Das große Garics-Interview: „Wenn du um das Leben deines Vaters kämpfst, ist alles anders“

Vor kurzem wurde bekannt, dass der 41-fache Internationale Gyuri Garics seine Profikarriere per offenem Abschiedsbrief an seine Fans beendet hat. Eine Karriere, die deutlich mehr zu bieten hatte als Sieg, Niederlage oder Unentschieden. Grund genug für uns, noch einmal jenes letzte wirklich große Interview, welches Garics im September 2016 dem Sportmagazin nach einem schicksalsschweren Sommer gegeben hat, in voller Länge zu veröffentlichen. Auch, weil es eins der Gespräche mit echtem Tiefgang war.   

//Interview: Markus Geisler
//Bild: (c) GEPA-Pictures

„Dann ändert sich plötzlich alles

Ein Interview, in dem der Fußball nur eine Nebenrolle spielt, denn Gyuri Garics hat das härteste Jahr seines Lebens hinter sich. Nicht als Fußballer, sondern als Mensch. Hier spricht er erstmals über den tragischen Tod des geliebten Vaters und erklärt, warum er seinen Vertrag bei Darmstadt 98 auflöste. Und er kündigt an: „Ich brenne auf eine neue Aufgabe.“

SPORTMAGAZIN: An dem Tag, als die EURO eröffnet wurde, erlag dein Vater nach langem Kampf einem Krebsleiden. Nach der EM hast du, für viele überraschend, deinen Vertrag in Darmstadt aufgelöst und dich zurückgezogen. Hast du die Geschehnisse des Sommers schon verarbeitet?

GYURI GARICS: Das ist ein Prozess, der noch andauert und auch noch andauern wird. An sich ist es ja nichts Ungewöhnliches, den eigenen Vater begraben zu müssen, aber er war nicht nur mein Vater, sondern auch mein Trainer, Berater, Begleiter. Noch dazu war er viel zu jung, er wurde im April 62. Das ist kein Alter zum Sterben. Und auch wenn es dafür nie den richtigen Zeitpunkt geben kann, so kurz vor der EURO, vor dem Spiel gegen Ungarn, das für mich auch so schon brisant gewesen wäre das hätte sich ein Regisseur für ein Drama nicht besser ausdenken können.

Du hast dich in Frankreich sofort den Medien gestellt und auf sehr berührende Art und Weise von deinem Vater erzählt.

Ich bin ein sehr offener und ehrlicher Mensch. Für einen Profifußballer vielleicht manchmal zu offen und ehrlich. Ich weiß, dass in so einer Situation Dinge kolportiert werden können, die nicht der Wahrheit entsprechen. Und bevor manche irgendwelche Blödheiten in die Welt setzen, dachte ich: ‚Dann sollen sie wenigstens das schreiben, was ich selbst sage.‘ Außerdem wollte ich meiner Verantwortung meiner Familie, aber auch dem ÖFB gegenüber gerecht werden. Ob das allen gefallen hat, ist mir egal.

Wie schwer fiel dir der Schritt an die Öffentlichkeit?

Das war nicht einfach, das kannst du mir glauben, aber ich wollte es so machen, weil es meinem Naturell entspricht.

Du hast schon in Frankreich betont, dass eine Abreise kein Thema war, weil es dein Vater sicher nicht gewollt hätte. Er wäre der Erste gewesen, der mich geschimpft hätte, wenn ich das Team verlassen hätte. Natürlich konnte ich die EM nicht so erleben wie meine Kollegen, andererseits war es eine gute Ablenkung. Ich möchte an dieser Stelle aufrichtig Danke sagen an das komplette Team und den Trainerstab, die seit Beginn der Vorbereitung diesen Kampf zwei Monate mit mir zusammen ausgetragen haben. Jeder hat mit mir mitgefiebert, das war für mich wirklich wie eine Familie. Sie alle haben es mir leichter gemacht.

Du hast in Frankreich vor allem deiner Frau gedankt, die sich zehn Monate lang um deinen Vater gekümmert hat. Das heißt, dein Vater war in Bologna, wo du deinen Hauptwohnsitz hast, und du bist zwischen Darmstadt und Italien gependelt.

Genau! Ich bin ständig hin-und hergeflogen, hätte locker einen Sponsorvertrag mit der Lufthansa abschließen können. Meine Frau hat sich um meine Eltern gekümmert, mit den Ärzten kommuniziert, alles organisiert. Ich weiß nicht, wie viele Menschen so etwas heutzutage für ihre eigenen Eltern tun. Und glaub mir: Es ist nicht leicht zu sehen, wie sich jemand durch den Krebs in kürzester Zeit verändert. Dazu kam noch, dass genau in der Zeit ihr eigener Vater auch schwer erkrankte.

Parallel dazu hast du mit Darmstadt eine tolle Saison gespielt, ihr habt als absoluter Underdog die deutsche Bundesliga gerockt. Wie schwer war es, sich in dieser Phase auf Fußball zu konzentrieren?

Sehr schwer! Die 90 Minuten am Wochenende und die 120 Minuten Training am Tag, da hatte ich eine gewisse Ablenkung. Ich weiß schon, dass sich das für einen Profi blöd anhört, wenn er von Ablenkung spricht. Es war aber so, dass das die einzige Zeit des Tages war, in der ich nicht nur mit dem Kampf für meinen Vater befasst war. Wir haben ja alles versucht, alle Kontakte im In-und Ausland aktiviert. Es ist schwer zu beschreiben, was in solch einer Phase in einem vorgeht. Vielleicht denken jetzt ein paar Leser: Was redet der für einen Blödsinn

Schwer vorstellbar!

Aber es gibt bestimmte Werte, die über dem Fußball stehen. Das wusste ich zwar schon vorher, ist mir in diesem Jahr aber noch einmal ganz bewusst geworden. Auch wenn man wie ich das Glück hatte, auf höchstem Niveau zu spielen -Serie A, Bundesliga, Nationalteam -, gibt es Dinge, die wichtiger sind: Familie, menschliche Werte, verbrachte Zeit mit Menschen, die du gern hast und denen du alles zu verdanken hast. Und es war schön zu erfahren, dass es in einer solchen Industrie wie dem Fußball, bei der sich alles nur ums Geld dreht, noch Menschen gibt wie bei Darmstadt 98.

Was konkret meinst du?

Zum Beispiel Präsident Rüdiger Fritsch, der sich sehr dafür eingesetzt hat, dass ich so oft zu meinem Vater fliegen konnte. Oder Trainer Dirk Schuster, der mich vom ersten Tag an unterstützt hat. Ohne diese Unterstützung wäre alles noch viel schwerer gewesen. Ich habe versucht, das mit Leistung zurückzugeben. Und letztendlich habe ich es über Darmstadt ja auch in den EURO-Kader geschafft. Was wir in diesem Jahr gemeinsam erlebt und geschafft haben, war wirklich einzigartig, das Bemerkenswerteste in meiner Karriere.

Ich würde gern zur EM zurückkommen: Zwischen dem Tod deines Vaters und dem Ungarn-Spiel vergingen vier Tage. Das muss ja ein irrsinniges Spannungsfeld gewesen sein, in dem du dich da bewegt hast.

Das war sicher eine der schwierigsten Phasen. Wenn ich an die Emotionen denke, die mir mein Vater beim Abschied mitgegeben hat, habe ich jetzt noch Wasser in den Augen. Und das wird bis zum Ende meines Lebens auch so bleiben. Dann auf dieses Spiel hinzuarbeiten, das war für mich fast so etwas wie ein Begräbnis, ein Abschiednehmen (schmunzelt). Im Nachhinein haben wir es so interpretiert, dass mein Vater vorausgesehen hat, dass die EURO nicht so erfolgreich verlaufen würde, und er es vorgezogen hat, sich das Ganze nicht anzuschauen.

Nach dem Island-Spiel herrschte in Österreich große Enttäuschung über das Abschneiden in Frankreich. Bei dir kamen noch die persönlichen Erlebnisse dazu.

Ich bin dann direkt nach Bologna zu meiner Frau geflogen. Das Schlimme war ja, dass ich die Phase der Trauer allein in einem Hotelzimmer in Frankreich durchmachen musste. Ich hab meine Frau einmal nach dem Portugal-Spiel gesehen, als die Frauen ins Teamhotel durften, meine Mutter kam zum Island-Spiel nach Paris. Erst nach dem Ausscheiden gab es die Möglichkeit, das Ganze im Kreise der Familie zu besprechen. Klar hab ich während der Spiele mitgefiebert und gezittert und gehofft, dass das Turnier für uns weitergeht. Und trotzdem war ich in einer gewissen Hinsicht glücklich, dass ich zu meiner Familie fahren, sie umarmen und mit ihr trauern konnte.

Nach vier Wochen Urlaub bist du zurück nach Darmstadt gefahren und hast zunächst die Vorbereitung aufgenommen. Ich habe eine Woche trainiert, dann hat sich abgezeichnet, wie schwer die Situation mental für mich war. Zurück an dem Ort, an dem alles begonnen hat. Alles hat mich an diesen Kampf, diesen Krieg erinnert, den ich im Vorjahr geführt habe. Wenn du zehn Monate um das Leben deines Vaters kämpfst, dann ändert sich plötzlich alles. Und im vergangenen Jahr gab es etwas, wofür ich zu kämpfen hatte. Mit dem Tod meines Vaters habe ich gespürt, dass etwas Entscheidendes weggebrochen ist. Ich habe dann gesagt: Es hat keinen Sinn mehr, ich kann diesem tollen Verein nicht das zurückgeben, was er verdienen würde. Und noch einmal Hut ab davor, wie mir der Verein bei der Vertragsauflösung entgegengekommen ist!

Du hast einen offenen Brief an die Fans geschrieben, in dem du dich bedankst und um Verständnis für deine Entscheidung geworben hast. Gab es darauf viele Reaktionen?

Ich bin keiner, der groß nachliest, welche Reaktionen da kommen. Die Leute von der Pressestelle haben mir gesagt, dass es überwiegend positiv war. Ich habe den Brief geschrieben, weil ich offen und ehrlich sein wollte. Und weil der Verein extrem fair zu mir war, hätte ich es als respektlos empfunden, ohne Erklärung einfach abzuhauen. Für mich ist es wichtig, dass ich zu jedem Klub, bei dem ich gespielt habe, zurückkommen kann und dort geschätzt werde.

Hast du in dieser Phase auch ans Karriereende gedacht?

Nein, nie! Ich hab einfach etwas Abstand gebraucht, um ein paar Dinge zu ordnen und zu regeln, aber mir war schnell klar, dass ich noch sportliche Ziele habe und noch auf höchstem Niveau weiterspielen möchte. Das wäre sicher auch im Sinne meines Vaters. Dadurch, dass wir den Vertrag aufgelöst haben, bin ich an kein Transferfenster gebunden und kann jederzeit einen Vertrag unterschreiben. Ich brenne auf eine neue Aufgabe, halte mich derzeit beim Viertligisten Imolese fit, um sofort topfit irgendwo einsteigen zu können. Und einen Traum habe ich noch.

Und zwar?

Ich wäre gern bei der WM 2018 dabei. Dann hätte ich alles gespielt, was ein Profi erreichen kann: Europa League, Champions League, EM und WM. Und eines kann ich sagen: Wenn sich dieser Traum erfüllt, würde ich nach dem Turnier in Russland meine Karriere beenden. Dann wäre die Sache rund. Mit Marcel Koller hatte ich sehr gute Gespräche, wir haben einander die Tür nicht zugemacht. Aber klar, alles hängt davon ab, welche Möglichkeiten sich jetzt für mich auftun.

Du wurdest vor ein paar Wochen mit Eintracht Frankfurt in Verbindung gebracht. Wobei das beim großen Hessen-Rivalen Darmstadt wohl für ein mittleres Erdbeben gesorgt hätte.

Ja, das wäre aus Fansicht problematisch gewesen, wobei es auf sportlicher Ebene schon eine Ehre war, mit so einem Klub in Verbindung gebracht zu werden. Es gab aber keine konkreten Verhandlungen.