Franz Wohlfahrt: „Am Würstelstand lernst mehr als im ORF-Studio!“

Franz Wohlfahrt ist kein Mann für halbe Sachen. Gleich in seinem ersten Jahr als Sportdirektor verordnete der hemdsärmelige Kärntner der Austria eine Radikalkur – mit Erfolg. Dem SPORTMAGAZIN verrät er, warum er Rainer Pariasek attackieren musste, Würstelstand-Niveau zum Fußball gehört und er Alex Gorgon nicht die Flügel abzwicken wird.

//Interview: Christoph König

//Titelbild: (C) Christian Hofer

SPORTMAGAZIN: Bei der Austria haben sich die Trainer in den letzten Jahren die Türklinke in die Hand gegeben. Was spricht dafür, dass Thorsten Fink dieses Schicksal erspart bleibt?

FRANZ WOHLFAHRT: Es war sehr wichtig, von Anfang an zu sagen, dass wir eine langfristige Lösung suchen. Das hat der Verein mit Finks Vertrag auch bewiesen. Der läuft bis 2017, ohne irgendein Ausstiegsszenario, weder von Vereins- noch von Trainerseite. Deshalb haben wir auch sehr lange selektiert. Auch das wurde uns vorgeworfen. Mit welcher Kritik ich mich abkämpfen musste – unglaublich! Aber okay, wir haben uns trotzdem lange Zeit gelassen. Es war klar, dass wir uns keinen Trainer wünschen, der nach einem Jahr die Möglichkeit haben will, zu gehen.

Robert Almer sagt von sich, er sei in seiner Deutschland-Zeit professioneller geworden. Ist es diese deutsche Professionalität, die Fink auszeichnet? Sie haben ja selbst in Deutschland gespielt.

Stuttgart hat mich deshalb mit 32 Jahren geholt, weil sie wussten, ich bin ehrgeizig. Der Unterschied ist die höhere Qualität der Spieler dort. Was Einsatz, Wille und Ehrgeiz betrifft, kann mir keiner einreden, dass das die Spieler in Österreich nicht haben.

Sie sehen also keine Unterschiede in der Einstellung?

Was unsere Mannschaft betrifft, überhaupt keine.

,,In Stuttgart wurde der Trainingsort vorher zweimal gesichtet, bei der Austria wussten wir manchmal nicht einmal, ob wir genug Gewand ­mithatten.”

Franz Wohlfahrt

Und vom Umfeld und den Trainingsmöglichkeiten her?

Die werden bei der Austria immer besser. Als ich vor zwanzig Jahren nach Stuttgart ging, waren die Unterschiede vor allem in der Infrastruktur noch viel größer. Die Trainingsplätze beim Happel-Stadion waren im Gegensatz zu heute eine Katastrophe. Bei den Trainingslagern gab es fast keine Planung. Oft wussten wir nicht einmal, in welchem Hotel wir uns einquartieren, oder ob es in der Nähe einen Fußballplatz gibt. Ich kann mich an ein Trainingslager in der Nähe von Rom erinnern, bei dem wir vom Hotel eine Stunde zum Platz gebraucht haben. Das heißt: Wir waren jeden Tag vier Stunden im Bus. Gewohnt haben wir in einem Quartier zwischen zwei Autobahnen. In Stuttgart wurde der Trainingsort vorher zweimal gesichtet, bei der Austria wussten wir manchmal nicht einmal, ob wir genug Gewand mithatten. Heute ist natürlich alles anders, alles ist sehr gut geplant.

Die Austria hat im Herbst sehr viele knappe Siege gefeiert. Wie groß ist dabei der Faktor Spielglück?

Sicher gehört das dazu, aber unsere Siege waren garantiert kein Zufall. Wir arbeiten sehr hart, aber das sehen viele nicht. Es gibt immer wieder Journalisten, die uns beurteilen und noch nicht einmal hier waren. Die schreiben halt von irgendwo ab. Die haben auch mit mir noch nie geredet. Wenn wir unten am Trainingsplatz arbeiten, wenn wir Betreuer uns spät in der Nacht noch treffen, um die nächsten Schritte zu besprechen, wenn es da keinen Dienstschluss gibt (Wohlfahrt haut auf den Tisch) und wenn ich in einem halben Jahr 40.000 Kilometer mit dem Auto fahre und fünfzig Mal fliege, dann (Wohlfahrt haut noch einmal auf den Tisch) lasse ich es nicht gelten, wenn einer sagt, dass das Zufall ist. Dann haben wir hart gearbeitet. Wenn die Finanzabteilung bekannt gibt, dass wir unser Eigenkapital um vier Millionen erhöht haben, dann ist diese sportliche Entwicklung kein Zufall.

Ist Ihnen deshalb im Interview mit Rainer Pariasek der Kragen geplatzt?

Ja, deshalb hat mich die Sache mit dem ORF in Mattersburg auch so verrückt gemacht. Na klar, weil ich persönlich angegriffen werde. Ich reiße mir doch nicht den Arsch auf und lasse mir alle Frechheiten gefallen, da kann kommen, wer will!

Offenbar hat sich da bei Ihnen etwas angestaut.

Ich verstehe ja, wenn ein Medium ein Spiel so sieht, aber wenn Pariasek behauptet, wir spielen nicht so, wie wir uns das vorstellen
– woher will er wissen, was wir uns vorstellen? Woher weiß er, wann ich zufrieden bin? Okay, das allein wäre ja noch nicht das große Thema gewesen.

Aber…

Aber wenn der ORF als öffentlich-rechtlicher Sender, der junge Sportler beispielsweise über die Sporthilfe unterstützt, nichts Besseres zu tun hat, als von einem ehrgeizigen, talentierten jungen Tormann wie Osman Hadzikic, der alles seiner Karriere unterordnet, so eine Halbzeitanalyse zu machen, bei der nur drei, vier vermeintliche Unsicherheiten zusammengeschnitten werden, dann frage ich mich: Wo sind wir? Wenn ich da nicht reagiere, habe ich keine Gefühle, dann bin ich ein Eisblock, dann hätte ich keine Seele, dann wäre ich kein Mensch. Wenn ein 19-Jähriger keinen Fehler machen kann, frage ich mich: Was denkt sich der Reporter dabei?

Verständlich, allerdings war ich beim Match in Mattersburg selbst dort – und die Leistung beider Teams war in der ersten Hälfte wirklich schwach.

Okay, was das betrifft, kann man verschiedener Meinung sein. Dass uns Mattersburg das Leben schwer gemacht hat, muss man aber auch sehen. Es ist ja alles nicht mehr wie zu einer Zeit, an die sich Pariasek vielleicht erinnert, als der Herbert Prohaska einen Ball bekommen hat und einmal dreißig Meter spazieren konnte, bis er entschieden hat, was er macht. Der Herbert weiß das. Und die Austria ist in einer Entwicklungsphase. Ich finde es geil, wie das Nationalteam unterwegs ist, aber da muss man auch sehen, wie viel Zeit es dafür gebraucht hat. Wenn die ganzen Verwöhnten das nicht erkennen, kann ich sie nicht für voll nehmen.

Manche fragen sich aber schon, warum Sie sich bei Pariasek so fürchterlich aufgeregt haben?

Na, fünf Leute vielleicht, fünfhundert haben gesagt, super. Warum soll ich auf die fünf Rücksicht nehmen? Den Leuten, die über mich schimpfen, kannst du tausend Euro geben und sie werden immer noch sagen, der Wohlfahrt ist ein Trottel. 98 Prozent der Reaktionen, die ich zu dem Interview bekommen habe, waren positiv.

(c) Christian Hofer

Lesen Sie die Kommentare im Internet?

Ja, ich lese viele. Auch die, wo die Austria nicht sehr gut wegkommt.

Andere Funktionäre wären in dieser Causa wohl diplomatischer vorgegangen.

Für mich ist es normal, einen Spieler zu verteidigen, der von einem wichtigen Medium wie dem ORF an die Wand genagelt wird. Wenn dann fünf von tausend Leuten sagen, das ist Würstelstand-Niveau, ist mir das relativ egal. Ich bin gern beim Würstelstand, denn da erfahre ich die Wahrheit. Das gehört zum Fußball dazu. Beim Würstelstand lerne ich mehr als im ORF-Studio. Da höre ich, was die Menschen denken. Damit habe ich kein Problem.

,,Für mich ist es kein Blödsinn, einen Spieler zu verteidigen, der von einem wichtigen Medium wie dem ORF an die Wand ge­nagelt wird.”

Franz Wohlfahrt

Der auffälligste Neuzugang im Herbst war sicher Larry Kayode. Wie sind Sie auf ihn gestoßen?

Ich habe zum ersten Mal im Dezember 2013 von einem deutschen Scout von ihm erfahren. Da war noch lange nicht die Rede, dass ich zur Austria gehe. Viel später dann, als mich Markus Kraetschmer auf ihn angesprochen hat, hatte ich ihn schon auf Videos gesehen. Im Frühjahr bekamen wir auch noch gute Informationen von unserer Israel-Connection und ließen ihn beobachten. Seine Schnelligkeit war extrem auffällig.

Wäre er im Abschluss noch besser, würde er wohl nicht bei der Austria, sondern bei einem absoluten Spitzenklub spielen.

Natürlich. Spieler, die auch gleich die Möglichkeit haben, nach Deutschland, England oder Frankreich zu gehen, werden wir aber nicht kriegen, sonst wäre beispielsweise auch Marc Janko zu uns gekommen. Deshalb müssen wir uns auf den Märkten und in Altersgruppen umsehen, die für uns erreichbar sind. Wir könnten Kayode vielleicht so ausbilden, dass er zu Länderspieleinsätzen kommt. Omar Damari wurde auch von der Austria entdeckt, aber wenn dann ein Klub wie Red Bull mit Geld kommt, ist er weg. Das ist ein normaler Prozess. Im Winter wird es losgehen mit Alex Gorgon, weil sein Vertrag im Sommer ausläuft. Wir wollen unser Niveau verbessern, da würde sein Abgang sehr wehtun. Andererseits hat der Spieler Wünsche und Visionen. Ich kann ihm nicht die Flügel abzwicken, wenn er es im Ausland schaffen kann.

Kayode werden wohl auch welche wachsen, wenn er noch effizienter wird.

Ja. Und er hat ja schon sein Verhalten auf dem Platz geändert. Das sieht auch keiner. Es gibt immer nur die Vorwürfe, dass er leicht fällt, aber das ist auch klar bei seiner Schnelligkeit. Dass er sich über Fouls zu sehr aufregt, darüber haben wir mit ihm schon gesprochen. Er war gleich der Liebling der Fans, aber das geht natürlich nicht immer so weiter. Er muss noch die richtige Mischung finden, wann er abspielt und wann er selbst abschließt. In Israel hat er brav gespielt, aber hier kam er in eine neue Welt, da musst du dich erst einmal integrieren. Wir reden gerade in diesen Zeiten so viel über Integration. Im Fußball soll das auf einmal von heute auf morgen gehen. Wie soll das funktionieren?

Sie haben auch Raphael Holzhauser geholt. Wenn man sieht, was er fußballerisch kann, hat man den Eindruck, er könnte schon viel weiter sein.

Schon mit 19 in der deutschen Bundesliga zu spielen ist hart. Da geht es nur bumm, bumm, bumm! Er hat ja immerhin 36 Spiele dort gemacht. Vielleicht war er körperlich nicht top drauf. Das ist aber kein Problem. Ich habe gewusst, dass er kicken kann, wir mussten ihn nur fit bekommen. Er macht viele wichtige Sachen, schießt sensationelle Standards. Vielleicht ist er eher der strategische Spieler. Und eines weiß ich von seinen Testwerten: Langsam ist er nicht. Es schaut vielleicht wegen seiner langen Haxn so aus, weil er 1,94 Meter groß ist.

Die Austria hat im Herbst einen sehr effektiven, aber nicht den schönsten Fußball gezeigt. Werden die Fans im Frühjahr auch ein spielerisches Feuerwerk zu sehen bekommen?

Wir können uns nur Schritt für Schritt verbessern, können nicht von null auf hundert gehen. Wer das erwartet, erwartet zu viel. Das ist noch keiner Mannschaft der Welt gelungen. Wir brauchen sicher Zeit, das lasse ich mir nicht nehmen. Wer uns das nicht zugesteht, muss woanders hinfahren.

PASSPORT

Name: Franz Bernhard Wohlfahrt 

Geboren: 1. Juli 1964 in St. Veit an der Glan

Wohnort: Laxenburg

Größe: 191 cm

Familienstand: verheiratet, drei Töchter (Cornelia, Romy, Gloria)

Karriere als Spieler: 59 Spiele als ÖFB-Teamgoalie, WM-Teilnahme 1998 in Frankreich, Österreichs Spieler des Jahres 1993,496 Pflichtspiele für die Austria, 6-mal Meister, 4-mal Cupsieger („Eigentlich 5-mal, denn 1982 war ich als Dreiergoalie im Kader; den hat mir aber keiner angerechnet“), 118 Pflichtspiele für VfB Stuttgart, DFB-Pokal-Sieger 1997

Karriere als Betreuer/Funktionär: Tormanntrainer SC Untersiebenbrunn (2003-05), Tormanntrainer ASK Schwadorf (2006-08), Cheftrainer ASV Baden (2008-10) ÖFB-Tormanntrainer (2009-11 und 2013-15), Sportdirektor Austria Wien (seit Jänner 2015)