Fußball war nie mein Hobby

Youth-League-Held, Europacup-Halbfinalist, zweimal österreichischer Meister – wer Hannes Wolf als Salzburger Überflieger bezeichnete, machte sich der Untertreibung schuldig. Dann kam sein schwerer Fehler gegen Belgrad. Doch der Teenager verspricht: „Auch wenn manche darauf warten – daran zerbreche ich nicht!“

||Text: Markus Geisler||Fotos: Christian Hofer||

Es ist gerade einmal 40 Stunden her, dass für Hannes Wolf eine Welt zusammenbrach. Als er bitterlich weinend in den Armen von Co-Trainer René Maric lag und Red Bull Salzburg wieder einmal dramatisch am Ziel Champions League zerschellt war. Und als viele anfingen, ihn als Schuldigen für das Scheitern an den Marterpfahl zu binden. 40 Stunden, in denen die Gefühlswelt mit Hannes Wolf Karussell fuhr und er seine Instagram-App am Smartphone löschte, weil ihm die Beschimpfungen zu nahe gingen. Es wäre also nachvollziehbar gewesen, wenn er das in der Woche zuvor vereinbarte Interview mit dem Sportmagazin abgesagt und sich in seinen vier Wänden verkrochen hätte. Doch so tickt Hannes Wolf nicht: „Auch wenn ich solch einen Rückschlag noch nie erlebt habe, muss ich da jetzt durch. Mich zu verstecken ist nicht meine Art.“

Eine starke Einstellung vom 19-Jährigen, der jetzt in seiner Wohnung in der Nähe von Graz ganz offen darüber spricht, wie er den vermaledeiten Mittwochabend und die Stunden danach erlebt hat. Als er die Kugel am eigenen Strafraum vertändelte und daraus das 1:2 fiel. „Klar muss der Ball weg, nur, schieße ich ihn ins Out und daraus resultiert ein Tor, sagt jeder: Hätte er doch den Ball gesichert.“ Eine zulässige Argumentation. So jedenfalls schossen sich die Kritiker auf ihn ein, allen voran Sky-Experte Alfred Tatar, der Trainer Marco Rose vorwarf, Wolf nicht ausgewechselt zu haben. „Das habe ich als übertrieben empfunden“, sagt Wolf. „Ich hatte das Gefühl, bis dahin gut im Spiel gewesen zu sein. Aber es ist ja oft so: Einer sagt etwas, alle anderen springen auf den Zug auf. Ich nehme die Kritik wahr, sie ärgert mich auch, aber ich komme damit klar.“

Dass er so genau über Tatars Aussagen Bescheid wusste, lag daran, dass er sich das Match gemeinsam mit seinem Vater in der Nacht danach noch in voller Länge gegeben hat – Analyse inklusive. Auf der einen Seite Selbstgeißelung de luxe, auf der anderen Seite will Wolf wissen, welche Meinungen in Umlauf gebracht werden, um darauf reagieren zu können: „Wir saßen bis halb vier zusammen und haben über alles geredet. Das Bittere war ja, dass die Voraussetzungen für die Qualifikation noch nie so gut waren wie diesmal. Die Mannschaft blieb zusammen, der Trainer auch, wir waren gut drauf. Und dann passiert so ein Wahnsinn in einem Match, in dem wir 88 Minuten überlegen waren.“ Kämpferischer Nachsatz: „Manche warten jetzt darauf, dass ich daran zerbreche, aber das wird sicher nicht passieren.“

Für Wolf war es der erste große Rückschlag in einer Karriere, die bis dahin nur eine Richtung kannte: steil nach oben. Schon als Kind war für den glühenden GAK-Fan („Meine Helden waren Kollmann oder Aufhauser; als der Klub absteigen musste, ist eine Welt für mich zusammengebrochen“) die Profilaufbahn alternativlos. Er musste immer schmunzeln, wenn andere in Freundschaftsbücher hinter „Hobby“ das Wort Fußball schrieben:­ „Fußball war nie mein Hobby. So weit ich zurückdenken kann, war mir immer klar, dass ich eines Tages meine Leidenschaft zum Beruf machen möchte.“ Konkret wurde die Mission, als er einen Kumpel seines Klubs JAZ GU-Süd zum Probematch nach Salzburg begleitete, weil der nicht allein vorspielen wollte. Wolf kickte ohne große Ambitio­nen mit, spielte frei auf – und begeisterte die Scouts rund um den scheidenden Nachwuchschef Ernst Tanner. „Auf dem Heimweg habe ich zu meinem Papa gesagt: Da will ich hin! Das Internat, die Akademie, die damals noch in Bau war, das alles hat mich total begeistert.“ Was nicht heißt, dass ihm der endgültige Schritt, den er 2014 im Alter von nur 15 Jahren machte, nicht auch Bauchschmerzen bereitet hätte: „Als ich mit meinen Eltern von Graz nach Salzburg fuhr, habe ich den ganzen Tag die Sonnenbrille aufgelassen. Ich hatte ständig Tränen in den Augen, wollte aber keine Schwäche ­zeigen.“Wolf_2018-08-31_16-51-27LR_HP

In Salzburg angekommen hätte er die Sonnenbrille gegen einen Formel-1-Helm tauschen müssen, so rasant, wie die kommenden Jahre verliefen. Unter einem gewissen Jugendtrainer namens Marco Rose etablierte er sich schnell, schoss Tore wie am Fließband und debütierte im Alter von 17 Jahren in der Europa League (gegen Schalke) und in der Liga (WAC) für die Kampfmannschaft. Und vor allem: Mit sieben Toren und fünf Assists hatte er maß­geblichen Anteil am sensationellen Youth-League-Sieg der Jungbullen 2017: „Ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass wir etwas reißen können. Mit Marco Rose als Trainer ist es einfach so, dass man kaum ein Spiel verliert. Das spüren auch die Spieler. Und ich speziell wusste: Auch wenn mir einmal nichts gelingt, werde ich nicht gleich ausgewechselt. Mit so einer Rückendeckung ist man zu vielem fähig.“ Dass Rose zur Saison 2017/18 auch noch Chefcoach der Profis wurde, ließ Wolfs Aktien noch einmal in die Höhe schnellen.

Wenn man solch einen rasanten Aufstieg erlebt – wie schwer ist es dann wirklich, nicht die Bodenhaftung zu verlieren und sich selbst für den neuen Cristiano Ronaldo zu halten? Wolf denkt bei dieser Frage lange nach und steckt die „Ich doch nicht“-Antwort gleich einmal in die Schublade: „Ich glaube, die Leute sehen mich schon als arrogant und abgehoben an. Das lese ich oft, manche sagen es mir auch. Und ich gebe zu: Manchmal sehe ich Bilder von mir, auf denen ich extrem grantig dreinschaue, obwohl ich es in dem Moment gar nicht bin.“ Was sich mit dem persönlichen Eindruck, den man von dem Teenager mit der Kevin-Kampl-Frisur bekommt, so überhaupt nicht deckt. Selbst so kurz nach der Enttäuschung von Belgrad wirkt er aufgeräumt, selbstkritisch und nahbar, gelangweilt runtergebetete Plattitüden sind ihm genauso fremd wie blasiertes Gehabe. „Mein Glück ist, dass ich ein Umfeld habe, das viel von Fußball versteht, aber nicht dauernd darüber reden möchte“, sagt er. Wie sein Vater Martin, der als Richter im Kartnig-Prozess involviert war und Mitgründer des Klubs JAZ GU-Süd ist. Oder sein Bruder Gernot, der wegen eines Knorpelschadens selbst nicht mehr kicken kann und heute Jugendtrainer ist. Oder seine Freundin Teresa, die bei LUV Graz in der 2. Liga als Außenverteidigerin ihre Gegnerinnen abmontiert.

Alles im grünen Bereich also – und trotzdem gab es im Sommer Gerüchte, der Youngster könnte Salzburg den Rücken kehren und in eine Top-Liga wechseln. Die wurden nicht zuletzt dadurch befeuert, dass Wolf im Juni zur deutschen Agentur Sports Total wechselte, bei der Kapazunder wie Toni Kroos oder Marco Reus unter Vertrag stehen. „Ich gebe zu, dass ich mich damit beschäftigt habe“, sagt er. „Nach meiner Knöchelverletzung im vergangenen Winter habe ich nicht so viel gespielt, wie ich gehofft hatte, und wurde bei Kracherspielen wie im Cupfinale oft nur eingewechselt. Da bin ich ins Grübeln gekommen. Aber als Marco Rose zu mir kam und sagte, dass er bleibt und hofft, mich auch im kommenden Jahr zu trainieren, habe ich die Gedanken beiseite­geschoben.“ Was die Frage aufwirft, was Rose eigentlich zu einem solchen Spielerversteher macht? Egal, wen man im Salzburger Kader fragt, der 42-jährige Deutsche genießt den Ruf, eine Vaterfigur zu sein, dem seine kickenden Kinder über alles gehen. „Was nicht heißt, dass man mit ihm nicht auch einmal heftig streiten kann. Gott sei Dank ist er nicht nachtragend. Andere hätten mich wohl schon für 30 Spiele nach Liefering geschickt.“

Zu all dem kommt, dass Wolf tatsächlich so etwas wie Dankbarkeit gegenüber dem Klub verspürt, der es ihm ermöglichte, seinen Traum vom Fußball­profi zu leben, auch wenn es manchmal Rückschläge gibt wie gegen Roter Stern Belgrad. Aber schon 40 Stunden nach dem Drama von Wals-Siezenheim herrscht bei Wolf Vorfreude auf die Europa League, die mit dem Schwester­duell gegen Leipzig einen besonderen Leckerbissen parat hat. „Vor allem auf das Duell mit Dayot Upamecano bin ich gespannt, wir haben in Salzburg einige Spiele zusammen absolviert, ein wahnsinnig guter Verteidiger.“ Allerdings könnte er darauf verzichten, nach diesem Duell erneut getröstet werden zu müssen …