Giganten!

In der MotoGP- Weltmeisterschaft tobt der Kampf der Konzerne. Ein halbes Dutzend von Werken buhlt und pokert um die schrägsten Typen. Der In-Team-Report aus den Lenkfabriken.

||Text: Gerald Enzinger||Fotos: Red Bull Content Pool/Gold & Goose

Stell dir vor, deine Firma macht dir ein groß­artiges Geschenk – und flüstert so nebenbei, dass dies ein Abschiedspräsent ist. So ähnlich muss es sich für den ­kleinen großen Dani Pedrosa angefühlt haben, als er am 5. Juni am Red Bull Ring einen Formel-1-Boliden (einen als Toro Rosso verkleideten Red Bull RB12, mit dem Sebastian Vettel 2012 Weltmeister geworden ist) testen durfte – fast auf die Minute zeitgleich sandte Repsol Honda ein Mail aus mit der lapidaren Message, dass man sich von Dani zum Ende der Saison trennen wird. Ein Rauswurf, nachdem der Katalane mit den vielen Brüchen in seinem Leben seine ganze Karriere bei Honda verbracht hatte.

Aber wohl auch die richtige Entscheidung, denn als sein Nachfolger wurde Ducatis Langzeit-Loser Jorge Lorenzo geholt, der seinerseits quasi zeitgleich mit der Unterschrift plötzlich wieder zum Winner-Typ wurde, noch für sein erstauntes Ducati-Team. Lorenzos Wechsel zu seinem Teilzeit-Buddy Marc Márquez, der angeblich unbedingt einen extraschnellen Teamkollegen wollte, bringt den ­Fahrermarkt zum Rotieren. Lorenzo zu Honda, Petrucci zu Ducati, Zarco zu KTM, Iannone zu Aprilia, Wunderkind Mir zu Suzuki. Veteranen wie Scott Redding stöhnen: „Irre, wie früh in der MotoGP schon die Transfers für die ­nächste Saison gemacht werden. Du bekommst gar keine Chance mehr, dich zu beweissen – eben hat die Saison begonnen, schon bist du wieder Geschichte.“ Doch es sind auch die Teams, die zunehmend unter Druck geraten, denn die MotoGP-Entwicklung in den vergangenen Jahren, die einem­ Steilflug ähnelt, führt auch hier längst zu einem beinharten Wettrüsten der Konzerne. Hier die Japaner Honda, Yamaha und Suzuki, dort die Europäer mit KTM, Aprilia und natürlich Ducati. Wer aber ist wie aufgestellt in diesem Wettrüsten, wie konnte KTM mit Zarco einen so sensationellen Transfercoup landen und wieso darf, kann, will Valentino Rossi einfach nie aufhören?

HONDA: DREAMTEAM

Das HRC-Rennteam, 1982 gegründet, ist und bleibt eine Konstante – was man auch schon daran erkennt, dass Repsol den Sponsorvertrag bis 2022 verlängerte. Kein Wunder: Mit Marc Márquez hat Honda den vielleicht komplettesten ­Fahrer der Geschichte im Sattel. Der ist bereits auf dem Weg zu seinem siebenten (!) WM-Titel in nur neun Jahren und in Sachen Bike-Control und Saves-Management ebenso einzigartig wie in der Kategorie Wahnsinn. Nur im Formel 1 war er, wie man so hört, langsamer als sein Noch-Teamkollege Pedrosa. 15-mal hat das Honda-Werksteam die WM gewonnen, mit Legenden am Steuer: Doohan, Crivelle, Rossi, Hayden, Stoner, Márquez. Das Rennteam selbst ist in Belgien sta­tioniert, der starke Mann ist der Spanier Alberto Puig. Er, der seine eigene Kar­riere nach einem schweren Crash 1995 beenden musste, machte aus Stoner und Pedrosa Stars, ist seit heuer in führender Rolle zurück im Team. Und in Zukunft kann man vielleicht auch verstärkt mit dem Formel-1-Team von Red Bull Racing kooperieren, immerhin wird das künftig ebenfalls auf Honda setzen – und die gute Zusammenarbeit zwischen Sponsor Red Bull und dem Honda-MotoGP-Team war für diesen Deal sicher eine gute Ausgangsbasis.

Ducati: ROTE RAKETEN

Ducati ist das MotoGP-Pendant zum Nachbarn Ferrari: emotional und rot. Die Marke, die einst zum MotoGP-Launch in die Königsklasse gekommen ist, hat bisher aber erst ein einziges Mal den Titel gegen die japanische Konkurrenz gewinnen können – 2007 mit Casey Stoner (damals erst 21). Die Maschine mit dem charakteristischen 90-Grad-V4-Motor war so überlegen, dass Konkurrent Valentino Rossi verzweifelte: „Nie zuvor in meinem Leben habe ich ein Motorrad gesehen, das viel stärker ist.“ Jahre später verzweifelte er wieder wegen Ducati, diesmal aber, weil er dort fuhr und damit sagenhaft erfolglos war. Seine WM-Plätze: 7. und 5. Siege: null. Doch Ducati ist wieder nach vor gekommen, und das im wahrsten Sinn des Wortes superschnell. Im Vorjahr war Andrea Dovizioso bis zum Ende sensationell im WM-Rennen, in Spielberg feierte er dabei einen seiner größten und spektakulärsten Siege – im Zentimeterduell gegen Márquez –, doch 2018 verläuft sonderbar: Millioneneinkauf Lorenzo ist plötzlich ein Siegfahrer nach eineinhalb Jahren voller Pleiten,­ doch er wird zu Honda wechseln. Und „Dovi“ schwächelt. Trotzdem ist Ducati ein Team mit einer großen Perspektive und eine echte „Marke“. Und 2019 italienisch wie selten ­zuvor, wenn Petrucci statt Lorenzo kommt. Da vergisst man fast, dass Ducati den Deutschen gehört – Volkswagen.

Yamaha: ROSSIS UNIVERSUM

Vor dem Rennen am Sachsenring war Yamaha schon mehr als ein Jahr lang sieglos, so eine Unserie gab es erst einmal, das war 2003. Dabei war Viñales im Vorjahr noch der Meisterschaftsfavorit, doch der Spanier, bei Suzuki 2016 sen­sationell, setzt sich enorm unter Druck – und so gewinnt Valentino Rossi, bei den ersten 17er-Tests noch chancenlos, wieder die Oberhand. Seine Vertragsverlängerung war so nur noch Formsache: Rossi kann (noch) nicht ohne Rennen leben, doch auch die MotoGP braucht ihren größten Star noch, niemand hat diesen Sport je so geprägt wie er. Gespannt darf man aber auch auf Petronas Yamaha werden, das neue B-Team der Japaner.

Suzuki: MIR SAN MIR

Seit Jack Finlay 1971 den ersten Grand Prix für Suzuki ­gewann, waren die Japaner eine Größe im Sport: Gerhard-Berger-Buddy Barry Sheene, Marco Lucchinelli, Franco Uncini, der große Kevin Schwantz und Kenny Roberts jr. holten bis 2000 sechs WM-Titel. Doch seitdem steht Suzuki für ­Chaos. Viele Richtungsänderungen und ein enormer Verschleiß an Fahrern haben Suzuki hinter den Lokalrivalen Yamaha und Honda einbetoniert. Nur zwei Rennen konnten in der MotoGP gewonnen werden: Vermeulen 2007 in Frankreich, Viñales 2016 in England. Heuer fährt man regelmäßig aufs Podium, 2019 kommt ein Megatalent als Iannone-Ersatz: ­Johan Mir, 2017 Moto3-Weltmeister.

Aprilia: ANDREA KOMMT

Seit 2015 sind die Italiener wieder zurück, doch die ersten Jahre waren eine Enttäuschung – auch im Vergleich mit KTM. Nun will man wieder professioneller werden und etwa das Testteam enorm verstärken. Dazu wurde ein Pilot mit Star-Power verpflichtet: Andrea Iannone, 2016 Sieger in Spielberg, wird kommen und neben Aleix Espargaró ­angasen. Aus dem Schatten Ducatis?