Golden State Warriors: Die Revoluzzer der NBA

Die Golden State Warriors verändern mit ihrer revolutionären Spielphilosophie gerade eine ganze Sportart. Doch ist die frappierende Dominanz allein dem Phänomen Steph Curry geschuldet oder auch dem innovativen Management – Stil, wie der an der Spitze der Franchise stehende Investor behauptet?

//Text: Tobias Wimpissinger
//Titelbild: (C) Imago, Getty Images

Im Silicon Valley wimmelt es nur so von hellen Köpfen, nicht wenige von ihnen Basketball-Freaks, die im Alter zwischen 30 und 40 Jahren wahnsinnig viel Geld verdienten. Nun, jenseits der 50, suchen sie sich teure Hobbys, um ihre Dollars auch auszugeben. Wyc Grousbeck etwa, Gesellschafter bei Highland Capital Partners, erwarb 2002 die Boston Celtics, immer mehr Private-Equity-Investoren und Hedgefunder folgten seinem Beispiel. Die Detroit Pistons, Milwaukee Bucks, Philadelphia 76ers und Atlanta Hawks gehören allesamt zu dieser Gruppe von Anlegern, die Sacramento Kings und Memphis Grizzlies sind ebenso im Besitz von Silicon-Valley-Granden. Mit Joe Lacob, Hauptanteilseigner der Golden State Warriors, ergibt dies mehr als ein Viertel der Liga. Der Chef des NBA-Titelträgers ist Venture-Capitalist, bringt mit Beteiligungsgesellschaften bei als riskant geltenden Wachstumsunternehmen Eigenkapital ein. Was den Start-up-Pusher von seinen Kollegen unterscheidet?

Niemand führte bisher einen NBA-Klub nach den Regeln des Silicon Valley: geschicktes Management, offene Kommunikation, Einbindung externer Berater und permanente Neuevaluierung der Schlagrichtung. „Uns hebt die Art ab, wie wir als Business operieren. Was Struktur und Planung anbelangt, sind wir der Konkurrenz um Lichtjahre voraus.“ Lacob kaufte die Warriors 2010 um bis dahin beispiellose 450 Millionen Dollar und stach so Larry Ellison aus, einen der zehn reichsten Menschen der Welt (Ex-Microsoft-Chef Steve Ballmer blätterte später zwei Milliarden für die Los Angeles Clippers hin). Es handelte sich ja nicht um die Lakers, Celtics oder Knicks, sondern um jene Golden State Warriors, die auf einem Parkplatz neben der Autobahn im glamourbefreiten Oakland spielten und seit 1975 nichts gewonnen hatten. Unter Vorbesitzer Chris Cohan verpasste der Verein in 16 Spielzeiten 15-mal die Play-offs. „16 von 30 Teams schaffen es jedes Jahr in die Postseason, statistisch gesehen müsste man also jede zweite Saison den Grunddurchgang überstehen“, rechnete Lacob vor und versprach innerhalb von fünf Jahren einen Titel. Und tatsächlich gewannen die Nordkalifornier im Juni die Meisterschaft.

Ein Kulturphänomen

Heuer mutierte Golden State endgültig zum Kulturphänomen, das mit einem revolutionären Konzept gerade eine ganze Sportart verändert. In 82 Partien der Regular Season sammelte die Truppe 73 Siege und knackte den für ewig erachteten Rekord von Michael Jordans Chicago Bulls 1996. Wie die „Showtime-Lakers“ der Achtzigerjahre um Magic Johnson und Kareem Abdul-Jabbar sind die Warriors nicht nur dafür bekannt, dass sie gewinnen, sondern vor allem, wie sie gewinnen. Man muss kein Basketball-Insider sein, um die fast furchterregende Sicherheit zu bewundern, mit der Superstar Stephen Curry seine Würfe versenkt. Der 28-Jährige trifft aus allen Lagen: von der Mittellinie, im Fallen, nach Dribblings. Vom ursprünglich hässlichen Gedränge unter dem Korb zu freien Jumpern aus der Halbdistanz verlagerten die Warriors ihre Offense immer weiter nach außen. „Noch nie wurde eine Mannschaft um Dreipunktewürfe aufgebaut“, behauptet Lacob. „Aber manchmal ist es schlicht falsch, was alle anderen tun.“

,,Noch nie wurde eine Mannschaft um Dreipunktewürfe aufgebaut. Aber manchmal ist es schlicht falsch, was alle anderen tun.”

Joe Lacob

Wie in seinem Brotberuf setzte der Finanzjongleur, der allein im Segment des Venture Capitals 70 Unternehmen gegründet hat, bei den Warriors einen Verwaltungsrat ein, in dem jede Stimme Gehör findet. „Ich bin nicht der intelligenteste Mensch der Welt, nur ein professioneller Zuhörer, der Meinungen zusammenführt.“ Bestes Beispiel für die flache Hierarchie war der Tausch von Publikumsliebling Monta Ellis gegen den aufgrund eines Knöchelbruchs spielunfähigen Milwaukee-Center Andrew Bogut im März 2012. Es hagelte Kritik. Letztlich sollte sich der Trade als einer der effektivsten in der Basketball-Geschichte erweisen, brachte er doch weit mehr als nur Bogut selbst ein, denn Ellis gehen zu lassen erlaubte es Curry, den Fokus auf die eigenen Würfe zu legen. Eigentlich wollte Lacob Ellis nicht abgeben, seine Berater hatten ihn dazu gedrängt: „Sie haben ihre Argumente angeführt, ich musste mich beugen.“ Der 60-Jährige weiß, dass man ein Team mit negativer Leistungsbilanz nur neu aufbauen kann, wenn es vorher zerlegt wird. Wie oft hatte er diese Strategie nicht bei maroden Unternehmen verfolgt!

In jenem Herbst mussten die Warriors auch die Weiterverpflichtung von Curry diskutieren. Der Guard hatte zwar sein Talent aufblitzen lassen, in der durch den Lock-out verkürzten Vorsaison aber 40 von 66 Spielen des labilen Knöchels wegen verpasst. „Eine Schnittentscheidung“, erinnert sich GM Bob Myers. Lacob fragte den Board, wer sich an einen Spieler erinnern könne, der wegen einer Knöchelverletzung zurücktreten musste. „Uns ist keiner eingefallen.“ Curry erhielt einen Vierjahresvertrag über 44 Millionen Dollar. „Wären wir falsch gelegen, hätten wir 44 Mille für jemanden ausgegeben, der nicht spielen kann“, sagt Myers. Das Babyface entwickelte sich nicht nur zum Top-Spieler der Liga, zudem gibt die im Vergleich zu seinem Status läppische Summe den Warriors im Salary Cap Spielraum, ihm weitere Talente zur Seite zu stellen. Apropos Myers: 2011 als Assistant General Manager engagiert und im Jahr darauf zum Chef befördert, war er einst als Walk-on ins College-Team von UCLA gerutscht, hatte Jus studiert und als Spieleragent gearbeitet. „Der Grund, warum ich hier sitze, liegt einzig im VC-Konzept“, ist dem 41-Jährige bewusst. „Ich verfüge über keinerlei Referenzen, hatte keine Erfahrung. Wenn man allein nach dem Lebenslauf geht, hätte ich mich nicht einmal selbst eingestellt.“ Im Vorjahr kürte die NBA Myers zum Executive of the Year.

(C) GETTY Images
Warriors Besitzer Joe Lacob.

Der ungewöhnliche Stil

Mark Jackson im selben Sommer zum Headcoach zu ernennen sorgte ebenfalls für Kopfschütteln. Jackson hatte für sieben NBA-Teams gespielt und als Kommentator gearbeitet, aber nie gecoacht. In der zweiten und dritten Saison verschaffte er sich mit Play-off-Einzügen Respekt. Umso verständnisloser fielen die Reaktionen aus, als ihn Lacob 2014 trotz einer Saison mit 51:31-Siegen durch Steve Kerr ersetzte. Der Klubchef vertrat die Auffassung, dass ein anderer Leadership-Stil gefragt sei, um die Warriors vom Play-off-Team zum Titelaspiranten zu pushen. Eine erfolgreiche Führungskraft mit limitierter strategischer Vision gegen eine auszutauschen, die höher zielt, kommt im Sport kaum vor, im Venture Capital hingegen ständig. Als Spieler hatte Kerr NBA-Titel mit Chicago und San Antonio gefeiert, später wurde er GM in Phoenix, danach TV-Experte. Nur gecoacht hatte er nie, weder als Assistent noch als Cheftrainer. Doch spürte Lacob, dass Kerr besser in die Organisationsstruktur passen würde.

Seine Bereitschaft, andere Meinungen zumindest in Betracht zu ziehen, könnte sogar der Schlüssel zum Titelgewinn 2015 gewesen sein. Im Finale gegen Cleveland 1:2 zurück, schaute sich Nick U’Ren, de facto für die musikalische Trainingsuntermalung zuständig, zufällig einen Ausschnitt von den Play-offs der vorangegangenen Saison an. Dabei fiel ihm auf, wie die Spurs gegen LeBron James verteidigt hatten, und schlug vor, Bogut durch den 15 Zentimeter kleineren, aber stämmigeren Andre Iguodala zu ersetzen. Kerr folgte dem Rat, die Warriors verloren kein Spiel mehr. „Ich habe für neun verschiedene Organisationen gespielt, aber so etwas habe ich noch nie erlebt“, staunte Guard Shaun Livingston. „Nick war nicht einmal Assistant Coach, er war der Videokoordinator, doch Kerr hörte auf ihn.“

Derweil wird in der Liga ob der Warriors-Dominanz eine Verlegung der Dreierlinie und die Einführung einer Vierpunktemarkierung diskutiert, was Curry allerdings nur entgegenkommen würde. Die Bay-Area-Gang sucht ihr Glück regelmäßiger aus der Distanz, erzielt auch eine höhere Trefferquote, scort um 20 Prozent öfter als jedes andere Team. Curry selbst trifft jeden zweiten seiner Schüsse von außen, der Rest der NBA erreicht nur 24 Prozent. Im Februar setzte das 86-Kilo-Hendl in Oklahoma City zu 16 Würfen jenseits der 27 Fuß an, traf 12 dieser Dreier und zeichnete für wahnwitzige 47 Punkte verantwortlich. Drei Sekunden vor Ende der Overtime, beim Stand von 118:118, päppelte er den Ball über die Mittellinie, blieb beim R des Thunder-Logos stehen und hob ab. Die Warriors, die im 53 Minuten währenden Spiel ganze 29 Sekunden geführt hatten, gingen als Sieger vom Court. In den heurigen Play-offs musste Oakland nach den Knöchel-bzw. Kniesorgen nicht nur das Scoring des 1,91-Meter-Schlakses weitgehend ersetzen, sondern auch seine eisernen Nerven, die irren Dribblings, die fantastischen Dreier. In Panik verfällt Kerr deshalb nicht: „Kein Team wird ohne Probleme Champion.“ Freilich ist ein herausragender Akteur eminent, eine Franchise zu Ruhm und Glanz zu führen, doch macht er es allein aus? LeBron James konnte noch keinen Titel mit Cleveland feiern. Den ewigen Allstars Kevin Durant und Russell Westbrook gelang selbiges in Oklahoma nicht einmal im Duett. „Es geht nicht um Steph Curry“, beharrt Lacob. „Es geht darum, eine Mannschaft zu formen, einen Spielstil zu kreieren, bei dem die Räder ineinandergreifen.“

Die Warriors: Ein bisschen Blackjack

Und Zocken liegt dem gewieften Entrepreneur, der sich zu den zehn besten Blackjack-Spielern der Welt zählt: „Ich sollte das nicht erzählen, aber ich habe neunmal über eine Million Dollar in nur einer Session gewonnen.“ Wie im Glücksspiel gebe es auch im Sport keine exakten Prognosen, das mache ja den Reiz aus. Man kann lediglich versuchen, die Chancen auf das erhoffte Ergebnis zu erhöhen. Lacob verfügt über diese besondere Gabe, für alles ein ausgeklügeltes System erarbeiten zu können. An der Universität von Irvine hat er einst einen Rechenkurs unter Edward Thorp besucht, dessen Bestseller Beat the Dealer aus dem Jahr 1962 skizziert, wie man beim Blackjack durch Kartenzählen mit einem sicheren Plus aussteigt. Von den Casinos mit Hausverbot belegt, lehrte Thorp das System seine Studenten, finanzierte ihnen Trips nach Las Vegas und beteiligte sich am Gewinn. Lacob war einer dieser Studenten. Beim Kauf der Warriors agierte er ähnlich, zählte die Karten und setzte auf Risiko – und gewann.