 zum wertvollsten Spieler der schwedischen Liga gewählt wurde. Doch trotz allen Ungemachs möchte Burgstaller auch dieses halbe Jahr in Wales nicht missen. „Eine brutal harte Zeit, aber die Erfahrung, so aufs Abstellgleis geschoben zu werden, hilft mir bis heute. Ich weiß diesen Beruf jetzt noch mehr zu schätzen“, sagt er. „Trotzdem habe ich im Winter schnell das Weite gesucht.“

Weilers Vorbehalte

Das Weite lag im konkreten Fall 1032 Kilometer Luftlinie entfernt, wobei der Transfer zum 1. FC Nürnberg im Jänner 2015 so seine Tücken hatte. Zwar war der damalige Sportchef Martin Bader, der Burgstaller schon zu Rapid-Zeiten auf dem Radar hatte, sofort Feuer und Flamme, aber Trainer René Weiler, wie Koller ein Schweizer, legte sich lange quer. „Da hat es einiges an Überzeugungsarbeit bedurft“, erinnert sich Bader heute. „Aber ich wusste, dass Guido uns mit seiner Einstellung, seinem Charakter und auch seinen Toren helfen kann.“ Weiler war mit seinen Vorbehalten so hartnäckig, dass mehrere Gespräche in großer und kleiner Runde nötig waren, ehe der Deal am letzten Tag der Transferzeit unter Dach und Fach war. „Alles hing am seidenen Faden“, erinnert sich Burgstaller, der auch andere Optionen in der Hinterhand hatte, aber unbedingt zu einem Traditionsklub wie dem 1. FCN wollte.

„Dafür hat er sogar auf Geld verzichtet und lukrativere Offerte ausgeschlagen“, bestätigt sein Berater Mario Weger. Am Ende waren alle happy. „Guido hat uns nicht enttäuscht“, sagt Bader, der schon damals mehr in dem Offensiv-Allrounder sah. „Wir wollten aufsteigen und haben Spieler gesucht, von denen wir überzeugt waren, dass sie auch in der Ersten Bundesliga spielen können. Und für jemanden wie Guido, der sich so schnell in der zweiten Liga akklimatisiert, seine Tore macht und ein wichtiger Bestandteil einer Mannschaft wird, ist auch der Sprung in die höchste Liga nicht mehr groß.“ Nachsatz: „Dass es für Burgi dann gleich ein Top-Klub wie Schalke wird, hat dann vielleicht den einen oder anderen überrascht.“

Zum Goalgetter gereift

Im Frankenland blühte Burgstaller sofort auf, entwickelte Antreiber- und Torjägerqualitäten und wurde als Mentalitätsmonster geschätzt und gefeiert. Berater Weger kann sich an das erste Spiel erinnern, eine üble Treterei, bei der Burgstaller „Willkommen in der zweiten Liga“ zugeraunt wurde. „Mehr braucht es nicht, um ihn so richtig anzustacheln.“ Wobei es ein schwerer Fehler wäre, Burgstaller nur auf seine mentalen Qualitäten zu reduzieren. Findet auch Peter Schöttel, der ihn sowohl bei Wr. Neustadt als auch bei Rapid trainierte und insgesamt 105-mal in der Bundesliga einsetzte: „Wer behauptet, Burg­staller sei ein technisch schlechter Spieler, tut ihm absolut unrecht. Er hat zum Beispiel immer darauf geachtet, beidbeinig zu sein, damit er nicht so leicht auszurechnen ist.“ Schöttel imponiert, wie er sich im Ausland zu einem echten Goalgetter entwickelt hat: „Das war er in Österreich noch nicht. Er hat einen Instinkt bekommen, weiß, wo es etwas zu erben gibt. Dass er einmal eine Torschützenliste anführen würde, hätte ich nicht gedacht.“ Wobei er in Schalke von Spielern profitiert, die ihn perfekt in Szene setzen können. Schöttel: „Burgi lauert permanent zwischen den Innenverteidigern auf den Pass in die Tiefe. Und Spieler wie Bentaleb wissen genau, wann sie ihn spielen müssen.“

Hochzeit im Sommer

Schalke und Guido Burgstaller – das passt wie die Lampe auf den Grubenhelm. Mit seinem Faible für Kultklubs fühlt er sich im königs­blauen Kosmos pudelwohl, für die Fans wurde er sofort einer von ihnen. „Mein Berater weiß ja, wo ich hinpasse. Es macht mich irrsinnig stolz, ein Teil von solchen Vereinen zu sein.“ Da er auch mediale Begehrlichkeiten weckte, weiß mittlerweile jeder S04-Fan im Ruhrpott, dass Burg­staller gern Vespa fährt, Darts spielt, sich Melissensaft aus Kräutern aus dem Garten seiner Mutter zubereiten lässt und im Sommer seine Freundin Stefanie, eine fesche TV-Redakteurin aus der Steiermark, heiratet. Bis 2020 läuft sein Vertrag in Gelsenkirchen, was man durchaus als Vertrauensvorschuss werten kann, zumal die Konkurrenz mit Altstar Klaas-Jan Huntelaar und dem derzeit verletzten Super-Youngster Breel Embolo durchaus prominent ist. Schaut jedenfalls so aus, als ob der Vorhang im Burgi-­Theater noch lange nicht zugehen würde.

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