Gastkommentar: Das ÖFB-Team war mental zu schwach

Der Motivationspsychologe, Mentalcoach und Buchautor Mag. Dr. Jörg Zeyringer erklärt in seinem Gastkommentar für das SPORTMAGAZIN, woran die österreichische Mannschaft bei der EURO scheiterte.

Titelbild: (C) Imago

Selbstbewusst und mit hohen Zielen erreichen die Spieler am 8. Juni 2016 ihr Quartier im Hotel „Moulin de Vernègues“ bei Mallemort. In der Heimat setzt man große Erwartungen in die Truppe von Marcel Koller, der in Österreich ob der erfolgreichen Qualifikation beinahe wie ein Nationalheld gefeiert wird. Die Kronen Zeitung stellt sogar die Frage: „Reif für den Titel?“ So geht Österreich am 14. Juni um 18 Uhr als Favorit in das Auftaktspiel gegen Ungarn. 95 Minuten später ist alles anders. Österreich verliert nach einer schlechten Leistung mit 0:2.

Wie ist es zu erklären, dass eine Mannschaft, die in der Qualifikation dominiert und begeisternden Fußball zeigt, im entscheidenden Match versagt? Was hat am Dienstag, dem 14. Juni, gefehlt und dazu geführt, dass die ÖFB-Elf unkonzentriert und unpräzise, ohne Mut und Kreativität, nervös und vor allem ohne Power aufgetreten ist?

Die Antwort ist ebenso einfach wie komplex. Das ÖFB-Team war an diesem Abend mental zu schwach. Dies war zwar erst in diesem Match deutlich geworden, hat sich aber schon angekündigt, als Informationen über die Vorbereitungsstrategie an die Öffentlichkeit gelangten.

Was ist schiefgelaufen?

Es ist nicht gelungen, alle kognitiven und emotionalen inneren Prozesse entsprechend zu steuern, zu koordinieren und in den Dienst des angestrebten Zieles zu stellen. Dadurch vermochte das Team die zur Verfügung stehenden Fähigkeiten nicht abzurufen und die mit dem Ziel verbundenen konkreten Handlungen optimal auszuführen. Marcel Koller gesteht ein, „dass es nicht gelungen ist, die psychische Komponente in den Griff zu bekommen“. Stellt sich eine weitere wichtige Frage: Was ist schiefgelaufen in der Vorbereitung auf dieses wichtige Auftaktspiel?

Den größten Fehler sehe ich darin, dass die Devise „Das Ungarn-Match ist ein Spiel wie jedes andere“ ausgegeben wurde. Damit wollte man die Spieler vor zu hohem Druck bewahren und zugleich die angenehme, in und von der Öffentlichkeit so sehr genossene Win-Situation verlängern. „Wir bereiten uns im physischen Bereich wie immer vor. Und das gilt auch für den psychischen. Wir ziehen das Programm wie bisher durch. Der Umstand, dass die Europameisterschaft etwas Besonderes ist, soll gar nicht zum Thema werden in den Spielerköpfen“, sagt der Sportpsychologe des Teams. Eine folgenschwere Fehleinschätzung und -entscheidung.

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Die Spieler und die Zustandsangst

So erleben die Spieler zumindest unbewusst zwei verschiedene Welten. Auf der einen Seite jene aus ihrer eigenen Wahrnehmung, sie befinden sich in einem Endrundenturnier und spüren, dass die damit verbundenen Herausforderungen etwas Besonderes sind und das Auftaktspiel gegen Ungarn ein zumindest vorentscheidendes, folglich eben kein normales Spiel wie jedes andere ist. Auf der anderen Seite begegnen ihnen Trainer und Betreuer, die suggerieren: alles „normal“. Für die Spieler entsteht so in den Tagen in Mallemort möglicherweise eine kognitive Dissonanz, die von dem einen oder anderen Spieler vielleicht sogar bewusst wahrgenommen wird und aufgelöst werden muss. Das Kontrollzentrum im Gehirn reagiert darauf, indem die Stressproduktion angekurbelt wird. Übermäßiger Stress reduziert die kognitive Leistungsfähigkeit und setzt die geistige Flexibilität herab. Dies wiederum kann eine sogenannte „Zustandsangst“ auslösen, die sich in die Kopf der Spieler einschleicht. Langsam und kaum wahrnehmbar.

(C) IMAGO

Zustandsangst führt dazu, dass die Aufmerksamkeitsregulation einer Person weniger effizient ist. Das „stimulusgetriebene Aufmerksamkeitssystem“ übernimmt das Kommando und drängt das „zielorientierte“ zurück. Zustandsangst führt zu schlechten Leistungen. Bei Marko Arnautovic sieht man dieses Phänomen am 14. Juni 2016 deutlich. Er legt sich in den 90 Minuten immer wieder mit seinen Gegenspielern an und verstrickt sich in unnötige Diskussionen mit dem Schiedsrichter. Der Fokus auf das Spiel ist bei ihm nach wenigen Minuten ausgeblendet. Hinzu kommt, dass die Auflösung der kognitiven Dissonanz die „Kraftspeicher“ der Spieler schwächt. Selbstregulationen, die eine gezielte Handlungskontrolle unterstützen, fallen schwer und emotionale Impulse können weniger gut beherrscht werden.

,, Die siegreiche Vergangenheit diente dazu, die Relevanz aktueller Mängel abzuschwächen.”

Ein weiterer Faktor, der sich auf die Leistungsfähigkeit des österreichischen Teams negativ ausgewirkt haben könnte, liegt in der Vergangenheitsorientierung, die ich beobachtet habe. Selbst als die beiden letzten Vorbereitungsspiele gegen Malta und Holland gezeigt haben, dass das Team seine Möglichkeit nicht ausschöpft, wurde auf die großartigen Leistungen in der Qualifikation hingewiesen: Die siegreiche Vergangenheit diente dazu, die Relevanz aktueller Mängel abzuschwächen. Ein Detail, das diesen Eindruck verstärkt, sehe ich darin, wie oft öffentlich auf die gute Platzierung in der FIFA-Weltrangliste verwiesen wurde. Über vergangene Erfolge zu sprechen hat wohl einen positiven, aber auch einen negativen Aspekt. Sie wirken sich günstig auf das Selbstwertgefühl aus. Andererseits verführen sie, sich in eine Komfortzone zu begeben, in der man glaubt, schon gut genug zu sein. Führt man sich die Reaktionen von Fußball-Österreich sowie die Berichterstattung in den Medien nach der gelungenen Qualifikation vor Augen – das Team wurde herumgereicht, als ob es schon den Titel gewonnen hätte -, dann könnte es sein, dass es manchen Spielern schwerfiel oder sogar unmöglich war, ihr hohes Leistungsniveau wieder zu erreichen oder zu steigern. In der von der Öffentlichkeit und vom Team selbst geschaffenen Situation vermochten sie die Zielsetzungen nicht so aufzubauen, dass sie tatsächlich wirksam werden konnten. Gerade nach dem Erreichen eines großen Vorhabens wie der Qualifikation ist es entscheidend, neue Ziele mit der Mannschaft so zu erarbeiten, dass sie geeignet sind, diese besondere Spannung aufzubauen und eine hohe Identifikation zu stiften.

Zu dieser kritischen Betrachtung über das ÖFB-Team möchte ich jedoch auch anführen, dass alles ganz anders hätte kommen können, hätte David Alaba in der ersten Spielminute gegen Ungarn ins Tor und nicht die Stange getroffen. Jedenfalls signalisiert aber die Aussage „das Spiel gegen Ungarn ist eines wie jedes andere“, dass keine neue Situation geschaffen wurde, somit das neue Ziel mental von der alten Situation überlagert war. Willibald Ruttensteiner, der Sportdirektor des ÖFB, erklärte zu Beginn der Europameisterschaft, es wäre nicht gut, „die bisherige Routine abzuändern, weil sie bisher funktioniert hat“. Tatsächlich sind Routinen einerseits von Vorteil, als sie bekannte Abläufe verfestigen und somit Sicherheit, Struktur, Ordnung geben, andererseits – und dies halte ich für das Wesentliche – fördern Routinen Bequemlichkeit, minimieren Risiko- und Einsatzbereitschaft und erschweren einen neuen Spannungsaufbau. Deshalb sind neue Elemente, die für Überraschungen sorgen, in den Tages- und Trainingsablauf zu integrieren und so entsprechende Spannungsmomente zu setzen.

Ja, die EURO ist etwas Besonderes

Für das Entwickeln einer hohen mentalen Stärke wäre es günstiger gewesen, mit den Spielern die Besonderheit der Europameisterschaft und die damit verbundenen Möglichkeiten sowie die Risiken zu thematisieren. Mutig zu akzeptieren, dass es viel zu gewinnen, aber auch zu verlieren gibt. Dann hätten konkrete Handlungspläne dafür erarbeitet und in diversen Simulationen erlebt werden können. Zudem ist es von eminenter Wichtigkeit, nach Erreichen eines Zieles den erfolgreichen Weg zu analysieren und damit das Kapitel abzuschließen. Sodann sind die psychischen Kapazitäten frei, sich auf das nächste große Ziel zu konzentrieren.

Mentale Stärke ist immer im Lichte der jeweiligen Situation zu fördern. Dies bedeutet: Eben „der Umstand, dass die Europameisterschaft etwas Besonderes ist“, hätte unbedingt im Kopf der Spieler zum Thema werden müssen. Nur so schafft man den für den Erfolg wesentlichen mentalen Zustand: Man muss eine Kongruenz zwischen dem persönlichen Empfinden und der Umwelt herstellen, in der sich das Subjekt wahrnimmt. Die österreichischen Teamspieler erleben sich in einem Trainingsquartier, das für sie ungewöhnlich ist, für eine Dauer, die für sie unüblich ist, in einer medialen Präsenz, die außerordentlich ist, sie stehen vor Herausforderungen und Belastungen, die größer als die zuvor gekannten sind, usw. Und genau diese Situation muss thematisiert werden, um den Spielern die Chance zu geben, ja sie zu zwingen, die Kongruenz zu erleben, also auch psychisch in der Endrunde anzukommen.

Der ÖFB-Elf gelang es in Mallemort nicht mehr, sich mental neu aufzustellen. Zwar erkämpfte das Team im zweiten Gruppenspiel gegen Portugal mit viel Glück ein 0:0, trat jedoch in der ersten Hälfte des entscheidenden Gruppenspiels gegen Island ähnlich auf wie gegen Ungarn. Erst als es mit 0:1 in die Pause ging, dadurch allmählich klar wurde, dass dies das Ende des EURO-Traums bedeutet, und Teamchef Marcel Koller Umstellungen vornahm, spielte das Team beherzten Fußball. Leider genügte eine gute Halbzeit nicht, um sich für das Achtelfinale zu qualifizieren.

Der Gastkommentar ist ein Exklusiv-Vorabdruck von Zeyringers im November erscheinendem Buch „Vom Traum zum sportlichen Erfolg“.

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