Günter Bresnik: „Für Gänsehaut bin ich nicht anfällig“

Seit dem Sportmagazin-Gründungsjahr 1987 ist der Wiener Günter Bresnik als Trainer von Tennisprofis wie Horst Skoff, Boris Becker oder Österreichs aktuellem Top-10-Star ­Dominic Thiem höchst erfolgreich. Im sehr persönlichen Interview spricht er über seine besten und übelsten Momente, darüber, was ihn schwächt. Und er sagt, warum er Thiem den Job der ­Nummer 1 zutraut.

//Interview: Fritz Hutter  //Fotos: Gepa-Pictures.com, Imago

Sportmagazin: Die Mühen einer langen Turniersaison waren erst unlängst in London in nicht wenigen, durchaus eigenartigen Partien zu bestaunen. Wie diagnostizierst du das?

Günter Bresnik: Ich halte dieses Gerede über die ach so harte Saison für ein Theater – und nicht einmal für ein besonders spannendes. Wie lang muss ein normaler Mensch im Jahr arbeiten? Wie viel Urlaub hast zum Beispiel du? Drei Wochen? Vier? Tennisspieler haben in der Regel ein bis zwei Monate. Und fangen im August mit dem Jammern drüber an, wie lang die Saison ist. Ich halte das Gejammer um die lange Saison für eine Blödheit, für eine Mode, einer plappert dem anderen nach.

Aber auch Trainer wie du werden immer wieder ­wegen einer angeblich zu dichten Turnierplanung kritisiert. Kritik muss man immer hören, aber man muss sie auch hinterfragen. Nach ihrer Substanz und nach ihrer Absicht. Schau, beim Masters in London haben sie über Sascha Zverev diskutiert. Dass er künftig doch sorgsamer mit seiner Turnierauswahl umgehen soll, weil er 2018 mit 77 Matches am meisten gespielt hat von allen. Und dann gewinnt gerade der das Turnier. Oder schau dir Roger Federer an: 1440 Matches in 20 Saisonen. Macht im Schnitt 72 pro Jahr, im Schnitt! Obwohl er die letzten drei Jahre nur mehr 40, 50 Partien spielt. Da waren davor ein paar Jahre mit über 90 dabei. Oder John McEnroe, der hatte ein Jahr mit rund 95 Einzel- und über 70 Doppelpartien. Und dann höre ich, dass heute alle viel fitter sind als früher. Dauert eine Dreisatzpartie heute länger als vor 30 Jahren? Nein. Möglicherweise war es damals körperlich sogar intensiver, weil viel mehr über den Ballwechsel und weniger über den Aufschlag gegangen ist. Und best of five wird ja auch immer weniger gespielt. Dazu kommen noch die ganzen unnötigen Pausen …

Handtuch, Bälle usw. Genau. Manche lassen sich vor einem Aufschlag fünf Bälle geben und untersuchen sie wie vor einem chirurgischen Eingriff. Grad dass sie sie nicht desinfizieren. Die sollen einen Tennisball ins Spiel bringen, niemanden operieren! Und dann die Sache mit dem Handtuch! Früher sind sie sich mit dem Ärmel oder dem Schweißband über die Stirn gefahren und es ist weitergegangen. Es wäre wirklich interessant, einmal die Nettospielzeiten von heute und damals zu vergleichen.

Wie fit bist du nach mehr als drei Jahrzehnten als Tennistrainer selber? Ich bin jetzt 57 und habe mich, seit ich verheiratet bin und Kinder habe und dann speziell die letzten zehn Jahre mit dem Dominic, körperlich selber extrem gehenlassen. Aktuell stehe ich bei über 100 Kilo. Übergewicht in der Form ist extrem ungesund. Dazu kommt mein Lebenswandel. Ich reise viel, esse zu komplett ungünstigen Zeiten und arbeite extrem viel in meiner Akademie in der Südstadt. Das ist natürlich ein Raubbau, aber mir macht mein Beruf so viel Spaß, dass ich den Raubbau nicht empfinde.

Schwächt dich akut irgendein Wehwehchen? Übergewicht schwächt. Ich weiß, ich weiß, das wäre relativ leicht zu beheben, aber andererseits bedeutet das Nichts-dagegen-tun-Können ja auch, dass man andere Prioritäten hat: sich mit der Natur beschäftigen, seinem Job, seiner Familie, seiner eigenen Entwicklung. Und dann mit einem guten Buch in der Hand am Abend einschlafen. Das hat schon auch Qualität.

Wie hältst du es aus, stundenlang und zur Taten­losigkeit gezwungen in der Player’s Box zu sitzen? Wenn mir schon das Sitzen schwerfallen würde, wäre das wirklich eine Bankrotterklärung. Sitzen fällt mir noch immer leicht (lacht). Aber natürlich sind das Ausgeliefertsein und die ­Unmöglichkeit, einzugreifen, unangenehm. Im Endeffekt ­beschränkt sich das aber auf die Dauer der Matches. Und mit dem Alter bin ich geduldiger geworden. Geduld, das ist für mich ja mittlerweile eine der zentralen Eigenschaften eines guten Coaches.

,,Mein Hauptziel als Trainer ist es, mich unnötig zu machen.”

Geduld wobei? Geduld beim Warten auf den rich­tigen Moment, in dem man seinem Spieler etwas sagt. Und dann nur zu sagen, was wirklich gesagt werden muss. Wenn du zum falschen Zeitpunkt das Richtige sagst, stößt du auf taube Ohren oder auf so viel Widerstand, dass es einfach nichts bringt. Oder wenn du dauernd redest, da kann alles noch so richtig sein, hilft es deinem Spieler nichts, weil er niemals alles aufnehmen kann. Die richtig guten Trainer ­stehen hinten am Platz und sagen nur dann was, wenn es genau in diesem Moment wirklich was bringt. Das heißt, es kann passieren, dass ein richtig guter Trainer oft minutenlang gar nichts sagt.

Was ist unter den richtigen Sachen das Wichtige? Da gibt es keine allgemeine Antwort. Denn wichtiger, als dass du als Coach verstanden wirst, ist, dass du verstehst, was der andere wirklich braucht. Mein Hauptziel als Trainer ist es, mich unnötig zu machen. Ich freue mich extrem, wenn mir ein Spieler eine Matchanalyse abliefert, in der ich mich ­quasi selber reden höre. Und je weiter dein Spieler ist, desto mehr musst du als Trainer nichts tun.

Noch einmal zurück in die Box am Rand des ­Tennisplatzes. Was war das Größte, was du dort erleben durftest? Ich bin schon sehr erfolgs- und ergebnisorientiert. Wir leben hier im Spitzensport, daher sind im Endeffekt schon die Finalsiege das Befriedigendste, aber eine komplett runde Woche mit vier, fünf, vielleicht sogar einmal sieben guten Leistungen ist natürlich das Optimum. Mit dem Dominic war der emotionalste Moment wohl sein erster Turniersieg 2015 in Nizza. Da haben wir die ganze Woche alles anders gemacht, als das alle anderen für richtig halten, wir haben jeden Tag zwei, drei Stunden richtig hart trainiert und am Samstag habe ich seine Eltern und den Bruder angerufen und gesagt, sie sollen kommen, denn morgen könnt es so weit sein. Und dass sie dann dabei sein konnten, als das passiert ist, von dem zehn Jahre die Rede war, und ich gesehen habe, wie happy die ganze Familie war, noch dazu nach dieser Woche, das war schon etwas ganz Besonderes. Aber beispielsweise war es auch wichtig für mich, wie Boris Becker während unserer gemeinsamen Zeit 1992 das Masters gewonnen hat.

Und was war richtig ungut? Niederlagen sind immer ungut, aber mit zunehmendem Alter sind die größeren Nieder­lagen für mich, nicht dabei sein zu können, wenn eines meiner Kinder Geburtstag hat oder wenn meine Frau Kathi eine Vernissage in ihrem Geschäft veranstaltet. Aber es gibt noch immer kein verlorenes Match, nach dem ich nicht zumindest für ein paar Stunden so richtig angefressen bin und aufpassen muss, dass ich meinen Grant nicht an den falschen Leuten auslasse. An jenem Tag, an dem mir Niederlagen egal werden, an dem werde ich wahrscheinlich aufhören. Und ein paar gibt es, die mich richtig, richtig hergenommen haben. Mit Dominics beiden Niederlagen heuer gegen Nadal (Anm.: Finale Paris, Viertelfinale US Open) etwa habe ich mich ­tage-, ja wochenlang beschäftigt.

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Mit dem genialen Tennisspieler und temporärem Paradiesvogel begann Günter Bresnik seine Karriere als Proficoach. 2008 verstarb „der Horsti“ tragisch auf bis heute nicht restlos geklärte Weise.

Trotzdem war das Erreichen des heurigen Endspiels in Roland Garros der vielleicht größte Thiem-Erfolg. Als ­Spieler und Trainer siehst du das anders. Für den Dominic hat sich die Niederlage im Paris-Finale so angefühlt, als wenn du als Bergsteiger 200 Meter unter dem Everest-Gipfel umdrehen musst. Vielleicht musst du zwei, drei Jahre auf deine nächste Chance warten und vielleicht kommt sie überhaupt nie wieder. Das sind die Gedanken, die dir als Spieler durch den Kopf ­gehen. Und das nagt extrem an einem, der so ehrgeizig ist wie der Dominic. Aber Tennis ist letztendlich immer noch ein Spiel. Insgesamt war in meinem Trainerleben sicher der schlimmste Moment, als damals (Anm.: Juni 2008) der Anruf kam, dass der Horsti Skoff gestorben ist. So etwas ist richtig schlimm.

Aber es steht eben viel auf dem Spiel, auch wenn Tennis nur ein Spiel ist. Klar, die müssen sich intensiv vorbereiten und hart arbeiten, aber manchmal ist unsere Wortwahl einfach deppert, wir reden von „Waffen“ und „Bomben“, „Granaten“ und dass man einen Ball „töten“ muss, aber letztlich ist es und soll es ein Spiel bleiben und leid braucht dir schon überhaupt keiner tun. Es gibt Journalisten, denen tut der Dominic tatsächlich leid, weil er so hart arbeitet. Das ­versteh ich nicht. Der lebt seine Leidenschaft! Dann noch das ewige Thema mit dem Verzicht auf Disco usw. Wer braucht bitte Disco, wenn er tun kann, was er wirklich liebt?

In einem Interview mit dem „Kurier“ meintest du kürzlich, dass es gescheiter gewesen wäre, zuerst dein ­Medizinstudium zu beenden und danach Trainer zu werden. Ein medizinisches Basiswissen hast du dir aber als Arztsohn trotzdem angeeignet. Inwieweit hat dir dieses als Trainer geholfen? Es gibt kein Wissen, egal in welchem Bereich, das dir nicht hilft, egal in welchem Lebensbereich. Ich glaube, auch ein richtig guter Tischler würde als Trainer aufgrund seiner anderen Sichtweise viele Dinge besser machen als andere. Und als besserer Trainer kannst du ein besserer Tischler werden. Das Medizinstudium ist die einzige Sache in meinem Leben, die ich nicht zu Ende gebracht habe, aber was ich mitgekriegt hab, hat gereicht, um mir zu helfen, mich als Trainer weiterzuentwickeln. Gerade am Anfang war das ­medizinische Wissen sehr hilfreich. Das Verständnis von ­physiologischen Prozessen ist eine der Grundlagen des ­Trainerberufs.

Gerade du giltst als extrem harter Trainer, der Belastungsgrenzen mindestens ausreizt. Härte ist die Grund­voraussetzung, nicht mehr, und Grenzen ausreizen ist genau die richtige Formulierung. Es gibt viele Trainer, die einem ­wirklich etwas beibringen können, aber unwissentlich über physiologische Grenzen gehen. Und Übertraining ist tausendmal schlimmer, als untertrainiert zu sein, weil es über Wochen negativ nachwirken kann. Da helfen eben Wissen und natürlich die Erfahrung.

Auf beidem basiert u. a. auch die Zusammenarbeit mit Dominic Thiem. Wie sehr berührt es dich, wenn du ihn heute auf den ganz großen Tennisbühnen siehst, vielleicht bei Gelegenheiten wie dem publikumswirksam aufgezogenen Einmarsch in die Londoner O2-Arena? Dieser Einmarsch berührt mich ganz ehrlich überhaupt nicht. Ich bin kein Mensch, der sich mit Inszenierungen besonders anfreunden kann. Wenn ich weiß, dass der Spieler gut vorbereitet ist und dann vielleicht, wie eben unlängst in London beim letzten Match gegen Nishikori, mit einem Sieg und einer ansprechenden Leistung die Saison beenden kann, dann wirkt das wesentlich stärker auf mich. Für Gänsehaut bin ich nicht anfällig, aber ich weiß zum Beispiel, dass Dominics Mutter Karin schon vor einem Match gern draußen in der Box sitzt, weil sie sich auf den Einmarsch freut. Und das verstehe ich völlig. Das ist wie für andere Mütter der Studienabschluss, wo alle den Hut in die Luft werfen, weil sie es geschafft haben.

Was macht dir dann am Platz die größte Freude? Wenn ein Spieler Sachen, die man vielleicht monatelang trainiert hat, endlich im Match einbaut. Das passiert oft unver­mittelt, wenn du gar nicht mehr damit rechnest, erstaunlich oft sogar in einem wichtigen Moment – das sind Dinge, wo mir schon die Augen ein bisserl feucht werden können. Weißt du, wie schön das ist, wenn etwas endlich Früchte trägt?

Bringt die persönliche Nähe zwischen Dominic Thiem und dir eigentlich auch Nachteile? Nein. Ich glaube nicht, dass man jemandem entscheidend helfen kann, wenn man ihn nicht wirklich gut kennt. Es ist die erste Hauptaufgabe für einen Trainer, den Sportler zu verstehen. Und dafür, logisch, muss man ihn zuerst gut kennenlernen. Mir wollte einmal ein Architekt ein Haus planen, das war vielleicht objektiv besser als mein Haus, aber ich wollte es anders haben. Wenn mich der besser gekannt hätte, dann wäre das ganz anders gelaufen. Das meine ich. Das gilt auch bei einem Sportler. Und je älter er ist, desto mehr gilt’s. Ich würde es so ausdrücken: Du bist zugleich Führungspersönlichkeit für den Sportler und Dienstleister seiner Karriere und je weniger du Ersteres sein musst, desto besser hast du deinen Job gemacht.

,,Niemand darf glauben, dass Dominic formbar wie Knetmasse ist”

Was gilt beim Dominic? Der Dominic ist nicht einer, der sich sehr initiativ öffnet, ihm muss man die Dinge eher aus der Nase ziehen. Beim Dominic dauern Fortschritte länger als bei anderen, dafür macht er viel weniger Rückschritte. Das heißt im Umkehrschluss auch, dass jeder Schritt in seiner Entwicklung in die richtige Richtung gehen sollte.

Sind in eurer Beziehung nie Widerstände von ihm gekommen? Ich war von Anfang an eine Respektsperson für ihn, allein aufgrund des Altersunterschiedes musste ich mir bei ihm nie meine Autorität erkämpfen. Wir waren zwar immer per Du, aber nie so, dass sich ein „du Arschloch“ für ihn leichter gesagt hätte als ein „Sie Arschloch“. Da war schon auch diese nötige Distanz. Für mich war er auch immer wie ein offenes Buch. Ich hatte immer alle Informationen von seinen Eltern, von anderen Trainern, die mit ihm gearbeitet haben oder unterwegs waren. Ich wusste immer, was zu tun war, es gab also auch nie ein Konfliktpotenzial, nicht einmal nach Niederlagen. Von seiner Seite nicht, weil er wusste, dass ich weiß, was ich tue, und von meiner Seite nicht, weil es kein Match gab, in dem er nicht das Beste versucht hätte. Außerdem hat er bis heute an jedem einzelnen Tag dazu­gelernt. Dominic ist für einen Trainer ein Glücksfall, der ­perfekte Schützling. Aber dass er eine einfach gestrickte ­Persönlichkeit wäre, das kann man nicht sagen.

In welcher Hinsicht ist er kompliziert? Niemand darf glauben, dass Dominic formbar wie Knetmasse ist, er ist wie Granit oder, besser, wie Diamant. Wenn er was nicht will, dann will er das nicht. Aber es ist unglaublich charmant, wie er Dinge nicht tut, die ihm auf die Nerven gehen. Außerdem hat er ein Gedächtnis wie ein Elefant. Es gibt nichts, was er vergisst. Unglaublich.

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Der vor rund 15 Jahren mit Dominic Thiem begonnene Weg führte den einen in die Top-10 und den anderen endgültig in den Coaching-Olymp.

Wahrscheinlich auch geprägt von der eigenen Herkunft und Erziehung. Inwieweit förderst du die lebenslange Horizonterweiterung auch bei Dominic Thiem? Dass er sich auch mit anderem beschäftigt als mit dem Tennisball, das ist ja sehr wichtig, gerade jetzt, wenn seine Karriere eine gewisse Öffentlichkeitswirkung kriegt. Mir taugt sein großes Interesse für Gesundheit, Tierschutz, Umweltschutz und mir taugt sein Engagement in diesen Themen. Das ist eine zusätzliche Dimension. Heikel ist es dort, wo es politisch wird. Im Grund genommen ist Dominic ein politischer Mensch, der sich aber – hoffentlich – die nächsten zehn Jahre politisch nicht öffentlich deklarieren wird. Ich finde, das gehört sich nicht. Ja, es ist wichtig, dass man seinen Bekanntheitsgrad für wichtige Dinge verwendet, aber man muss sich auch im Klaren darüber sein, dass man ein Laie ist. Dominic ist Tennisspieler, kein Politexperte, kein Wissenschaftler. Viele Leute überschätzen sich da und glauben, weil sie gute Tennisspieler, gute Schauspieler oder sonst was sind, dass sie sich zum Beispiel über Politiker lustig machen können. Ich glaube, dass man als Laie immer Respekt haben sollte. Und ich glaube außerdem, dass man grundsätzlich Politiker wird, weil man anderen Menschen helfen will, nicht weil man bestochen werden oder sonst irgendeinen Blödsinn machen will.

Er oder sie könnte es auch aus Geltungsbedürfnis tun. Jeder Mensch hat ein Geltungsbedürfnis. Jeder Sportler. Ich hab als Trainer ein Geltungsbedürfnis. Ich möchte anerkannt werden. Gelten tust du was, wenn du anerkannt wirst, und anerkannt wirst du für Erfolg. Solange er unter moralisch guten Bedingungen ausgelebt wird, ist ein Geltungsdrang nix Schlechtes, ganz im Gegenteil, er ist Nährboden für außer­gewöhnliche Leistungen.

Wie zufrieden bist du mit Dominic Thiems sport­licher Entwicklung? Viele wissen ja nicht, dass er zwischen 16 und 19 eine schwere Krankheit gehabt hat (Anm.: eine bakterielle Darmerkrankung), die ihn letztlich fast vier Jahre gekostet hat. Das heißt, dass ihm sozusagen ein Fünftel seiner möglichen Karriere fehlt. Und trotzdem ist er extrem weit. Grundsätzlich sind uns nicht viele Fehler passiert. Klar wird er immer wieder von kleinen Verletzungen, Krankheiten zurückgeworfen und er spielt manchmal wirklich auch schrecklich schlechte Punkte, Sätze, Partien, Turniere, aber wenn ich daran denke, wie er früher daheim in Niederösterreich die anderen Zwölfjährigen ausgeeiert hat und sich heute hinstellt und mit einem Federer oder einem Djokovic fast ebenbürtig die Kugeln um die Ohren schießt, dann wäre es vermessen und kokett, mit der sportlichen Entwicklung nicht zufrieden zu sein. Trotzdem, das eine oder andere läuft immer wieder nicht ganz rund. Das liegt dann auch oft an mir.

Und menschlich? Es ist durchaus herausfordernd, mit ihm zu arbeiten, weil er ein richtiger Sturschädel sein kann. Er hinterfragt alles, nimmt nichts als selbstverständlich hin, er ist keiner, der gleich einmal für was Neues Feuer und Flamme ist, aber grundsätzlich ist er ein echter Traumschwiegersohn. Nicht, dass er jetzt eine meiner vier Töchter heiraten soll (lacht), aber er ist einfach ein guter Typ, authentisch, ehrlich, loyal, er vereint schon sehr viele Eigenschaften in sich, die ich für erstrebenswert halte. Für seine menschliche und seine sportliche Entwicklung war entscheidend, dass seine Eltern, seine Großeltern und seine ganze Familie immer da waren. Er ist nie nach seiner Leistung beurteilt worden. Schon als Kind haben sie ihm nach einem Match nicht gesagt, dass er dies oder das besser machen hätte können. Sie haben gesagt, es hat uns wieder große Freude gemacht, dir zuzuschauen. Besser geht das nicht, die Thiems haben den Begriff „Tenniseltern“ auf eine ganz neue Art definiert, zugleich liebevoll und zurückgenommen und total engagiert. Die Thiems sind auch eine Familie mit einem extrem starken Zusammenhalt. Die Kinder sind geborgen und mit einem gesunden Selbstvertrauen ausgestattet. Ich wüsste keinen Bereich, in dem sich Dominic unsicher fühlt.

Die begehrteste Position im Tennis ist jene des Weltranglistenersten. Für mich legt diese aber nicht nur ein sportlicher Status fest, sondern beinhaltet mehr, unter anderem die Rolle des weltweiten Botschafters einer ganzen Sportart. Wäre Dominic Thiem eine gute Nummer 1? Noch nicht jetzt, aber er kann ziemlich bald eine werden. Es gibt wenige Voraussetzungen, die er dafür nicht hätte. Er kennt sich in seinem Beruf gut aus, er ist intelligent, eloquent, er schaut richtig gut aus und ist einer, der in fast jeder Um­gebung eine gute Figur machen kann. Er weiß, dass man als Mensch nix Besseres ist, nur weil man besser Tennis spielt als andere. Er drückt sich auf Deutsch sehr gut aus, verbessert sein Englisch permanent und versteht mittlerweile auch Französisch immer besser. Er ist kein Selbstdarsteller, aber er nimmt seinen Beruf sehr ernst und es ist ihm klar, dass in der Zeit nach Federer, Nadal und Djokovic andere temporär auf die Kommandobrücke müssen. Dominic zählt zu denen, ­denen ich diesen Job zutraue.

Was würdest du ihm gern noch beibringen? Ich will, dass er besser serviert und retourniert. Ich will, dass er besser Vorhand und Rückhand spielt, besser volliert und passiert, besser serviert und besser smasht, dass er die Situationen schneller erkennt und immer häufiger richtig auflöst. Und dass er alles andere, was einen Tennisprofi definiert, besser kann. Ich will einfach, dass er sich weiter jeden Tag verbessert. Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich immer auf die Vorbereitungszeit freue. Was in diesem Monat vor der neuen Saison weitergeht, das ist auch für mich wieder ein Energiereservoir für die nächsten zehn Monate. Und menschlich will ich einfach immer wissen, was für ihn wichtig ist, und ihm dabei behilflich sein, es zu erreichen.

Zum Finale: Hättest du eigentlich Lust, noch einmal einen Spieler derart intensiv zu betreuen? Lust schon und in meiner Akademie gibt es ein paar richtig gute junge Leute, darunter einen 17-jährigen Russen, in dem ich allerhand ­Potenzial sehe, aber ich bin jetzt 57 und ein Nebeneinander mit dem Dominic wäre die nächsten Jahre sehr schwer. Und nach seiner Karriere bin wahrscheinlich auch ich schon über meinen Höhepunkt drüber.

Dann danke ich für das Gespräch und für 31 spannende Jahre, in denen wir praktisch deine gesamte Trainerlaufbahn im Profitennis, von Skoff bis Thiem, begleiten konnten.