Goldene Träume

Bei der Leichtathletik-EM in Berlin sind gleich zwei heiße ­Medaillenkandidaten für den ÖLV am Start: ­Siebenkämpferin Ivona Dadic und Diskus-Ass Lukas Weißhaidinger.

||Text: Rolf Hessebrügge||Fotos: Imago, Gepa||

Ivona Dadic baut für die Europameisterschaft (6. bis 12. August in Berlin) auf ein einfaches, aber bewährtes Erfolgsrezept: schöne Fingernägel und positive Energie. „Ich mache mir im Vorfeld nie viele Gedanken über Chancen und Prognosen“, erklärt die sympathische Siebenkämpferin. „Wir werden sehen, ob mein Gepäck hinterher ein bissl schwerer ist, weil eine Medaille drinnen ist. Platz genug hätt ich.“ Hinter „Ivis“ lockerem Schmäh steckt jahrelange, knallharte Trainingsarbeit. Nach ihrem bärenstarken 2. Platz im Fünfkampf bei der diesjährigen Hallen-WM in Birmingham drehte die 24-Jährige gemeinsam mit Coach Philipp Unfried und ihrem Spezialistenteam nochmals an der Intensitätsschraube – mit Erfolg, wie sie findet: „Die Lücke zur absoluten Weltspitze wird immer kleiner.“

Im Juni setzte Dadic im deutschen Ratingen ein weiteres Ausrufungszeichen, als sie mit 6413 Punkten nur um vier Zähler an ihrem österreichischen Rekord vorbeischrammte und Platz zwei belegte – 136 Punkte hinter der deutschen Vizeweltmeisterin Carolin Schäfer. Im Hürdensprint (13,56 Sekunden) und im Kugelstoßen (14,86 Meter) stellte „Ivi“ sogar neue persönliche Best­leistungen auf. „Letztes Jahr vor der Freiluft-WM hab ich in der Vorbereitung in Götzis rund 6200 Punkte geholt, heuer kam ich in Ratingen auf über 6400“, rechnet sie vor. „Das heißt, ich habe Fortschritte gemacht. Dabei hab ich in den Sprungdisziplinen im Vergleich zu einem normalen Tag rund 250 Punkte liegen gelassen.“ Heißt im Umkehrschluss: Dadic, die in St. Pölten und im Bundes­sport- und Freizeitzentrum (BSFZ) in der Südstadt trainiert, hat auch rund 6700 Punkte drauf. Irgendwo in diesen Sphären dürften die EM-Medaillen vergeben werden …

Der Österreichische Leichtathletik-Verband und die Europameisterschaften – das war lange Zeit keine Erfolgsstory. Im ewigen Medaillenspiegel der Freiluft-EM rangiert der ÖLV mit siebenmal Edelmetall (2x Gold, 1x Silber, 4x Bronze) jenseits der Top 30, noch hinter Island. Von 2002 bis 2014 holte Rot-Weiß-Rot bei Kontinentalfestspielen keinen einzigen Stockerlplatz. Doch immerhin: 2016 in Amsterdam gewann die damals 22-jährige Dadic Bronze und erzielte einen neuen Landesrekord (damals 6408 Punkte). Heute, zwei Jahre später, ruhen die Hoffnungen erneut auf Dadic, doch sie muss die Last nicht allein schultern: Diskuswerfer Lukas Weiß­haidinger (26), bei Olympia 2016 in Rio Sechster, bei der WM 2017 in London Neunter, gilt als zweiter heißer Medaillenkandidat im ÖLV-Aufgebot.

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Weißhaidinger, Kampfname „Lucky Luki“, hat rein optisch genau gar nichts mit Dadic gemein. Der Koloss aus Taufkirchen in OÖ misst beeindruckende 1,97 Meter und überragt die Mehrkämpferin um ­einen ganzen Kopf. Die mächtigen Schultern des 148-Kilo-Athleten sind doppelt so breit wie die von Dadic, seine Haare­ trägt der Heeressportler militärisch kurz. Doch Weißhaidingers jüngste Leistungen sind ebenso vielversprechend wie die der Teamkollegin: Bereits dreimal verbesserte er heuer den österreichischen Rekord – um insgesamt 1,74 Meter. Beim dritten Mal, am 20. Mai im deutschen Rehlingen, flog die Scheibe 68,98 Meter weit. Damit belegte „Lucky Luki“ Platz drei in der Weltjahresbestenliste, hinter dem Jamaikaner Fedrick Dacres (69,67 Meter) und dem litauischen Weltmeister Andrius Gudžius (69,59 Meter). Zum Vergleich: Der deutsche Olympiasieger Christoph Harting hält bei einer persönlichen Bestweite von 68,37 Metern – 61 Zentimeter kürzer als Weißhaidinger. Klar, dass einer mit solchem Potenzial nicht ohne Ambitionen zur EM reist. „Wenn ich als derzeit Drittbester der Welt und Zweitbester in Europa nicht an eine Medaille denken würde, wäre ich fehl am Platz“, sagt der Mann mit der stolzen Armspannweite von 2,08 Metern. Damit ist Weißhaidinger wie gemacht fürs Diskuswerfen, auch wenn manch ein Konkurrent noch etwas besser konstruiert ist: „Der schwedische Vizeweltmeister Daniel Ståhl hat eine Spannweite von 2,23 Metern“, verrät „Lucky Luki“ und erklärt: „Zwei Zentimeter mehr Spannweite bringen einen Meter mehr Weite. Demnach muss ich gegenüber Ståhl 7,5 Meter durch Technik ausgleichen.“ Dass Weißhaidinger dazu in der Lage ist, hat er auch seinem Trainer zu verdanken: Seit rund zwei Jahren coacht ÖLV-Sportdirektor Högler das Megatalent. „In dieser Zeit ging es nur nach oben“, freut sich der Athlet.

Bei ihrer täglichen Arbeit im BSFZ Südstadt finden Weißhaidinger und Högler auch dank der Förderung durch das „Projekt Olympia“ beste Bedingungen vor. Dem Diskus-Ass stehen ein eigener Raum für Kraftgeräte, ein topmoderner Wurfplatz im Freien sowie Masseure zur Verfügung. Auch bei der Ernährung macht Weißhaidinger keine halben Sachen. Diät halten muss er dabei nicht, im Gegenteil, ein Athlet seiner Statur benötigt bis zu 4500 Kilokalorien, um den täglichen Energiebedarf zu decken. Zum Vergleich: Ein Büroangestellter braucht nur gut 2000 Kilokalorien. Auf ­„Lucky Lukis“ Speiseplan steht fast jeden Tag Steak – bis zu einem Kilo. Zum Glück hat Weißhaidinger neben seinem Hauptsponsor, einem regionalen Energieversorger aus OÖ, auch eine Kooperation mit einer Steakhaus-Kette, die ihn beliefert. „Sonst wär Essen ein teurer Spaß“, lacht er.

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Wobei, Kosten scheute Lukas Weißhaidinger noch nie, wenn es um den sportlichen Erfolg ging. Im Alter von 22 nahm er einen 50.000-Euro-Kredit auf und baute sich auf dem Grund seines Bruders in Taufkirchen eine 6 mal 8 Meter große Trainingshalle, mit Kraftkammer und eigener Wurfanlage: „Das Ding ist von der Bauweise her wie ein Vogelhäuschen: ein bissl Holz, ein bissl Dämmwolle. Aber es ist meine Halle.“ Dort trainiert Weißhaidinger noch heute wie ein Besessener, wenn er daheim ist. „Ich kann den Leuten nicht versprechen, dass ich jemals Gold gewinne“, sagt er. „Aber ich kann versprechen, dass ich jeden Tag alles dafür tue.“

Auch Ivona Dadic will keine Garantien abgeben, aber ausschließen will sie auch nichts, nicht einmal Gold bei der EM – obwohl sie dafür die beste Siebenkämpferin der Welt schlagen muss: Nafissatou Thiam aus Belgien. „In Europa und auch sonst auf der Welt ist grundsätzlich jede zu schlagen, selbst eine Thiam, wenn sie keinen heraus­ragenden Wettkampf abliefert“, sagt „Ivi“ ohne jeden Anflug von Arroganz. Große Ehrfurcht vor großen Namen kennt die Welserin eh nicht: „Sportlich hatte ich nie ein richtiges Vorbild“, sagt Dadic, „aber rein menschlich imponiert mir meine Ex-Trainingspartnerin Jessica Ennis, die trotz ihrer Erfolge stets die Bodenhaftung behalten hat (die Britin gewann 2012 in London olympisches Gold, vier Jahre später in Rio Silber und holte drei WM- sowie einen EM-Titel; Anm. d. Redaktion).“

Am 9. August wird Ivona Dadic in die EM starten, locker und leicht – und mit ihrem typischen Ritual, einem kurzen Kreuzzeichen, bevor sie zum 100-Meter-Hürdensprint in den Startblock steigt. „Ich will in jedem Fall einen guten Wettkampf machen“, sagt sie und wünscht sich von den Fans nur eines: „Bitte schaltets am 9. und 10. August alle den Fernseher ein. Wenn’s klappt mit einer Medaille, kann ganz Österreich mitfeiern.“ Und wenn’s nix wird? „Mit 24 bin ich noch recht jung für eine Siebenkämpferin und dank meines Hauptsponsors (ein oberösterreichisches Heizungs- und Klimatechnikunternehmen; Anm. d. Redaktion) kann ich langfristig planen“, sagt Dadic. „Mein großes Karriereziel ist eine olympische Medaille 2020 in Tokio oder 2024 in Paris. Dazu muss ich natürlich verletzungsfrei ­bleiben, eh klar.“

Lukas Weißhaidinger steigt bereits am 7. August in die EM ein, begleitet von seinem oberösterreichischen „Lucky-Luki-Fanclub“. „Für die Jungs und für mich ist die Europameisterschaft der absolute Saisonhöhepunkt“, sagt der Gigant voller Vorfreude. Rennt es gut, steht Weiß­haidinger am 8. August im Finale der Top 8 von Europa. Dort zählt dann vor allem die Tagesform. Doch „Lucky Luki“ hat ein einfaches, aber bewährtes Rezept, wie man dem Erfolg nachhelfen kann: „Man könnte gleich im ersten Versuch eine richtig schöne Marke vorlegen, an der sich die anderen dann die Zähne ausbeißen.“