Geisterfahrer: Die Schnapsideen der Formel 1

Irren ist menschlich! So betrachtet ist die Formel 1 ein menschlicher Sport. Als Tribute an Ecclestones gescheitertes K.-o.-Qualifying: die schlechtesten Ideen der Grand-Prix-Geschichte.

//Text: Gerald Enzinger
//Titelbild: (C) Imago

Bernie Ecclestone sprüht in diesem Frühling vor Ideen, und das mit 85. Erst wollte er Formel1-Rennen so aufwerten, dass er den Trainingsbesten nur als Zehnten losfahren lassen wollte, den Zweiten als Neunten und so weiter. Nicht ganz praktikabel. Dann wollte er Strafsekunden für die Besten der WM: Der Leader hätte vier Sekunden zu seiner Quali-Zeit addiert bekommen, der Zweite 3,6 Sekunden. Am Ende hätte so wohl meistens der Indonesier Rio Haryanto die Poleposition geerbt. Um diese absurden Ideen zu verhindern, entschieden sich die Teams für ein K.-o.-Qualifying, das aber gnadenlos scheiterte. Da die Rennställe in Q3 meist nur einen Satz Reifen hatten, fuhren sie schnelle Runde meist sofort – und in den letzten Minuten herrschte gähnende Langeweile. Und so hat sich die Formel 1 einmal mehr ohne Not blamiert. Doch diese Geschichte soll ein kleiner Trost sein, denn wie Sie lesen können, war es beileibe nicht die erste schlechte Idee in der Historie der Formel 1.

Ich verkleide mein Auto, aber voll!

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Arrows ist das erfolgloseste Team in der Grand-Prix-Geschichte. Rennen: 382. Siege: 0. Dabei hatten die Engländer immer Ideen: So etwa den A2 von 1979, genannt „Die Bombe“. Das voll verkleidete Auto hatte keinen Frontflügel und nur einen flachen Heckflügel. Der Versuch scheiterte, das Auto war unmöglich aerodynamisch ­auszubalancieren und generierte kaum Abtrieb. Jochen Mass und Riccardo Patrese kamen nur auf fünf Punkte – gemeinsam.

Ich lasse mir jetzt einen Nasenflügel wachsen!

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Vor dem Monaco-Grand-Prix 2001 investierte Arrows 170.000 Euro in einen „Nasenflügel“. Das ungewöhnliche Bauteil sollte den Abtrieb an der Vorderachse um drei Prozent erhöhen. Doch die FIA stufte das Ganze als Sicherheitsrisiko ein – und verbot das Ding nach einem freien Training wieder. Fahrer Jos Verstappen ­erinnert sich: „Für uns war das damals eine Riesenenttäuschung!“

Wir bauen eine Rennstrecke ins Nichts!

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Darauf muss man erst einmal kommen: Im südkoreanischen Yeongam baute man eine Rennstrecke, und zwar nur für die Formel 1, da dort sonst keine Serien stattfinden. Später wollte man eine Stadt rund um den Rennkurs bauen. Der Gouverneur der Region kam ins Gefängnis, die Stadt wurde nie gebaut – und jetzt steht die Strecke allein im Niemandsland. Die Formel 1 kommt auch nicht mehr, Zuschauer kamen nur ein paar Tausend. Die Schere zwischen Einnahmen (17 Millionen) und Ausgaben (60 Millionen Euro pro Jahr) war nicht mehr tragbar.

Wir machen eine neue Hinterradaufhängung!(C) SPORTMAGAZIN

Mit einer spektakulären und neumodischen Hinterradaufhängung wollte March 1972 mit dem Modell 721X in die Liga der ganz Großen. Nur der neue Pilot, ein gewisser Niki Lauda, motzte: „Der Schas funktioniert nie.“ Keiner hörte auf den Jungspund und das Projekt floppte schmachvoll.

 

Ich bin jetzt dann mal ein Scheich!

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Viele an der Rennstrecke von Sakhir trauten an diesem Sonntag im April ihren Augen nicht: Da kam der Polesetter Lewis Hamilton und war gekleidet wie ein Scheich, aber mit einer Jesus(!)-Kette. Via Instagram huldigte er zudem seinen Freunden vom Herrscherhaus. Die Folge: ein Shitstorm -Bahrain gilt eben nicht als Musterland der Demokratie.

Ich bastle mir jetzt mein eigenes Team!

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Emerson Fittipaldi war – zu seiner Zeit – der jüngste Weltmeister der Formel 1, dann der jüngste Doppelweltmeister. Später, 1975 und mit 29 Jahren, hörte er auf sein Herz: Geködert von den Millionen der brasilianischen Zuckerindustrie wechselte er ins Copersucar-Team, das ihm und seinem Bruder Wilson gehörte. Er gewann nie mehr ein Rennen und zerstörte so seine Formel-1-Karriere. Wie schlecht das Fittipaldi-Team war, sah man 1981: Pilot Keke Rosberg machte keinen einzigen Punkt, wechselte zu Williams – und wurde sofort Weltmeister. Der umgekehrte Weg von Emerson. PS: Der letzte erfolglose Fittipaldi wurde übrigens von einem gewissen Adrian Newey gebaut.

Wir bauen uns einen Motor!

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Subaru wollte 1989 auch in die boomende Formel 1 einsteigen – mit einem eigenen Motor, einem 12-Zylinder-Boxertriebwerk. Doch irgendwer muss sich verrechnet haben, am Ende hatte er mehr als 100 (!) Kilo Übergewicht und war völlig chancenlos.

Ich fahre mit meiner Turbine!

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Der große Erfinder Colin Chapman wollte 1971 wieder einmal eine Revolution auslösen: Er bestückte seinen Lotus 56B mit einer Gasturbine, die von Pratt &Whitney gefertigt wurde, und sorgte zudem für einen Allradantrieb. Doch die Turbine sprach nur vezögert an, das Projekt scheiterte – die Piloten Dave Walker, Reine Wisell und Emerson Fittipaldi blieben alle ohne Punkt. Heutzutage ist eine Gasturbine als Antriebsquelle längst verboten.

Ecclestone: Ich bin der Chef und hab Ideen!

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Schon vor dem Qualifying-Desaster sprühte Bernie Ecclestone vor Ideen: Wir erinnern uns, dass er alle Rennstrecken künstlich ­bewässern und für Regen-Action sorgen wollte, dass er Abkürzungen im Strecken­layout zum Überholen haben wollte, und wir gedenken der Saison 2014, als es im letzten Rennen doppelte Punkte gab, weil Ecclestone so die Spannung hochhalten wollte. Und er wollte eine eigene Frauen-WM, obwohl derzeit nur eine Frau ein F1-Auto lenken kann.

Braten wir einmal die Frau vom Kollegen an!

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2005 kam Juan Pablo Montoya zu McLaren. Das ist an sich schon eine absurde Idee, da der heißblütige Kolumbianer wie die Antithese zu Teamchef Ron Dennis ist. Zudem hatte Rami Räikkönen, der Bruder von Montoyas McLaren-Teamkollege Kimi, vor dem ersten gemeinsamen Rennen nichts Besseres zu tun, als (erfolglos) die Frau von Montoya in einer japanischen Hotelbar anzubraten – was mit Handgreiflichkeiten endete. 2006 in Indy kollidierten Montoya und Räikkönen auf der Strecke – Stunden später war Montoyas McLaren-Zeit Geschichte.

Jetzt holen wir uns einmal eine große Nummer!

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Nigel Mansell ist eine Legende in der Formel 1.1995 wurde er von McLaren verpflichtet, doch die Rechnung ging nicht auf: Mansell war dicker als gedacht, er passte nicht ins Cockpit. Die ersten beiden Rennen musste er auslassen, nach größeren Umbauarbeiten konnte er dann zwei Rennen (erfolglos) absolvieren. Dann hatte er genug: Er trat zurück.

Wir schicken uns in die Wüste!

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Ferrari, Toyota und BMW Sauber fühlten es: Sie waren im Februar 2009 einen Tick schlauer als die Konkurrenz. Toyotas Technik-Chef Pascal Vasselon brachte es auf den Punkt: „Wir testen heuer in Bahrain statt in Spanien, die Wetterbedingungen in Europa sind einzu großes Risiko.“ Man investierte Millionen in Testfahrten in Sakhir. Doch nach zwei Tagen mussten die Zelte abgebrochen werden, heftige Sandstürme machten es unmöglich zu fahren. Die Rivalen, die zeitgleich inBarcelona in der Sonne saßen, strahlten um die Wette.

 

 

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