Frankreichs next Zidane: Die Jungstars im Casting

Immer wenn Frankreich im eigenen Land den Titel holte, hatten überragende Individualisten wie Michel Platini oder Zinedine Zidane ihre begnadeten Füße im Spiel. Wer kann die Equipe tricolore 2016 zu einem Höhenflug pilotieren?

//Text: Tom Hofer und Markus Geisler
//Titelbild: (C) Imago
//Artikelbilder: (C) Imago und GEPA Pictures

Paul Pogba (23): Das Titelmonster

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Nach der EURO 2012: Paul Pogba ist ein 19-jähriges Bürschlein, Marktwert 3,5 Millionen Euro, dem der große Sir Alex Ferguson nicht zutraut, sich bei Manchester United durchzusetzen, und ihn ablösefrei ziehen lässt. Vor der EURO 2016: Paul Pogba ist ein 23-jähriger Superstar, Marktwert 65 Millionen Euro, der trotz Juventus-Vertrag bis 2019 mit jedem Großklub in Verbindung gebracht wird. Kein europäischer Spieler legte in den vergangenen vier Jahren eine derart spektakuläre Entwicklung hin. „Frankreich hat momentan zwar noch keinen Platini oder Zidane, aber wenn das Turnier einen hervorbringt, dann einen Typ wie Pogba: international gestählt und mit einer überragenden Spielintelligenz“, sagt Trainerlegende Gérard Houllier im Gespräch mit dem SPORTMAGAZIN. Und mit dem Wissen, wie man Titel holt. Bei Juve sowieso, dort hat er jetzt schon doppelt so viele Scudetti gewonnen wie Zidane in seinen fünf Saisonen dort, nämlich vier. Aber auch mit der französischen U20 stemmte er bereits den WM-Pokal (2013) in die Höhe, Auszeichnung zum besten Spieler des Turniers inklusive. „Seine Stärke ist, dass er sein Talent nicht nur im Fuß, sondern auch im Kopf hat“, sagt Austria-Legende Jocelyn Blanchard. Und Andrea Pirlo, bis vergangenen Sommer Pogbas Teamkollege in Turin, bezeichnet ihn als den derzeit komplettesten zentralen Mittelfeldspieler der Welt.

,,Frankreich hat momentan zwar noch keinen Platini oder Zidane, aber wenn das Turnier einen hervorbringt, dann einen Typ wie Pogba.”

Trainerlegende Gerard Houllier zum SPORTMAGAZIN.

N’Golo Kanté (25): Der Tackling-Meister

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Noch vor einem Jahr war der Name N’Golo Kanté höchstens Insidern des französischen Fußballs ein Begriff. Jetzt reißen sich Top-Klubs wie Arsenal, Chelsea oder Paris Saint-Germain um die Allzweckwaffe im Mittelfeld. Was so eine Saison im blitzblauen Dress von Leicester City ausmachen kann! Von Ligue-1-Aufsteiger Caen im Sommer 2015 um 8 Millionen Euro abgeluchst, spielte Kanté bei Englands Sensationsteam die Saison seines Lebens. „Er ist einfach überall am Spielfeld. Das war nicht nur gegen uns so, sondern in jedem Spiel, das ich von ihm gesehen habe“, machte Watford-Stürmer Troy Deeney den Franzosen als einen der Hauptgründe für den Höhenflug der „Foxes“ aus. Alex Ferguson geht sogar einen Schritt weiter: „Kanté war für mich heuer der beste Mittelfeldspieler in der Premier League!“ Die Auswertung der Datenlawine gibt Sir Alex recht: Kein anderer Spieler machte mehr Kilometer und so viele Tacklings wie Kanté, dessen Wurzeln in Frankreichs ehemaliger Kolonie Mali liegen.

Antoine Griezmann (25): Der Ordnungshüter

(C) GEPA Pictures

Müsste man den Aufstieg von Atlético Madrid zur dritten Macht in Spanien an einem Spieler festmachen, wäre es wohl Antoine Griezmann. Der flexible Stürmer, der in Frankreich lange als zu schmächtig galt und erst in Spanien (San Sebastian) den Durchbruch schaffte, ist seit seinem Wechsel zu Atlético 2014 nach Messi und Ronaldo der drittbeste Torschütze in der Primera División. In dieser Saison traf er zwischen der 26. und 32. Runde an sieben aufeinanderfolgenden Spieltagen – ein Zeichen, in welch herausragender Form er sich vor der Heim-EURO befindet. Im Nationalteam gilt er längst als unumstrittener Führungsspieler, als einer, der für Ordnung und Balance zuständig ist. Und er ist der Mann, der den suspendierten Real-Stürmer Karim Benzema vergessen machen soll. „Zum Leader wirst du aber nur, wenn du Tore schießt“, lautet das Credo von Griezmann, den die Fans „petit diable“(kleiner Teufel) nennen. Allerdings nicht, weil er etwas auf dem Kerbholz hat (dafür sind bei der Equipe andere zuständig), sondern weil es eine bei Kindern populäre Zeichentrickfigur gibt, mit der er eine gewisse Ähnlichkeit aufweisen soll. Für Trainer Deschamps ist er jedenfalls ein teuflisch wichtiger Baustein für ein erfolgreiches Turnier: „Er ist ein Spieler, der aus einer Mannschaft einen Champion machen kann.“

Kingsley Coman (19): Der Turbodribbler

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Die Wortspiel-Industrie deutscher Medien hat Kingsley Coman vom ersten Tag an befeuert, als er im Sommer 2015 an die Säbener Straße kam: „Bayerns neuer King“, „King Com“, sogar „Coman, der Barbar“ war dabei. Vorschusslorbeeren, an denen der erst 19-jährige Neuzugang von Juventus Turin nicht zerbrach, im Gegenteil, schnell schwärmte Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge von einem „gelungenen Transfer“. Kein Wunder, bestach doch der Flügelstürmer sofort durch Raketendribblings, die oft in präzise Zuspiele nebst Torerfolg mündeten. Sieben Millionen Euro zahlten die Münchner für eine zweijährige Leihe, der Vertrag soll auch eine Kaufoption über 21 Millionen enthalten. Mittlerweile zweifelt niemand daran, dass man die Kohle für David Alabas Frisur-Role-Model lockermacht. „Ich will hier der neue Ribéry werden“, sagt Coman mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein, das er auch kurz vor seinem Debüt für die Équipe tricolore, dem Terror-Spiel gegen Deutschland im November 2015, aufblitzen ließ: „Ich weiß, was ich will. Es gibt nicht viele Spieler mit meinem Profil.“

Anthony Martial (20): Mehr Henry als Zizou

(C) GEPA Pictures

Als ihn Louis van Gaal vorigen Sommer um 50 Mille zu den Red Devils lockte, dachten viele: Sind sie jetzt komplett crazy in Manchester? Das Pickerl mit dem Aufdruck „teuerster Teenager der Welt“ verursachte bei Anthony Martial aber keine bleiernen Beine, ganz im Gegenteil! Nach einem Traumeinstand im roten United-Shirt gingen die Reporterkollegen in Frankreich mit Superlativen äußerst verschwenderisch um. Martial sei der neue Thierry Henry lautete der wohl schönste Vergleich. Und im Ernst, der Spielstil des mittlerweile 20-Jährigen erinnert wirklich extrem an Frankreichs Rekordtorjäger. Noch ein Grund mehr, warum sich Arsène Wenger in London grün und blau ärgerte, nicht selbst den Jackpot geknackt zu haben, denn auch der Arsenal-Coach hatte den pfeilschnellen Striker auf der Liste. „Mein Fehler, ich hätte nicht gedacht, dass ihn Monaco so schnell hergibt“, gestand Wenger kleinlaut ein. Martial ist zwar in der Kleinstadt Massy südlich von Paris geboren, doch seine Eltern stammen von der Karibikinsel Guadeloupe. Das Urlauberparadies ist knapp 7000 Kilometer Luftlinie von Frankreich entfernt und trotzdem fixer Bestandteil der EU. Nicht nur auf dem Spielfeld vermittelt Martial einen frühreifen Eindruck, er ist auch bereits zweifacher Vater. PS: Auch Anthonys älterer Bruder Johan (25) verdient als Profi seine Croissants: Er räumt als Innenverteidiger im Dress von Troyes auf.

J-1 avant le début de EURO 2016, hâte que ça démarre et prêt à tout donner avec Équipe de France de Football! On compte sur votre soutien! #fiersdetrebleus #france #euro16

Posted by Anthony Martial on Donnerstag, 9. Juni 2016

 

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