Fußball in Gefahr

Liga-Spiele in Übersee, zerstückelte Spieltage, Fan-Proteste – der beliebteste Sport der Welt droht sich von seiner Fan-Basis zu entfernen. Wir baten Fredi Bobic, Sportvorstand beim Hütter-Klub Eintracht Frankfurt, um seine Einschätzung zur Zukunft des Fußballs.

||Text: Markus Geisler||Foto: imago/Huebner||

Als Frankfurt mit 1:3 bei Borussia Mönchengladbach verlor, flogen nicht nur Eintracht-Trainer Adi Hütter fast die Ohren weg. Zwanzig Minuten lang bliesen die Fans beider Lager in ihre Trillerpfeifen und sorgten somit für eine fußballunwürdige Stimmung. Grund für die in ganz Deutschland konzertierte Aktion: Protest gegen die Zerstückelung der Spieltage, die sich in der deutschen Bundesliga im Extremfall von Freitag- bis Montagabend ziehen können. „Die Fans haben das Recht, ihre Meinung und auch ihren Unmut zu äußern“, sagt Bobic. Entscheidender Nachsatz: „Solange sie dies in einem friedlichen Rahmen tun.“ Was in den vergangenen Monaten in Deutschland längst nicht immer der Fall war. Wir sprachen mit dem 47-Jährigen über die Themen, die Anhänger in ganz Europa derzeit bewegen.

Liga-Spiele im Ausland

Fredi Bobic ist ein großer Fan der Yankees, seine Lieblingsstadt ist New York, für ein Spiel der deutschen Bundesliga im Big Apple kann er sich dennoch nicht begeistern: „Das ist ein Weg, der für die deutsche Bundesliga nicht gangbar ist. Die regionale Verankerung der Klubs ist ein entscheidendes Erfolgskriterium für das Produkt Bundesliga.“ In Spanien sehen das manche anders. Geht es nach dem Willen der Liga und der beteiligten Klubs, soll das Match zwischen dem FC Barcelona und Girona Ende Jänner in Miami stattfinden. „Was vom spanischen Verband ­allerdings abgelehnt wird“, wie Bobic weiß. Ebenso von der FIFA, wo sich Präsident Gianni Infantino klar gegen den 15-Jahres-Plan ausgesprochen hat, der vorsieht, jedes Jahr mindestens ein La-Liga-Match in Amerika auszutragen, um den US-Markt zu erobern. Auch die UEFA hat schon einmal laut darüber nachgedacht, ein Europacupfinale nach Übersee zu vergeben. Für Bobic ein Holzweg: „Der Fußball soll in den Ländern und Kontinenten entschieden werden, aus dem die Mannschaften kommen, die daran teilnehmen, sonst würde man sich völlig zu Recht den Vorwurf gefallen lassen müssen, nur noch nach finan­ziellen Kriterien zu entscheiden.“

Zerstückelung der Spieltage

In Spanien finden mittlerweile alle zehn Spiele einer Runde zu verschiedenen Zeiten statt, Italien hat in der Regel acht Anstoßzeiten am Wochenende. Von den vier Top-Ligen haben gerade einmal England und Deutschland den Samstagnachmittag als Hauptspielzeit definiert, in der vier bis fünf Matches ausgetragen werden. Eine Zerstückelung, die vor allem in Deutschland ein großes Ärgernis ist, erst recht, seit in der vergangenen Saison fünf Spiele pro Saison am Montagabend eingeführt wurden. Fredi Bobic wehrt sich allerdings dagegen, dass dies nur deswegen passiert ist, um die wachsende Zahl an TV-Partnern zu befriedigen. „Es geht auch darum, den Klubs, die am ­Donnerstag in der Europa League antreten, eine gewisse Verschnaufpause zu geben und sie deswegen vermehrt am Sonntag oder am Montag spielen zu lassen“, sagt er. „Aber klar, am Ende des Tages musst du dich auch mit deinen TV-Partnern einigen.“ Das Fernsehgeld ist mittlerweile die mit Abstand wichtigste Einnahmequelle der Klubs, was bei vielen Fans den Eindruck entstehen lässt, nur mehr als schmückendes Beiwerk für die TV-Konsumenten zu dienen. „Man muss dabei die Balance wahren und ich finde, dass uns das in Deutschland zumindest gelingt“, so Bobic, der aber auch auf einen anderen Aspekt hinweist: „Kein Zuschauer bekommt mehr einen nassen Kopf, wenn er ins Stadion geht. Und das Wichtigste ist immer noch, dass er eine konkurrenzfähige Mannschaft zu sehen bekommt, die den sportlichen Ansprüchen genügt. Das geht eben nur unter gewissen Rahmenbedingungen.“ Und er ortet durchaus eine differenzierte Sichtweise der Anhänger, die man nicht über einen Kamm scheren dürfe: „Wer ist denn der Fan, nur der, der in der Kurve Stimmung macht, oder jeder Anhänger, der ins ­Stadion geht? Da gibt es schon auch innerhalb der Fans unterschiedliche Ansätze.“

Fußball hinter der Pay-Wall

Was in fast allen europäischen Ligen schon jahrelang Realität ist, hat in dieser Saison auch Österreich erwischt: Fußball als TV-Live-Erlebnis findet nur mehr hinter einer bzw. mehreren Pay-Walls statt. „Das ist schon etwas, worauf man aufpassen muss“, gibt Bobic zu. „Es ist eine Gefahr, wenn man einer gewissen Gruppe die Möglichkeit nimmt, den Fußball live zu erleben.“ Auch die Spiele der Champions League, die vergangene Saison vereinzelt noch im ORF und im ZDF zu sehen waren, gibt es mittlerweile nur gegen Cash. Dazu kommen Anstoßzeiten von 21 Uhr, die nicht gerade kinderfreundlich sind. Bobic: „Ich finde es wichtig, dass es qualitativ hochwertige Zusammenfassungen gibt, die man sich zeitnah und ohne Kosten anschauen kann, sei es im Fernsehen oder Internet. Das ist der Fall. Aber in dem Bereich ist es unglaublich kompliziert, Lösungen zu finden, mit denen am Ende des Tages alle glücklich und zufrieden sind.“

 

Die Millionensummen

Als Cristiano Ronaldo in einem insgesamt fast 350 Millionen Euro schweren Deal von Real Madrid zu Juventus Turin wechselte, brach auch in der deutschen Bundesliga eine heiße Diskus­sion vom Zaun. Müsste die Liga, die bis dato immer für vergleichsweise wirtschaftlich vernünftiges Handeln stand, nicht auch einmal einen Star-Transfer in dieser Größenordnung realisieren? Bobic’ klare Antwort: nein! „Die Bayern wären zwar finanziell in der Lage, eine Ablösesumme in dieser Größenordnung zu stemmen“, sagt er, „aber ich glaube nicht, dass in Deutschland solche Gehälter gezahlt würden. Und ich hielte das auch nicht für gesund.“ Faktum ist: Durch die ­immer weiter auseinandergehende Einkommensschere bei den Vereinen entsteht innerhalb der Ligen ein extremes Ungleichgewicht: hier die Größen aus der ­Champions League, dort die Kleinen, bei denen bestenfalls ein paar Krumen aus der Europa League ab­fallen. Die Folge: Meisterschaften mit großem Leistungsgefälle und die K.-o.-Phase in der Champions League fast schon als geschlossene Gesellschaft. „Stimmt, von den letzten acht Klubs sind sechs immer gleich“, sagt Bobic. „Das ist auch der Grund, warum ich persönlich lieber die Europa League schaue. Dort sieht man Mannschaften, die oft aus der Vergangenheit große Namen haben und die man eben nicht so häufig sieht. Und es ist spannender. Die Gruppenphase in der Champions League birgt ja kaum Spannung, es kommen fast immer die zwei Teams weiter, von denen man es erwartet hat.“ An eine Lösung des Problems, sprich eine andere Verteilung der Gelder, glaubt der Eintracht-Macher nicht: „Da beißt man auf Granit. Ich sehe nicht, dass die großen Top-Klubs ­freiwillig auf Geld verzichten, das sie ja auch brauchen, um ihre teuren Kader zu finanzieren.“

 

Ausverkauf der „Kleinen“

Kleinere Ligen wie die österreichische haben kaum mehr eine Chance, in der Champions League zu reüssieren. Und viele ambitionierte Klubs in großen Ligen tun sich schwer, im nationalen Bewerb langfristig vorne mitzuspielen. Ein Paradebeispiel ist Eintracht Frankfurt selbst. Nach einer tollen Saison mit Platz sieben und Pokalsieg wurde nicht nur Trainer Niko Kovac von der Konkurrenz weggeschnappt, auch vier ­absolute Leistungsträger verließen den Klub. „Ein Verein wie wir muss sich im Klaren sein, dass man eben nur eine Durchgangsstation für den einen oder anderen Spieler ist. Das kann manchmal frustrierend sein, das gebe ich zu. Unsere Aufgabe ist es, darauf vorbereitet zu sein, und dementsprechend am Markt zu reagieren.“ So wie in der Trainerfrage, als man sich frühzeitig festlegte, auf den österreichischen YB-Meistermacher Adi Hütter zu setzen. „Wir hatten seit dem ersten Treffen in Bern ein extrem gutes Gefühl bei Adi und ich muss sagen, dass sich alle Hoffnungen, die wir in ihn gesetzt hatten, bestätigt haben“, so Bobic, der keinen Zweifel daran lässt, auch nach dem holprigen Start mit Pokal-Aus und vier Punkten aus den ersten fünf Spielen nicht nervös geworden zu sein: „Die Art und Weise, wie er mit den Spielern umgeht, ist schon einzigartig. Er hat eine klare Philosophie, die gut zu uns passt. Dass das Umfeld schnell unruhig wird, wenn es mal nicht läuft, ist heutzutage leider Normalität. Da können Sie ja einmal bei Niko Kovac und den Bayern nachfragen.“ Um die ist Bobic übrigens nicht bange. ­Seine klare Ansage trotz Stolperstart: „Die werden auch heuer wieder mit komfortablem Vorsprung Meister.“