Fürs Trainieren ist mir die Zeit zu schade

Vor zehn Jahren kurbelte Bernhard Kohl eifrig Richtung Rad-Olymp. Dann der Fall ins Bodenlose. Dopingbedingt. Heute macht der 36-Jährige wieder erfolgreich in Sachen Rad. Mit dem Sportmagazin sprach er zum Jubiläum über Existenzängste, Erwin Pröll, die verrückten Jahre im Dopingsumpf und sein nie erschienenes Buch.

||Interview: Manfred Behr||Foto Daniel Gottschling

Adressen gibt es mondänere als die Triester Straße zwischen Neu-Erlaa und Vösendorf. In Nachbarschaft von Gebrauchtwagenhändlern und Laufhäusern zeigt sich Wien hier mehr von seiner aus- als von seiner anziehenden Seite. Dafür gibt’s genügend Parkplätze vor der Tür und die Mieten sind leistbarer – auch wenn man länger als eine Stunde zu bleiben gedenkt. Ein Kriterium, das für Bernhard Kohl ins Gewicht fiel, als er im Herbst 2009 versuchte, seine zweite Karriere ins Rollen zu bringen.

Die erste war vor genau zehn Jahren den Bach runtergegangen. Und zwar so: steiler Aufstieg, positive Dopingprobe, freier Fall. Seinem Metier blieb er trotzdem treu, nur dass er sich seit Jänner 2010 indoor abstrampelt. In seinem Rad- und Fitness-Store an besagter Triester Straße, den er als 51-%-Teilhaber führt. Die Geschäfte laufen gut, 2013 wurde die Verkaufs- und Werkstattfläche von 1200 auf 3000 m2 vergrößert, der Mitarbeiterstab von einst 7 auf heute 37 aufgestockt.

Sportmagazin: Wie sicher warst du, dass deine ­Geschäftsidee von Beginn an aufgehen würde?

Bernhard Kohl: Unser Businessplan gefiel ­allen, aber 14 von 15 Banken meinten: „Um die Hälfte kleiner, dann sind wir dabei.“ Mit der 15. Bank haben wir es dann umgesetzt. Zuerst als Franchise, nach drei Jahren dann allein. Als wir uns 2013 flächenmäßig fast verdreifachten, wollten dann plötzlich alle investieren. Eh wie immer: Am Risiko will sich keiner beteiligen, am Erfolg jeder. Dass alles auf Anhieb aufgegangen ist, kam mir ­persönlich jedenfalls sehr gelegen. Mit der Einzahlung des Stammkapitals in die GmbH waren meine Rücklagen aus der Radsportkarriere nämlich aufgezehrt. Wir haben bei null begonnen, heute finden sich über 40.000 Namen in unserer Kundenkartei. Ich bin froh und dankbar, dass es in Österreich möglich ist, eine zweite Chance zu bekommen.

Gerüchteweise hat dir Niederösterreichs Ex-Landeshauptmann Erwin Pröll beim Aufbau deines Business geholfen.

Erwin Pröll war es, der mich in einem Gespräch darin bestärkt hat, in der Dopingcausa reinen Tisch zu machen. Er war auch bei der Eröffnung, hat später ein Rad bei mir gekauft. So gesehen hat er beim Aufbau meines Shops geholfen. Wer die Geschäftsgründung aber finanziell möglich gemacht hat, war mein früherer Trainer Werner Zanier.

Was waren für dich die herausforderndsten Learnings als Geschäftsmann? Ein Team von 37 unterschiedlichen Charakteren zu führen und zu einem Team zu formen. Hinzu kommt, dass unser Gewerbe großen saisonalen Schwan­kungen unterliegt, dass wir im Winter mit 20 Angestellten das Auslangen finden würden. Wer aber die kompetentesten Berater haben will, muss sie ganzjährig anstellen. Gelernt habe ich auch, dass du permanent an allen Schrauben drehen musst, um das große Ganze weiterzuentwickeln. Seit Kurzem ist zum Beispiel unser Onlineshop verfügbar. In erster Linie, um den Kunden Vorabinformationen zu liefern. Gekauft wird doch noch immer im Shop. Ein Fahrrad ist kein Ergometer – das willst du angreifen, es gibt verschiedene Geometrien etc.

Der E-Bike-Boom wird den Markt wohl noch ­lukrativer gemacht haben … 2013 hätten wir die 3000 m2 noch nicht gebraucht, die Aufstockung in dieser Dimension­ hat sich aufgrund der baulichen Gegebenheiten angeboten. Heute sind wir froh drüber, weil wir, im Gegensatz zu vielen anderen Händlern, genug Fläche haben, um Räder und E-Bikes in großer Zahl ausstellen zu können. Und was ausgestellt wird, findet auch Abnehmer. Punkto Verkaufszahlen liegen die Räder bei uns noch vor den E-Bikes.

Der Tour-de-France-Hype und das Dopingdrama­ jähren sich in diesen Wochen, Monaten zum zehnten Mal … Verrückt, wie schnell die Zeit vergeht …

… ebenso lange währt auch die Beziehung zu deiner Frau Tatjana.

Ich habe sie beim Rathauskriterium 2008 gleich nach der Tour kennengelernt. Dass die Beziehung gehalten hat, obwohl bald darauf Zeiten kamen, die nicht lustig waren, wo jeder mit dem Finger auf mich gezeigt hat, war mir eine irrsinnige Stütze.

Du hast während der Tour und auch davor immer wieder sehr effizient und aufwendig mit Eigenblut gedopt. Insider fragen sich noch heute, warum du trotzdem zusätzlich das EPO-Präparat Cera verwendet hast, auf das du letztlich positiv getestet wurdest. Die Gier? Sicher ist sicher?

Mit einer beabsichtigten Leistungs­steigerung hatte das nichts zu tun. Wenn du Eigenblut zuführst, steigt dein Hämoglobinwert, der Körper stellt die Produktion roter Blutkörperchen ein. Dadurch lieferst du zwar keinen positiven Test ab, aber dein Blutbild verändert sich in auffälliger Weise. Also musste ich mit Cera nachhelfen, damit mehr frische Blutkörperchen gebildet werden.

Ganz schön schräge Überlegungen …

Ich bin bei unserem Umzug vor einiger Zeit über das Manuskript meines Buches gestolpert. Beim Reinlesen habe ich nur gedacht: „Alter Schwede – wie verrückt war das alles!“ Damals hingegen kam einem all das normal vor, man ist da reingewachsen, hat nicht nachgedacht. Auch nicht über etwaige gesundheitliche Konsequenzen.

Warum wurde das Buch nie publiziert?

Aus ­juristischen Gründen. Für mich kam nur infrage, alles ­offenzulegen, nichts wegzulassen. Der Verlag wollte das rechtliche Risiko nicht übernehmen, ich konnte nicht. In der damaligen Situation hätte mich das die Existenz ­kosten können.

Gibt es bei dir zuhause sonst noch Erinnerungsstücke an diese turbulente Zeit?

Klar, im ersten Stock steht mein Tour-Fahrrad, auch das Original-Bergtrikot bekam einen schönen Platz. All das gehört zu meinem Leben und ich weiß, wie viel ich dafür investiert habe. In Paris am Podium zu stehen – das sind Momente, die du dir nicht kaufen kannst. Da arbeiten Millionen darauf hin, aber nur ganz wenigen ist es vergönnt. Doping allein macht dich ja nicht zum Podiumsfahrer, da müssen vorher zehn andere Parameter stimmen.

Welcher Moment war für dich mental der schwierigste in dieser Phase?

Nie vergessen werde ich den Moment, als ich in einem Supermarkt in Klagenfurt stehend den Anruf der NADA erhielt, dass es eine positive Dopingprobe gibt. Zu einem Zeitpunkt, als ich nicht mehr damit rechnete. Nachdem mein Teamkollege Schumacher zwei ­Wochen davor aufgeflogen war, dachte ich: „Meine Dosis muss wohl niedriger gewesen sein. Puh, noch einmal durchgeflutscht.“

Dann folgten die Geständnisse auf Raten, der Zusammenbruch vor laufenden Kameras, das Vorgeführtwerden und schließlich der ein wenig überraschende Rücktritt. Wie kam es dazu?

Für mich war immer klar: Werde ich erwischt, gebe ich zu, einmal gedopt zu haben. Dann gibt’s einmal eine Schlagzeile, ich sitze meine zweijährige Sperre ab und mache weiter wie bisher. Es war schließlich dieser dritte Platz bei der Tour de France, dieses immense mediale Interesse, das meinen Plan durchkreuzt hat. Da war so viel negative Energie – der wollte ich mich nicht dauerhaft aussetzen. Auch der Druck war letztlich zu groß, nicht zuletzt seitens der Kripo, die mich gedrängt hat, alles zu sagen, Namen zu nennen. Nichts davon werde an die Öffentlichkeit kommen, versicherte man mir. Der Polizei glaubt man halt. Rausgekommen ist trotzdem alles. Damit wäre eine Rückkehr sowieso keine Option mehr gewesen. Wer sich gegen seine Familie, die Radfamilie, wendet, kann nicht mehr Teil von ihr sein. Und selbst wenn mich ein Team engagiert hätte: Du würdest mit so vielen negativen Gefühlen zurück­kommen, dass du keine Leistung mehr bringen könntest.

Was wäre gewesen, wenn … es die positive ­Dopingprobe nie gegeben hätte?

Der bereits unterschriebene Vertrag mit Silence-Lotto, durch den ich in drei Saisonen jährlich zwischen 800.000 und einer Million Euro verdient hätte, wäre wirksam geworden. Womöglich müsste ich nicht mehr arbeiten. Vielleicht würde ich noch fahren, wer weiß? Valverde hält auch noch gut mit, Bernhard Eisel detto, beide sind älter als ich. Aber auch wenn für mich damals eine Welt zusammengebrochen ist, muss ich dankbar sein, dass es so passiert ist. Als Radprofi hätte ich niemals so viel Zeit für meine Familie gehabt, hätte meine Kinder (Mariella/6, Raphael/3, Anm.) nicht so intensiv begleiten können. Die meisten haben nicht ausgesorgt, müssen sich mit 35 oder 40 etwas Neues aufbauen. Ich war gezwungen, das in einem Alter in Angriff zu nehmen, in dem du noch ein ganz anderes Energielevel hast.

Wie viele Kilometer spulst du heute als Hobby­radfahrer pro Jahr ab?

2000 bis 3000. Ein ernsthaftes Training würde bedeuten, mehrmals die Woche drei, vier Stunden im Sattel zu sitzen. Da ist mir ehrlich gesagt die Zeit zu schade, die verbringe ich lieber mit meinen Kindern.

 Vor drei Jahren hast du am Radmarathon Super­Giro Dolomiti teilgenommen – und prompt gewonnen …

Mein Ziel war, am Berg nicht zu „sterben“, nicht als 50. abzulosen. Das ist gelungen. Aber es bleibt ein einmaliger „Ausrutscher“, der Spaß gemacht hat. Wenn ich einmal trainiere, erreiche ich recht schnell ein ganz gutes Niveau. In einem Hobbyrennen auf bergigem Terrain bin ich dann wahrscheinlich schwer zu schlagen. Aber worin sollte da der Reiz für mich liegen? Außerdem sehen das viele gar nicht so gern. Die sagen: „Der war Profi, was hat der da verloren?“

Mit wie viel Interesse verfolgst du den heutigen Profiradsport und wie wohl oder unwohl ist dir angesichts des derzeitigen Leistungsniveaus?

Abends verpasse ich keine Zusammenfassung der Tour de France. Mein Eindruck ist, dass Doping nicht mehr derart zur Normalität gehört wie zu meiner Zeit. Das merkt man an den Zeiten, die in den Bergen gefahren werden. Wobei die „Hochblüte“ auch zu meiner Zeit schon vorbei war. 15 Jahre davor wurde Doping ja zum Teil von Rennställen organisiert, wir mussten schon viel Eigeninitiative zeigen.

Du hast in diesem wie in allen anderen leistungsrelevanten Bereichen viel Professionalität an den Tag gelegt. Wurde alles ausgereizt?

Es wäre noch mehr gegangen. Hätte ich während der Tour 2008, so wie ­ursprünglich geplant, auch noch den vierten Blutbeutel zugeführt, hätte ich vermutlich gewonnen. Wir wollten es damals aber nicht übertreiben. Trainingsmethodisch ist man heute sicher weiter, wobei ich Zweifel hätte, ob ich an dieser strikten Trainingssteuerung Gefallen fände, wo du genau darauf zu achten hast, wann du wie lange mit wie viel Watt kurbelst. Ich habe zu meiner Zeit den Fokus darauf gerichtet, dass das Training auch Spaß macht und ich genau auf meinen Körper höre. Das war mein Verständnis von Professionalität.